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: Leserbriefe vom 16. Januar 2021

  • Aktualisiert am

Gerd Winner, NO, 1983, Mischtechnik auf Leinwand Bild: Gerd Winner

Debatte über den assistierten professionellen Suizid

          11 Min.

          Den Suizid ermöglichen? Zur F.A.Z.-Gegenwart vom 11. Januar von Professor Dr. Reiner Anselm, Professorin Dr. Isolde Karle und Pfarrer Ulrich Lilie

          Ein Ausdruck der Würde

          Als Krankenhausseelsorger und Krankenhausseelsorgerinnen begegnen wir immer wieder schwerstkranken und sterbenden Menschen, die sehr unter ihrer Situation leiden. Für viele von ihnen sind Palliativstationen und Hospize Orte, an denen sie professionell und liebevoll gepflegt werden und wo sie am Ende menschlich begleitet sterben können.
          Von Zeit zu Zeit begegnen wir aber auch schwerstkranken Menschen, die diesen Weg nicht mehr gehen wollen oder können. Selbstbestimmt und oft nach einem langen Weg des Leidens und Ringens sehen sie im Sterben den von ihnen gewünschten und ersehnten Weg aus einem für sie nicht mehr erträglichen Leiden. Sie sehen darin auch einen Ausdruck ihrer Würde.
          So begrüßen wir ausdrücklich den differenzierten Vorstoß von Professor Dr. Reiner Anselm, Professor Dr. Jacob Joussen, Professor Dr. Isolde Karle, Pfarrer Ulrich Lilie und Landesbischof Ralf Meister. Wir unterstützen deren Position, auch in kirchlichen Häusern den assistierten Suizid – als allerletzte Möglichkeit und nach Prüfung aller Alternativen – zu ermöglichen. Ergänzen möchten wir, dass besonders Krankenhausseelsorger und -seelsorgerinnen kompetente Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen sind, wenn es darum geht, Patienten und Patientinnen und ihre An- und Zugehörigen auch auf diesem Weg zu begleiten.
          Sabine Hofäcker, Vorsitzende des Vorstands der Konferenz für Krankenhausseelsorge in der EKD, Kirkel


          Dem Zeitgeist hinterhergerannt

          Es ist schon selten, dass man bereits zu Beginn des Tages vor Zorn seine Kaffeetasse an die Küchenwand werfen will, aber der Artikel „Den assistierten professionellen Suizid ermöglichen“ hat bei mir diese Gefühle geweckt. Es ist schon mehr als ärgerlich, wie angesehene Vertreter des deutschen Protestantismus hier argumentieren. Ich frage mich nach der Lektüre, wo zum Beispiel Grenzen des Selbstbestimmungsrechts aufgezeigt werden? Reicht zukünftig Liebeskummer – den man sehr ernst nehmen sollte – aus, um evangelisch seelsorgerisch in den Suizid begleitet zu werden, nur weil ich den Wunsch selbstbestimmt vortragen kann? Wenn weder der Staat noch Personal zur Beihilfe gezwungen werden können, dann dürfte es in der Praxis schwer werden, jemanden für die Tötung zu finden, der nicht geschäftsmäßig agiert. Und wenn das Personal der Einrichtung sich weigert, was mache ich dann als Sterbender? Googeln? Das soll dann menschenwürdig sein?
          Wenn man niemanden zwingen kann, die Seelsorger aber trotzdem in diesem Bereich ausgebildet werden sollen, dann ist dies ein Zwang, das Berufsbild des Seelsorgers an dieser Stelle zu erweitern und in der Praxis dann doch Angehörige oder Betroffene auf eben- solche Angebote hinweisen zu müssen. Oder sollen Seelsorger darin ausgebildet werden, die Möglichkeit aber möglichst verschweigen? Die evangelische Kirche ist einer der großen Arbeitgeber in Deutschland. Glauben die Autoren wirklich, dass hier die Grundrichtung nicht maßgeblich sein wird, was in Ausbildung, Fortbildung und in der Praxis unterstützt wird?
          Auch der gesellschaftliche Druck auf den Sterbenden wird unterschätzt, der zwangsläufig entsteht. Die evangelischen Kliniken und Hospize sind doch keine Inseln, an denen gesellschaftliche Debatten vorbeigehen. Wenn alle von der Möglichkeit wissen, ich als Sterbender aber in einer evangelischer Einrichtung liege, dann spüre ich nichts von diesem Druck? Auch die Idee, erst einmal psychologisch festzustellen, ob der Todeswunsch frei geäußert wurde, ist doch naiv und praxisfern. Man liegt sterbenskrank im Hospiz und soll dann erst einmal eine Therapie beginnen? Oder soll ein Psychologe dies bei einem Ortstermin feststellen? Was für eine Zumutung für diese, durch eine Begegnung darüber entscheiden zu müssen. Im Übrigen: Die kirchliche Beerdigung ist kein Sakrament, sondern eine Sakramentalie. Insgesamt entsteht bei mir der Eindruck, dass hier wie bei der Abtreibungsdebatte windelweich wegen pastoraler Gründe dem Zeitgeist hinterhergerannt wird. Ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich jeden Tag um die christliche Begleitung Sterbender bemühen. Frank Feder, Lonnig

          Armselig

          Das gedanklich fehlerhafte Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum assistierten Suizid, das Selbsttötung als Fall von Selbstbestimmung auffasst und nicht als deren Ende versteht, entlässt punktgenau die zu erwartenden Konsequenzen. Der vorgelegte Beitrag „Den assistierten professionellen Suizid ermöglichen“betreibt die erforderliche Entsorgung des Gewissens von Ärzten und Seelsorgern im Umgang mit Suizidanten im Namen einer abstrakt-normativen Selbstbestimmung. Bestürzend ist die Beobachtung, dass sich mit den vorgebrachten Wendungen auch eine Tötung auf Verlangen rechtfertigen ließe, wenn sie denn dem festen Willen, also der „Selbstbestimmung“, von Individuen entspringt – nur die geltende Rechtslage bewahrt einstweilen vor dieser Konsequenz. Ethisch kann jedoch mit den Vorbringungen der Autoren nichts dagegen eingewandt werden.
          Allerdings wird unverkennbar deutlich, wo der härteste Widerstand gegen die einfühlsam daherkommenden Überredungs- und Entlastungsversuche vermutet wird: im individuellen Gewissen von Ärzten und Seelsorgern. Denn die entscheidende Frage im Text lautet: „Gibt es genügend Ärztinnen und Ärzte, die sich zur Suizidbeihilfe bereitfinden?“ Man darf hoffen, dass diese Frage auch von Seelsorgern und Seelsorgerinnen verneint wird, die so wie die Ärzte nicht dazu bereit sind, den bleibenden Konfliktfall „Suizid“ zu einem (derzeit noch: grenzwertigen) Regelfall herabzustufen und das „multiprofessionelle Behandlungsteam“ als Stellvertreter der eigenen Gewissensentscheidung anzuerkennen.
          Dass es, wie es sogar im eigenen evangelischen Online-Portal hieß, „hochrangige Vertreter der evangelischen Kirche“ seien, die diesen Weg empfehlen und ihre eigene positionelle Auffassung als „Position der evangelischen Ethik“ ausgeben, kann über die Armseligkeit der Argumentation nicht hinwegtäuschen. Dass zu den Verfassern aber auch der Präsident der „Diakonie Deutschland“ gehört, den schon sein Amt an solchen Verlautbarungen hindern muss, erregt nicht nur tiefe Besorgnis über den Zustand dieses großen kirchlichen Arbeitszweiges; es erfüllt auch mit Zorn. Professor Dr. Dietrich Korsch, Kassel

          Ein neues Geschäftsfeld der Diakonie?

          Kirche und Diakonie votieren in dem Artikel für die professionelle Durchführung von assistierten Suiziden in kirchlichen Einrichtungen. Die Aussage „Es ist ein offenes Geheimnis, dass diese Begleitung nur mit zusätzlichen finanziellen Aufwendungen zu realisieren sein wird, auch wenn eine solche integrale Perspektive mittelfristig sicher die Kosten für teure und eher der Hilflosigkeit denn der Nutzenerwartung geschuldete Therapieformen beispielsweise in der Onkologie reduzieren würde“, sollte vom Autorenteam belegt werden. Sie ist jedenfalls keine Vertrauenserklärung an jene Ärzteschaft, die gemäß den vorgelegten Gedanken für eine Praxis geradestehen soll, die „letztlich durch Ärztinnen und Ärzte verantwortet werden muss“, und über deren Güte sich Autorin und Autoren mit dem Satz „Wie wird die Qualitätssicherung der tatsächlich durch Ärztinnen und Ärzte geleisteten Beihilfe zum Suizid gewährleistet?“ vorauseilend sorgen.
          Interessant ist neben der angestellten ökonomischen Betrachtung, die nur noch einen Schritt davon entfernt ist, in eine generelle Kosten-Nutzen-Analyse von assistierten Suiziden zu münden, die Überlegung, dass kirchliche Einrichtungen Sterbehilfeorganisationen die Grundlage entziehen können, indem sie deren Job selbst übernehmen. Soll sich die Diakonie hier ein neues Geschäftsfeld erschließen? Werden kirchliche Einrichtungen künftig mit dieser speziellen Dienstleistung werben? Wie soll man sich die Refinanzierung vorstellen? Und wer möchte bei einer solchen Vermischung von Interessen dafür garantieren, dass kein Einfluss auf eine ganz besonders schutzbedürftige Klientel genommen würde?
          Dr. Katja Lehmann-Giannotti, Berlin

          Konsequent auf der Seite des Lebens

          Es ist erschütternd, dass namhafte evangelische Theologen, darunter immerhin der Präsident der Diakonie, öffentlich für assistierten Suizid mit kirchlicher Unterstützung plädieren. Dies fordert unbedingt zum Widerspruch heraus – zumal ihre Argumentation gerade an entscheidender Stelle theologisch schwach bleibt. Aus der (in der Tat sehr wichtigen) grundsätzlichen „Einsicht, dass die besondere Würde der Person als Fundament der liberalen Kultur keinen Widerspruch zu den eigenen Traditionen darstellt“, folgt eben gerade nicht, dass sich die Perspektive des liberalen Staates mit derjenigen der christlichen Ethik in allen Einzelfragen decken müsste. Denn während Ersterer, wie die Autoren zu Recht darlegen, Freiheit vor allem als Abwehrrecht zum Schutz der individuellen Selbstbestimmung definieren muss (also rein formal und ohne inhaltliche Füllung), hat die Kirche den Auftrag, den Menschen eine befreiende Frohbotschaft anzubieten.
          Christliche Freiheit ist darum weit mehr als eine (im Kern säkular-liberal gedachte) Selbstbestimmung des Einzelnen, die dann sekundär noch „im Glauben an den Mensch Gewordenen, am Kreuz Gestorbenen und Auferstandenen unverzichtbare Orientierungspunkte erhält, um ... Selbstbestimmung von Willkür zu unterscheiden“. Der Glaube an Christus bietet nicht nur irgendwelche „Orientierungspunkte“ für eine bereits existierende Freiheit, vielmehr bringt er das, was christlich „Freiheit“ meint, überhaupt erst hervor: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Gal 5,1). Diese Freiheit aber ist die Freiheit der Kinder Gottes, die aus den lebensfeindlichen Mächten der Sünde und des Todes befreit sind zu einem neuen, unvergänglichen Leben.
          Dass dieses neue Leben, diese Freiheit in unserem konkreten Leben nicht immer spürbar ist, ist das Grundproblem christlicher Existenz überhaupt. Oft scheinen Krankheit, Tod, Einsamkeit oder Sinnlosigkeit des Daseins übermächtig (vgl. Röm 8,18). Doch wer immer in einer Situation der äußersten Hoffnungslosigkeit ist, der benötigt gerade keine Seelsorger, die „als unvoreingenommen wahrgenommen werden“ und eine „Haltung der Neutralität“ pflegen, sondern er braucht glaubwürdige Zeugen einer Hoffnung, die stärker ist als die tiefste Finsternis. Dass dies nicht mit ein paar Zitaten aus Bibel und Katechismus getan ist, schon gar nicht mit einer verurteilenden Haltung, versteht sich von selbst. Natürlich haben die Autoren recht mit der Feststellung: „Nur wenn Suizidwillige den Eindruck bekommen, dass ihre Ängste und Nöte ernst genommen werden und ihre Selbstbestimmung geachtet wird, sind sie bereit, ihre Entscheidung gegebenenfalls noch einmal zu überdenken.“
          Doch Respekt gegenüber der Haltung des anderen ist nicht gleichzusetzen mit Neutralität. Der Seelsorger kann nur dann glaubwürdig eine Alternative anbieten, wenn er sich konsequent auf die Seite des Lebens stellt – natürlich nicht übergriffig und von oben herab, sondern durch ein demütiges, aber kraftvolles Bekenntnis seiner eigenen Hoffnung. Nur so kann er dem, der in Hoffnungslosigkeit unterzugehen meint, die rettende Hand reichen.
          Markus Kirchner, Regensburg



          Eine Aufgabe der Kirche?

          Drei evangelische Theologen halten es für eine Aufgabe kirchlich-diakonischer Einrichtungen, „Möglichkeiten eines assistierten Suizids in den eigenen Häusern anzubieten oder zumindest zuzulassen und zu begleiten“ Dies gebiete der Respekt vor der Selbstbestimmung. Doch das suggeriert eine Autarkie des Individuums, die nicht der Conditio humana entspricht. Wenn zudem „letztlich“ dem Arzt die Beurteilung der Freiverantwortlichkeit des Suizidwunsches zukommt, und wenn der Suizident sich vor dem Suizid, wie die Autoren fordern, auch noch „von einer anerkannten Stelle beraten“ lassen muss, wird aus der Selbstbestimmung schnell Fremdbestimmung. Der Arzt soll auch für die Qualitätssicherung der Beihilfe zum Suizid die Letztverantwortung übernehmen. Er soll dafür sorgen, dass der Suizid auf „professionelle – und das meint: auf sichere und nicht qualvolle Weise“ vollzogen wird. Die Rolle des Arztes wird auf die eines Suizidassistenten reduziert, der den Suizid nicht verhindern, sondern kultivieren soll. Die Tötung auf Verlangen liegt damit in der Logik der Suizidbeihilfe.
          Bei all dem sollen also kirchlich-diakonische Einrichtungen mitmachen. Die Autoren möchten die geschäftsmäßige, das heißt auf Wiederholung angelegte Suizidbeihilfe in kirchlichen Einrichtungen anbieten, die sie Sterbehilfevereinen verbieten wollen – ein weiterer Widerspruch des Manifests, auf den Christian Geyer mit Recht aufmerksam gemacht hat (F.A.Z. vom 12. Januar). Die Autoren beklagen die „Schuldgeschichte“ der Kirche im Umgang mit Suizidenten, fügen dieser aber gleichzeitig mit ihren Forderungen ein neues Kapitel hinzu.
          Die katholische Kirche kann auf diesem Weg nicht mitgehen. Das bekräftigen vor allem zwei Dokumente des römischen Lehramtes: die Enzyklika „Evangelium Vitae“ von Papst Johannes Paul II. (1995) und das Schreiben der vatikanischen Glaubenskongregation über die „Sorge an Personen in kritischen Phasen und in der Endphase ihres Lebens“ mit dem Titel „Samaritanus Bonus“ (2020). In „Evangelium Vitae“ wird der Suizid als Verstoß gegen das fünfte Gebot und gegen die Eigen- und Nächstenliebe abgelehnt: „Obwohl bestimmte psychologische, kulturelle und soziale Gegebenheiten einen Menschen dazu bringen können, eine Tat zu begehen, die der natürlichen Neigung eines jeden zum Leben so radikal widerspricht, und dadurch die subjektive Verantwortlichkeit vermindert oder aufgehoben sein mag, ist der Selbstmord aus objektiver Sicht eine schwere unsittliche Tat, weil er verbunden ist mit der Absage an die Eigenliebe und mit der Ausschlagung der Verpflichtungen zu Gerechtigkeit und Liebe gegenüber dem Nächsten ... und gegenüber der Gesellschaft als ganzer.“
          In „Samaritanus Bonus“ wird erklärt, weshalb „angesichts von Gesetzen, die – unter irgendeiner Form von medizinischer Hilfe – Euthanasie oder assistierten Suizid legitimieren, jede direkte formelle oder materielle Mitwirkung daran immer verweigert werden muss“. Das Evangelium des Lebens ist ein Evangelium des Mitleids und der Barmherzigkeit, aber auch ein Evangelium der Hoffnung, das den Sterbenden für seine Begegnung mit Gott öffnet.
          Professor Dr. Manfred Spieker, Osnabrück



          Geschichtsvergessen

          Ich bin geradezu erschrocken über die ebenso praxisferne wie geschichtsvergessene Argumentation. Entkräftet nicht ein Blick auf die Debatte zum Thema Schwangerschaftsabbruch, deren Verlauf und der heutigen Praxis die komplette Argumentation der Autoren? Wurde nicht damals wie heute die begleitende Beratung zum Schlüssel für einen würdevollen Umgang mit einer so schwerwiegenden Frage erklärt – offensichtlich ohne Erfolg. Ich werde in diesem Monat 35 Jahre alt, und mir wird angst und bange um mein eigenes Altwerden, wenn dies die Entwicklung der Gesellschaft darstellt.
          Dr. Stefan Brüggemann, Bonn


          Nicht lebenswert

          Im Beitrag „Den assistierten professionellen Suizid ermöglichen“ wird zwar differenziert argumentiert, aber zwei grundlegende Aspekte werden ausgeblendet: Wer als „Assistent“ tätig wird, identifiziert sich mit dem Urteil des Sterbewilligen, dass sein Leben nicht mehr lebenswert sei. Wie könnte er sonst dabei helfen, menschliches Leben zu beenden? Voraussetzung für „die besondere Würde der Person als Fundament der liberalen Kultur“ ist das Leben der Person. Es wird mit dem assistierten Suizid auf sanft erscheinende Weise zerstört. Professor Dr. Martin Teising, Bad Hersfeld


          Zum Leben raten

          In fünfundvierzig Dienstjahren musste ich eine Reihe von Trauerfeiern für von eigener Hand aus dem Leben gegangene Menschen halten. An einige andere Menschen erinnere ich mich, für die ich vielleicht dazu beigetragen habe, dass sie sich nicht das Leben genommen haben. Hätte ich sie respektvoll fragen sollen, ob ihr Sterbewunsch frei und gut begründet ist? Hätte ich, was widersinnig ist, die Freiwilligkeit ihres Entschlusses sicherstellen können und sollen? Hätte ich, um nicht in ihre Individualität hineinzureden, ihren Entschluss zum Sterben akzeptieren und so bestätigen sollen? Es ist andersherum: Ich muss und wollte zum Leben raten – erst recht Menschen in einem Moment der Schwäche – und dann ihre Einwände offen, zugewandt und vorurteilslos hören, in dem Wissen, dass ich das Geschehen am Ende nicht verhindern kann. Eine ethische oder seelsorgerliche Beratung, die kein eigenes Ziel hat und stattdessen nur den Todeswunsch spiegelt, ist verfehlt.
          Man erlebt das an den Klagen und dem Jammern, die hinterher bei der Beerdigung aufwachen, dass man den Suizid nicht verhindert hat und meistens nicht verhindern konnte, und an den Schuldvorwürfen in viele Richtungen. Da soll man sich doch vorher um eine Wendung der Einstellung bemühen. Aber die alte Schuld der Kirche am regional sehr verschiedenen Umgang mit dem Suizid soll man nicht durch neue Schuld in dieser Sache aufwiegen wollen.
          Pastor Dr. Bernd-Dietrich Krummacher, Grimmen


          Ermutigend

          Es ist ermutigend, diese Stimmen evangelischer Sozialethik zu vernehmen, die sich der Komplexität des Sterbens in der modernen Zivilisation auf angemessenere Weise stellen, als dies in der Antwort der EKD-Kirchenleitung auf die Anfrage von Minister Spahn der Fall war.
          Freilich lässt sich die Überlegung der evangelischen Sozialethiker noch argumentativ verstärken. Dass sich Menschen bereits in der Mitte ihres Lebens sorgenvoll der Frage widmen, wie sie sterben möchten und wie nicht, hat mit der inneren Dynamik des medizinisch-technologischen Systems zu tun, in dem immer neue technische Methoden und pharmazeutische Mittel unter der Zielsetzung „lebensverlängernde Maßnahmen“ erfunden werden. Man verständigte sich sogar in wissenschaftlicher Einmütigkeit auf ein neues Kriterium, wann überhaupt vom Tod zu reden sei: Nur wenn Einigkeit darin besteht, dass der „Hirntod“ ausschlaggebend ist, lassen sich Körperfunktionen legitimerweise auch nach dem Eintreten des Todes aufrechterhalten, um Organe für die weitere Verwendung als „Spenderorgane“ entnehmen zu können.
          Aber auch unabhängig von dieser Zielsetzung ist es in einem „vermarktlichten“ Medizinsystem für alle Beteiligten – bis auf den Patienten? – attraktiv, so lange wie möglich die lebensverlängernden Maßnahmen einzusetzen und zu optimieren. Der Sterbeprozess wird tendenziell zersetzt: Es fallen der soziale Tod, der psychische Tod und der physische Tod immer weiter auseinander. So ist wohl zu erklären, dass Menschen sich sorgen, sie könnten ohne Rücksicht auf ihr Verständnis von Würde im Sterben lebensverlängernden Maßnahmen ausgesetzt werden.
          Die „Vermarktlichung“ des Medizinsystems (ein Begriff, den der frühere EKD-Ratsvorsitzende Professor Wolfgang Huber in einem Artikel für diese Zeitung verwendet hat) ist womöglich das eigentliche Übel. In der zunehmenden Bereitschaft, das Suizid-Thema zu enttabuisieren, spiegelt sich dieser Befund. Professor Dr. Klaus-M. Kodalle, Jena


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