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: Leserbriefe vom 13. Oktober 2020

  • Aktualisiert am

Hermann Simon beklagt zu wenig Gewinnorientierung in deutschen Unternehmen. Bild: Edgar Schoepal

Richtiger Gewinn +++ Endlager gesucht +++ Beleidigung menschlicher Intelligenz +++ Ökumenische Arbeit

          5 Min.

          Der verkannte Gewinn

          Der Artikel „Es gibt nur einen richtigen Gewinn“ von Hermann Simon (F.A.Z. vom 21. September) spricht mir aus dem Herzen. Als Inhaber eines kleinen mittelständischen Unternehmens wundere ich mich schon seit Jahren, welche Bedeutung hierzulande dem Umsatz beigemessen wird. Ob Wirtschaftsauskunftei oder Bank, oftmals wird als wichtigste Kennzahl der Umsatz und die Umsatzvorschau abgefragt. Das wäre ja noch verständlich, wenn man gleichzeitig die Umsatzrentabilität erfragen würde. Außendienstmitarbeiter und Betriebsleiter größerer Lieferanten erzählen regelmäßig, dass sie von ihren Zentralen Umsatzvorgaben erhalten, Geschäftspartner und Berufskollegen erzählen einem ihre Umsatzzahlen. Über den Gewinn wird selten gesprochen.
          Die beschriebene negative Besetzung des Wortes „Gewinn“ in Deutschland hat sicherlich mehrere Ursachen. Eine davon ist meiner Meinung nach die erschreckend schlechte Bildung auf dem Gebiet der Wirtschaft bei einem Großteil der Bevölkerung. Als Gewinn wird der Teil betrachtet, den der Unternehmer für sich privat ausgeben kann. Dass vom versteuerten Gewinn die Tilgungsraten der Firmenkredite bedient werden müssen, eventuell Rücklagen für schlechtere Zeiten gebildet werden müssen, dies ist den meisten völlig unbekannt. Gleiches gilt für die Schulabgänger. Eine fundierte Kenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge oder Gesetzgebungen ist Fehlanzeige. Die allerwenigsten Schulabgänger können mit den Begriffen Abschreibungen, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder dem berühmten „Das kann der von der Steuer absetzen“ etwas anfangen oder sie nur ansatzweise erklären. Problematisch wird es dann, wenn von staatlichen Stellen die gleichen Fehler gemacht werden.
          Auf der Internetseite der Sächsischen Aufbaubank SAB ist über die Corona-Hilfe für kleine mittelständische Unternehmen zu lesen, dass diejenigen Firmen die Hilfe erhalten können, welche „einen Umsatzeinbruch in den Monaten April und Mai 2020 um durchschnittlich mindestens 60 Prozent gegenüber den gleichen Vorjahresmonaten erfahren“ haben. In diesem Fall ist das Heranziehen des Umsatzes wahrscheinlich die schnellste und einfachste Methode, um eine Förderwürdigkeit unkompliziert festzustellen. Bei den meisten Einzelhändlern wird ja der entsprechende Umsatzrückgang gleich einem Gewinnrückgang gewesen sein. Aber es kann auch Handwerksbetriebe geben, die bei relativ leichtem Umsatzrückgang einen erheblichen Gewinnrückgang zu verzeichnen hatten. Die Möglichkeit, den Umsatz vom April und Mai einfach in die darauffolgenden Monate zu verschieben, möchte ich nicht einmal in Betracht ziehen.
          Bleibt die Hoffnung, dass bei späteren Prüfungen und Kontrollen der ausgezahlten Hilfen die SAB nicht nur die Umsatzzahlen prüft, sondern sich auch die Gewinnseite der jeweiligen Unternehmen ansieht. Ulf Berger, Kamenz

          Ein korrektes Verfahren verbogen

          Zum Artikel „Gorleben musste sterben“ von Jasper von Altenbockum (F.A.Z. vom 30. September) und anderen Gorleben-Artikeln: Als jemand, der lange Jahre für eine der größten deutschen Bergbau- und Explorationsfirmen gearbeitet hat, sowie als späterer Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, der zahlreiche Metall- und Nichtmetalllagerstätten kennengelernt und zum Teil selbst exploriert hat, kann ich feststellen, dass man die perfekte Geologie für ein Endlager niemals finden wird. Jede Lagerstätte – und damit auch ein untertägiges Endlager – hat Schwächen; man kann nur das relative Beste geowissenschaftlich herausfiltern. Je detaillierter man exploriert, desto mehr Schwachpunkte entdeckt man in der Regel.
          Es ist deshalb wichtig für diesen Prozess, potentielle Lagerstätten mit solchen von etwa dem gleichen Erkenntnisstand miteinander zu vergleichen. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung BGE versuchte dem Rechnung zu tragen, indem im Fall des weit untersuchten Salzstockes Gorleben „die Uhr zurückgedreht wurde“, also beim Vergleich der Teilgebiete mit Gorleben auf den früheren dortigen Kenntnisstand zurückgegangen wurde. Bei zehn von elf Kriterien scheint dies gelungen, aber kaum beim elften, bei der Bewertung des Deckgebirges, das zum Ausschluss führte.
          Ohne die späteren Detailuntersuchungen des Deckgebirges, insbesondere der eiszeitlichen Ablagerungen, wäre eine derartige Beurteilung mit Ausschluss gar nicht möglich. Statt ein korrektes wissenschaftliches Verfahren zu verbiegen, hätte mit offenen Karten gespielt und gesagt werden sollen, dass das Aus offensichtlich politischer Wille oder taktisch begründet ist. Professor Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. Friedrich-W. Wellmer, Hannover

          Weder weltabgewandt noch passiv

          Maria von Schlippenbach erinnert in ihrem Leserbrief „Beleidigung menschlicher Intelligenz“ (F.A.Z. vom 6. Oktober) als Antwort auf den Artikel „Die verdunkelte Botschaft“ von Daniel Deckers (F.A.Z. vom 14. August) daran, dass vielen Menschen der Glaube an einen Gott als Urgrund allen Seins und an seine unbedingte Liebe heute lächerlich erscheint, selbst wenn sie es, teils aus Höflichkeit, häufig nicht so explizit aussprechen mögen, wie es Leserin Schlippenbach tut.
          Sie schütteln zumindest innerlich mit dem Kopf, vielleicht ein bisschen so, wie die amerikanischen Admiräle, die die Warnung vor der hohen Radioaktivität auf den für Atombombentests verwendeten Schiffswracks anfangs als Spleen vergeistigter Physiker abtaten und die Mannschaften zurück an Bord orderten. Vielleicht ein bisschen so wie mein Vater, wenn ich ihm die Schönheit und Eleganz im Lärm von Jimi Hendrix’ „Star Spangled Banner“ klarmachen wollte, oder ich selbst, wenn ein Schottland-Fan mit mir Whiskysorten und -qualitäten verkostet und feiert.
          Wer gläubige Menschen (innerlich) belächelt, meint vielleicht, diese gäben einen Teil der Kontrolle über sich und ihr Leben ab und neigten einer passiven, weltabgewandten Haltung zu, die die Triebkräfte und die Verantwortung für das eigene Schicksal jenseits des eigenen Einflusses sehen. Interessanterweise zeigen Felduntersuchungen von Psychologen, dass dies gerade nicht der Fall ist. Menschen, die angeben, an Gott zu glauben, weisen typischerweise eine hohe „internale Kontrollüberzeugung“ auf, das heißt, sie glauben stark daran, über ihr Leben selbst bestimmen zu können.
          Eine hohe internale Kontrollüberzeugung gilt als Indikator für aktivistische und weltzugewandte Charaktereigenschaften, die allgemein mit einer erfolgreicheren Lebensführung verbunden werden. Sie äußern sich etwa in einer hohen Arbeitsmotivation, verbunden mit hoher Arbeitszufriedenheit und höherem Verdienst, einer gesundheitsbewussteren Lebensweise, einer stärkeren emotionalen Stabilität und Stressresilienz und/oder der Fähigkeit, Gratifikation in Erwartung langfristiger Erfolge zunächst aufzuschieben.
          Menschen mit diesen Eigenschaften wird die Fähigkeit zugeschrieben, sich selbst kritisch hinterfragen und gegebenenfalls ändern zu können. Sie gelten auch als wahrscheinlichere Initiatoren von gesellschaftlichen Reformen und Reformbewegungen. Zumindest der Verstand des Anthropologen scheint durch den Glauben an Gott nicht beleidigt zu werden; ihm dürfte er ganz vernünftig vorkommen. Carsten-Patrick Meier, Kiel

          Frommer Selbstbetrug

          Zu den Leserbriefen von Bischof Algermissen in der F.A.Z. vom 25. September und von Dr. Heinemeyer vom 29. September: Dem Brief des Lesers Dr. Heinemeyer zur Zuschrift des em. Bischofs Algermissen ist voll und ganz zuzustimmen. Lediglich zwei ergänzende Bemerkungen erscheinen mir angebracht:
          Wenn der em. Bischof auf mehr als 50 Jahre Erfahrung in ökumenischer Arbeit hinweist und darauf den Alleinvertretungsanspruch Roms baut, kann man sich Geist und Zielsetzung seiner Ökumene lebhaft vorstellen. Zu begrüßen ist in der Tat dann einzig seine schonungslose Offenheit. Wenn andererseits die Protestanten auf solcherlei Äußerungen – sie kommen ja nicht nur von Algermissen, schon Karol Wojtyla, Johannes Paul II., sprach den Protestanten die Eigenschaft einer eigenständigen Kirche ab – weiter so tun, als meine Rom es ernst mit der Ökumene, so ist das nichts als ein frommer Selbstbetrug.
          Den Ökumenischen Kirchentag 2021 könnte man sich eigentlich (er)sparen. Wir wollen einander nicht bekriegen, aber die Verschiedenheit in den Kernaussagen ist für uns ein Wert, auch unversöhnt. Leider haben die Protestanten zur Zeit nur Bedford-Strohms zu bieten und keine Luthers. Volker Zimmermann, Berlin-Spandau

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