https://www.faz.net/-gpf-a4ao1

: Leserbriefe vom 12. Oktober 2020

  • Aktualisiert am

Wie wäre zu begründen, dass Wegbereiter der Katastrophe des Nationalsozialismus auch noch belohnt werden, während Millionen andere durch Krieg, Verfolgung und Flucht alles verloren haben? Bild: AFP

Preußentum +++ Causa Hohenzollern +++ Bekämpfung Bildungsdesaster +++ Sprechkultur

          5 Min.

          Absurder Zusammenhang

          Zu dem Artikel „Würde, Anspruch und Anmaßung“ von Erhard Grundl in der F.A.Z. vom 29. September: Im Zusammenhang mit der Frage, ob das Haus Hohenzollern in Gestalt des Kronprinzen Wilhelm dem Nationalsozialismus Vorschub geleistet habe, konstatiert Erhard Grundl, offenbar gehe „die kritische Distanz zum Preußentum zunehmend verloren“, und er zählt dafür einige Beispiele auf, darunter auch den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses mit historischer Fassade.
          Dieser Darstellung ist entschieden zu widersprechen. Mit einer distanzlosen Bemühung, ein Preußen wiederauferstehen zu lassen, das von manchen Menschen immer noch zu Unrecht allein als Hort des Militarismus angesehen wird, hat dieses Projekt nichts zu tun. Allerdings soll es auch an das Preußen der Stein-Hardenberg’schen Reformen und der weltanschaulichen Toleranz erinnern, was durch die künftige Zweckbestimmung als Stätte des Humboldt-Forums dokumentiert wird.
          Die Tatsache, dass Professor Dr. Richard Schröder Vorsitzender des Fördervereins ist, dürfte deutlich machen, dass der von Erhard Grundl hergestellte Zusammenhang absurd ist – für eine Restauration von Preußens Gloria hätte sich Richard Schröder gewiss nicht hergegeben. Dr. Arnold Sieveking, Hamburg

           

          Unentschiedene Fragen

          Der Artikel „Das unkalkulierte Risiko“ (F.A.Z. vom 8. Oktober) von Patrick Bahners über die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen in der Causa Hohenzollern erwähnt meine Rolle als Sachverständiger im Kulturausschuss des Bundestags Ende Januar 2020. Leider enthält der Artikel falsche Behauptungen über mich, die ich gerne richtigstellen würde. So habe ich keineswegs „inzwischen ... über CNN“ die „Ansicht verbreitet, dass Wilhelm dem Nationalsozialismus keinen erheblichen Vorschub geleistet habe“. Ich habe im Februar 2020, also unmittelbar nach der Anhörung im Kulturausschuss, CNN ein Interview gegeben, in dem ich meine Position ausführlich dargelegt habe. Gegenüber CNN habe ich dasselbe gesagt wie kurz zuvor im Ausschuss, nämlich dass ich in der Frage des erheblichen Vorschubs nicht entschieden bin, aktuell aber am ehesten der Position Christopher Clarks zuneige.
          Der Wortlaut meiner von CNN nur auszugsweise zitierten Äußerung lautet (ins Deutsche übersetzt): „Meine Antwort in der Anhörung lautete, dass die drei möglichen Antworten alle wissenschaftlich begründbar sind. Ich persönlich würde momentan am ehesten der Position Christopher Clarks zuneigen, dem zufolge der vormalige Kronprinz Vorschub leistete, aber keinen erheblichen Vorschub. Doch solange ich keine eigene Antwort geben muss, gebe ich auch keine.“ Dass CNN erst mit mehr als einem halben Jahr Verspätung berichtet und nur einen Satz aus meinem Interview zitiert, liegt nicht in meiner Macht; im Falle einer Nachfrage hätte ich selbstverständlich gerne die entsprechende Auskunft gegeben, damit eine fehlerhafte Berichterstattung vermieden wird.

          Im Kulturausschuss habe ich nicht über „vermeintlich offene Forschungsfragen“ spekuliert, sondern habe die Argumentation der vier zum Streit vorliegenden Fachgutachten zusammengefasst und erklärt, warum sie zu diametral unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. Einer der Gründe ist, dass zum vormaligen Kronprinzen bislang keine wissenschaftliche Biographie existiert, in der alle relevanten Quellen, darunter der Nachlass Wilhelms, ausgewertet worden wären. Ein weiterer ist das Fehlen systematischer Untersuchungen zum „Standing“ der Hohenzollern in der deutschen Gesellschaft der zwanziger und dreißiger Jahre und zum Fortwirken eines „Hohenzollern-Charismas“. Diese Fragen sind für die Bewertung der Substantialität der Vorschubleistung, also für die Frage, ob das juristische Kriterium der Erheblichkeit beim vormaligen Kronprinzen erfüllt ist, nicht ohne Belang. Auf die Unsicherheit in dieser Frage habe ich im Kulturausschuss wie kurze Zeit später gegenüber CNN hingewiesen.
          Kürzlich haben sich der Historiker Dieter Langewiesche gegenüber der „Neuen Zürcher Zeitung“ und der Jurist Jens Gal in „Aus Politik und Zeitgeschichte“ ähnlich geäußert. Auch Christopher Clark hat gegenüber CNN seine Zweifel an der Effektivität der Handlungen des vormaligen Kronprinzen bekräftigt, auch wenn er sein Urteil zur Stetigkeit der Vorschubleistung mit überzeugenden Gründen revidiert hat. Es geht mir, genau wie Langewiesche, Gal und Clark, ausdrücklich nicht um eine Verteidigung des Verhaltens des vormaligen Kronprinzen, sondern um saubere wissenschaftliche Argumentation und Arbeitsweise. Ich möchte daher ausdrücklich klarstellen, dass ich kein „publizistischer Advokat der Hohenzollern“ bin. Meine Stellungnahmen in der Debatte sind dem wissenschaftlichen Anliegen geschuldet, zu einer differenzierten Bewertung der diskutierten historischen Fragen beizutragen. Ein anderes Anliegen verfolge ich nicht.
          Dr. Dr. Benjamin Hasselhorn, Universität Würzburg, Würzburg

           

          Defizitäre Fremdbetreuung

          Zu dem Artikel „Prävention statt Nachsorge“ in der F.A.Z. vom 29. September: Astrid Mannes beklagt in ihrem Beitrag zum Thema Alphabetisierungskampagne erschreckende Defizite bei der Bekämpfung eines „Bildungsdesasters“. Aber wie soll hierzulande in Kitas Sprachkompetenz vermittelt werden, wenn laut der jüngsten Bertelsmann-Studie ein Betreuungsschlüssel von mehr als acht Kindern pro Erzieher geradezu asoziale Bedingungen für das Aufwachsen kleiner Kinder ausweist? Noch schlimmer: Die zunehmende Fremdbetreuung auch der Kleinsten zwischen ein und drei Jahren ist kaum geeignet, Sprachkompetenzen zu fördern. Sprachvermittlung beginnt mit der seelisch-körperlichen Zuwendung einer liebevollen Mutter oder eines Vaters, Sprache heißt am Anfang vor allem Ansprache als sinnliche, ganzheitliche Erfahrung.
          Es ist ein Skandal, dass durch eine defizitäre Fremdbetreuung die Kleinsten beim Spracherwerb sich selbst überlassen werden. Wir erleichtern es den Eltern immer mehr, zwei Vollerwerbsbiographien zu leben. Aber eine Biographie des komplexen, sprachlichen Vollerwerbs wird kleinen Kindern verweigert. Und wofür plädiert die CDU-Politikerin? Sprachförderung müsse in die Erzieherausbildung Eingang finden, und Kitas und Kindertagespflegeeinrichtungen müssten Spracherziehung in den Stundenplan aufnehmen. Die Eltern sind offensichtlich aus dem Blickfeld der CDU-Bundestagsabgeordneten verschwunden. Henry C. Brinker, Buchholz

           

          Dramatischer Niedergang

          Die Glosse „Hörverstehen“ von Thomas Herrig (F.A.Z. vom 6. Oktober) ist zu reduktionistisch. Wenn immer mehr Menschen die gesprochenen Dialoge in den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht mehr verstehen, haben sie sicher ein Problem mit dem Hören, möglicherweise aber auch mit dem inhaltlichen Verstehen. Nicht nur sind die Sprecher schlecht zu verstehen, weil der umgebende Lärm zu groß ist, sondern auch, weil die Syntax und Intonation des gesprochenen Wortes nicht mehr unseren erlernten Erwartungen entspricht.
          Eine multikulturelle und durch Globalisierung geprägte Gesellschaft spricht inzwischen öffentlich völlig anders als eine bürgerliche Gesellschaft, deren Sprache noch stark durch eine kanonisierte Bildung und Höflichkeitsfloskeln geprägt war. Unsere Sprache dient heute vor allem dem Informationsbedürfnis unter den Bedingungen von Knappheit an Zeit und an Raum in den Medien. Dem können auch Sprach- und Wortfetzen genügen, Schlüsselwörter, Bruchstücke von Texten und Bildern, die in unserem Cortex Wörter und „Filme“ evozieren, die vielleicht gar nicht gemeint sind. Diese kulturelle Schwachstelle kann man sicherlich durch KI-unterstützte Verfahren technisch verstärken. Was dadurch aber nicht beseitigt wird, ist der dramatische Niedergang der Sprechkultur.
          Viele Sprecher und Darsteller auf den öffentlichen Bühnen, in Parlamenten, Schulen und Hochschulen, Medienanstalten und Unternehmen unterziehen sich nicht mehr der früher üblichen Sprechausbildung. Es ist selbst für Schauspieler heute fast ehrenrührig, darstellen und sprechen zu lernen. Lippen und Zähne auseinanderzubekommen, um Buchstaben, Silben und Worte sorgfältig zu artikulieren, stellt scheinbar eine unzumutbare Anstrengung dar. Deshalb wartet das Hören der Öffentlich-Rechtlichen nicht nur mit „Dialog“ auf eine technische Hilfe, sondern auf einen Neustart der Sprechkultur. Das wird ein Hörerlebnis!
          Dr. Manfred Wüstemeyer, Hünxe


          Topmeldungen

          Warnschild in Ludwigsburg

          Debatte im Bundestag : Wer der Feind ist

          Kritik ist berechtigt und nötig. Eine „Corona-Diktatur“ ist Deutschland aber nicht. Auch die Opposition sollte in diesen Zeiten nicht überreagieren.
          Der Umsatz mit den iPhones verfehlt die Erwartungen. Tim Cook ist trotzdem optimistisch.

          Amazon, Apple & Co. : Den Tech-Konzernen geht es glänzend

          Amazon schafft einen weiteren Rekordgewinn, und Facebook beschleunigt sein Wachstum. Apple muss auf das nächste Quartal vertrösten – hat aber guten Grund zum Optimismus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.