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Briefe : Leserbriefe vom 26. November 2021

  • Aktualisiert am

Hart erkämpfte Minuten: Henning Jeschke, Olaf Scholz und Lea Bonasera in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin Bild: Imago

Klima-Anarchisten +++ katholischer Bundeskanzler +++ Jens Spahn +++ Greser&Lenz&Waechter +++ Spahn-Karikatur +++ Bundesgesundheitsminister +++ Verbrennermotoren +++ untätiger Bundestag +++ Wutausbruch +++ Geschwindigkeitskonzept +++ Tierschützer

          6 Min.

          Staatszersetzend

          Zu „Mit Liebe und Wut“ (F.A.Z. vom 22. November): Ich bin empört über den Artikel von Katharina Müller-Güldemeister, in dem die Autorin mit unverhohlener Sympathie die notorisch gesetzeswidrigen Aktivitäten eines hyper-emotionalisierten Klima-Anarchisten nicht nur vollkommen unkritisch beschreiben, sondern geradezu feiern darf – und das an prominenter Stelle, unter Einräumung fast einer ganzen Seite. Bisher hatte staatszersetzender Radikalismus in Ihrer Zeitung keinen Platz, weder von rechts noch von links. Ist das jetzt anders geworden? Dann hätte die F.A.Z. ihre eigene Tradition verraten. 
          Joachim Kellermann von Schele, Bissendorf

          Ein katholischer Bundeskanzler?

          Zum Artikel „Von Merkel lernen heißt siegen lernen“ von Matthias Jung (F.A.Z. vom 15. November): Vor 500 Jahren hat Martin Luther auf den Kindesmissbrauch in Klöstern und Stiften hingewiesen. Er empfahl die Gründung von Stadtschulen, um den Missbrauch zu vermeiden. Vor zehn Jahren hat der Jesuit Klaus Mertes auf den Missbrauch hingewiesen. Die großen Kirchen haben seither einen Exodus erlebt, dessen Umfang den Kirchenleitungen bekannt sein dürfte. Bei der Vorbereitung der Bundestagswahl 2021 gab es einen starken Druck, einen katholischen Bundeskanzler-Kandidaten zu präsentieren. Dabei hat man den Umstand übersehen, dass Wähler, die wegen des Missbrauchsskandals die Kirche verlassen haben, wenig geneigt sein könnten, einen katholischen Bundeskanzler zu wählen. Mich wundert, dass in der Analyse des Wahlergebnisses diese Überlegung keine Rolle zu spielen scheint.
          Werner Slenczka, Marburg

          Der bedauernswerte Gesundheitsminister

          Zur Karikatur „Ist Spahn noch richtig bei der Sache?“ (F.A.Z. vom 23. November): Selbstmitleid und Missgunst dominieren. Ärzteverbände jammern, der hervorragende Impfstoff von Moderna stelle „Arztpraxen vor einen kaum leistbaren organisatorischen Mehraufwand“. Welchen denn eigentlich? Der bedauernswerte Gesundheitsminister wird bekriegt, obwohl er Selbstverständliches ausspricht: Millionen von Dosen von Moderna-Impfstoff kann man nicht verfallen lassen. Welcher Sturm, wären Hunderte von Millionen Euro wegen eines Verfalls verschwendet, hätte die Politik nur auf einen Hersteller gesetzt und dieser nicht den Erwartungen entsprochen? Deutschland hat ein Luxusproblem. Dabei befindet sich das Land im Krieg – Gott sei Dank „nur“ gegen ein Virus – mit fast 100 000 Verstorbenen. Aber Selbstmitleid und Missgunst verhindern Solidarität und Respekt vor Leistungen anderer, auch denen eines Ministers, der sich – Fortüne hin oder her – seit fast zwei Jahren für unser Wohl abstrampelt. Bescheidener und weniger hitzig könnte die Debatte schon geführt werden. Professor Dr. med. Gerhard Kleber, Aalen

          Mehr davon!

          Zu Ihrem wunderbaren Titelbild vom 23. November: erstmals eine Kooperation Ihrer Haus-und-Hof-Karikaturisten mit dem genialen „Waechter“! Mehr davon! Ich habe mir die Seite eins aufgehoben und in das Mammutwerk „Die Seite eins der F.A.Z.“ gelegt. Bitte weisen Sie erneut darauf hin, dass nicht nur Intensivmediziner und Pflegekräfte an ihre Grenzen kommen; auch Psychotherapeuten, Pädagogen, Eheberater, Gastronomen, Kulturschaffende, Ordnungsdienste und so viele andere sind am Limit. Wir müssen die grassierende Pandemie ganzheitlich lösen, nicht nur monokausal-medizinisch. Ein Virus greift nicht nur das Immunsystem an, sondern – was auch das wachsende Denunziantentum belegt – eine Gesellschaft insgesamt.
          Urte Evers, Fehmarn

          Nur zustimmen

          Ihrem Untertitel zur Spahn-Karikatur vom 23. November („Ist Spahn noch richtig bei der Sache?“) kann ich nur zustimmen: Wäre der Gesundheitsminister wirklich bei der Sache, verträte er keine Präferenz für die „2-G-plus-Regel“, zumal die Fehlerquote der Tests von etwa 40 Prozent bekannt ist. Eine solche Ausweitung der „2-G-Regel“ kann also zu falschen Ergebnissen führen. Folglich weist diese Fehlerquote auf die generelle Fragwürdigkeit einer „3-G-Regel“ hin. Konsequent wäre die „2-G-Regel“ für alle, also die Impfpflicht.
          Professor Dr. Wolfgang Erich Müller, Lüneburg

          Nicht erträglich

          Dass Ihre Karikaturisten den geschäftsführenden Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf der Titelseite Ihrer Ausgabe vom 23. November der Lächerlichkeit preisgeben, mag gerade noch erträglich sein. Dass Sie jedoch mit der zusätzlichen Veröffentlichung des dpa-Fotos von Jens Spahn auf der zweiten Seite dessen persönliche Demontage betreiben, ist nicht mehr erträglich. Harald Klippert, Habichtswald-Dörnberg

          Vulkane und Autos

          Zum Beitrag „Glasgow ächtet den Verbrenner“ von Christian Geinitz (F.A.Z. vom 11. November): Was tun denn Autos im Verhältnis zu den Vulkanen? Vulkane „laufen“ oft 24 Stunden pro Tag. Ein Auspuffrohr von sechs Zentimeter Durchmesser passt 354-mal in einen Quadratmeter. Wie groß ist der Schlund des Vulkans auf La Palma? Wenn es 50 mal 50 Meter sind, so entspricht das 885 000 Auspuffrohren, die jedoch nur ab und zu in Betrieb sind. Wie viele Vulkane gibt es auf dem Land? Wie viele im Meer? Wie groß sind deren Emissionen, die sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen? Harald Klinkert, Ründeroth

          Warum tut der Bundestag nichts?

          Es ist erstaunlich, wie Menschen dazu fähig sind, in ein offenes Messer zu laufen, weil sie Angst haben, sich beim Ausweichen den Fuß zu verstauchen. Das ist natürlich bildlich zu verstehen. Bildlich ist es für so manche Krise, die uns in Atem hält. In der Klimakrise war seit Jahrzehnten klar, dass wir unsere Treibhausgasemissionen signifikant reduzieren müssen, aber um Angestellte in treibhausgasintensiven Industriezweigen nicht zu verprellen, passierte: (fast) nichts. In der Frage der Finanzierung der Rente, für die laut Franz Müntefering Volksschule Sauerland reiche, war seit Jahrzehnten klar, dass wir auf ein kapitalgedecktes System umsteigen müssen, aber um Rentner nicht zu verprellen, passierte: (fast) nichts.
          Nicht ganz so lange, dafür aber umso intensiver, reden wir über die Corona-Pandemie. Seit nunmehr eineinhalb Jahren befinden wir uns in Deutschland in dieser Krise. Seit nunmehr eineinhalb Jahren ist auch klar, wie wir aus dieser Krise rauskommen. Seit fast einem Jahr ist uns dieser Weg auch nicht mehr versperrt. Eine ganze Reihe hochwirksamer Impfstoffe wurde entwickelt und das Ende der Pandemie absehbar, wenn sich nur genügend Leute impfen lassen. Das ursprüngliche Impfziel musste vom RKI aufgrund neuer Virusvarianten nach oben korrigiert werden, aber macht nichts, dann ist der Weg halt etwas länger.
          Seit drei Monaten ist die Bevölkerung komplett geimpft, und wir können die Epidemie für beendet erklären. Etwas wehmütig wird man schon, wenn man diesen Satz liest. Er könnte wahr sein, aber er ist es nicht, und stattdessen steuern wir auf einen Kollaps der Intensivstationen in Deutschland zu. Die Diskrepanz zwischen diesen beiden Zuständen, dem möglichen und dem realen, ist gravierend. Und sie führt zu neuerlichen Mengen menschlichen Leids, von denen wir gehofft und fest geglaubt hatten, dass es sie nach dem Frühling nicht mehr geben werde. Veranstalter müssen wieder um ihre wirtschaftliche Existenz bangen. Studenten müssen sich wieder auf einen eingeschränkten Universitätsbetrieb einstellen. Milliarden an Steuergeldern, die für den Klimaschutz, Bildung oder eine moderne Infrastruktur verwendet werden könnten, müssen nun wieder für kostenlose Tests herhalten. Menschen sterben.
          Der Grund für all das ist bekannt. Er ist auch nicht schwer zu verstehen. Die Volkshochschule Sauerland ist hier schon gar nicht mehr nötig. Die Pandemie endet nicht, bis nicht alle Menschen eine Grundimmunisierung gegen SARS-CoV-2 haben. Die eine Möglichkeit, diese zu erreichen, ist eine Infektion. Die andere eine Impfung. Die eine Möglichkeit bringt Long Covid oder Schlimmeres mit sich, die andere einen Tag Kopfschmerzen. Auf die Gesellschaft hochgerechnet, müssten wir weitere hunderttausend Tote beklagen, wenn wir uns für die eine Möglichkeit entscheiden. Wir müssten gewaltige wirtschaftliche Schäden in Kauf nehmen und würden die Psyche vieler Menschen ernsthaft in Gefahr bringen.
          Warum also nicht Möglichkeit zwei? Warum nicht die Impfung? Diese Frage richtet sich nicht an die vielen Ungeimpften. Die sind zu großen Teilen ohnehin nicht mehr zu überzeugen. Diese Frage richtet sich an den Bundestag.
          Wenn das Ziel klar ist und wir auch wissen, wie wir es erreichen können, warum machen wir dann nicht mal etwas anderes als in den eingangs erwähnten Krisen? Warum akzeptieren wir nicht, dass politische Entscheidungen nun mal nicht jedem gefallen und auch harten Widerstand hervorrufen können? Warum akzeptieren wir nicht, dass es keine wundersame Lösung gibt, die jeden zufriedenstellt? Warum erlassen wir keine allgemeine Impfpflicht? Es gibt zu Recht erhebliche verfassungsrechtliche Hürden. Es ist schließlich ein Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auch wenn eine Impfung der körperlichen Unversehrtheit weit mehr nutzt als schadet. Aber die durch die Alternative bedingten Eingriffe in die persönliche Freiheit sind nicht minder schwer, sie sind sogar von größerer Schwere. 
          Paul Friedrich Zelle, Aachen





          Schlamassel

          Der sehr begrüßenswerte „Wutausbruch“ im Artikel „Dieser emotionale Piks“ (F.A.Z. vom 15. November) von Edo Reents befand sich leider nicht, wie auf Seite 1 angekündigt, auf Seite 11, sondern auf Seite 13. Halten Sie die Misere der Stadtplanung im Wohnungsbau momentan wirklich für aktueller als das deutsche Corona-Schlamassel? Eigentlich gehörte der Wutausbruch als Leitartikel auf Seite 1! Petra Münster, Berlin

          Klimaerfolg

          Zu „Mein Maserati fährt 310“ (F.A.Z. vom 3. November): Wie wär’s mit einem neuen durchgehenden Geschwindigkeitskonzept. Alle Verkehrsteilnehmer sollen ihren Beitrag leisten. Wird insgesamt die Geschwindigkeit in Deutschland vermindert, kann die Anzahl der 3000 Verkehrstoten und zahlreichen Verletzten deutlich reduziert werden. Zum Beispiel maximal 130 km/h für Pkws auf Autobahnen, 70 km/h für Lkws auf Autobahnen, 90 km/h auf Landstraßen, 40 km/h Stadtverkehr, 20 km/h vor Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern et cetera. Alle Verkehrsteilnehmer nehmen an der Reduzierung ihres CO2-Ausstoßes teil. Nebenbei gibt es weniger Feinstaub, weniger Abrieb der Reifen, weniger Unfälle, weniger Verkehrsschilder, weniger Staus, weniger Öl- und Spritverbrauch. Die geringere Durchschnittsgeschwindigkeit fällt nicht ins Gewicht, da ein Großteil der Autobahnstaus entfällt. Damit tragen alle Verkehrsteilnehmer zum Klimaerfolg bei und nicht nur wenige schnelle Pkws. Alles wird entspannter vonstattengehen. Der aktive Mensch muss morgens nur etwas früher aufstehen. Martin Bützow, Hamm

          Empathie

          Zum Beitrag „Ungebetene tierische Mitbewohner“ (F.A.Z. vom 5. November): Der Artikel führt mir wieder einmal vor Augen, mit welcher Empathie die Tierschützer — und als Folge der Gesetzgeber — sich um das Wohl von ungeborenen Tieren kümmern. Der Inhalt von Hühner- und Taubeneiern wird als empfindungsfähiges, komplettes Tier angesehen. Bei so viel Einfühlungsvermögen für das ungeborene Tier: Wie steht es um die Empathie für das ungeborene menschliche Leben? Dr. Christina Gräfin Nesselrode, Ruppichteroth

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