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: Leserbriefe vom 19. Oktober 2021

  • Aktualisiert am

Schüler versammeln sich auf dem Schulhof einer Gemeinschaftsschule. Bild: dpa

Lehrer in Deutschland +++ AKW-Renaissance +++ deutsche Autos

          5 Min.

          Das Bindungsgeflecht zerstört

          Zu „Ernüchternder Alltag an der Gemeinschaftsschule“ von Tristan Wiedemann (F.A.Z. vom 30. September): Wie Autor Wiedemann bin auch ich Gymnasiallehrer aus tiefer Überzeugung, wie er bin ich Lehrer und nicht Sozialarbeiter geworden! In der Gemeinschaftsschule – einem Projekt von Grünen und SPD in Baden-Württemberg nach dem Machtwechsel im Jahr 2010 – werden in blindem bildungsideologischen Eifer alle Beteiligten sich selbst entfremdet: Lehrer dürfen nicht mehr das, was einen eigentlich antreibt, wenn man den Lehrerberuf ergreift: nämlich lehren. Lehren bedeutet, dass man Kraft seines Fachwissens und unter Einsatz charismatischer Persönlichkeitsstrukturen denen, die weniger wissen, etwas von dem, was einen selbst begeistert, weitergibt. Die linken Ideen vom „Lehrer als Lernbegleiter“, die an den Gemeinschaftsschulen strikt umgesetzt werden, unterdrücken genau diesen Ur-Impuls des Lehrenden – ausgehend von eigener Begeisterung, eigener Leidenschaft für einen Fachgegenstand zu unterrichten. Und genau dieses Unterrichten geht nicht selten auch über den Vortrag, das gestaltete Erzählen von Zusammenhängen oder über das Unterrichtsgespräch, das der Lehrer mit der gesamten Klasse zu einem Thema führt und das der Lehrer natürlich lenkt und steuert, denn er ist ja derjenige, der das ungleich größere Fachwissen hat und der weiß, wo die (Gesprächs-)Reise hingehen soll. Meine eigenen Erfahrungen nach nun bald zwanzig Berufsjahren haben mir gezeigt, dass dies die Wege sind, die auch die Schüler wollen und die sie brauchen. Um zum Thema der erzwungenen Entfremdung zurückzukehren: Auch die Schüler werden in der Unterrichtsmethodik, die an den Gemeinschaftsschulen offenbar zwangsweise vorgeschrieben ist, von ihren natürlichen Impulsen entfremdet. Von dem natürlichen Antrieb nämlich, von jemandem, der etwas weiß, Dinge, die einem selbst unbekannt sind, erklärt, erläutert, beigebracht zu bekommen. Man darf auch die Wirkung des gemeinsamen Zuhörens, des gemeinsamen Gesprächs einer ganzen Klasse mit dem Lehrer zu einem Sachthema nicht unterschätzen. Die Methode des Lernateliers, von der Wiedemann in seinem Artikel mehrfach berichtet, zerstört beide Antriebe: den des Lehrenden, echt zu lehren, und den des Lernenden, vom Lehrenden etwas zu erfahren, von ihm (an-)geleitet zu werden, und auch den Antrieb, als Teil einer Gemeinschaft (einer ganzen Schulklasse) etwas gleichzeitig mit allen Mitschülern zu erfahren und auch deren Reaktion auf das „Unerhörte“, das man gerade zur Kenntnis nahm, wahrzunehmen und zu rezipieren. Dieser Wirkungswechsel geht völlig verloren in den Unterrichtsvorschriften der Gemeinschaftsschulen. Wiedemann spricht ja ausdrücklich vom „stupiden Lernatelier“, wo Vereinzelung und Alleingelassenwerden zur alltäglichen Schulerfahrung gehören. Die Ideen, nach denen an den Gemeinschaftsschulen „Schule“ gemacht wird, gehen im Grunde an der Natur des Menschen vorbei. Es handelt sich, wie schon so oft in der Geschichte der linken politischen Ideen, um einen Irrweg, der den Faktor Mensch völlig negiert und der deshalb auch zum Scheitern verurteilt ist. Methoden wie die des Lernateliers zerstören auch kommunikative Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern. Der Lehrer ist in diesem linken schulpolitischen Selbstverständnis nur noch Lernbegleiter, er lehrt nicht mehr. Die Vorstellungen des selbstgesteuerten Lernens führen dazu, dass man Kinder und Jugendliche im Grunde alleinlässt, dass man ihnen einen der wichtigsten menschlichen Bezugspunkte neben Eltern und Freunden in der Phase des Aufwachsens per Ideologie wegnimmt: den Lehrer, der ja auch eine Leitfigur ist, der Orientierung gibt und durch dessen Persönlichkeit überhaupt oft erst das Interesse, etwas zu lernen, angeregt wird. Dieses über Jahrtausende der Menschheitsgeschichte gewachsene Bindungsgeflecht zwischen Lehrenden und Lernenden zu zerstören ist Ausdruck eines kalten Sozialingenieurtums, das in der linken Ideenwelt leider immer wieder hervorgebracht wird und bisher stets zu nichts Gutem geführt hat. Michael Bahr, Obertshausen

          Realitätsverweigerung

          Zu „Laufzeitverlängerung von AKW technisch möglich“ in der F.A.Z. vom 7. Oktober: Als Beitrag für unsere Klimapolitik empfehlen Experten die Renaissance der Kernkraft und weist eine Stimme mehr in einer Studie nach, dass eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke technisch und wirtschaftlich unter der Bedingung einer Bestandsgarantie für 15 oder 20 Jahre möglich ist. Zumindest im Übergang und als Reserveenergie könnte also die Kernenergie die dringende Frage beantworten, wo denn die benötigten Unmengen grünen Stroms für den erwartet stark wachsenden Energiebedarf nur durch CO2-neutrale Stromerzeugung aus Sonne und Wind ohne Energiepreise des Grauens, ohne dramatische Versorgungsengpässe und ohne Bezug französischen Atomstroms als Puffer für deutschen Flatterstrom herkommen sollen. Lösung bietet die klimafreundliche und grundlastfähige Kernenergie mit der zusätzlichen Option, den Anteil der fossilen Kraftwerke bei der Stromerzeugung durch einen deutlich vor 2038 realisierbaren Ausstieg aus der Kohleverstromung schneller zu reduzieren und das ambitionierte Ziel der Klimaneutralität statt bis 2050 vielleicht schon bis 2045 zu erreichen. Die deutsche Politik traut sich aber nicht, das Für und Wider der Kernenergie in Deutschland auf den Prüfstand zu stellen und den Ausstieg vom Ausstieg der Kernkraft zu diskutieren. Dabei gehört dieses Thema ganz oben auf die Agenda, denn anderweitig müssen nach Berechnungen des Zen­trums für Sonnenenergieforschung Baden-Württemberg der jährliche Zubau an Fotovoltaik verdoppelt und jener von Wind an Land verdreifacht sowie die dafür erforderlichen Stromnetze gebaut werden – mit riesigen Kosten, Flächenverbrauch und gefährdetem Schutz der Natur. Die Realitätsverweigerung unserer Politiker aber ist sprichwörtlich: Sie blenden noch immer die Realität aus und drücken sich vor den wahren Problemen und konkreten Maßnahmen. Hans-Jürgen Reuling, Kelkheim

          Der Erfolg deutscher Autos

          Zum Artikel „Rückenwind für Tempo 130“ (F.A.Z. vom 1. Oktober): Bei der Erwägung eines Tempolimits ist es sinnvoll, genauer hinzuschauen. Auf rund 70 Prozent der Autobahnstrecken besteht kein Tempolimit, wie Sie schreiben. Um den Erfolg einer Geschwindigkeitsbeschränkung auf 130 km/h einschätzen zu können, ist die Zahl der Unfallopfer zu betrachten, die ursächlich auf Geschwindigkeiten von über 130 km/h zurückzuführen sind. Und zwar getrennt für Strecken mit und ohne Geschwindigkeitsbeschränkungen. Dieser Streckenvergleich, auf die Länge des Autobahnnetzes bezogen, ist tauglich und ändert sich auch nicht, solange sich das Verkehrsaufkommen hier wie dort nicht ändert. Problemfälle sind leider die Autofahrer, die sich nicht an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten, und die werden mit einem allgemeinen Autobahn-Tempolimit von 130 km/h wohl nicht weniger. Ferner ist eine Reduzierung der Kfz-CO₂-Emissionen durch ein Tempolimit von 130 km/h fast unbedeutend, wie das Umweltbundesamt errechnete. Die Autos von heute würden vermutlich anders aussehen, als sie es sind, wenn wir vor fast 50 Jahren den Vorstellungen des damaligen Verkehrsministers gefolgt wären. Hätten wir in Deutschland 120 km/h oder 130 km/h als Höchstgeschwindigkeit eingeführt, wären die Anreize, auch bei höherer Geschwindigkeit relativ günstige Kraftstoffverbräuche zu erreichen, vermutlich unterblieben. Dazu gehören die bessere Aerodynamik, die effizienteren Motoren, die bessere Radaufhängung und nicht zuletzt der Leichtbau mit besserer Knautschzone. (Dass die Fahrzeuge heute trotzdem recht schwer sind, hat andere Gründe.) Diese Verbesserungen, die in den zurückliegenden Jahren stattfanden, haben zum Erfolg deutscher Autos erheblich beigetragen, und sie helfen beim Kraftstoffverbrauch auch etwas, wenn die Geschwindigkeit begrenzt ist. In den USA bestehen seit Jahrzehnten Geschwindigkeitsbeschränkungen. Als Folge waren die Prioritäten bei der Autoentwicklung offenbar andere als bei uns. Komfort war für den Käufer vermutlich entscheidend und die anderen Punkte, siehe oben, nebensächlich. Hier sehe ich Vorteile bei europäischen Autos. Einige Städte wollen flächendeckend 30 km/h als Maximum einführen, um CO₂-Emissionen, Lärm und Unfälle zu verringern. Die 30 km/h haben bei meinem Kfz zur Folge, dass es mir den 3. Gang als sparsamste Lösung anzeigt. Bei 50 km/h wird der 5. Gang angezeigt. Das hat zur Folge, dass der Motor bei 30 km/h und 50 km/h ungefähr mit der gleichen Drehzahl läuft. Die Kraftstoffverbräuche unterscheiden sich kaum, der Lärm bleibt etwa gleich, und durch die geringere Geschwindigkeit hört man ihn länger. Die Unfallschwere würde bei Einhaltung der Geschwindigkeit von 30 km/h gegenüber 50 km/h abnehmen. Die allgemeine Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer würde jedoch auch abnehmen. Namentlich die der Radfahrer, die sich heute bereits kaum um Regeln scheren. Ob das alles bedacht wurde? Klaus Thiessen, Rüsselsheim

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          Ein Brechen der vierten Welle scheint nicht in Sicht. Neuinfektionen, Krankenhauseinlieferungen und Todesfälle steigen weiter. Laut RKI lag die Sieben-Tage-Inzidenz in 32 Landkreisen bei über 1.000.
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          Fraktur : Volk, hör die Signale!

          Das neue Zauberwort der politischen Kommunikation lautet: Signal. Man soll die Politiker nicht mehr beim Wort nehmen. Es reicht, ihre Botschaften zu verstehen.

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