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: Leserbriefe vom 9. Oktober 2020

  • Aktualisiert am

Der amerikanische Patient: Donald Trump in Quarantäne im Walter Reed National Military Medical Center Bild: Reuters

Patient Trump +++ Kommunalwahlen in NRW +++ Das Viermächteabkommen +++ Frédéric Moreau, das sind wir +++ Symbolisten-Schau in Berlin

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          Ich lasse mir Schadenfreude nicht nehmen

          Zu dem Kommentar „Außer Kontrolle“ von Majid Sattar in der F.A.Z. vom 5. Oktober: Angesichts der Covid-Diagnose beim amerikanischen Präsidenten sind die öffentlichen Kommentare von Politikern und Journalisten von großer Zurückhaltung geprägt. Auch Majid Sattar schreibt in seinem Kommentar: „Schadenfreude ist sicherlich fehl am Platze.“ Wieso eigentlich? Natürlich ist es ein Gebot politischer Klugheit für jeden Politiker und ein Gebot journalistischer Neutralität für alle Journalisten, dergleichen nicht öffentlich zu äußern. Aber wieso soll ich als Privatperson keine Schadenfreude empfinden dürfen, wenn nun ausgerechnet der Mann, der von Anfang an die Gefahr durch die Corona-Epidemie wider besseres Wissen und vorsätzlich die Gefahren durch die Corona-Pandemie geleugnet, verniedlicht und heruntergespielt hat, sich an keine Vorsichtsmaßnahmen hält und politische Gegner, die das tun, öffentlich verhöhnt, nun selbst daran erkrankt ist und die Gefährlichkeit des Virus am eigenen Leib zu spüren bekommt? Wäre der Gegenkandidat Biden erkrankt und er selbst nicht, wissen wir alle, wie er über den Erkrankten hergezogen und ihn öffentlich als Schwächling verhöhnt hätte, so wie er das in der Vergangenheit wiederholt getan hat. Darum: Politiker und Journalisten äußern sich mit vollem Recht äußerst zurückhaltend, ich als Privatmann lasse mir Schadenfreude nicht nehmen. Das mag nicht besonders anständig oder gar christlich sein, aber „wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Thomas Krause, Oberstleutnant a.D., Sigmaringen

           

          Das Land ist nicht grün

          Reiner Burger führt in der F.A.Z. vom 29. September („Rot bleibt die Herzkammer“) aus, dass die Grünen „die großen Gewinner“ der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen seien und sich nun „vielerorts auf Augenhöhe mit CDU und SPD“ befänden. Das stimmt zwar für den großstädtischen Bereich, ist aber für eine landesweite Betrachtung einseitig und unvollständig. Schließlich wohnen selbst im verdichteten Nordrhein-Westfalen nur 40 Prozent der Einwohner in kreisfreien Städten, während drei Fünftel der Bevölkerung, knapp elf Millionen Menschen, in den 31 Kreisen beheimatet sind. Hier ergibt sich eine völlig andere Farbmischung: Künftig gehören 24 Landrätinnen und Landräte der CDU und sechs der SPD an. Dazu setzte sich in einer Stichwahl ein als Kreisdirektor kürzlich wiedergewählter bürgerlicher Einzelbewerber gegen einen CDU-Kandidaten durch. In den insgesamt nur elf Stichwahlen in Kreisen unterlagen sechs Bewerber der SPD, vier der CDU und ein Einzelbewerber. Das heißt umgekehrt: In keinem einzigen der 31 nordrhein-westfälischen Kreise gelangte ein Kandidat der Grünen auch nur in die Stichwahl, geschweige denn in ein Führungsamt. Auch konnte unter Grünen-Einfluss in keinem Fall die Reihenfolge des ersten Wahlgangs im Kreisbereich zugunsten von SPD oder Grünen gedreht werden. Die Diskrepanz zwischen den Wahlerfolgen der Grünen in den Großstädten und den flächendeckenden Misserfolgen in den Kreisen springt also ins Auge. Somit bleibt es im Kreisbereich weiterhin dabei, dass die Grünen deutschlandweit in 294 Landkreisen nur zwei Führungsämter besetzen – in den Landkreisen Miltenberg und Osnabrück. Das sind nicht einmal 0,7 Prozent. Die Grünen sind damit in den Führungsgremien des Deutschen Landkreistags anders als die Freien Wähler und die Linken nach wie vor nicht vertreten. Professor Dr. Hans-Günter Henneke, Berlin

           

          Nicht „alles gutt“

          Zu dem Beitrag „Etwas Normalität für Berlin“ (F.A.Z. vom 28. September): Zum Viermächteabkommen von 1971 weist Peter Sturm darauf hin, es habe nach dessen Inkrafttreten am 3. Juni 1972 immer wieder Streit gegeben. Dass nicht „Ende gutt, alles gutt“ war, wie im Text der sowjetische Botschafter in der DDR, Abrassimow, zitiert wird, zeigen für das Verhalten der Sowjetunion und der DDR typische auf den Status der Bundestagsabgeordneten aus West-Berlin gerichtete Beispiele. Mitglied der Delegation des Bundestages bei der VI: Interparlamentarischen KSZE-Konferenz in Bonn vom 26. bis 31. Mai 1986 war der Berliner Abgeordnete Nils Diederich (SPD). Unmittelbar nach Konferenzende übersandte der Leiter der sowjetischen Delegation, Lew N. Tolkunow, eine Protestnote an den Präsidenten der Interparlamentarischen Union und Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, Hans Stercken (CDU), sowie an die Leiterin der Delegation des Bundestages, Michaela Geiger (CSU); und ihren Stellvertreter Hartmut Soell (SPD). Sie beinhaltete, Diederich habe kein vollstimmberechtigtes Mitglied der Bundestagsdelegation sein dürfen. Seine Teilnahme und die Haltung des Bundestages verstießen gegen den im Viermachtabkommen geregelten Status der „Repräsentanten West-Berlins im Deutschen Bundestag“. Der Leiter der Delegation der Volkskammer der DDR, Herbert Fechner (SED), schloss sich der Auffassung Tolkunows an. Erwähnt sei auch, dass während des Besuchs der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth am 16./17. November 1989 – eine Woche nach dem Mauerfall – in Moskau in einem Gespräch mit dem Vorsitzenden des Obersten Sowjet, Michail Gorbatschow, der Status und das Stimmrecht der Berliner Abgeordneten im Deutschen Bundestag zur Sprache kamen. Frau Süssmuth unterstrich, die politische Lage in Europa müsse dazu führen, den Berliner Abgeordneten das volle Stimmrecht einzuräumen. Gorbatschow reagierte mit (freundlicher) Zurückhaltung. Er verwies auf den Inhalt des Viermächteabkommens. Ein Jahr später erlebten wir mit dem 3. Oktober 1990, dass Botschafter Abrassimow recht behalten sollte. Everhard A. Voss, Berlin

           

          Ein Drall in die falsche Richtung

          Es fällt mir schwer, Georg Oswalds Meinung zu folgen, dass „Lehrjahre der Männlichkeit“ eine bessere Übersetzung des Romantitels „L’éducation sentimentale“ sei als „Lehrjahre des Gefühls“ („Frédéric Moreau, das sind wir“ in der F.A.Z. vom 24. September). Das mag daran liegen, dass ich nicht Literaturkritiker bin, sondern Jurist. Doch könnte ein juristisches Prinzip auch bei Übersetzungen hilfreich sein. Es besagt, dass es auf den Empfängerhorizont ankommt, also nicht darauf, wie eine Aussage gemeint ist, sondern darauf, wie sie verstanden wird. Vom Empfängerhorizont her ist „Männlichkeit“ eine Einengung des Begriffs „Gefühl“ und hat eine Konnotation, die eher in die „Macho“-Richtung geht. Oswald erwähnt das ja mit „toxischer Begriff“ selbst. Das kann man als Verleger oder Übersetzer nicht ignorieren. Ich als Käufer des Buchs würde bei dem Titel eine erheblich saftigere Geschichte erwarten als die der Unentschlossenheit von Frédéric Moreau. Ich betrachte den Titel daher als irreführend. Für Oswald ist er, den Intentionen Flauberts entsprechend, ironisch. Das ist Dreh- und Angelpunkt seiner Rezension. Nun liegen Irreführung und Ironie nahe beieinander. Aber wollte Flaubert wirklich ironisch sein? Flaubert hat seinen unveröffentlichten autobiographischen Roman, in dem er den Verlust seiner jugendlichen Empfindsamkeit, seiner Illusionen und Schwärmerei beschreibt, mit „éducation sentimentale“ betitelt. Oswald nennt das „Eine bittere, ironische Wendung also“. Aber warum denn? Es mag eine bittere, aber kaum eine ironische Wendung sein. Flaubert gibt eine ernsthafte Beschreibung seiner Entwicklung. Welcher Erwachsene würde im Verlust der Illusionen und Nachlassen der Schwärmerei nicht Elemente eigener Erfahrungen wiedererkennen? Würde er ernsthaft oder selbstironisch davon sprechen? Doch wohl Ersteres, es sei denn, er geniert sich. Und „Männlichkeit“ würde in dem Prozess kaum eine Rolle spielen. Ich glaube daher kaum, dass Flaubert glücklich wäre, wenn seine Biographie auf „Lehrjahre der Männlichkeit“ reduziert würde. Frau Edl hat das mit ihrer Übersetzung der Entwicklungsgeschichte des Frédéric Moreau getan und damit dem Buch einen Drall in die falsche Richtung gegeben. Man mag Frédéric zurufen: „Nun mach doch mal endlich“, aber lustig machen sich weder Verfasser noch Leser über ihn. Schade um diesen großartigen Roman. Dr. Wolfgang Schultheiss, Berlin

           

          Eine Gepardin

          Zu „Hinterm Zauberwald die Kokerei“ über die Kunst des Symbolismus (F.A.Z. vom 26. September): Der Beitrag brilliert mit kunstgeschichtlichem, literarischem Wissen und Bildung, gleichwohl offenbart er, wie schlecht es um die Kenntnis der Natur bestellt ist. In der Abbildung Fernand Khnopffs Gemälde „Die Kunst der Liebkosungen“ ist eine Gepardin und nicht eine Leopardin ins Bild gerückt. Michael Zimmermann, Bad Camberg

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