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: Leserbriefe vom 9. Juni 2021

  • Aktualisiert am

Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx hat Papst Franziskus seinen Amtsverzicht angeboten. Bild: dpa

Nach Marx’ Rücktrittsgesuch +++ Alfred Roller im Briefwechsel +++ Geschlechtswechsel und Gesetze

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          Generationswechsel notwendig

          Zu den Berichten zum Rücktrittsangebot von Kardinal Marx: Das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx ist nicht zu bedauern. Dies würde dessen Konsequenz und Intention kompromittieren. Die hinter dem Gesuch erkennbare Einsicht und Geisteshaltung sind zu begrüßen und bislang eine Seltenheit in der kirchlichen Führungsriege in Deutschland. Vergleicht man die Worte von Marx mit der persönlichen Erklärung von Erzbischof Heße vom März 2021, so sind die aktuelle Klarheit der Verantwortungsübernahme und Authentizität eine Wohltat: kein Winden, keine Einschränkungen – ein anderes Format. Die Amtsträger sind verfangen im chronisch erkrankten System, in dem sie sozialisiert wurden. Ein Generationswechsel in der Führungsriege wäre notwendig – aber wer soll folgen? Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren Geprägten stehen nicht mehr zur Verfügung. Auch der Nachwuchs „der Gläubigen“ ist infaust – nicht nur zahlenmäßig, sondern auch intentional. Während sich viele Vernünftige abwenden (müssen), wächst der Anteil Verbohrter und fragwürdig Motivierter. Ausnahmen bestätigen die Regel. Diese sind zu bedauern – und zu unterstützen. Dr. Helmut Laufs, Dänischenhagen

           

          Die Last des Kirchenamts

          Zum Rücktritt von Kardinal Marx („Die Kirche am Wendepunkt?“ von Daniel Deckers, F.A.Z. vom 5. Juni): Die Kirche in Deutschland und wohl weltweit ist von dem Rücktrittgesuch beziehungsweise -angebot von Kardinal Marx erschüttert. Ihm gebührt Achtung für diesen Schritt, den er bebetet und abgewogen hat. Die Last, die er trägt, für die deutsche und die weltweite Kirche, ist groß, übergroß. Die Last in einem Kirchenamt muss nun niemand allein tragen – auch kein Papst und kein Kardinal –; da es sich in der Leitung und Amt der Kirche immer um einen Dienst an Gottes Kirche handelt, zu dem Gott seine Hilfen zukommen lässt, die sich menschlich nicht bemessen lassen. Und Gottes Kirche ist weit und umschließt vielfältige Persönlichkeiten. Sie ist nicht primär die Institution und Amtsgigant, wie wir sie in Deutschland vor Augen haben. In den Verlautbarungen um das Rücktrittsangebot störe ich mich daher an dem Gegenangriff gegen Amtsbrüder, die ihren Weg zur Aufarbeitung der Fehler nicht im Rücktritt, sondern gerade im Verbleib und der Anstrengung um Korrektur und Verbesserung sehen. Ist der Rücktritt der einzige Weg, mit Fehlern umzugehen? Vergessen wir nicht, dass bisher keiner der Bischöfe selbst ein Missbrauchstäter ist (anders als in Chile). Wie leben wir den viel zitierten synodalen Geist im Miteinander? Maria Michel, Köln

           

          Noch ein Adelsanwärter?

          Zu „Der Ausstatter als Mitschöpfer“ von Jan Brachmann (F.A.Z. vom 21. Mai): Nach der Erhebung Alfred Rollers „in den Adelsstand“, das heißt auf die Ebene von Komponist und Librettist des „Rosenkavalier“, müsste noch erinnert werden an Harry Graf Kessler (1868–1937), einen Weltmann aus hohen gesellschaftlichen Kreisen, der zu Beginn von Hofmannsthals Arbeit bereits ein Jahrzehnt lang mit ihm in Kontakt gestanden hatte. Er war auch Widmungsträger des „Rosenkavalier“, wenn auch Hofmannsthal bis fast zum Bruch mit Kessler um eine nicht zu hohe Einstufung von dessen Beitrag rang. Das Ergebnis, eine geradezu gequälte Ausflucht („Ich widme diese Komödie dem Grafen Harry Keßler, dessen Mitarbeit sie so viel verdankt. H. H.“), hat aber wohl ihre tieferen Gründe, denn Hofmannsthal verdankte Kessler weit mehr, als allgemein bekannt ist. Die Idee der ersten Szene von Akt I stammt beinahe „eins zu eins“ aus der dreiaktigen französischen Operette „L’Ingénu libertin“ (frei: „Der junge Libertin“) von Claude Terrasse, Libretto von Louis Artus, die 1907 im Théatre des Bouffes Parisiens (dem früheren Offenbach-Theater) uraufgeführt worden war. Unter den drei weiblichen Rollen war auch eine Art „Octavian“ als Hosenrolle. Doch die Geschichte des „Rosenkavalier“ beginnt viel früher, nämlich mit dem Werk „Une année de la Vie du Chevalier de Faublas“ (1787) von Jean-Baptiste Louvet de Couvray, 1788 unter dem Titel „Fin des amours du Chevalier de Faublas“ erschienen. Dort gibt es sogar eine „Sophie“ in dem Trio und die atemberaubende Schönheit „Marquise B“. Auch ihr begegnen wir bei Hofmannsthal/Strauss – als „Marschallin“. Es werden auch in dieser Komödie die Kleider derart virtuos gewechselt, dass der „von Natur“ androgyn wirkende Faublas („Faublas en travesti“ alias Octavian „Quinquin“), mit neuer Haarpracht und ausreichend tiefem Décolleté locker als junges Mädchen durchgeht. Der britische Autor Michael Reynolds hat die heiße Entstehungsgeschichte „unseres“ „Rosenkavalier“ mit kriminalistischer Schärfe in seinem Buch „Creating Der Rosenkavalier. From Chevalier to Cavalier“, Woodbridge 2016, dargestellt. Da die „Story“ des „Rosenkavalier“ frappierende Gemeinsamkeiten mit den von Harry Graf Kessler gelieferten Quellen aufweist, verstehen wir nun, warum Hofmannsthal sich so zierte, Kessler mit einer „anständigen“ Widmung an die Seite des Trios Hofmannsthal, Strauss, Roller zu stellen. Cord Garben, Wohltorf

           

          Binarität der Geschlechter

          Zur Diskussion um das Transsexuellengesetz (F.A.Z. vom 18. Mai) möchte ich aus der Sicht einer Betroffenen etwas bemerken. Nach 62 Jahren als Mann lebe ich, einer seit jeher bestehenden Neigung folgend, seit einem Jahr als Frau. Da ich aktuell eine Änderung meines Personenstands von männlich in weiblich betreibe, hätte ich von einer Reform beziehungsweise der Abschaffung des Gesetzes profitiert. Gleichwohl bin ich gegenüber dem Gesetzesentwurf der Grünen und der FDP aus eigener Erfahrung auch etwas skeptisch. Ein Wechsel des Geschlechts ist eine diffizile und folgenreiche Entscheidung. Man sollte mit sich ins Reine gekommen sein, bevor man es tut. Kann man das bei Kindern und Pubertierenden unbesehen aber wirklich annehmen? Ich selbst hätte mit der Beratungslösung (anstelle der bisherigen ärztlichen Begutachtung), die die CDU als Bedingung für die Personenstandsänderung ins Spiel gebracht hat, gut leben können. In der universalen Diskussion um Geschlecht, Sex, Gender und so weiter scheint es mittlerweile Konsens zu sein, dass es eine Binarität von Mann und Frau nicht gäbe oder sie willkürlich konstruiert sei. Vielfalt gibt es in der Tat. Aber die Binarität der Geschlechter ist deshalb nicht einfach aus der Welt. Alles, was mit Fortpflanzung zu tun hat, aktiviert, solange Kinder zur Welt kommen, beständig die Binarität und Polarität von Mann und Frau. Keine Frau ist zur Spermatogenese, kein Mann zur Ovulation fähig. Nur im heterosexuellen Akt (und sei es, dass er in der Petrischale stattfindet) kann es zur Zeugung und zur Hervorbringung der nächsten Generation kommen. Rückschauend kann und muss jedes Individuum sagen, dieser und nur dieser Mann ist mein (leiblicher) Vater, diese und nur diese Frau ist meine (leibliche) Mutter.

          Da jeder Mensch seinen Ursprung und seinen je eigenen Körper aus einer heterosexuellen Beziehung, nämlich der seiner (leiblichen) Eltern, hat, ist jeder Mensch mit diesen Grundtatsachen des Lebens genauso konfrontiert wie mit der Tatsache seiner Sterblichkeit. Alles Konstruktion, würde Judith Butler jetzt einwenden. Wohl wahr, aber nicht willkürlich, sondern erfahrungsbasiert konstruiert. Aber Fortpflanzung ist nicht alles. Jenseits dieser Frage, die für die Zukunft der Art und meist auch für die einzelne Person freilich alles andere als marginal ist, darf und soll die Vielfalt zur Geltung kommen. Ich selbst bin dankbar dafür, in einer Gesellschaft zu leben, die es heute toleriert, dass jemand wie ich, eine eher nüchtern temperierte Persönlichkeit, als Frau leben will. Im Allgemeinen mache ich in meinem Umfeld gute Erfahrung damit, und zwar nicht nur in der Großstadt, in der ich lebe, sondern oft selbst draußen auf dem „flachen Land“. Auch das sogenannte Bürgertum ist heute längst tolerant und offen geworden. Ich bin seit vielen Jahren ehrenamtlich Mitglied im Vorstand des bürgerlichen Fördervereins des renommiertesten Museums hier in Frankfurt. Auf der digitalen Mitgliederversammlung wurde ich in diesem Amt kürzlich als „Frau Dr. H.“ mit neunzig Prozent der Stimmen bestätigt. Das sind sehr erfreuliche Zeichen. Zu Hause aber, wo ich meine (inzwischen erwachsenen) Kinder treffe, bin und bleibe ich, entsprechend der obigen Ausführungen, „der Papa“. Mit dieser Art von Vielfalt leben zu können, darum geht es für die Betroffenen und ihr Umfeld. Dr. Andrea C. Hansert, Frankfurt am Main

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