https://www.faz.net/-gpf-a458t

: Leserbriefe vom 7. Oktober 2020

  • Aktualisiert am

Josef Stalin an seinem Schreibtisch im Kreml auf einem Foto, herausgegeben im Februar 1950 Bild: AP

Stalin-Noten 1952 +++ Deutschlandpolitik +++ Ökumenischer Kirchentag +++ Helmut Kohls Verdienst +++ 30 Jahre Deutsche Einheit

          5 Min.

          Lieber zwei Deutschländer als eines

          Zu dem Leserbrief „Die Ostdeutschen interessierten niemanden“ von Dr. Lars Meinhard (F.A.Z. vom 18. September): Auch ich, Jahrgang 1929, gehörte damals zu denjenigen, die meinten, es wäre besser gewesen, die Stalin-Note 1952, mit der angeblich die deutsche Einheit gegen den Verzicht auf eine Nato-Mitgliedschaft der Bundesrepublik angeboten worden sei, im Gespräch mit den Sowjets auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Sieht man einmal von der positiven Haltung der Vereinigten Staaten in der deutschen Frage ab, in London und Paris, um nur diese beiden europäischen Hauptstädte zu nennen, hat man das zu jener Zeit noch etwas anders gesehen. Der Satz, man liebe Deutschland so sehr, dass man zwei Deutschländer vorziehen würde als eines, war ja durchaus ernst gemeint. Heute wissen wir, dass die Stalin-Note in der Tat vergiftet war. Eine Lösung der deutschen Frage wäre für manchen unserer Nachbarn so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zu früh gekommen. Dazu bedurfte es erst des jahrelangen Bemühens eines Konrad Adenauers um Vertrauen in das andere Deutschland nach 1945. Auch musste sich die Bundesrepublik zunächst wirtschaftlich erholen.

          Beides war inzwischen geschehen, als Bundeskanzler Brandt mit seiner Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 den Blick nach Osten lenkte und vor allem die DDR in diese Politik mit einbezogen hatte. An dieser Einbeziehung ist der zweite deutsche Staat, dieses durch und durch künstliche Gebilde, letztlich zerbrochen, wenngleich Brandt und mit ihm die Sozialdemokraten ihre kühne Politik in den späteren Jahren nicht durchgehalten haben. Dass die Stalin-Note 1952 nur taktisch gemeint war, dafür sind für mich Nikolai Portugalow, General des Militärischen Abschirmdienstes der Sowjetunion (GRU), und Mieczyslaw Rakowski, der spätere Premierminister Polens und Generalsekretär der „Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei“, beides Duzfreunde von mir, für mich glaubwürdige Zeugen gewesen. Rakowski sagte mir damals in Warschau, sie seien „rechtzeitig zur Beruhigung aus Moskau“ unterrichtet worden. Die angebliche Offerte – deutsche Einheit gegen einen Verzicht auf eine Nato-Mitgliedschaft – sei nicht ernst gemeint, sondern „lediglich als Störmanöver“ gedacht. Der Russe Portugalow, der damals in Berlin und später in Bonn stets als „Journalist“ auftrat, sagte zu mir in den Achtzigern wörtlich: „Wir könnten euch Deutschen jetzt ein ernsthaftes Angebot machen, im Gegensatz zu unserer Note aus dem Jahr 1952.“ Beide Äußerungen sind genau so gefallen und haben sich mir fest eingeprägt. Leider habe ich mir damals keine Daten aufgeschrieben, wann dies geschehen ist. Dr. Dettmar Cramer, Dresden

           

          Immer auf Brandt-Linie

          Zum Kommentar „Umgehungsstraße“ von Jasper von Altenbockum (F.A.Z. vom 5. Oktober): Das nenne ich ein parteiisches Gedächtnis: Auch die SPD solle (wie die Grünen) Selbstkritik üben für ihr politisches Verhalten vor 30 Jahren, die CDU natürlich nicht. Ja, in der SPD gab es damals heftige Diskussionen zum Thema Wiedervereinigung (wie übrigens in der CDU auch), aber als deren Ergebnis hat sich nicht Lafontaine durchgesetzt, sondern immer die Linie von H.-J. Vogel und Willy Brandt. Die Ost-SPD hat ohnehin seit Ende ’89 für die Einheit votiert. Und beide sozialdemokratischen Parteien haben aktiv am Einigungsprozess mitgewirkt. Am Schluss hat die SPD-Bundestagsfraktion geschlossen dem Einigungsvertrag zugestimmt. Es war die CDU/CSU-Fraktion, die nicht einmütig für die Einigung war: 13 ihrer Abgeordneten stimmten gegen den Einigungsvertrag. Das nicht einfach zu vergessen, sollte zu einer kritischen Erinnerung an das große Jahr 1990 gehören! Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a. D., Berlin

           

          Nicht nur Katholiken und Protestanten

          Zum Leserbrief „Wer ist der Geist, der stets verneint?“ der Eheleute Dres. Ricarda und Udo Niedergerke in der Ausgabe vom 30. September zur Eucharistischen Mahlgemeinschaft auf dem Ökumenischen Kirchentag 2021 in Frankfurt: Es ist schon mehr als merkwürdig, ein „Fanal der Einheit und der Liebe“ in Frankfurt zu fordern, im gleichen Leserbrief aber die Un- Einheit oder Uneinigkeit der katholischen Bischöfe und Roms heraufzubeschwören und die von Papst Franziskus und Erzbischof Gänswein darzustellen. Das ist eine beliebte Argumentationsstrategie: hier die Reformer im Besitz der Wahrheit, dort die Bremser und Ewiggestrigen – gerne einfach als Rom bezeichnet. Das Thema Ökumenische Mahlgemeinschaft betrifft eben auch die orientalischen und orthodoxen Kirchen, wie Kurt Kardinal Koch erst festgestellt hat, und nicht nur Deutschland und die ökumenischen Bestrebungen der katholischen und evangelischen Kirche. Einheit und Liebe gibt es eben auch dort zu suchen und nicht nur im Kreis derer, die einfach mal machen wollen. Frank Feder, Lonnig

           

          Lubbers war für die deutsche Einigung

          Georg Paul Hefty beschreibt in seinem Beitrag „Unaufhaltsam zur Einheit“ (F.A.Z. vom 2. Oktober) die eher zurückhaltende Haltung bezüglich der deutschen Einigung, die die britische Premierministerin Thatcher, Frankreichs Präsident Mitterrand und der italienische Ministerpräsident Andreotti im Herbst 1989 zeigten. In dieselbe Reihe wird von ihm auch der niederländische Ministerpräsident Lubbers eingestuft. Zu Unrecht. Wie klar in seinen gerade veröffentlichten Memoiren herausgestellt, war Lubbers schon damals ein überzeugter Befürworter dieser Einigung. Immerhin erlaubte er sich aber, den Bundeskanzler kritisch zum künftigen Status der Oder-Neiße-Grenze zu befragen. Dies wurde von Helmut Kohl tatsächlich als fundamentale Kritik verstanden. Es führte dazu, dass das Verhältnis zwischen beiden Männern endgültig zerstört wurde und Kohl etwa die Kandidatur Lubbers’ als Präsident der Europäischen Kommission blockierte. Nico Wegter, Laren, Niederlande

           

          Deutscher Nationalfeiertag

          Zu der Berichterstattung in der F.A.Z. zum Tag der Deutschen Einheit: In jedem Sommer feiert Frankreich mit großer Geste den 14. Juli, bekanntlich ist es der Tag, an dem die Bastille gestürmt, die Soldaten dort niedergemetzelt wurden im Namen einer Revolution, die Blut und Tränen über Frankreich brachte, aber auch, verbunden mit dem Namen Napoleon, ein Gesetzbuch, das fortan seine Gültigkeit haben sollte bis zum heutigen Tag. Es galt als Sieg der Vernunft, wie auch jene blutigen Ereignisse der Revolution dieser zu huldigen meinten. Kurz: Frankreich ist stolz auf den Sieg der Vernunft, und das wird noch im kleinsten Dorf gefeiert mit fröhlichen Farben, gutem Essen und Trinken, Tanz und fröhlichem Beisammensein. Als Gast wird man aufgenommen in die feiernde Runde. Anders in Deutschland: Jedes Jahr richtet ein anderes Bundesland die entsprechenden Feierlichkeiten aus, höchst offiziell, die politische Elite und handverlesene Gäste tragen den dunklen Anzug, das kleine Schwarze. Ein renommiertes Orchester intoniert Klassisches, man klatscht dezent, hüstelt verhalten – jeder spricht mit dem, den er sowieso kennt, und über das ein wenig in die Jahre geratene Medium Fernsehen werden staatstragende Sätze formuliert, die das Volk beeindrucken sollen.

          Wenn es denn zuhört, aber tut es das zwischen den üblichen alltäglichen Ritualen, dem genüsslichen Chillen an einem freien Tag, an dem man nicht einmal an Kirche denken muss? Können wir einen Tag wie diesen, der doch dem Geschenk der Freiheit gewidmet ist, nicht ein wenig fröhlicher feiern unter Teilhabe des ganzen Volkes? Sollten dann nicht wirklich alle Menschen, die in diesem Land leben und die aus allen Himmelsrichtungen hierhergekommen sind, ein Lied an die Freiheit anstimmen, an die dieser innewohnende Vernunft, die ohne Achtung vor der Würde des Menschen nicht zu haben ist? Wäre es nicht denkbar, dass wenigstens an diesem einen Tag des Jahres ein lachendes Miteinander der Menschen Platz greifen würde, fernab von den Ritualen der Mandatsträger, die ja dieses nur jenen verdanken, die eben nicht an den offiziellen Feierlichkeiten teilnehmen können. Der 3.Oktober – ein Feiertag der Herzen? Wäre doch eine Möglichkeit. Maria Muck, Iserlohn

          Topmeldungen

          Kämpft mit dem Brexit und der Pandemie an zwei Fronten: Großbritanniens Premier Boris Johnson

          Desinteresse in Großbritannien : Für viele Briten ist der Brexit erledigt

          In Großbritannien interessiert sich kaum noch jemand für die Verhandlungen über das künftige Verhältnis zur EU. Das liegt nicht nur an der Corona-Pandemie. Auch das Verhalten des Staatenbundes spielt eine wichtige Rolle.

          Fehlstart für Dortmund : Unerklärlich, desolat und einfach schlecht

          Beim Start in die Saison der Champions League zeigt der BVB bei der Niederlage bei Lazio Rom eine erschreckende Leistung. Die Kritik ist groß. Und nun wartet auch noch eine ziemlich brisante Aufgabe auf die Dortmunder.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.