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: Leserbriefe vom 6. Oktober 2020

  • Aktualisiert am

Nach Recherchen von Greenpeace als Atomlager ungeeignet: Der Salzstock Gorleben Bild: dpa

Gorleben +++ Donald Trump +++ Wissenschaft ohne Religion? +++ Katholische Kirche

          5 Min.

           

          Seit 200 Millionen Jahren unverändert

          Zu „Gorleben musste sterben“ von Jasper von Altenbockum (F.A.Z. vom 30. September): Nach vierzig Jahren Endlagerforschung und über 500 abgearbeiteten Forschungsvorhaben stellte im Jahr 2008 die Bundesregierung zusammenfassend fest, dass sich keine negativen Aspekte gegen ein Endlager im Salzstock Gorleben ergeben haben.
          Der dort geplante Einlagerungsbereich liegt circa 900 Meter unter Tage und 600 Meter unter dem Salzspiegel des gut hundert Kubikkilometer mächtigen Salzstocks. Das dort vorhandene Salzgestein ist über 200 Millionen Jahre mineralogisch und chemisch praktisch unverändert geblieben. Sehr eingehende wissenschaftliche Untersuchungen befassten sich mit dem nicht vollständig wasserundurchlässigen 250 bis 300 Meter hohen Deckgebirge. Sie ergaben, dass der Salzspiegel im Mittel um 0,01 Millimeter pro Jahr, also um etwa 10 Meter pro 1 Million Jahre abgelaugt wird. Diese Sachlage im BGE-Gutachten als ungünstig und als Ausschlusskriterium zu bewerten hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Professor Dr. Paul Laufs, Parlamentarischer Staatssekretär a. D., Stuttgart

           

          Die Eignungshöffigkeit Gorlebens

          Zu den beiden Beiträgen „Ton, Steine, Salz“ von Reinhard Bingener und Timo Frasch (F.A.Z. vom 29. September) und „Ein Platz für 27 000 Kubikmeter Müll“ von Christian Geinitz (F.A.Z. vom 29. September): Im Beitrag von Geinitz heißt es über die Arbeit der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE): „Diesmal soll die Entscheidung unvoreingenommen und streng wissenschaftlich erfolgen, nicht wie damals politisch.“ Dazu ist anzumerken: Jede Entscheidung über den Endlagerstandort wird politisch sein. So auch dieses Mal; denn der Bundestag wird über den Standort entscheiden. Die Beiträge erwähnen mit Recht, dass jedes Bundesland auf die anderen Bundesländer – nur ja nicht auf sich – verweist. Schon in dieser scheinbar unverdächtigen Vorphase beginnt die politische Rangelei.
          Gorleben sei „politisch verbrannt“, heißt es in politischen Zirkeln. Das ist zumindest auch ein kommunikatives Problem. Bei den Standortuntersuchungen in den siebziger Jahren waren die entsprechenden Führungspositionen von Fachleuten aus Wissenschaft und Technik besetzt, die sich mit der Politik manchmal eher schwertaten. Damals hat Ministerpräsident Albrecht den Standort nicht durch ein Zeigen mit dem Finger auf die Landkarte ausgesucht. Es gab ein Standortauswahlverfahren, eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen und Gutachten von diversen Forschungseinrichtungen sowie wissenschaftliche Versuche mit dem Medium Salz, dem damals der Vorzug gegenüber dem Ton gegeben wurde. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften (BGR), welche die untertägige Untersuchung in Gorleben durchgeführt hat, hatte zu diesem Standort zusammenfassend festgestellt: „Trotz der noch nicht abgeschlossenen Erkundung des Salzstockes Gorleben kann nach den bisherigen Untersuchungen festgestellt werden, dass aus geowissenschaftlicher Sicht keinerlei Erkenntnisse gegen die Eignungshöffigkeit des Salzstockes vorliegen.“
          Das nun von der BGE vorgetragene, dem widersprechende Ergebnis ist alles andere als selbstverständlich. Es bleibt zu hoffen, dass darüber ein Diskurs stattfindet. Für viele Betroffene und auch Nichtbetroffene kam das Entscheidung, dass Gorleben von vornherein herausfällt, überraschend. Zweifel an einem „wissenschaftsbasierten Suchprozess“ sind angebracht.
          Nicht völlig anders als früher ist auch die Öffentlichkeitsbeteiligung, auch wenn sie jetzt stärker ausgeprägt ist. Auch auf dem Weg zur Entscheidung für Gorleben gab es die nach dem Atomrecht vorgeschriebene Öffentlichkeitsbeteiligung. Darüber hinaus fand ein international besetztes „Gorleben-Hearing“ (Vorsitz Professor von Weizsäcker) mit 60 nationalen und internationalen Experten statt, das sich circa eine Woche mit der Thematik beschäftigte, abgesehen davon, dass eine Unzahl von Informationsveranstaltungen zu diesem Thema stattfand. Professor Dr. Hellmut Wagner, Karlsruhe

           

          Eine Frage des Anstands

          Zu „Amerikas Lukaschenka?“ von Klaus-Dieter Frankenberger (F.A.Z. vom 25. September): Die amerikanische Demokratie wird Trump überstehen, auch wenn er wiedergewählt wird. Sein Verhalten legt Schwächen der amerikanischen Verfassung offen. Die „Gründungsväter“ haben Großartiges geleistet; die jetzt offenkundig gewordenen Probleme konnten sie nicht voraussehen. Vor Trump wurden sie aufgrund eines einigermaßen funktionierenden Zusammenspiels der beiden großen Parteien nicht virulent. Es sind vor allem zwei Komplexe, die in der deutschen (und österreichischen) Verfassung politisch vernünftiger geregelt sind. Erstens: Der amerikanische Präsident ist eine Art „König auf Zeit“ mit erstaunlicher Machtfülle. Er wird heutzutage vom Volk als Anführer einer Partei gewählt. Dass manche, aber längst nicht alle Präsidenten im Laufe der Geschichte das Vertrauen der meisten Amerikaner gewonnen haben, war ihrem persönlichen Charisma zuzurechnen. In der Pandemie zeigt sich, dass ein Präsident wie Trump, wenn er nicht fähig oder willens ist, die Interessen aller Amerikaner zu berücksichtigen, dass Land parteipolitisch zerreißt. Zweitens: Diese gefährliche Entwicklung wird verschärft durch die Tatsache, dass der Senat nicht wie ursprünglich beabsichtigt die Interessen der Einzelstaaten vertritt, sondern neben dem Repräsentantenhaus eine zweite Kammer mit ähnlicher parteipolitischer Ausrichtung geworden ist.
          Amerikanische Regierungen sind aufgrund dieser Konstellation entweder „lame ducks“ oder streng parteipolitisch ausgerichtet. Sowohl Demokraten wie Republikaner haben die jeweiligen absoluten Mehrheiten für sich genutzt. Die Methoden waren ähnlich. Nie gab es Koalitionsregierungen. Die jeweiligen Kompromisse mussten in komplizierten und trickreichen Verfahren ausgehandelt werden. Diese Problematik wird sich verschärfen, weil auch das Verfassungsgericht zunehmend als parteipolitisches Instrument verstanden werden wird. Demokratie ist auch eine Frage des Anstands und des Stils. Gerade dies zählt, wenn das politische System faktisch eine „Diktatur auf Zeit“ ermöglicht. Professer Dr. Helmut Sihler, Pörtschach

           

          Einstein war nicht fromm

          In „Wissenschaft ohne Religion?“ reagiert Constantin Stöckel empört auf meinen Leserbrief „Beleidigung menschlicher Intelligenz“ vom 14. August, der sich wiederum auf den Artikel „Die verdunkelte Botschaft“ von Daniel Deckers in der F.A.Z. vom 17. Juli bezogen hatte. In meinem Leserbrief hatte ich diverse religiöse Zumutungen aufgeführt, die ich in der Tat als eine Beleidigung der menschlichen Intelligenz empfinde. Herr Stöckel behauptet, es gebe „keine Korrelation zwischen Intelligenz und Atheismus“ und führt Albert Einstein als Beispiel eines frommen Mannes an.
          Hierzu möchte ich gerne mit zwei Zitaten antworten aus Briefen, die Einstein 1954 geschrieben hat, am 3. Januar 1954 an Erich Gutkind: „Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden . . . Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen Religionen eine Inkarnation des primitiven Aberglaubens.“ In einem anderen Brief schrieb Einstein 1954: „Es war natürlich eine Lüge, was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott . . . Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt, soweit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.“ Maria von Schlippenbach, Langenselbold

           

          Unterschiede

          Zu den Leserbriefen von em. Bischof Heinz-Josef Algermissen (F.A.Z. vom 25. September) und Dr. Ernst-August Heinemeyer (F.A.Z. vom 29. September): Den Rat, den Ernst-August Heinemeyer den mit ihrer Kirche nicht zufriedenen Katholiken gibt, nämlich ohne eine Absolution und Erlaubnis der Kirche eigenständig, aus eigener Verantwortung am Abendmahl teilzunehmen, könnte ihnen vermutlich auch Bischof Algermissen erteilen, denn auch die katholische Kirche kennt die Gewissensentscheidung als oberste Richtschnur für das Handeln. Aber das Lehramt der Kirche muss die fundamentalen Unterschiede in der Auffassung von Kommunion und Abendmahl, hier die ideelle Präsenz Christi im Gläubigen, dort die reale (materielle) Präsenz Christi in der Hostie, herausstellen, so dass der Gläubige eine fundierte Gewissensentscheidung treffen kann. Dr. Andreas Lang, Birkenau

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