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: Leserbriefe vom 6. Juli 2021

  • Aktualisiert am

Kardinalstaatssekretär Parolin am Dienstag in Berlin Bild: AFP

Glaubensgemeinschaft +++ Stadttauben +++ Die Verlassenen +++ Interview Wolfgang Schäuble +++ Sprachliche Tabuzonen +++ Nationalparkzentrum im Schwarzwald

          5 Min.

          Freiheitsanker

          Dass „vor allen Visionen und einzelnen Bedürfnissen . . . die Gemeinschaft Vorrang haben“ müsse, wie Kardinalstaatssekretär Parolin in Berlin sagte, ist für eine weltweite Glaubensgemeinschaft wie die katholische Kirche eine Selbstverständlichkeit. Wenn Daniel Deckers in der F.A.Z. vom 1. Juli („Rom fordert Gehorsam“) meint, dies erinnere in Berlin an die finstersten Zeiten zweier Diktaturen, so irrt er gleich zweifach. Erstens ist niemand gezwungen, einer Glaubensgemeinschaft anzugehören, die ihm nicht passt, was diese von einer staatlichen Diktatur grundsätzlich unterscheidet. Und zweitens erinnern sich gerade in Berlin die Katholiken daran, dass in den finstersten Zeiten der beiden deutschen Diktaturen das ultramontane „Rom“ auch und gerade für sie ein Freiheitsanker im Glauben war. Stephan Raabe, Diözesanreferent im Bistum/Erzbistum Berlin a. D.

           

          Verdient

          Herzlichen Dank für den langen Artikel „Die fleißigen Beamten unter den Vögeln“ von Kai Spanke (F.A.Z. vom 24. Juni), in dem die Stadttaube endlich einmal so positiv dargestellt wird, wie sie es verdient hat, und in dem die gängigen falschen Vorstellungen von diesem wunderbaren Tier widerlegt werden. Isabel Klafki, Mainz

           

          Die EM im Kopf

          Zu der Rezension von Wiebke Porombka zu Matthias Jüglers Roman „Die Verlassenen“ (F.A.Z. vom 26. Juni): Da hatten womöglich die Fußball-EM und Herr Freud ihre Hände (Füße? Köpfe?) im Spiel: Das in der Rezension benannte ostdeutsche Künstlerpaar heißt Grita und Moritz Götze (nicht Mario; das war der andere . . .). Bernd Heise, Dresden

           

          Noch immer gibt „Bonn“ den Ton an

          Zum Interview mit Wolfgang Schäuble zum Berlin-Beschluss 1991 „Als ich sprach, spürte ich: Du hast den Saal“ (F.A.Z. vom 16. Juni): Es ist interessant, wie Wolfgang Schäuble die Abstimmung im Deutschen Bundestag über die Wahl der Bundeshauptstadt vor dreißig Jahren und seinen Beitrag an dem Votum reflektiert. Da stapelt er gewiss nicht zu hoch, wenn er diesen für erheblich hält. Für Bonn stimmten 320 Abgeordnete, für Berlin 338. Allerdings sollte nicht unerwähnt bleiben, dass ein nicht unerheblicher Teil der Stimmen, nämlich 124, aus dem Osten kam, und dass dank des Ostens, nämlich der untergegangenen DDR, Berlin durchgängig seit 1871 deutsche Hauptstadt geblieben war. Zur „Berlin-Partei“ gehörten folgerichtig die 17 Abgeordneten der PDS (heute Die Linke). Man kann es auch pointierter formulieren. Ohne die Stimmen der Nachfolgepartei der SED wäre die Entscheidung sehr, sehr knapp ausgefallen, vielleicht sogar – trotz Schäubles Engagements – gescheitert, und Regierung und Parlament säßen noch immer in Bonn. Das wäre, da ist Schäuble durchaus zuzustimmen, „außerhalb Deutschlands auch nicht verstanden worden“.
          Aber vielleicht wäre ein Pro-Bonn-Votum ehrlicher gewesen insofern, als es deutlich gezeigt hätte, in welchem Teil Deutschlands künftig der Ton angegeben würde. Und daran hat sich, wie die Ostdeutschen in Ämtern, Behörden, Institutionen, in Wirtschaft und Wissenschaft, Justiz und Verwaltung et cetera noch immer hören und sehen, nach dreißig Jahren nur wenig geändert. Frank Schumann, Berlin

           

          Anmaßung - etikettiert als Fortschritt

          Danke für die Beiträge „Der Fluch der bösen Wörter“ von Christoph Türcke und „Hört sich an wie nahes Donnergrollen“ von Achim Hölter (F.A.Z. vom 17. Juni). Sie stimmen nachdenklich und rufen dazu auf, nicht alles hinzunehmen, was die hochmoralisch gestimmten Lehrer und Förderer von Sprechverboten durchsetzen wollen. Es geht um mehr als um politische Korrektheit und „Message Control“. Es geht um sprachliche Diktatur, um Ausblendung von Geschichte und Natur, um moralische Besserwisserei und Anmaßung, die als „Fortschritt“ etikettiert werden sollen. Immer mehr Wörter sollten tabuisiert werden, als ob das mit ihnen Bezeichnete nicht mehr da wäre. Fraglos ist Sprache lebendig. Die zu beobachtende Bürokratisierung und Tabuisierung führen jedoch zu ihrer Erstarrung und Verarmung. Geschichtslosigkeit, Arroganz, Egozentrismus und Cancel Culture gehen offensichtlich Hand in Hand. Jeder kann beitragen, insbesondere Medien und Politiker, dass diese Cancel-Kultur mit ihren maßlosen Übertreibungen eine Abfuhr bekommt. Es braucht ein klares Nein zu den von immer mehr Leuten geforderten sprachlichen Tabuzonen!
          Karl Brunner, Klagenfurt/Österreich

           

          Faszinierender ökologischer Haustypus

          Zu „Kretschmanns Überbau“ (F.A.Z. vom 19. Juni) von Matthias Alexander: Seit einigen Jahren erlebt der Schwarzwald eine Renaissance. Die Leute, die da hochkommen, wollen wandern und die Natur möglichst unbeeinträchtigt, ungezwungen erleben. Worauf diese Menschen gewiss verzichten können, ist eine verschindelte Kopfgeburt: das neue Nationalparkzentrum. Vier, fünf mit unterschiedlichen Funktionen angefüllte Balken, scheinbar zufällig übereinandergefallen. Eine Skulptur haben wir vor uns, noch keine oder keine Architektur mehr. Einen Bikertreff, der eher in der Lüneburger Heide seine Daseinsberechtigung hätte. Für dieses physische und mentale Zerwürfnis bedarf es natürlich genialer Ingenieure. Niederschmetternd. Eine vertane Chance ohnegleichen, die mit dem Schwarzwald nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Oder, wie Prinz Charles so schön zu sagen beliebte, ein Furunkel auf der Nase eines lieben Freundes. Das Schwarzwaldhaus ist vermutlich der faszinierendste ökologische Haustypus, den die mitteleuropäische Bautradition hervorgebracht hat. Das weiterzudenken und die Frage zu stellen, wie sieht das Schwarzwaldhaus des 21. Jahrhunderts aus, gilt den zukunftsseligen Technokraten und Politikern, nicht nur in Stuttgart, als unsexy. Aber gerade aus dieser Auseinandersetzung hätte ein spektakuläres Projekt, das etwas mit der ökologischen Herausforderung und diesem Ort zu tun hat, hervorgehen können. Sich darauf zu beziehen erfordert Mut, den man den Grünen wie dem architektonischen Metier wünschen möchte. Es gibt so etwas wie architektonische Vernunft und, ja, auch Demut gegenüber einer regionalen Bautradition.
          Das Schwarzwaldhaus hat ja keiner erfunden, es wurde über viele Jahrhunderte immer weiter verbessert und verfeinert, sodass man heute sprachlos davorsteht und stolz ist auf unsere alemannischen Vorfahren. Schlagartig versteht man, dass „nachhaltig“ sich gebendes und doch nur auf Profitabilität ausgerichtetes Kreislaufdenken ein Irrtum grandiosen Ausmaßes ist. Architektur zielt auf Dauer – nicht auf Recycling. Denn wir Menschen gewinnen den Mut für die Zukunft aus der Überlieferung, zumal der allgegenwärtig physisch erfahrbaren: Landschaft, Haus und Stadt, die eben nicht, wie es die „Nachhaltigkeits“-Gütesiegel und bald auch die Europäischen Richtlinien einer „Circular Economy“ gerne hätten, alle fünfzig Jahre geschreddert werden, um daraus neue Landschaften, Häuser und Städte zu machen, natürlich noch moderner und noch profitabler.
          Mit dieser Angst vor dem vermeintlich Langweiligen laufen wir ständig der globalen Entwicklung mit zwanzig Jahren Verspätung hinterher. Diese Provinzialität ist symptomatisch für das Niveau der Architektur hierzulande und, wie sollte es anders sein, auch das der Politik, zumal der grünen, die ja kein Problem damit hat, Tübingen mit Styropor einzupacken und die wunderbaren Dachlandschaften unserer Dörfer mit Solarpaneelen zu ruinieren, von den Windrädern in einzigartigen, von der Zivilisation bisher verschonten Landschaften – auch im Schwarzwald tauchen sie hinter den Bergrücken auf – ganz zu schweigen.
          Wenn dieses Projekt ein Symbol sein will für eine grüne Politik, die den waghalsigen Beweis antreten will, dass Wirtschaft und Konsum nicht im unauflöslichen Widerspruch stehen müssen zu hehren ökologischen Zielen, dann gute Nacht! Das Elend ist ja nicht dieses exponierte Projekt alleine, ist es doch aus einem Wettbewerb hervorgegangen mit einer vielköpfigen Jury aus hochkarätigen Architektinnen und Politikerinnen. Doch dann steht man vor einem Haufen von „Riegeln“ anstatt vor einem einladenden Haus, das man auf der Postkarte – oder dem Selfie – haben will, um es stolz in alle Welt zu verschicken. Schon zu Eiermanns Zeiten hieß es, der beste Freund der Architektin ist der Knöterich. So wird die Natur es richten und doch noch ein grünes Gebäude daraus machen. Wer so lange nicht warten will, streicht die Schindeln, in RAL 6004. Professor Hans Kollhoff, Berlin

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