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: Leserbriefe vom 6. Januar 2021

  • Aktualisiert am

Im alltäglichen Sprachgebrauch: Lockdown auf dem Vormarsch. Bild: dpa

Mehr Anglizismen +++ Hannah Arendt +++ Katholische Kirche +++ Weihnachtslied

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          Mehr Anglizismen in Corona-Pandemie

          Die F.A.Z.-Redakteurin Maria Wiesner hat in ihrem Artikel „Vom Superspreader zum Lockdown“ (F.A.Z. vom 24. Dezember) dankenswerterweise ein Thema beleuchtet, das breitere Aufmerksamkeit verdient. Die Neologismen-Liste des Mannheimer Leibniz-Instituts zeigt auf, wie sehr die Anglizismen durch die Corona-Pandemie in unserer Alltagssprache zugenommen haben. Dass sich ein Begriff wie „Lockdown“ auch bei uns durchsetzt, ist verständlich, weil die Corona-Krise global grassiert und in der Weltsprache Englisch beschrieben wird.
          Sprach- und Kulturaustausch hat es jahrhundertelang gegeben und war stets befruchtend. Sonst dürften wir auch nicht Wörter gebrauchen wie Friseur, Kostüm, Pathos, Skonto oder Transformator. Ich frage mich jedoch, ob das English-Fever nicht ein Ausmaß erreicht hat, an dem wir vorsichtig werden sollten. Was vor gut vierzig Jahren noch harmlos mit „Walkman“ begann, hatte zur Folge, dass schon 1987 die Gesellschaft für deutsche Sprache im Katalog eines deutschen Versandhauses 8 928 (!) angloamerikanische Wörter feststellte. Der „digitale Kolonialismus der amerikanischen Konzerne“ verstärkt den Drang zu Anglizismen: Youtube, Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft bestimmen inzwischen nicht nur unsere Technik und Wirtschaftsnormen, sondern auch Bildungsinhalte, das Berufsleben und nicht zuletzt die Sprache. Und wir machen mit: BMW, Daimler und die RTWH Aachen entwickeln erfolgreiche Neuerungen, doch die heißen dann efficient dynamics, blue efficiency oder streetscooter. Es gäbe noch viele Beispiele.
          Als Henry Ford vor 110 Jahren sein „assembly belt“ erfand, war es für die Kulturverantwortlichen selbstverständlich, ein deutsches Wort zu suchen; und man erfand den treffenden Begriff Fließband. Warum sind wir heute nicht mehr sprachschöpferisch aktiv, was jahrhundertelang zur Weiterentwicklung der Sprache notwendig und selbstverständlich war? Auch bei ARD und ZDF wimmelt es von Begriffen wie homeschooling, coworking spaces, „WDR-5 das feature“, contact tracing, social distancing, spreading events, racial profiling, life performance, body shaming, „heute-journal up:date“ und viele mehr. Sie können nicht anders, wenn sie Virologen oder Politiker zitieren. Aber einfach nur nachplappern reicht nicht. Haben unsere Öffentlich-Rechtlichen nicht auch einen Bildungsauftrag?
          Wie sieht die deutsche Sprache in dreißig Jahren aus, wenn wir jede Erfindung, jede neue Technik, jedes neue Verfahren, jede Mode, jedes neue Phänomen nur mit englischen Substantiven kennzeichnen? Wäre es einer Kulturnation würdig?
          Sprache hat auch eine wichtige Funktion für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Wenn wir – auch die Politik – zu sehr dieses „modern talking“ praktizieren, dann ist das gegenüber jenen Bevölkerungsteilen, die bei englischen Wörtern Verständnisprobleme haben, unsozial, gerade auch in diesen Corona-Zeiten. Eine solche Sprache schafft Distanz und grenzt aus, nicht nur Ältere. Das positive Beispiel Baden-Württembergs mit dem „Wellenbrecher“-„Hashtag“ sollte Schule machen. Die digitale Welt der Zukunft braucht nicht nur technische Kenntnisse, sie braucht auch Moral, Empathie und Toleranz der kulturellen Vielfalt und der Sprachen. Das zu garantieren gehört auch zur Kulturverantwortung des Staates und der öffentlich-rechtlichen Medien. Werner Jostmeier MdL a. D., Dülmen

           

          Hannah Arendt in Heidelberg

          Völlig zu Recht schließt Patrick Bahners seine Kolumne über Reinhart Koselleck und Hannah Arendt (F.A.Z. vom 23. Dezember) mit der Bemerkung ab, dass ein „Denker wie Koselleck“ an seinem „eigenen Bild“ arbeite, wenn er über auf ihn einwirkende Einflüsse Auskunft erteile. Dass Koselleck 1956 Arendt zu einem Vortrag nach Heidelberg eingeladen hatte, wie er 1996 behauptete, ist jedoch so gut wie ausgeschlossen.
          Er war als Wissenschaftlicher Assistent im Heidelberger Historischen Seminar auf sich allein gestellt, da der Ordinarius, sein Lehrer Johannes Kühn, in den Ruhestand gegangen war und dessen Nachfolger Werner Conze erst im Sommer 1957 nach Heidelberg kam. In der damaligen Universität verfügte er somit über keinerlei Mittel, mit denen er der Philosophin Reise- und Aufenthaltskosten hätte erstatten können.
          Vielleicht meinte Koselleck aber einen Vortrag Arendts, den sie auf der Rückreise vom Eichmann-Prozess in Jerusalem im Juli 1961 in Heidelberg gehalten hat. Es könnte auch sein, dass er die Einladung zu diesem Vortrag anregte, eingeladen wurde Arendt jedoch von Dolf Sternberger, der mit ihr befreundet war. Arendt berichtete in dem Vortrag über die israelischen Kibbuzim, die sie gerade kennengelernt hatte. Sie empfahl diese mit einiger Emphase als Modell für eine Demokratie der Zukunft. Die skeptischen Einwände eines jungen Historikers machte sie in der Diskussion mit einer Heftigkeit nieder, die alles andere als souverän war. Professor Dr. Dr. h. c. Wolfgang Schieder, Göttingen

           

          Die Kirche bietet große Angriffsflächen

          In seinem Leserbrief „Missbrauch ist kein katholisches Phänomen“ (F.A.Z. vom 17. Dezember) beklagt Karl Prinz zu Löwenstein, in der Öffentlichkeit sei der Eindruck entstanden, sexueller Missbrauch an Schutzbefohlenen sei „ein katholisches Phänomen“, und dass es keine vergleichbare Berichterstattung über andere gesellschaftliche Bereiche gebe. Als Beleg hierfür dient der Artikel „Massives Leitungs- und Kontrollversagen“ (F.A.Z. vom 3. Dezember). Nun kann man bei diesem unerfreulichen Thema ohnehin nicht über alle(s) gleichzeitig berichten.
          Dass es vielleicht keine vergleichbare Berichterstattung über andere Institutionen gibt, mag an den hohen Fallzahlen und dem mutmaßlich großen Dunkelfeld in der katholischen Kirche liegen. Es sei daran erinnert, dass der Stein durch den damaligen mutigen Rektor Mertes des katholischen Canisius Kollegs in Berlin bereits vor fast elf Jahren ins Rollen gebracht wurde, ohne dass man – auch im Lichte der jüngsten Vorfälle – den Eindruck gewinnen müsste, dass es der katholischen Kirche in diesem Zeitraum auch nur annähernd gelungen ist, mit der Last dieser, milde gesagt, unrühmlichen Vergangenheit in überzeugender Weise fertig zu werden. Es ist auch nicht richtig, dass andere Institutionen und ihre Bemühungen um eine einschlägige Vergangenheitsbewältigung beziehungsweise deren Unterdrückung in der Medienöffentlichkeit vergessen würden. Aber sie bieten eben auch nicht so viele Angriffsflächen wie die katholische Kirche, die über Jahrhunderte hin ihren Gläubigen eine strikte Sexualmoral gepredigt und hierzu auch eine besondere Sorte Theologie erfunden hat.
          Erst kürzlich war im Fernsehen eine ausführliche Dokumentation über sexuellen Missbrauch im Sport zu sehen; über die Vorfälle in der Odenwaldschule gibt es sogar einen Spielfilm. Was Herr Löwenstein in diesem Zusammenhang mit dem „Berliner Senat“ meint, hätte er vielleicht etwas genauer sagen müssen. Doch auch die ausführlichste Berichterstattung über sexuelle Gewalt in anderen Institutionen kann und könnte die katholische Kirche in ihrer Verantwortung für das, was über Jahrzehnte, wahrscheinlich über Jahrhunderte in ihrem Bereich an sexuellem Missbrauch geschehen und großen Teils erfolgreich vertuscht worden ist, in keiner Weise entlasten. Matthias Weckerling, Bonn

           

          Jesus ist ganz Gott und ganz Mensch

          In seinem Artikel „Das Singen ist uns allen vergangen“ (F.A.Z. vom 24. Dezember) hat Professor Dr. Thomas Kaufmann Luthers bedeutendstes Weihnachtslied nicht nur kirchenhistorisch, sondern auch dogmatisch meisterhaft interpretiert und darüber hinaus der Corona-Pandemie mit dem Begriff der „Kontingenzintoleranz“ eine treffliche Krone aufgesetzt.
          Nur an einem Punkt möchte ich ihm widersprechen: Luther wusste als Bibelübersetzer sehr wohl um die philologischen Feinheiten der Vorgeschichte der Jungfrauengeburt von Jesaja 7,14 über die Septuaginta bis ins Neue Testament. Er scheute sich auch nicht, religionsgeschichtliche Mythen oder kirchliche Heiligenlegenden zu kritisieren, wenn er es theologisch für geboten hielt. Dies ist bei der Geburt Jesu Christi aus der Jungfrau Maria aber nicht der Fall, wie Karl Barth neuzeitlichen Menschen erhellend gezeigt hat (KD I/2, 189ff.; IV/1, 226ff.). Jesus ist nicht wie die antiken Halbgötter (Herkules und andere) ein von einem göttlichen-menschlichen Paar gezeugter und geborener Halbgott, sondern ganz Gott und ganz Mensch in einer Person, wie auch Christen nicht halb gerecht und halb Sünder sind, sondern – lutherisch – beides unverkürzt und ganz. Pfarrer Winfried Krause, Rohrbach

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