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: Leserbriefe vom 4. November 2020

  • Aktualisiert am

In Hannover hat ein Restaurant seine Freifläche abgesperrt. Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Zweite Welle +++ Verschiebung CDU-Parteitag +++ Friedrich Merz +++ Rundfunkmacht +++ Schachkolumne

          5 Min.

          Die persönliche Risikobewertung

          Zu der Leserzuschrift „Ich sehe keine zweite Welle“ von Nadja Rougnon-Glasson (F.A.Z. vom 21. Oktober) und zu den Reaktionen darauf: Mir bereitet dieser Schlagabtausch auch Sorge. Wir müssen diesen Konflikt in unserer Gesellschaft befrieden, dessen Konfliktlinie sich offenbar sogar durch die kultivierte F.A.Z.-Leserschaft zieht, weil er gerade in einer Pandemie nicht hilfreich ist. Natürlich kann man den Eindruck haben, dass die komplexe Faktenlage nicht von allen Zeitgenossen voll erfasst wird. Aber selbst wenn die Informationen bezüglich des Erregers und seiner Auswirkungen wirklich allen Menschen exakt gleich zur Verfügung stünden und verstanden würden, blieben doch trotzdem die individuellen Bewertungen des Risikos – da gibt es nämlich tatsächlich keine sachlichen Kriterien mehr. Viele der Beiträge drücken genau diese „entspanntere“ Sicht auf die Lage aus. Solche individuellen Bewertungen sehen wir bei anderen Themen als akzeptable persönliche Meinungen an. Und es kann ja insbesondere auch keine Bedingungen bezüglich des Wissensstandes für die Äußerung einer Meinung geben. Deshalb, und nur deshalb, fällt die endgültigen Entscheidungen über Verhaltensregeln in der Pandemie ja auch die Politik und nicht Experten. In egal welcher politischen Entscheidung wird dann aber weder die Meinung der sehr Ängstlichen noch die der eher Entspannten voll berücksichtigt – es gibt ja nur eine Entscheidung. So lassen wir die beiden Gruppen an den Rändern des Risikobewertungsspektrums aber zwangsläufig als überstimmt und damit potentiell unzufrieden zurück. Leserin Rougnon-Glasson und die anderen „kritischen“ Zuschriften bewerten einfach das Risiko anders und sind schlicht mit der demokratischen Entscheidung unzufrieden – mehr ist es im Kern nicht. Also, alles halb so wild? Nein, denn es muss im Sinne einer friedlichen Gesellschaft in unser aller Interesse liegen, keine dauerhaften Brüche zu erzeugen. So hilft die gegenseitige Abwertung sicher nicht: Die aktuelle Mehrheit, die für strikte Corona-Maßnahmen ist, sollte die risikofreundlicheren Bürger nicht als Covid-Idioten abqualifizieren. Gleichzeitig ist es aber sicher auch nicht akzeptabel, dass diese den vorsichtigeren Zeitgenossen Panikmache vorwerfen – wir sind bei klarem Verstand, fühlen uns mit der F.A.Z. sachlich informiert und halten die Maßnahmen für angemessen. Statt mit einer nur scheinbaren Sachdebatte die Emotionen hochzukochen, sollten wir das Recht auf die persönliche Risikobewertung betonen. Gleichzeitig müssen wir aber auch klarstellen, dass demokratische Entscheidungen keine Diktatur und trotzdem verbindlich für alle sind. Das eigentlich Besorgniserregende ist doch tatsächlich, dass da bis weit in die Mitte der Gesellschaft einige Prinzipien einer freiheitlichen Demokratie nicht verstanden oder nicht akzeptiert werden. Dr. Hans Martin Ritt, München

           

          Das gute Gefühl, ein Fan zu sein

          Zur Berichterstattung über Friedrich Merz und seiner Kritik an der Verschiebung zur Vertagung des CDU-Parteitages (F.A.Z. vom 27. Oktober): Ja, Friedrich Merz ist anstrengend, ja, die Kritik von Friedrich Merz an der erneuten Verschiebung des Parteitages ist geeignet, die CDU ordentlich durchzuschütteln. Und ja, ich bin ein bekennender Friedrich-Merz-Fan. Aber was ist an alldem das Problem? Ich kann keines erkennen. Dass etwas anstrengend ist, ist doch eher eine Herausforderung als eine Niederlage. Dass die CDU ordentlich durchgeschüttelt wird, tut ihr gut. Und Fan von Friedrich Merz zu sein? Wie gut tut das, mal wieder das Gefühl in dieser CDU zu haben, ein echter Fan sein zu können. Fans sind – weil sie selbst begeistert sind – auch in der Lage, andere zu begeistern. Und das könnte helfen. Norbert Kalker, Osnabrück

           

          Weit entfernt

          Zu den Kommentaren von Berthold Kohler und Jasper von Altenbockum (F.A.Z. vom 27. und 28. Oktober): Wer spaltet denn eigentlich die Partei? Die CDU hat sich unter Angela Merkel so weit von ihrem Markenkern entfernt, dass sie – das zumindest ist positiv – die SPD marginalisiert hat und Merkel locker die Führung der Sozialdemokratie mit hätte übernehmen können. Doch zu welchem Preis? Viele in der Partei, und nicht nur die Wertkonservativen, fühlen sich durch diese Politik nicht mehr vertreten und wünschen sich eine Rückbesinnung mehr hin zu dem ursprünglichen christlich-konservativen Profil. Und letztlich wurde damit auch das Entstehen der AfD zumindest begünstigt. Alfred Knierim, Rotenburg

           

          Ego nicht im Griff

          Friedrich Merz’ Widerspruch gegen eine Verlegung des CDU-Parteitages wegen Corona wirft ein ungünstiges Licht auf ihn. Ehrgeiz und unreflektiertes Ego in der jetzigen Situation so ungebremst von der Leine zu lassen, weil er meint, seine Chancen wären im Frühjahr schlechter, disqualifizieren ihn in meinen Augen weniger als CDU-Vorsitzenden, sondern als möglichen Kanzlerkandidaten. Männer, die ihr Ego nicht im Griff haben, sind in der Politik reichlich vorhanden. Einer wird hoffentlich jetzt abgewählt. Mit Merz als Kanzler, der allen mal zeigen will, was er sonst noch so kann, sind wir wahrscheinlich eher schlechter aufgestellt in Europa. Dr. Walter Müller, Berlin

           

          Hilflos gegenüber der Rundfunkmacht

          Zum Interview mit Bodo Ramelow „Es wird Zeit, in den Netflix-Modus zu schalten“ (F.A.Z. vom 20. Oktober): Im Grunde ist es egal, wen man aus der Wagenburg der Ministerpräsidenten, Medienstaatssekretäre und Rundfunkintendanten interviewt – es sind immer wieder die gleichen Phrasen, die man zu hören bekommt. Die Länder waren mächtig genug, den „staatsfernen“ Rundfunk zu erschaffen und den berühmten „Auftrag“ zu erteilen. Doch dann scheint alle Macht auf den Rundfunk übergegangen zu sein. Die für die Länder charakteristische Hilflosigkeit gegenüber der Rundfunkmacht schimmert auch bei Ramelow durch, wenn er konstatieren muss, dass „die öffentlich-rechtlichen Sender leider nur einen Teil der Aufgaben abgearbeitet haben, die die Länder ihnen aufgetragen haben“. Leider, leider.
          Die Länder sind zwar die Auftraggeber – aber „wir können ihnen die konkrete Umsetzung nicht vorschreiben“. Da liegt der Hase im Pfeffer. Doch es ist naiv zu glauben, dass der teuerste Rundfunk der Welt – und Deutschlands größter Selbstbedienungsladen – durch gutes Zureden zu reformieren ist. O-Ton Ramelow: „Wir erwarten natürlich, dass die Vorschläge der Kef realisiert werden, und wir stellen den Anstalten auch kritische Fragen.“ Wir erwarten, wir stellen kritische Fragen. Und „dass die öffentlich-rechtlichen Sender über eine eigene Pensionsabsicherung verfügen und sich nicht einer Pensionsabsicherung des öffentlichen Dienstes anschließen“, findet Ramelow „falsch“. Aber es passiert nichts. Der Rundfunk verweist, sobald vom Sparen die Rede ist, auf die sagenhafte „Qualität“ seiner Programme (ein Krimi besser als der andere!), die qua Staatsvertrag von ihm gefordert und durch jeden eingesparten Euro im Kern bedroht sei. Mit diesem Trick kann er noch die kritischsten „kritischen Fragen“ in Ruhe aussitzen. Das wissen die Intendanten aus Erfahrung.
          Seltsam ist, wie Ramelow seine Idee, der Rundfunk möge seine „Programmschätze“ auf einer digitalen Plattform „für die Beitragszahler“ zugänglich machen, begründet: Der Rundfunk solle „ihnen so einen Teil des Beitrags gewissermaßen zurückzahlen“. Hat er ein schlechtes Gewissen? Was gibt es da „zurückzuzahlen“? Bekanntlich stellt schon die schiere Existenz des Rundfunks für jeden Bürger einen „individuell zurechenbaren wirtschaftlichen Vorteil“ dar. So steht es jedenfalls seit sieben Jahren in den Urteilen sämtlicher Gerichte. Was der Rundfunk als Zwangsabgabe eintreibt, hat er demnach doch schon längst „zurückgezahlt“ – durch die schlichte Tatsache, dass es ihn gibt. Dr. Wolfgang Rieland, Frankfurt

           

          Was für ein Genuss!

          Zur Schachkolumne in der F.A.Z. vom 23. Oktober: Was für eine besondere Freude, heute früh die zu Papier gebrachten Gedanken von Roswin Finkenzeller zu lesen! Man hat ja so seine besonderen Vorlieben bei den F.A.Z.-Ausgaben in der Woche und weiß schon im Voraus, auf welcher Seite und Spalte sie stehen. Das „Highlight“ jedoch ersehne ich jeden Freitag in der Schachrubrik! Finkenzellers anspruchsvolle Kolumnen viele Male aus den griechisch-römischen Götterwelten, aus den, gerne süffisanten, zwischenmenschlichen Beziehungen oder wie heute speziell den Damen gewidmet, sowohl denen aus Fleisch und Blut als auch denen auf dem Schachbrett. Was für ein Genuss! Jochen Wadsack, Seesen

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