https://www.faz.net/aktuell/politik/briefe-an-die-herausgeber/briefe-an-die-herausgeber-vom-4-august-2021-17467785.html

: Leserbriefe vom 4. August 2021

  • Aktualisiert am

In der Frankfurter Deutschordenskirche wird noch die alte lateinische Messe gefeiert. Bild: Deutschordenskirche

Streit um die alte Messe +++ Streit um die Islamtheologie +++ Macron über Atomversuche

          5 Min.

          Kein Werk des Heiligen Geistes

          Zu dem Artikel „Liturgie-Hammer des Papstes“ in der F.A.Z. vom 28. Juli: Allein wegen dieses Artikels des Freiburger Professors Helmut Hoping lohnt es sich, Ihre Zeitung zu lesen. Vielen Dank dafür! Ich bin in den Fünfzigerjahren katholisch sozialisiert worden, aber im Alter von dreißig Jahren aus Gründen der Ehrlichkeit aus der Kirche ausgetreten, weil ich nicht mehr glauben konnte und wollte, was der katholische Katechismus von 1955 lehrte: „Gott will, dass wir auf die Kirche hören. Wir müssen glauben, was sie glaubt und uns zu glauben lehrt.“ Trotzdem blieb die Kirche meine geistige „Heimat“: Kirchengeschichte, Kirchenarchitektur, Kirchenjahr, Kirchenkunst, Kirchenmusik und vieles andere kann und will ich nicht aus meinem Gedächtnis löschen, genauso wenig wie meine verstorbenen Eltern und Lehrer oder die Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Als Zehnjähriger sah ich auf vielen Seiten des Gesangbuchs den lateinischen und den deutschen Text parallel abgedruckt. Das empfand ich eher als Motivation, Latein zu lernen und den sprachlichen Ausdruck zu vergleichen. Ich fühlte mich keineswegs sprachlich ausgegrenzt. Dass nun ausgerechnet die Kirche ihre eigene Tradition, ihre Kirchensprache, ihre jahrhundertealten Riten, die für Abertausend Menschen in aller Welt eine geistige und emotionale „Heimat“ waren und bleiben, auslöscht und teilweise sogar verbietet, kann logischerweise kein Werk des Heiligen Geistes sein und macht die Kirche noch unglaubwürdiger als die täglich beklagten sexuellen Untaten von Klerikern. Es wäre ja auch absurd, die Weihnachtsbräuche zu verbieten, weil die Weihnachtsgeschichte des Lukas einige historische Unstimmigkeiten aufweist, oder Lieder wie „Stille Nacht” oder „Kommet, ihr Hirten” aus dem Gesangbuch zu tilgen, weil sie aus einem unaufgeklärten Dorfmilieu stammen. Ähnlich ist es mit der lateinischen Liturgie, die zusammen mit der Gregorianik und den Vertonungen der bedeutendsten Komponisten aller Zeiten einen unermesslichen kulturellen Schatz darstellt und die emotionale Seite von Millionen Menschen geprägt hat. All diese Leute nun als Traditionalisten zu verspotten oder gar zu verurteilen ist eine unglaubliche Verletzung der Gefühle.

          Dass das Schreiben des Papstes mit den lateinischen Worten „Traditionis custodes“ beginnt und die heutigen Bischöfe als „Hüter der Tradition“ bezeichnet, ist ein paradoxes Kuriosum. Der Text wurde zunächst nur englisch, deutsch, italienisch und spanisch bekannt und nicht in lateinischer Sprache publiziert, die Papst Johannes XXIII., der das 2. Vatikanische Konzil einberief, ausdrücklich als „die lebendige Sprache der Kirche” bezeichnete und aktiv gefördert wissen wollte. Für den historisch und philologisch gebildeten Zeitgenossen ist es befremdlich, dass oft pauschal behauptet wird, dass das Zweite Vatikanische Konzil die lateinische Sprache der Liturgie „abschaffen“ wollte. Als ehemaliger Lateinlehrer und -professor bin ich gewohnt, Texte genau zu lesen. Im Artikel 54 der Kon­stitution über die Liturgie heißt es ausdrücklich: „Es soll jedoch Vorsorge getroffen werden, dass die Christgläubigen die ihnen zukommenden Teile des Mess-Ordinarius auch lateinisch miteinander sprechen oder singen können.“ Wer aber sorgt heute dafür außer den diskriminierten „Traditionalisten“? Die schrittweise Eliminierung der lateinischen Sprache aus den Riten ist nicht durch das Konzil gefordert, sondern von anderen Kräften nach dem Konzil bewerkstelligt worden. Ob der jetzige Papst noch Latein kann, weiß ich nicht, aber als Zeitungsleser und Fernsehzuschauer merke ich, dass er vom Latein sehr wenig Gebrauch macht. Schon bei seiner ersten Ansprache merkte man, dass er nicht singen kann oder will, schon gar nicht lateinisch. Auf Franziskus trifft offenbar das ironische Sprichwort zu: „Jesuita non cantat“, ganz anders als die Päpste vor ihm, die trotz ihres hohen Alters und gebrechlicher Stimme mutig und öffentlich lateinisch gesungen haben. Was früher auch für viele nichtkatholische Hörer und Zuschauer ein besonderes Ereignis war, der Segen Urbi et orbi, ist heute rituell ausgedünnt und jeder musikalischen Schönheit beraubt. Der Papst wünscht wie jeder Nachbar oder Kollege „Buon giorno“ und meint damit, dem (un-)gläubigen Volk besonders nahe zu kommen. Professor Andreas Fritsch, Berlin

           

          Kulturelle Kampfplätze

          Zum Artikel „Schiefe Konstrukte“ von Thomas Thiel (F.A.Z. vom 21. Juli): Die Seite Forschung und Lehre (N 4) wird immer wichtiger, weil hier die Probleme thematisiert werden, die unsere Universitäten zu kulturellen Kampfplätzen werden lassen. So scheint sich die Imam-Ausbildung in einem verminten Streifen zwischen den Erwartungen des liberalen Verfassungsstaates und dem Störfeuer der konservativen Islamverbände zu bewegen. Im Artikel wird Bülent Ucar erwähnt, prominenter Vertreter des Faches Islamunterricht. Im Aufsatz „Zur Beheimatung des Islam (. . .) in Deutschland“ schreibt er zur Scharia: „Gerade hier gehen Glaube und islamisches Recht ganz natürlich miteinander konform. Dennoch versuchen gegenwärtig zahlreiche muslimische Gelehrte, die staatliche Rechtssetzung von religiösen Normen zu befreien, mit der Begründung, diese Normen hätten ihren Geltungsanspruch ausschließlich auf persönlicher, privater Ebene (. . .). Die Trennung in ‚religiös‘ und ‚weltlich‘ gibt es als solche im Islam nicht. Jede weltliche Handlung mit ihr innewohnender religiöser Intention bekommt im Islam einen religiösen Eigenwert. Staat und Religion, beziehungsweise Welt und Religion, gelten seit jeher (. . .) als ‚Zwillingsbrüder‘.“ Auch wenn Ucar weiter im Text für ein Gleichgewicht der beiden Sphären eintritt, so bleibt es doch bei der Verquickung von Recht, Staat und Religion – und somit bei dem Kernproblem, das der Islam mit sich, der Aufklärung und der westlichen Freiheit hat. Bei aller Nachsicht für ein Lavieren zwischen den Fronten: Probleme dieser Art dürfen nicht in die Schulen hineingetragen werden! Josef Hollas, Giessen

           

          5000 Betroffene

          Der Artikel „Macron: Atomtests waren alles andere als sauber“ in der F.A.Z. vom 29. Juli leidet darunter, dass nicht klar ist, was Macron wirklich gesagt hat und welche alten Behauptungen eingebracht worden sind. Leider hat die Autorin sich nicht mit der Studie einer internationalen Expertengruppe unter der Leitung der IAEA (International Atomic Energy Agency) in Wien zu den radiologischen Effekten aus den Waffentests auf Mururoa und Fangataufa befasst. Der Hauptbericht der Studie ist von der IAEA-Website herunterladbar. Aus dieser Studie geht hervor, dass nicht „schätzungsweise 110 000 Menschen von den Spätfolgen . . . betroffen sind“, sondern etwa 5000, und zwar auf Gambier Island, dem Tureia-Atoll und Tahiti, weil der „Fallout“ bei fünf atmosphärischen Tests durch ungünstige Winde auf diese Inseln getrieben worden ist. Der Rest der Atolle hatte Strahlenexpositionen, wie sie im Pazifik üblich waren. Von daher hat es auch die nicht weiter qualifizierten „verheerenden Folgen für die Menschen und die Umwelt“ nicht gegeben. Auch „147 Versuche unter Wasser in den Lagunenriffen“ hat es nicht gegeben. Die angesprochenen Versuche sind unter der Lagune im Vulkangestein durchgeführt worden. Im Rahmen der oben genannten internationalen Studie sind auch Proben aus den Explosionskammern und aus der Umgebung dieser Kammern genommen und von unabhängigen Labors untersucht worden. Die von Frankreich angegebenen sehr niedrigen Radionuklidgehalte in diesen Wässern wurden bestätigt. Zusammenfassend kommt die Studie zum Ergebnis, dass es bei den festgestellten niedrigen Strahlendosen zu keiner Änderung der Krebshäufigkeit kommen wird, dass aus Strahlenschutzgründen keine Sanierungsmaßnahmen nötig sind, dass aus Strahlenschutzgründen keine Umweltüberwachung nötig ist, dass die vorhergesagten Dosis-Belastungen so niedrig sind, dass selbst große Fehlermargen die Schlussfolgerungen der Studie nicht berühren können. Auf die Details der geleisteten Arbeit kann ich in diesem kurzen Leserbrief nicht eingehen und verweise alle Interessierten auf den Inhalt der Studie. Noch eine persönliche Bemerkung: Ich war an der Studie beteiligt und bin auf Mururoa und Fangataufa gewesen, um Proben aus den Explosionskammern und deren Umgebung zu nehmen. Ernst Warnecke, Langenzersdorf, Österreich

          Topmeldungen

          Die EU-Länder haben sich vorgenommen, ihren Gasverbrauch um mindestens 15 Prozent zum Frühling zu reduzieren.

          Standpunkt : Wo ist die Energiestrategie gegenüber Russland?

          Es ist, als spielte Europa Schach mit bereits festgelegten Zügen, unfähig, auf Russlands Vorgehen zu reagieren. Dabei gibt es die Möglichkeit, das Heft des Handelns zu übernehmen. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.