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: Leserbriefe vom 31. Dezember 2020

  • Aktualisiert am

In der Kathedrale von Nizza wurden Ende Oktober 2020 drei Personen von einem Islamisten ermordet, Bild: dpa

Gott in Frankreich +++ BDS-Debatte +++ Ostdeutsche und ihr Gefühl der Benachteiligung +++ Genderwahnsinn +++ Blick in die Literatur +++ Unsachlicher Zynismus

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          Die Antwort könnte uns Hegel geben

          Großartig dieser Leitartikel von Michaela Wiegel zu Frankreich und dem Staatsdogma Laizität („Freiheit, Gleichheit, Religionsfeindlichkeit“, F.A.Z. vom 19. Dezember), mit seiner klaren und eindeutigen Aussage, dass „eine Entkrampfung des Verhältnisses von Staat und Religion in Frankreich nicht in Sicht ist“, zumal auch die geplante „Laizitätscharta“ wohl nicht dazu beitragen wird, die Identifikation von Muslimen mit der Französischen Republik zu erleichtern. In der Tat wirken der alljährlich neue Streit in Frankreich darüber, ob Weihnachtskrippen und so weiter an und vor Rathäusern etwas zu suchen haben oder nicht, und der geschilderte Versuch eines Bürgermeisters, die Krippe mit einem Rollwagen zu versehen, um sie nötigenfalls beiseiteschieben zu können, in deutschen Augen zunächst mehr als lächerlich. Aber warum sehen wir das Problem in Deutschland grundlegend anders? Und warum wäre ein aufkeimender Spott über den Nachbarn doch eher unangebracht? Die Antwort könnte uns – neben den historisch-politischen Umständen – vor allem der große Philosoph Hegel geben, dessen 250.Geburtstag ja in diesem Jahr 2020 gefeiert worden ist. Nach seiner Dialektik erklärt sich der Fortschritt aller Geschichte daraus, dass aus der Kontoverse von These und Antithese ein neues Drittes, die Synthese, sich entwickelt, in der die früheren Gegensätze versöhnt und aufgehoben sind. Die traditionell ererbte These der Volksfrömmigkeit wurde in der Französischen Revolution der Antithese der Vernunftgläubigkeit gegenübergestellt und mit der Parole von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit dem Volk als neue, höherwertige Synthese, also die „Laizität“, verkauft. Ein folgenschwerer Irrtum, dem man in Deutschland (und den meisten Ländern der Welt) nicht gefolgt ist, weil wir die angebliche Synthese eben gar nicht sehen und daher mit einem Kompromiss zwischen den oft unversöhnlichen Gegensätzen von These und Antithese zu leben gelernt haben. Darüber hinaus kann etwa in Bayern dieser Kompromiss, den man wohl ins Französische am besten mit „cohabitation“ übersetzen müsste, auch noch lokal ausgestaltet werden.

          Aber der Leitartikel von Michaela Weigel birgt – langfristig – noch viel mehr Sprengstoff, weil hier von einer ausgewiesenen Kennerin französischer Befindlichkeiten speziell der Kern des französischen Hauptstadt- und Regierungsdenkens in Frage gestellt wird. Denn es wagt ja noch keiner an dem Staatsdogma von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ zu rütteln, das der Nation und der ganzen Welt doch den triumphalen Weg in eine Zukunft weisen soll. Um aber beim Konkreten zu bleiben: Stieß ich doch selbst im Zuge meiner Ahnen- und Familiengeschichte erst am Arc de Triomphe in Paris zum Beispiel auf den unter 137 militärischen Siegen Napoleons eingravierten Namen Heilsberg (1807), einer Schlacht, an der auch mein direkter Vorfahr auf preußischer Seite teilnahm. Denn der dreißig Jahre nach dem Tode Napoleons errichtete pompöse Triumphbogen verkörpert ja nur die halbe Wahrheit, weil nämlich die überholte Staatsideologie Napoleons damals schon nostalgisch außer Diskussion stand, da er ja bei den – im Monument natürlich nicht erwähnten Orten – Trafalgar, Leipzig und Waterloo eben keinen Triumph, sondern seinen wohlverdienten Gesamtzusammenbruch erlitten hatte. Dennoch scheint selbst heute die französische Staatsideologie der sogenannten Laizität immer noch ein gefährlicher Streitpunkt zu bleiben, nicht nur im Streit zwischen „La France Métropolitaine“ und der ländlichen „La France Douce“, und heutzutage besonders gegenüber den Einwanderern; sondern gerade auch im sogenannten dritten Frankreich, der France d’outre-mer. Denn wie will selbst eine 5000 Mann starke laizistische Interventionsarmee eines „ungläubigen“ Staates (mit dem Staatsdogma Freiheit, Gleichheit, Religionsfeindlichkeit, wie im Titel des Leitartikels) einen Bürgerkrieg in einem Staat gewinnen wie etwa Mali, das schon seit seiner Gründung im Staatswappen („Un peuple, un but, une foi“; „Ein Volk, ein Ziel, ein Glaube“) den einheitlichen Islam als Staatsziel formuliert hat? Nur Augen zu und durch, im Ausland wie auch im Inland? Dr. Gerhard Metschies, Liederbach

           

          Gegen die Politik des Staates Israel

          Zu den Artikeln zur Kontroverse über die Israel-Boykott-Bewegung BDS (zuletzt F.A.Z. vom 24. Dezember): Ein Grund für die Heftigkeit der Kontroversen über BDS, Antisemitismus und Israel liegt in der mangelnden Klarheit über grundlegende Sachverhalte. Israel ist ein weithin anerkannter Staat und hat als solcher wie alle anderen ein selbstverständliches Recht darauf, in Sicherheit zu leben. Israel ist aber auch ein besonderer Staat, denn er ist aus einem Zufluchtsort für diskriminierte oder verfolgte Juden und für Überlebende des Holocaust entstanden beziehungsweise dazu geworden; außerdem ein Staat, der aus einem Siedlungskolonialismus hervorgegangen ist und der bislang nicht erkennen lässt, ob und wann er sein Kolonisationsprojekt abschließen will. Aus diesen drei Sachverhalten ergeben sich nicht nur eine Polarisierung in der Debatte, in der der dritte Punkt häufig unterschlagen wird, sondern auch objektiv widersprüchliche Konsequenzen oder Anforderungen. Eine mögliche Konsequenz aus diesen Widersprüchen wäre, die Legitimität des Anspruchs der jüdischen Nationalbewegung auf einen eigenen Staat auf die Grenzen von 1949 zu beschränken – immer noch eine ernst zu nehmende Position, auch wenn sie unrealistisch geworden ist. Unabhängig von allen berechtigten Einwänden bleibt der Vergleich des BDS-Boykotts mit dem Boykott der Nazis analytisch unseriös. Bei BDS geht es nicht um eine Kampagne, nicht bei Juden zu kaufen, sondern um eine Kampagne gegen die Politik des Staates Israel gegenüber den Palästinensern. Der Vergleich ist letztlich sogar demagogisch, weil er den hochbewaffneten Staat Israel, der wiederholt gezeigt hat, dass er sich zu wehren weiß, mit einer im Verhältnis zur herrschenden Mehrheitsgesellschaft kleinen, unbewaffneten, völlig unschuldigen, politisch kaum noch handlungsfähigen, also alles in allem wehrlosen Gruppe von Juden in Deutschland gleichsetzt, die gegen die immer gewaltsamere Ausgrenzung durch eine diktatorische Gewaltherrschaft unterstützt von breiten Massen der Bevölkerung nicht den Hauch einer Chance hatte.

          Auch das Argument, die Anerkennung eines Rückkehrrechts für die palästinensischen Flüchtlinge komme einer Verneinung des Existenzrechts Israels gleich, ist fragwürdig. So hat die palästinensische Seite in allen großen Nahost-Friedensverhandlungen auf der Anerkennung dieses Rechts bestanden, das im Übrigen bis heute durch UN-Resolutionen gedeckt ist. Die konkrete Umsetzung dieser Forderung wäre immer Gegenstand von Verhandlungen, wozu es bislang nur in allerersten Ansätzen gekommen ist. Auch BDS postuliert keineswegs, dass die einzig mögliche Umsetzung des Rückkehrrechts durch die tatsächliche Rückkehr aller Flüchtlinge erfolgen müsste. Die heute allgemein übliche breite Definition von Antisemitismus, die die Infragestellung des Staates Israel einbezieht, ist einmal deshalb fragwürdig, weil sie keine klare Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus zieht. Kenneth S. Stern, einer der Mitbegründer der breiten Definition, hält heute diese Ausweitung für einen großen Fehler, weil sie – so seine eigenen Erfahrungen an amerikanischen Hochschulen – zur Vergiftung der Debatte führe. Eine Konsequenz aus der breiten Definition, so Stern selbstkritisch, wäre zum Beispiel, dass man dann auch die Verneinung des Existenzrechts eines palästinensischen Staates – immerhin die Position maßgeblicher israelischer Regierungsparteien – ähnlich charakterisieren müsste, also als antimuslimischen Rassismus. Historisch war die Mehrheit der Juden keineswegs zionistisch; viele waren sogar entschiedene Gegner des Zionismus, ohne deshalb Antisemiten zu sein. Auch nach der Staatsgründung blieben große Teile der jüdischen Orthodoxie antizionistisch. Gewiss sind viele Gegner des Staates Israel auch Antisemiten, aber keineswegs alle. Andererseits finden sich auch unter vielen Befürwortern Israels Antisemiten. Es empfiehlt sich also, und wieder sowohl aus analytischen als auch aus politisch-praktischen Gründen, sorgfältiger zwischen antisemitischen und antiisraelischen Einstellungen zu unterscheiden. Professor Dr. Gert Krell, Hofheim

           

          Fern von Fakten

          Je länger die Wende vorbei ist, desto emotionaler und ferner von Fakten wird sie interpretiert. Da ist der ausführliche, aufklärende, auf Tatsachen beruhende Artikel von Richard Schröder „Der Schock“ (F.A.Z. vom 28. Dezember) ein „Highlight“, das überall veröffentlicht werden müsste! Leider sind den Zeitungen nicht alle Artikel genehm, wie der Lektüre von Birk Meinhardts Buch „Wie ich meine Zeitung verlor“ zu entnehmen ist. Haide Pomutz, Maintal

           

          Mit Genderstern

          Ich lese die F.A.Z. seit circa dreißig Jahren, und zwar gerne. Ich bin auch immer erfreut über Ihre „Verteidigung“ der deutschen Sprache und die Leserbriefe in den vergangenen Wochen, die sich kritisch mit dem „Genderwahnsinn“ in den Medien, ob im öffentlich-rechtlichen Rundfunk/TV oder in einigen Printmedien, auseinandersetzen. Ich frage mich, wer denen eigentlich „befohlen“ hat, die deutsche Sprache so zu verunstalten. Mir ist kein anderes Land bekannt, wo es diese Sprachmanipulation gibt. Ganz abgesehen davon, dass es ja in der LGBTQ-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer) Leute geben müsste, die ihre Minderheit durch diese Schreibweise mit dem Genderstern immer noch nicht gebührend berücksichtigt fühlen könnten. Darüber sollte die Gleichstellungsbeauftragte des ZDF mal nachdenken. Wir haben, abgesehen von Corona, ganz andere Probleme in der Gesellschaft. Ich hoffe, dass Ihre Zeitung standhaft bleibt. Aber an dem Tag, an dem ich in der F.A.Z. solchen Schwachsinn lesen muss, werde ich mein Abonnement kündigen. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk/TV geht das leider nicht. Christoph Breuer, Bad Kreuznach

           

          Wording

          Zum Leserbrief „Alternativlos generisch?“ (F.A.Z. vom 16. Dezember): Mit großem Gestus zieht die Kommunikationsberaterin Sibylle Appel in ihrem Leserbrief gegen das generische Maskulinum zu Felde, jenem „Wording“, das allenfalls eine „vermeintlich wissenschaftliche Ausdrucksweise“ darstelle. Das heißt, eigentlich handelt es sich hier um einen Menschen-die-lesen-Brief, denn in der Logik ihrer Argumentation kann dort, wo im Plural grammatisch „männlich“ draufsteht, ausschließlich biologisch Männliches drin sein. Und das führe klarerweise zur sozialen Nachrangigkeit von Frauen und dem Mit-Meinen der Hälfte der Bevölkerung. Nun gesteht sie selbst richtigerweise zu, dass es auch ein generisches Femininum gibt. Wohlan denn: In der deutschen Sprache sind alle, ausnahmslos alle Personal- und Possessivpronomina im Plural feminin, es steht „weiblich“ drauf und meint alles männliche (und sächliche) bloß mit. Wollen wir also tauschen? Der Professorinnen und Studentinnen sind an der Uni; der einen schreiben seine Bücher und Aufsätze, der anderen lesen ihn in seinem Unterricht. Sind Er einverstanden? Dr. Rainer Brunner, Freiburg i. Br.

           

          Befindlichkeiten

          Zur Leserzuschrift „Auch die Antwort darf kein Tabu sein“ (F.A.Z. vom 19. Dezember) zum Beitrag von Gerhard Kurz „Wer bist du? Woher kommst du? Was machst du?“ (F.A.Z. vom 30. November): Während meines, schon etliche Jahre zurückliegenden England-Aufenthalts wurde mir oft die Frage gestellt: „Where’re you from?“ Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass sie nicht aus Interesse an meiner Person gestellt wurde, sondern dass sie beleidigend rassistisch ist. Für diesen Hinweis sei der F.A.Z. und Herrn Dr. Osman Sacarcelik mit seiner Leserzuschrift Dank. Wenn es aber bei einer schlichten Äußerung auf die objektivierte Sicht des Empfängers ankommt, ist die Frage doch eindeutig aus Interesse an einer Person gestellt. Eine andere Deutung der Frage ist rein subjektiv. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit werden solche subjektiven Befindlichkeiten offenbar. Mit Rücksicht auf unsere animosen Mitbürger wird gelegentlich nicht mehr Weihnachten gefeiert, sondern ein Jahresabschlussfest, und der Wunsch „frohe Weihnachten“ wird zu „Season’s Greetings“. Nach internationalem Seerecht hat jedes seegehende Schiff eine Flagge (Nationale) zu führen. Diese Flagge gibt Auskunft über den Heimathafen des Schiffes. Ist das berechtigtes Interesse oder bereits eine Beleidigung? Walter Pommeränke, Frankfurt am Main

           

          Treffend

          Zum Leserbrief „Unerlaubter Zynismus“ (F.A.Z. vom 24. Dezember): Professor Gottsteins letzter Satz: „Herr Kohler möge sich entschuldigen“ zeigt anschaulich, dass selbst überdurchschnittlich Gebildete nicht zu wissen scheinen, dass man sich nicht selbst entschuldigen, sondern lediglich den „Beschwerten“ um Entschuldigung bitten kann. Allein dem Gebetenen obliegt die Entscheidung, ob er der Bitte um Entschuldigung folgt oder nicht. Unabhängig davon: Herr Kohler hat mir mit seinem Kommentar („Nach links“, F.A.Z. vom 17. Dezember) wieder einmal aus dem Herzen gesprochen – klar, deutlich, schnörkellos und treffend. Martin Hill, Hamburg

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