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: Leserbriefe vom 29. September 2020

  • Aktualisiert am

Das türkische Forschungsschiff „Oruc Reis“ wird bei seiner Erkundung möglicher Erdgasvorkommen am 6. August von Kriegsschiffen begleitet Bild: Reuters

Krise im Mittelmeer +++ Evangelisch und Katholisch +++ Anschlag Rohwedder +++ Polarisierung der Gesellschaft

          5 Min.

          Versöhnung von Griechen und Türken

          Zu den Berichten über die Krise im Mittelmeer: Die Krise zwischen Griechenland und der Türkei spitzt sich in einer Zeit zu, in der Griechenland sich anschickt, ein Datum groß zu feiern: Am 25. März 2021 jährt sich zum 200. Mal die Erhebung der Griechen gegen die osmanische Besatzung. Der 25. März 1821 markiert den Beginn der Herausbildung des neuzeitlichen griechischen Nationalstaates, der mit dem Vertrag von Lausanne 1923 seine heutige territoriale Gestalt angenommen hat, wobei die Ägäis zum Mare Nostrum der Griechen wurde.
          Dass dies den Türken immer noch ein Dorn im Auge ist, kann man verstehen. Erdogans Aktionen mit der Hagia Sophia und dem Chora-Kloster in Konstantinopel spielen auf dieses Jubiläum an und natürlich auf Lausanne: Die Griechen sollen nicht vergessen, wer am 29. Mai 1453 gesiegt hat und immer noch da ist. Doch sollten die Griechen auch nicht vergessen, dass die „Katastrophe“ von 1923 auch das Ergebnis ihrer Eroberungspolitik in Kleinasien unter der wahnhaften Doktrin der „Megali Idea“ gewesen ist, die der „Hasardeur“ Eleftherios Venizelos vom Zaun gebrochen hatte. Ohne die vorausgegangenen Pogrome der Osmanen/Türken gegen die Armenier und Griechen rechtfertigen zu wollen, kann man den Türken schließlich nicht vorwerfen, sich gewehrt und schließlich gesiegt zu haben. Venizelos ist verantwortlich für die massenhafte Expatriierung der Griechen aus dem Pontos („Die letzten Byzantiner“), aus der Westküste Kleinasiens und aus Konstantinopel – das heißt den Verlust eines Gebietes, das Heimat gewesen ist für die griechisch-byzantinische und vor allem christliche Kultur seit der Zeit Konstantins. Von den Toten ganz zu schweigen. Das wurde den Flüchtlingen auch noch als Rückkehr in die „Heimat“ Hellas verkauft: ein Betrug historischen Ausmaßes.
          Venizelos und seine politische Ideologie der „hellenischen Nation“ haben der griechischen Sprache und Kultur endgültig ihren Resonanzraum im östlichen Mittelmeer, im Schwarzen Meer und im Kaukasus geraubt und ein nationales Klein-Griechenland auf niedrigem zivilisatorischen und kulturellen Niveau konstruiert. Das nationale Hellas nach 1923 hat dem ökumenischen Charakter der griechischen Sprache und Kultur, die seit der Zeit des Hellenismus im lebendigen Austausch in alle Richtungen bestand, endgültig den Garaus gemacht. Und was hat man gewonnen? Thessaloniki beispielsweise war über Jahrhunderte eine multikulturelle, multiethnische und multireligiöse Stadt mit weiter Ausstrahlung. Nach ihrer „Hellenisierung“ wurde sie zu einer eindimensionalen Ansammlung von Bauten. Ein Zustand, der bis heute anhält.
          Eine kritische Revision der Politik, Ideologie und der Person Venizelos’, der in Griechenland als Nationalheld gilt, ist dringend geboten. Allerdings bietet die derzeitige Zuspitzung mit der Türkei auch die Chance, den epochalen Fehler, unter dem Griechenland noch heute leidet, zu bereinigen: die Konstruktion des neuzeitlichen Griechenlands im 19. Jahrhundert als einer Art Nachfolgestaat des antiken Hellas mitsamt der Bevölkerung („Die erträumte Nation“). Doch sind die heutigen „physischen“ Griechen historisch Byzantiner, ab der mittleren Periode fassbar, die griechisch sprachen und (orthodoxe) Christen waren. So können sie ihren Blick getrost abwenden von der Akropolis, die ihnen nicht gehört, und sich der kulturellen Hinterlassenschaft ihrer byzantinischen Vergangenheit zuwenden.
          Zu dieser Vergangenheit gehören unabänderlich auch die Türken – wie auch die Armenier –, woran sich gerade die Türken dringend wieder erinnern sollten. Man hat über ein halbes Jahrtausend zusammengelebt. Auf dieser Grundlage können die Griechen (zusammen mit den Zyprioten) jetzt „den Spieß umdrehen“ und den Türken die gemeinsame Nutzung der Ägäis und des östlichen Mittelmeers anbieten und als Gegenleistung die Libertas ecclesiae für das Christentum und den freien Zugang zu ihrer kulturellen Hinterlassenschaft auf dem Gebiet der heutigen Türkei einfordern. Die derzeitige Situation läuft nicht zwangsläufig auf die Sackgasse der Konfrontation und Aufrüstung zu, sondern bietet die Chance zu Ausgleich und Aussöhnung. Denn: Die Wiedergewinnung des kulturellen Erbes der alten Heimat Byzanz, dem die heutigen Griechen entstammen, wiegt mehr als alles Öl und Gas, das unter dem Meeresboden der Ägäis schlummern mag. Dr. Georgios Zigriadis, München

           

          Alleinvertretungsanspruch

          Zum Leserbrief des emeritierten Bischofs Heinz Josef Algermissen (Fulda) in der F.A.Z. vom 25. September 2020: Der Bezugstext macht sehr traurig. Am Arbeitsplatz, in der Schule (weitgehend), in den Mischehen, also im Alltag, gibt es das Trennende für Christen beider Kirchen zwischen Evangelisch und Katholisch fühlbar seit Jahren nicht (mehr). Aber kommt es auf das gemeinsame Abendmahl (hier Ökumenischer Kirchentag 2021) an, so wird es fundamentalistisch, und zwar ausschließlich von katholischer Amtskirchenseite. Da ist plötzlich der Alleinvertretungsanspruch, die Hallstein-Doktrin, im Spiel. Nur katholisch ist Kirche, sonst nicht. Wenn ihr nicht katholisch werdet, so gibt es keine Gemeinschaft.
          Was für ein armseliges Gottesbild ist Basis dieser Auffassung? Das sei allen Christen guten Willens ans Herz gelegt, vor allem den Frauen. Von den Hunderten von Jahren Fundamentalismus wird die katholische Amtskirche nicht abrücken. Insofern sei der Ehrlichkeit dieses Leserbriefs gedankt. Ist auch der Synodale Weg nur ein Hinhaltemanöver, um vor allem die katholischen Frauen einzulullen? Mein Rat wäre: Wenn ihr nicht evangelisch werden möchtet oder könnt, weil ihr eure Kirche liebt, so macht euch doch von ihr (innerlich) unabhängig. Alle, die selbständig und verantwortlich denken können, können auch eigenständig handeln. Man braucht keine Absolution und Erlaubnis der Kirche, wenn man am evangelischen Abendmahl teilnimmt. Da trägt man selbst die Verantwortung.
          Dr. Ernst-August Heinemeyer, Aurich

           

          Es war die RAF

          Zu „Drei Schüsse im April. 1991 wurde der Chef der Treuhand, Detlev Karsten Rohwedder, ermordet. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt. Netflix macht daraus eine große True-Crime-Story“ (F.A.Z. vom 24. September): So viele Hypothesen und Varianten man auch zur Täterschaft am Anschlag Rohwedder durchspielt – alle scheitern an der Dogmatik der RAF. Wäre das für Experten ohne Zweifel authentische Bekennerschreiben der RAF nicht von ihr verfasst worden, hätte sie dies auf jeden Fall dementiert. Die RAF ließ sich keine Taten unterschieben, für die sie nicht verantwortlich war. So wären andere Täter ganz schnell aufgeflogen, wenn sie sich zur Ablenkung einer Fake-Bekennung unter dem Stern der RAF bedient hätten. Der Mord an Rohwedder wurde zweifelsfrei von der terroristischen Vereinigung Rote Armee Fraktion begangen. Viele Jahre später hat dies eine DNA-Analyse bestätigt. Im Übrigen hat das Bundeskriminalamt schon vor dem Anschlag in seiner Gefährdungsanalyse auf Rohwedder als damals einziges noch plausibles Opfer der RAF hingewiesen. Die volle Verantwortung für seinen Schutz lag beim Land Nordrhein-Westfalen beziehungsweise beim Polizeipräsidenten von Düsseldorf. Rainer Hofmeyer, zur Zeit des Anschlags Rohwedder Abteilungsleiter Terrorismusbekämpfung im BKA, Wiesbaden

           

           

          Polarisierung der Gesellschaft

          Ich lasse mir immer gern meine sorgsam gepflegten Vorurteile über Soziologen und ihre Arbeit bestätigen, also las ich den Artikel „Was uns vereint. Der Soziologentag versucht herauszufinden, wie gespalten die Gesellschaft tatsächlich ist“ von Wolfgang Krischke über den Soziologentag (F.A.Z. vom 23. September). Ich wurde mehr als fündig: Fabian Beckmann und Anna-Lena Schönauer haben in einer aufwendigen Untersuchung, die auf einer Befragungsbasis von immerhin 1099 Personen beruht, herausgefunden: Die allermeisten Deutschen sind für soziale Gerechtigkeit, für die Bekämpfung der Corona-Pandemie und die Verstärkung des Klimaschutzes. Außerdem sind die Deutschen in der Frage der Zuwanderung gespalten. Der Berg kreißte und gebar ein Mäuschen. Das Ergebnis ist vorhersehbar schlicht. Aber das hält die Soziologen nicht davon ab, eine abenteuerliche Interpretation vorzunehmen. Sie lautet: Eigentlich sei es unangebracht, von einer generellen Polarisierung der Gesellschaft zu sprechen bei so viel Gemeinsamkeit.
          Die Autoren erfassen nicht, dass das Polarisierungsproblem in Deutschland weniger ein inhaltliches ist als vielmehr eines des vergifteten Umgangs miteinander. Die Polarisierung ist Ergebnis moralischer Überspanntheiten vor allem von Kreisen, die hinter allem und jedem Sexismus, Rassismus, Diskriminierung oder Nazismus wittern und entsprechende Empörungswellen lostreten. Jüngste Beispiele müssen wohl nicht genannt werden. Was bewegt Soziologen dazu, beim Thema Polarisierung der Gesellschaft diese Bereiche auszublenden? Rudolf Wedekind, Hamburg

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