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Briefe : Leserbriefe vom 29. November 2021

  • Aktualisiert am

Komplexes System: Blick durch ein Atommodell im Chemieunterricht eines Gymnasiums in Frankfurt/Oder Bild: dpa

Für eine bessere Schule +++ Kampf gegen die Pandemie +++ Umfrage der Körber-Stiftung +++ Pendlerpauschale

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          Eine Supervision findet nicht statt

          Zu den „Bildungswelten“ in der F.A.Z. vom 25. November: Die Autoren legen kompetent die Rahmenbedingungen für das Lernen in Deutschland dar, hinterfragen aber nicht den üblichen Ansatz, der seit 60 Jahren die deutsche Bildungsdiskussion bestimmt, nach dem unser Bildungssystem grundlegend reformiert werden muss, da es so, wie es ist, schlecht ist. Daraus entstehende Reformvorschläge werden wieder über die Köpfe der Menschen hinweggehen, die in der Schule arbeiten. Sie erhöhen die Frustration aller Beteiligten. Erfreulich ist immerhin, dass seit etwa 20 Jahren „guter Unterricht“ als relevant akzeptiert wird. Stefan Kühls Diktum vom Unterricht als Blackbox ist richtig, aber er zieht daraus keine Konsequenzen. Lehrer sind Einzelkämpfer und werden in der Regel zum letzten Mal bei ihrer Verbeamtung im Unterricht besucht. Eine regelmäßige Begleitung und pflichtgemäße Supervision findet nicht statt. Nur wenige Schulleiter kennen den Unterricht ihrer Lehrkräfte. Auch kollegiale Supervision ist nicht institutionalisiert. Und die Kunden (Schüler und Eltern) haben keine systemischen Möglichkeiten eines Feedbacks, wie es dieses inzwischen für Studierende gibt. Die vielen engagierten Lehrer würden wertgeschätzt und die Bequemen nicht in Ruhe gelassen. Hier könnten die Kultusministerien ohne große institutionelle Reformen wirksam etwas ändern. Kristina Huttenlocher, Schulleiterin i. R., Oberursel

           

          Zum Schutz aller vor Corona

          Es hat lange gedauert, bis das Thema Impfpflicht den Weg in den politischen Diskurs gefunden hat, zu lange. Es ist den Ministerpräsidenten Söder und Kretschmann hoch anzurechnen, dass sie das Thema, um das bisher alle Politiker einen weiten Bogen gemacht haben, nicht nur auf die politische Agenda setzten, sondern angesichts der aktuellen Corona-Lage nun sogar die allgemeine Impfpflicht fordern (siehe „Fremde Federn“, F.A.Z. vom 23. November). Es war ein großer Fehler von Kanzlerin Merkel, dass sie frühzeitig und ohne Not eine solche Maßnahme kategorisch ausgeschlossen hat. Auch Jens Spahn liegt falsch, wenn er meint zu wissen, eine allgemeine Impfpflicht würde das Land spalten. Das Gegenteil ist der Fall. Die wegen der Corona-Lage notwendige Ungleichbehandlung geimpfter und ungeimpfter Bürger spaltet die Gesellschaft und verursacht hohen Kontrollaufwand in allen Bereichen des täglichen Lebens. Eine Impfpflicht für alle würde auch vermeiden, dass eine Berufsgruppe gegen die andere ausgespielt wird, was bei dem Vorschlag mancher Politiker der Fall wäre, eine Impfpflicht nur für bestimmte Berufsgruppen einzuführen. Auch die „Flucht“ aus einer Tätigkeit mit Impfpflicht in eine ohne würde dadurch größtenteils vermieden. Viele von denen, die sich jetzt noch nicht haben impfen lassen, gehören sicher nicht zum harten Kern der kategorischen Impfverweigerer. Sie würden sich vielleicht am Ende sogar sicherer und wohler fühlen, wenn der Staat ihnen die Verantwortung abnähme. Der Rest der Unbelehrbaren müsste mit strengen Maßnahmen zu rechnen haben. Wir befinden uns nun am Ende des zweiten Corona-Jahres, und die vierte Welle trifft uns mit voller Wucht. Niemand kann ausschließen, dass uns im nächsten Jahr eine noch heftigere fünfte oder sechste bevorsteht, wenn wir nichts dagegen unternehmen, und impfen ist derzeit die einzige Waffe, die wir gegen Corona in der Hand haben. Es wird Zeit, dass wir sie flächendeckend nutzen, zum Schutz aller und nicht zuletzt derer, die wegen der Überlastung der Intensivstationen durch ungeimpfte Corona-Patienten ein hohes gesundheitliches Risiko tragen. Damit meine ich nicht nur die Ärzte und das Pflegepersonal, denen man eine weitere Welle dieser Kategorie nicht noch einmal zumuten sollte, sondern auch diejenigen Patienten, die eine schwere Krankheit haben und wegen Überlastung der Krankenhäuser nicht so behandelt werden können, wie es eigentlich notwendig wäre. Walter Modrich, Schwäbisch Gmünd

           

          Sorglosigkeit und Desinteresse

          Nach jüngsten Meinungsumfragen in Deutschland heißt es, Deutsche schätzen Amerika wieder, so zu lesen in dem Artikel „Beste Beziehungen“ (F.A.Z. vom 23. November). Die Frage, ob das jetzt oder in absehbarer Zeit in Amerika auf Gegenliebe trifft oder treffen wird, wird nicht gestellt. Darin drückt sich Sorglosigkeit und außenpolitisches Desinteresse weiter Kreise der deutschen Öffentlichkeit aus. Das findet seinen Ausdruck auch darin, dass außen- und sicherheitspolitische Fragen im Wahlkampf und auch jetzt in der Diskussion über die Bildung einer neuen Regierung keine Rolle gespielt haben. Mehr noch, es wird zu verstehen gegeben, dass das unter den NATO-Partnern 2014 abgesprochene Ziel, die Ausgaben der Mitgliedstaaten auf zwei Prozent ihres Bruttosozialprodukts zu steigern, von Deutschland nicht eingehalten werden wird. Des Weiteren wollen sich maßgebliche Partner der künftigen Bundesregierung aus der nuklearen Teilhabe an der NATO-Verteidigung zurückziehen. Schließlich ist schwerlich damit zu rechnen, dass die Bundeswehr davon ausgehen kann, dass die gewaltigen Lücken ihrer Ausrüstung geschlossen werden. Das heißt, dass Deutschland nicht bereit ist, seine Bündnisverpflichtungen zu honorieren. Hier stellt sich die ernste Frage, ob Amerika angesichts einer solchen Nichterfüllung der von Deutschland eingegangenen Verpflichtungen nicht seinerseits seine Verpflichtungen überprüft. Das hat jetzt schon begonnen. Der Schwerpunkt der amerikanischen Sicherheitsstrategie hat sich angesichts des Aufwuchses chinesischer Militärmacht auf den pazifischen Raum verlagert. So wie Amerika nach 1945 den Schwerpunkt seiner Interessen gegenüber dem Vordringen der Sowjetunion in Europa sah, so gilt das heute vergleichsweise in Bezug auf China. Für Deutschland könnte in solcher Situation die Gefahr entstehen, dass auf die amerikanische Garantie kein Verlass mehr ist. Deutschland stünde unverhofft allein da, ohne über eine glaubwürdige Abschreckung zu verfügen, wie sie Frankreich und das Vereinigte Königreich, ja selbst Nordkorea haben. Deutschland steht vor dem Risiko, das niemand sieht oder sehen will, plötzlich allein dazustehen. Konrad Adenauer hat als Letzter die Wichtigkeit der festen Einbindung in das westliche Bündnis erkannt und gewusst, dass das nur durch einen, seinerzeit heftig umstrittenen, deutschen Verteidigungsbeitrag zu erlangen ist. Die heute propagierte deutsche Außenpolitik, die sich allein auf das internationale Recht beruft, will nicht ernst nehmen, dass die Großmächte das Recht mit Macht selbst gestalten. Wer international ernst genommen werden will, sollte immer das Wort des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt (1901–1909) bedenken, dass man in internationalen Beziehungen eine sanfte Sprache führen, zugleich aber auch einen großen Stock dabei haben sollte. Dr. Ernst-Jörg von Studnitz, Botschafter a. D., Königswinter

           

          Wohnminderaufwand

          Die Pendlerpauschale ist ins Gerede gekommen. Leser Dr. Klaus Opfermann (F.A.Z. vom 16. November) stellt nun fest, sie könne, weil Teil der Werbungskosten, keine Subvention sein. Warum fühlt sie sich dennoch an wie eine? Weil im Hintergrund Paragraf 12, Abs. 1 Einkommensteuergesetz die Weichen stellt. Denn wer bei Antritt einer neuen Stelle an einem neuen Ort vor die Wahl gestellt ist, entweder eine teure Wohnung nahe am Arbeitsplatz oder aber eine billige Wohnung draußen vor den Toren der Stadt zu beziehen, merkt: Die Differenz, um welche die arbeitsplatznahe Wohnung teurer ist als die ganz weit draußen, wird nicht als Teil der Werbungskosten anerkannt, obwohl sie demselben Zweck dient. Beide, der erwerbsbezogene Mietmehraufwand wie der erwerbsbezogene Mobilitätsmehraufwand, würden es dem Erwerbstätigen erlauben, seiner Tätigkeit am gegebenen Ort nachzugehen, aber nur der eine Mehraufwand wird vom Gesetzgeber als erwerbsbezogen anerkannt. Diese Vorentscheidung über das, was als Werbungskosten zu gelten hat, begünstigt das Pendeln, die Zersiedlung des Landes, die Verwüstung der Städte, die Verpestung der Luft. Mag die Pendlerpauschale oder allgemein die Anerkennung von Wegekosten auch rechtlich keine Subvention sein, so wirkt sie doch wie eine. Dr. Hanno Birken-Bertsch, Bern

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