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: Leserbriefe vom 28. September 2020

  • Aktualisiert am

Ehemalige Bewohner des Aufnahmelagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos in dem neuen Übergangslager am 23. September Bild: Reuters

Migration nach Europa +++ Gottesdienst in Corona-Zeiten +++ Elitäre Form der Bildung?

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          Massenhafte Migration nach Europa

          Zum Thema Migration erschienen auch in der F.A.Z. schon mehrere Beiträge, direkt zum Leserbrief „Moria verlangt eine Antwort“ von Elmar Timpe (F.A.Z. am 24. September), dem ich weitgehend zustimme. Er schreibt: „Rational nicht weiter hinterfragte politische Gefühlsaufwallungen haben unserem Land ... nie gut getan ... Mit Gefühlen kann man nicht diskutieren. Sie mit Vernunft zu widerlegen gelingt erst recht nicht.“ Er bezieht sich hierbei wohl auf eine Stimmung im Land, die dazu führte, dass aus Mitmenschlichkeit das Recht nicht eingehalten wurde. Im demokratischen Staat sind die in die Verantwortung gewählten Politiker für die Einhaltung der Gesetze verantwortlich. Diese Politiker sind erfolgreich – wie man sagt – wenn sie in unserer „One man-one vote“-Demokratie wiedergewählt werden. Und hierzu fehlt es an Persönlichkeiten, die genügend Reputation haben, um mit rationaler Argumentation genügend Stimmen für ihre Wiederwahl zu gewinnen, die ihren Standpunkt überzeugend darlegen können, auch wenn er der momentan verbreiteten Stimmung nicht entspricht. Selbstverständlich werden nicht immer alle gleich einschätzen, was rational und vernünftig ist. Leser Timpe fragt: „Darf man das Recht eines individuellen Mitgefühls wegen durchgängig beugen?“ Ich meine, man sollte die Debatte über Asyl und Migration endlich einmal auf die Füße stellen und erst einmal Fakten klar aussprechen, die hierbei zugrunde liegen. Das Recht stützt sich auf Gesetze, die irgendwann, vielleicht unter ganz anderen Umständen, etabliert wurden. Die meisten Migranten sind keine Abenteurer, aber auch nicht selbst direkt von politischem Terror in ihrer Heimat bedroht. Sie entfliehen – oft mit ihren Familien – entsetzlichen Verhältnissen. Es geht nicht nur um Bürgerkriege. Wir haben Hunderte Millionen Hungernde auf der Erde, und täglich verhungern Tausende. Dieses Problem lässt sich nicht lösen durch die Aufnahme einiger Tausend von den griechischen Inseln oder die Aufnahme einiger Millionen in Europa.

          Aus christlicher Sicht gebietet Nächstenliebe Hilfe. Auch das ist problematisch. Als es in einer politischen Diskussion Anfang der 1980er in München um die Aufnahme von DDR-Flüchtlingen ging, waren damals auch Unruhen in den anderen osteuropäischen Staaten des geschwächten Sowjetimperiums zu befürchten, und ich dachte an Ungarn 1956. Damals waren Tausende nach der Niederschlagung des Aufstandes nach Österreich geflohen. Ich selbst fühlte mich den Landsleuten verbunden, die jedenfalls in der DDR bleiben wollten. In den 1950ern hatte uns einmal ein älterer Professor in Jena gesagt: „Wenn wir hier alle weggehen, wird die Grenze von der Oder noch an die Elbe verschoben.“ So sagte ich, wir sollten nicht nur an die Nächsten, sondern auch an die Übernächsten denken. Darauf meldete sich ein evangelischer Pfarrer zu Wort und sagte, ein Bezug auf den Übernächsten sei durch die Heilige Schrift nicht gedeckt. Heute meine ich, mit Blick auf die Zukunft sollten wir aus politischer Verantwortung auch an die Übernächsten denken. Wir sollten uns mit Hilfe nicht auf die beschränken, die aus verständlichen Gründen nach Europa fliehen, um dem Elend zu Hause zu entkommen. Die Hilfe, die 2015 den Flüchtlingen in Budapest zuteilwurde, lässt sich noch aus Mitgefühl vernünftig begründen, nicht aber das folgende Willkommen, was auch führende Politiker an ihrer Brust plakatierten und das auch an Kirchen gehängt wurde. Damit wurde die Migration stimuliert. Gewiss kann nicht alles ohne Mitgefühl rein rational entschieden werden. Aber rationale Vernunft gebietet doch die Einsicht, dass es unmöglich ist, in Europa zig Millionen Migranten aufzunehmen, ohne dass sich die Lebensweise hier drastisch verändert, und vor allem nicht deshalb, weil die Aufgenommenen aus anderen Ethnien kommen, sondern weil es zu viele sind. Politische Verantwortung sollte dazu gebieten, an die zu denken, die zurückbleiben. Ihnen – den meisten von ihnen – würde mit Massenmigration nach Europa nicht geholfen. Aufgenommen werden sollten vor allem Menschen, die hier eine Ausbildung absolvieren möchten, um dann in ihrer Heimat zu helfen. Abwerbung von Fachleuten müsste verboten werden. Peter Herrmann, Eisenberg

           

          Genügend Brennholz für das Osterfeuer

          Zum Artikel „Im Himmel auf Erden“ von Daniel Deckers (F.A.Z. vom 12. September): Den Ausführungen zur Bestuhlung in unseren Kirchen von Herrn Deckers ist nicht nur beizupflichten. Den Impulsen ist zu wünschen, dass sie mit dem Stempel „dringlich“ in den Sitzungen sämtlicher Pfarrgemeinderäte aller Diözesen Deutschlands und nicht weniger dringlich in den Ordinariatssitzungen der Bistümer landen. Die (berechtigte) Klage über „leere Bänke“ gehört zum Lamento der Verantwortungsträger in der katholischen Kirche wie deren Phantasielosigkeit und Blutleere, was die Gestaltung der meist übergroßen Kirchenräume angeht. Nicht, dass ein Rangieren der Kirchenmöbel anstehende grundlegende pastorale Reformen überflüssig machte: Das zeigt auch die beeindruckende aktuelle Bestuhlung im Dom zu Brandenburg. Dort aber findet in einer überaus gelungenen Änderung der Bestuhlung die aktuelle Situation aller Menschen ihren dezenten wie ästhetisch beeindruckenden Widerhall. Das „spricht“ mehr an und geht tiefer als manche gutgemeinte Predigt. Im Klartext: Seit meinen ersten Praxisjahren als katholischer Priester bis heute hat sich meine Überzeugung verstärkt, dass sowohl in kleinen armseligen und doch schönen Dorfkirchen wie auch in großen „repräsentativen“ Kathedralen die Kirchenbänke für eine mitfeiernde Gemeinde mit zum Stumpfsinnigsten und Überflüssigsten gehören, was in einer solchen Kirche anzutreffen ist. Gewiss bewahrt ein solches auf Statik und Festigkeit wie Gewohnheit beruhendes Gestühl vor der Herausforderung, sich immer wieder neu „positionieren“ zu müssen: Alle werden davor bewahrt – liturgische Amtsträger wie Mitfeiernde in der Gemeinde. Aber gerade darin läge für jede einzelne Gemeinde und jeden ihrer Gottesdienst Feiernden die notwendige Herausforderung für eine gemeinsame Reflexion: Wie gehen wir um mit unserem Kirchenraum als feiernde Gemeinde? Dieses Holz von Kirchenbänken aber – nicht selten kostspielig errichtet und für ewige Zeiten als sakrosankt und damit unantastbar installiert – legt Ideen für lebendige Liturgie lahm, es zwängt und „drillt“ optisch und gewalttätig die Menschen in „Reih und Glied“ wie beim Militär, es beraubt Mitfeiernde jeder Lebendigkeit und Spontaneität, es ist für heutige Mentalität auch längst nicht mehr Form gewordener Ausdruck von Ehrfurcht und Glauben. Dieses Holz ist optisch in jedem katholischen Kirchenraum bis zum heutigen Tag der „Hammer“, der jedem droht, welcher außer der Reihe zu tanzen sich zu beginnen traut. Mein klares Plädoyer: Mut zum Gestalten in der Kirche vor Ort. Warten wir nicht auf irgendeine „Handreichung“ von irgendwoher! Es braucht dazu nicht einmal einen „Synodalen Weg“. Es bräuchte ein gemeinsames Nachdenken vor Ort. Und das jährliche Osterfeuer vor der Kirche hätte genügend Brennholz für die kommenden Jahre. Claudius Stoffel, Pfarrer, Gailingen

           

          Ein eigenes Profil entwickeln

          Zu „Eine Million Privatschüler“ (F.A.Z. vom 11. August): Im Bericht schreibt Johannes Pennekamp zusammenfassend: „An den Privatschulen wird nicht besser gelernt als an den öffentlichen Einrichtungen.“ Diese Feststellung mag wohl stimmen, ihr ist aber hinzuzufügen, es wird dort anderes gelernt. Es werden vielfach andere Bildungsschwerpunkt gesetzt als an den allgemeinbildenden Schulen, die sich inhaltlich kaum mehr unterscheiden. Privatschulen haben auch nach den Ländergesetzen mehr Möglichkeiten, im Bereich der Bildung und der Weltanschauung ein eigenes Profil zu entwickeln. So setzen gerade die kirchlichen Privatschulen, von denen der Autor in seinem Text nicht spricht, einen Schwerpunkt in der religiösen Erziehung, also in einem Bildungsinhalt, den die sogenannten allgemeinbildenden Schulen weitgehend aufgeben oder aufgegeben haben und durch Ethik-Unterricht ersetzen. Ein anderer Aspekt kirchlicher Privatschulen ist die soziale Bildung, wieder ein anderer die musische oder klassische gymnasiale Bildung im Spracherwerb mit den Fächern Latein und Griechisch. Es werden in den Privatschulen Bildungsangebote gemacht, die Eltern in den öffentlichen Schulen vermissen, weil sie im Allgemeinen der allgemeinbildenden Schule untergegangen sind, aber dennoch den Kitt fürs Ganze liefern. Das viele Geld, das Eltern in die Bildung ihrer Kinder zu investieren bereit sind, dient dem Gesamt unserer Gesellschaft, die mehr Bildung und Wissen braucht als das allerallgemeinste nützliche Wissen der allgemeinbildenden Schulen. Dr. August Heuser, Frankfurt am Main

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