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Briefe : Leserbriefe vom 27. Oktober 2021

  • Aktualisiert am

Atomkraft: Zu Unrecht undiskutabel? Bild: dpa

Die Atom-Diskussion +++ Thomas Kaufmanns Essay (1) +++ Thomas Kaufmanns Essay (2) +++ Nidden

          5 Min.

          Keine technischen Gründe gegen Kernkraft

          Zu „Die Atom-Diskussion wagen!“ (F.A.Z. vom 21. Oktober): Fast alle in Deutschland betriebenen Kernkraftwerke wurden in der Regierungszeit von Helmut Schmidt/Hans Dietrich Genscher (1974 bis 1982) genehmigt. Aber die SPD beschloss 1984, aus der Kernenergie auszusteigen, wobei die Landesregierungen mit SPD-Beteiligung in ihrem Zuständigkeitsbereich nicht wirklich aktiv wurden, um den Ausstiegsbeschluss umzusetzen.
          Schon 1987 erkannte neben anderen die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) das Potential der Kernenergie zur Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen. Ich war damals in der Kernenergie beschäftigt und wollte die DPG bei ihrer Argumentation mit Fakten unterstützen, wurde aber von der Geschäftsleitung aus Rücksicht auf die größten Kunden unseres Unternehmens, die deutschen Energieversorgungsunternehmen, angewiesen, dieses nicht weiterzuverfolgen.
          Der wirkliche Ausstieg aus der Kernenergie begann in der Regierungszeit von Gerhard Schröder/Joschka Fischer (1998 bis 2005). Die Genehmigungsbehörden für die Kernkraftwerke erpressten die Betreiber mit der sogenannten Nadelstichpolitik so weit, dass diese den Konsensvertrag unterschrieben, in dem das Auslaufen der Kernkraftwerke festgeschrieben wurde. Mit diesen Nadelstichen wurde ein regulärer Betrieb der Kernkraftwerke verunmöglicht. Schon kleinste Störungen wurden zum Anlass genommen, Kernkraftwerke herunterzufahren und damit den Betrieb zu stören. Nach der Unterschrift unter dem Konsensvertrag konnten die Kernkraftwerke beinahe ungestört betrieben werden. Im August 2010 wurde eine Laufzeitverlängerung für einige KKW beschlossen, die nach dem Reaktorunfall in Fukushima wieder zurückgenommen wurde und sogar bei zwei Anlagen eine kürzere Betriebszeit erwirkte als im Konsensvertrag geregelt. Daher muss auch an zwei Betreiber eine Entschädigung bezahlt werden. Dabei betraf der Unfall von Fukushima eine Kernenergieanlage, die vom Standort und den Sicherheitseinrichtungen nicht vergleichbar mit den deutschen Anlagen ist. Nun zur Frage, ob ein Weiterbetrieb der noch laufenden Anlagen technisch möglich wäre. Für die bereits abgeschalteten Anlagen stellt sich diese Frage nicht, da dort bereits mit Rückbaumaßnahmen begonnen wurde. Dazu vorab eine Bemerkung einer ausländischen fachkundigen Besuchergruppe im abgeschalteten Kernkraftwerk Mühlheim-Kärlich. Bei diesem Besuch war die Anlage etwa ein Jahr abgeschaltet und noch voll funktionsfähig. Ein fachkundiger Besucher fragte: „Was ist denn hier passiert, was für ein schwerer Störfall hat die Stilllegung der Anlage ausgelöst?“ Antwort des Betriebsleiters: „Gar nichts ist passiert, es gibt nur juristischen Streit über die Rechtmäßigkeit der Betriebsgenehmigung.“ Darauf der Besucher: „Die Deutschen müssen entweder unermesslich dumm oder unermesslich reich sein.“
          Wie lange kann man Kernkraftwerke betreiben? Ursprünglich wurden die Kernkraftwerke für eine Betriebszeit von 40 Jahren ausgelegt. Aber einige sind deutlich länger in Betrieb. So ist das älteste in Betrieb befindliche Kernkraftwerk Beznau in der Schweiz seit etwa 52 Jahren in Betrieb und wird noch weiter betrieben, auch das Kernkraftwerk Borssele in den Niederlanden ist seit 48 Jahren in Betrieb und wird auch noch weiter betrieben. Es gibt also keine technischen Gründe, die Kernkraftwerke jetzt abzuschalten. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied in der Bevölkerung:. Als in Großbritannien das standortunabhängige Genehmigungsverfahren für acht neue Kernkraftwerke durchgeführt wurde, gab es etwa 80 Einwendungen von Bürgern und davon etwa 40, denen das ganze Verfahren zu langsam ablief. In Deutschland gab es bei den letzten nuklearen Bauprojekten jeweils mehr als 100 000 Einwendungen, und an die Schlachten von Brokdorf möchte ich gar nicht erinnern. Dipl.-Ing. Jörg Brauns, Hanau

           

          Nicht ganz redlich

          In bewährt kompetenter Weise arbeitet Thomas Kaufmann die trotz vielfältiger ökumenischer Fortschritte weiterhin bestehenden Unterschiede in der Frage des geistlichen Amtes heraus (F.A.Z. vom 25. Oktober). Auch ich habe noch nie verstanden, mit welcher theologischen Begründung eine Pastorin oder ein Pastor oder gar eine Prädikantin im Gottesdienst über Talar oder Albe eine Stola anlegt. Seine Polemik gegen klerikale Titulaturen in der evangelischen Kirche trifft freilich auch ihn selbst. Trägt er doch, meines Wissens unwidersprochen, den Titel eines Abtes von Bursfelde. Für mich als 2001 geweihten, mittlerweile schon lange laiisierten katholischen Priester und Familienvater ist aber ein anderer Punkt entscheidend. Die polemisch zugespitzten Schlussfolgerungen am Ende seines Essays gehen unter die Haut. Mit Sicherheit haben bis heute klerikale Machtinteressen, ein überhöhtes Priesterideal und leibfeindliche Keuschheitsvorstellungen erheblich dazu beigetragen, dass Frauen Unrecht erlitten haben, Priester sich nicht zu ihren Kindern bekannt haben und Missbrauchstäter geschützt wurden.
          Hier aber mit einem Luther-Zitat die Sakramentalität der Priesterweihe als eigentliche theologische Begründung dieser Missstände und Skandale anzuführen geht fehl. Irritierend ist auch die Bezugnahme auf eine „menschliche Natur“, der das Zölibatsgebot widerspreche und so massenhaften Kindesmissbrauch zur Folge hätte. Und es ist auch nicht ganz redlich, die Entwicklung, die das katholische Verständnis des Priesteramtes genommen hat, vollkommen zu ignorieren. Kaufmanns Wahrnehmung der katholische Theologie endet im 16. Jahrhundert. Dabei spricht das Zweite Vaticanum in seiner Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ von einem gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen und qualifiziert das Amt der Geweihten ausdrücklich als „Priestertum des Dienstes“. Und neuere dogmatische Entwürfe bieten ein differenziertes Bild und setzen sich kritisch mit früheren Ansätzen der Amtstheologie auseinander. Wenn Thomas Kaufmanns Essay Anstoß zur weiteren kontroversen, aber ehrlichen und theologisch fundierten Diskussion zwischen den Konfessionen über das Verständnis von Priestertum und Amt geben könnte, wäre für die Ökumene viel gewonnen! Dr. Stephan Lüttich, Hannover

           

          Ein Zeichen der Ökumene

          Thomas Kaufmanns Artikel „Der radikale Umbruch der Reformation“ (F.A.Z. vom 25. Oktober) schlägt einen verstörenden Ton an. Kaufmann ist ein guter Reformationshistoriker, scheint aber nicht in unserer Welt und Zeit zu leben. Fünf Jahrzehnte ökumenischer Bewegung sind an ihm offensichtlich vorbeigegangen. Denn wie umschreibt er das katholische Gegenüber, das seiner Meinung nach schon zu tief in die protestantische Kirche eingedrungen ist: „Pfäffische Attitüden, liturgische Wichtigtuereien, katholisierende Sitten und Gebräuche – Weihrauch, Hungerlappen, Pilgerwesen, Elevationen von Schauhostien etc.“ Spricht man von dem, was dem christlichen Partner bei aller Kritik ehrwürdig und teuer ist, in diesem Ton?
          Mit meinem historischen Lehrer Gerhard Ritter, einem überzeugten, oft leidenschaftlichen Protestanten, habe ich als kleiner Student vor langer Zeit über Luther und die Reformation, über Erasmus und die Willensfreiheit gestritten. Nie hätte Ritter – er beriet in den Fünfzigerjahren die EKD – gegenüber Katholiken einen solchen Ton angeschlagen. Für das katholische Amtsverständnis hatte er durchaus Verständnis – gerade auch als Historiker. Und in Freiburg trafen sich katholische und evangelische Pfarrer in der NS-Zeit im Widerstand. Eines tröstet mich: Solange evangelische Ökumenegegner die „Katholisierung“ der evangelischen Kirche beklagen und katholische Ökumenegegner die „Protestantisierung“ der katholischen Kirche bejammern, ist das ein Zeichen, dass die Ökumene fortschreitet. Inzwischen haben zahlreiche katholische Historiker Luther – und Melanchthon! – neu entdeckt, und evangelische Historiker wagen sich an Erasmus, ja sogar an Thomas von Aquin heran. Der einen Kirche in der uneinigen Christenheit sind wir immerhin mit der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ zwischen Katholiken und Lutheranern (1999) und mit der wechselseitigen Anerkennung der trinitarisch gespendeten Taufe (2007) ein Stück nähergekommen. Das sollte man auch am Reformationstag nicht vergessen.
          Professor Dr. Hans Maier, München

           

          Nidden

          Zu „Sein Raum“ von Colm Toíbín (F.A.Z. vom 23. Oktober 2021): Toíbíns verdienstvoller Artikel bedarf einer kleinen Korrektur. Mittelbar geht aus dem Artikel hervor, dass Nidden 1930, als Thomas Mann dort sein Haus baute, zum Deutschen Reich gehörte. Damals gehörte Nidden, litauisch Nida, aber bereits seit 1923 zu Litauen. Nur von 1939 bis 1945 war Nidden (wieder) deutsch. Helge Himstedt, Warburg

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