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Briefe : Leserbriefe vom 27. November 2021

  • Aktualisiert am

Bundespräsident Steinmeier am Dienstag zusammen mit der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer im Schloss Bellevue Bild: dpa

Gedenken an den 9. November +++ Impfskepsis in Europa +++ Geldentwertung

          5 Min.

          Schatten der Vergangenheit

          Zu Ihrem Bericht über das Plädoyer des Bundespräsidenten für „Patriotismus der leisen Töne“ (F.A.Z. vom 10. November): Die Kooperationstagung des Zentralrates der Juden in Deutschland mit der Evangelischen Akademie vom 7. bis 9. November in Berlin legte den Finger in die Wunde: Die Kirchen haben es bisher versäumt, sich ausreichend von antisemitischen Schmähskulpturen zu distanzieren. Der angemessene Umgang mit diesen vor allem im deutschen Sprachraum bis auf den heutigen Tag verbreiteten Skulpturen war Anliegen der Tagung. Die wohl bekannteste antisemitische Schmähskulptur befindet sich an der Schlosskirche in Wittenberg, der Wirkungsstätte Martin Luthers. Sie trägt eine auf ihn zurückgehende hasserfüllte Inschrift in goldenen Lettern. Die Denkmalpflege sorgt dafür, dass regelmäßig restauriert wird, wenn Altersspuren den Schriftzug unlesbar machen. Gerichte in bisher zwei Instanzen verpflichteten die Stadtkirchengemeinde nicht, die Skulptur abzunehmen, und urteilten damit ganz so, wie es sich auch die örtliche AfD wünscht. Schmähskulpturen dieser Art symbolisieren die enge kirchliche Verstrickung mit Antijudaismus und modernem Antisemitismus, der sich in der Frühmoderne zu Beginn des 16. Jahrhunderts herausbildete. Luther, der einen anderen Weg „einschlug“, als ihn der Humanist Johannes Reuchlin vorsah, hatte dabei einen erheblichen Anteil. Reuchlin, der die jüdische Kultur hoch schätzte, setzte auf Verständnis, Ausgleich und Toleranz, der „Wittenberger Reformator“ hingegen auf Antisemitismus, Hetze und Demagogie. Während Reuchlin fast vergessen wurde, verbreitete sich unter den Deutschen mehr und mehr der von Luther vorgezeichnete Weg. Die Tagung kann als Auftakt gesehen werden, hier mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Es wurde ein Dialog begonnen, was eine Chance ist. Viele negative bösartige Tendenzen in der Gegenwart sollten nicht den Blick dafür verstellen, dass die Zeichen nicht schlecht stehen, dass eine wachsende Mehrheit in Deutschland, vor allem auch junge Menschen, sich heute für einen Weg entscheidet, der eher mit Reuchlin als mit Luther in Verbindung gebracht werden kann. Aus schmerzlicher Geschichte die richtigen Konsequenzen zu ziehen wäre ein Beitrag, die Schatten der Vergangenheit zu bannen. Das kann die Geschichte zwar nicht mehr ändern. Es trüge aber bei, dass Wunden heilen können und eine weniger belastete Zukunft möglich wird. Lüder Stipulkowski, Dörverden

           

          Misstrauen der Bevölkerung

          Ein vorurteilsfreier Blick auf die jüngste Vergangenheit ist besser als Orakeln über europäische Impfquoten. Reinhard Bingener versucht sich am Deuten der verschiedenen Impfquoten in Europa („Die Hochburgen der Impfgegner“, F.A.Z. vom 23. November). Um die vergleichsweise geringe Impfquote der südosteuropäischen und baltischen Staaten zu erklären, wird darauf verwiesen, dass diese Länder im 20. Jahrhundert lange Zeit kommunistische Diktaturen waren und festgestellt, dass die dortige Bevölkerung auch heute noch voller Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen ist. Zudem wäre dort der Wissenschaftsbegriff korrumpiert, da die im ehemaligen Sowjetblock herrschende, und nach 1989/90 gescheiterte Ideologie des Marxismus-Leninismus den Anspruch der „Wissenschaft“ für sich reklamiert hatte. Für die EU-Mitgliedstaaten Rumänien und Bulgarien wird auch auf die Geschichte der Ostkirche mit ihrer fehlenden Ausdifferenzierung von geistlicher und weltlicher Herrschaft verwiesen. Diese Erklärungsansätze sind eindimensional. Dass das politische System des ehemaligen Sowjetblocks eine Mischung aus Brutalität, Intoleranz und gefährlicher Dummheit einer Reihe von Funktionären war, ist unbestritten. Dieser staatsbürokratische Sozialismus Moskauer Prägung war aber auch ein modernistisches und rationalistisches Projekt, ausgestattet mit einem System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft auf Grundlage komplexer mathematischer und kybernetischer Modelle. Er besaß ein Bildungssystem, welches allgemeinverbindlich war, ohne föderales Kompetenzgerangel, polytechnisch und naturwissenschaftlich ausgerichtet, wie der ungarische dissidente Sozialist Gaspar Miklos Tamás klug beschrieben hat (Kommunismus nach 1989. Beiträge zur Klassentheorie, Realsozialismus, Osteuropa, Wien 2015). In der – vergleichsweisen kurzen – Geschichte des Sowjetblocks, vor allem auch in Südosteuropa, wurden nicht nur der Analphabetismus beseitigt und zahlreiche Leihbibliotheken gebaut, konnten die bisher „ungebildeten“ Klassen das erste Mal in ihrem Leben ins Theater gehen, wurde ein kostenloses Volksbildungssystem errichtet, wurden bezahlter Urlaub und Altersrenten eingeführt, sondern es wurden auch allgemein Hygienemaßnahmen durchgeführt, Epidemien bekämpft und Impfprogramme durchgesetzt, alles im Rahmen eines für die Bevölkerung kostenlosen staatlichen Gesundheitssystem. In den Jahren 1989/99 erfolgte mit der demokratischen Wende im ehemaligen Ostblock eine abrupte Privatisierung der staatlichen Unternehmen und eine Reintegration dieser Länder in die vom Westen beherrschte Weltwirtschaft.

          Vor allem auch in Südosteuropa kam es zu einer landesweiten Deindustrialisierung und im Rahmen einer rigiden Austeritätspolitik zum Schleifen aller Reste des ehemaligen sozialistischen Wohlfahrtstaates. Große Teile der Bevölkerung sitzen bis heute in der Armutsfalle. Das öffentliche Gesundheitswesen ist nach wie vor katastrophal ausgestattet. Rumänisches und bulgarisches Gesundheitspersonal arbeitet überall auf dieser Welt, aber kaum noch in ihren Heimatländern. Außerhalb der Tourismuszentren sind weite Teile Südosteuropas praktisch von der allgemeinen Gesundheitsversorgung abgekoppelt. Erhellend kann auch eine Fahrt durch albanische Dörfer sein. Die während der Enver-Hoxha-Diktatur errichteten Gesundheitsstützpunkte sind heute Ruinen, von Eulen bevorzugt zum Nisten. Vielleicht sollten eher diese Gesichtspunkte in die Diskussion über den Impfstatus Südosteuropas einfließen, als über den Einfluss orthodoxer Popen auf das Impfverhalten der Bevölkerung zu spekulieren. Dr. Gunter Willing, Halle (Saale)

           

          Weidmann hat Recht

          Zu den Beiträgen „Die Inflation bleibt ein Rätsel“ von Gerald Braunberger und „Schlagabtausch über die Inflation“ von Christian Siedenbiedel (F.A.Z. vom 20. November): In der richtungsweisenden Debatte, „ob die Inflationsraten eine Episode bleiben oder zu einer dauerhaften Gefahr werden“, scheint die EZB-Direktorin Isabel Schnabel mit ihrem Meinungswandel noch vor ihrer Chefin Christine Lagarde und dem Chef-Volkswirt der Notenbank, Philip Lane, ein gewisses Problembewusstsein für die Risiken einer länger andauernden Inflation und der Inflationserwartungen entwickelt zu haben. Denn der Windmühlenkampf gegen das Deflations-Gespenst muss bald ein Ende finden, damit die Staatsanleihen-Käufe der EZB die Inflation im Euroraum nicht mehr weiter anheizen. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat recht, wenn er „ein Ende des expansiven geldpolitischen Kurses der EZB“ einfordert, nachdem viele Staaten von der Droge der Niedrigzinsen abhängig geworden sind und deshalb eine Fortsetzung der lockeren Geldpolitik fordern. Der Verweis der EZB „auf die Nutzlosigkeit ihrer Instrumente gegen Lieferengpässe“ ist nur eine schwache Ausrede.

          Es verwundert, dass im gegenwärtigen Inflationsdiskurs noch kein Bezug auf eine mögliche importierte Inflation über den direkten internationalen Preiszusammenhang genommen wird. Wenn in den USA die Preissteigerungsrate mit 6,2 Prozent im Oktober die höchste Teuerung seit dem Jahr 1990 erreicht hat und damit weitaus höher als im Euroraum ist, kann die Inflation über die Importe von Gütern und Dienstleistungen in der Leistungsbilanz aus den USA nach Europa übertragen werden. Nicht wenige Ökonomen halten einen weiteren Anstieg der US-Inflation auf über sieben Prozent für wahrscheinlich, während die Bundesbank in ihrem November-Monatsbericht eine sprunghafte Zunahme der Verbraucherpreise in Deutschland auf „sogar knapp sechs Prozent“ erwartet und davon ausgeht, die Inflationsrate „könnte noch für längere Zeit deutlich über drei Prozent bleiben“. Es ist zu hoffen, dass der EZB-Rat in seiner Sitzung am 16. Dezember endlich ein klares Signal für eine Kurskorrektur seiner umstrittenen Geldpolitik gibt und damit deutlich macht, dass er die Preisentwicklung und die Sorgen der Menschen über die Geldentwertung und damit einhergehende Wohlfahrtsverluste ernst nimmt! Hans-Henning Koch, Berlin

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