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: Leserbriefe vom 25. September

  • Aktualisiert am

Stimme des Liberalismus: Theodor Heuss spricht vor dem Parlamentarischen Rat 1948. Bild: Erna Wagner-Hehmkes

Theodor Heuss und seine Publikationen im Dritten Reich +++ Nord Stream 2 ist wichtig für Deutschland +++ Kirche und Eucharistie +++ Trump und die Wahl +++ Oppositionshymne in Belarus +++

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          Heuss publizierte viel im Dritten Reich

          In der F.A.Z. vom 18. September finde ich den Beitrag von Rüdiger Soldt über die „Wiedergeburt des Liberalismus“ im Südwesten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Über einen der Gründer, Theodor Heuss, ist von dessen tiefer Abneigung gegen den Nationalsozialismus zu lesen, außerdem die Behauptung: „Der Journalist Heuss hatte Publikationsverbot.“ Das ist wohl ein Irrtum, wenn man berücksichtigt, wo und was vom späteren Bundespräsident zu lesen war, damals als Theodor Heuß (mit ß). Heuß, der als Politiker 1933 für das sogenannte Ermächtigungsgesetz zur „Behebung der Not von Volk und Reich“ gestimmt hatte, leitete bis 1936 als Herausgeber das von Friedrich Naumann gegründete Blatt „Die Hilfe. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und geistige Bewegung“. Auf der Website der Theodor-Heuss-Stiftung heißt es, etwas treffender, aber dennoch falsch: „1936 Publikationsverbot, Ausscheiden aus der Redaktion und Herausgeberschaft der Zeitschrift ,Die Hilfe‘. 1937 bis 1942 Veröffentlichungen der Biographien über Friedrich Naumann, Hans Poelzig, Anton Dohrn, Justus von Liebig.“ Das Buch über Naumann durfte laut Anweisung Nr. 129 der Reichspressekonferenz „durchaus positiv besprochen werden“. Und weiter: „Gegen das Buch bestehen keinerlei Bedenken. Es ist von der Partei geprüft worden. Beanstandungen waren nicht nötig. Der Verlag steht dem Prop.min nahe.“

          Das war aber nicht alles: Heuß publizierte während der Herrschaft der Nazis in zahlreichen Blättern, um nur die wichtigsten zu nennen: „Frankfurter Zeitung“, „Deutsche Allgemeine Zeitung“, „Leipziger Neueste Nachrichten“, „Illustriertes Blatt“ – und auch weiterhin in der „Hilfe“. Dort zeigte er sich 1938 unter der Überschrift „Die mitteleuropäische Problematik“ gleichermaßen hellsichtig und offenbar hoffnungsfroh, „dass geistige und politische Bewegungen, die durch ein Volk gehen, nicht vor den Grenzpfählen halt machen, die einmal von dynastischer Erbgeschichte oder von wechselvollem Kriegsausgang eingerahmt wurden“. Kurz vor dem sogenannten Anschluss Österreichs mahnte er, der deutsch-österreichische Streit sei immer auf das Habenkonto der Gegner gegangen. Prag und Paris werden „sich daran gewöhnen müssen, statt eines Gegensatzes einen volks- und außenpolitischen Gleichklang der beiden deutschen Staaten in Rechnung zu setzen“. Nachdem der Anschluss Wirklichkeit geworden war, teilte Heuß die großdeutschen Träume der NS-Führung. In einer historischen Abhandlung über das „Werden einer Nation“ beklagt er „die ganze Verwickeltheit des habsburgischen Staatsgebäudes“ und die „innere Lügenhaftigkeit der Verträge von Versailles und Saint-Germain“. Zufrieden kommentiert er am 10. April 1938 in der „Neuen Freien Presse“: „Der Spuk ist vorbei. Großdeutschland ersteht.“ 1940 lobte er, ebenfalls in der „Neuen Rundschau“ unter dem Titel „Das Deutschtum im Osten“ Hitlers „Rücksiedlungs- und Neusiedlungsprozess in die Machtsphäre des Reichs“ (Hitler nannte das „Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung“) „ein großartiges Geschichtsunternehmen“. Ganz Deutschland sei „an diesem Prozess der Gewinnung und Sicherung des Bodens beteiligt“. Den Krieg nannte er im selben Jahr in der „Hilfe“ „eine Art von völkischer Flurbereinigung großen Stiles“, durch die „mögliche politische Schwierigkeiten der Zukunft behoben“ sein würden. Er sprach von einem „Führungsanspruch der Deutschen in einer europäischen Ordnung“. Für Völkerrechtler erwachse „die anregende Aufgabe, . . . für die Erweichung des harten Souveränitätsbegriffs . . . eine elastische Begrifflichkeit zu finden“. Und so weiter. Heuß bedient sich dabei nie der bellenden Propagandistensprache, welche die meisten seiner Kollegen angenommen hatten. Aber im April spricht er erstmals von „unseren Gegnern“. Heuß Name findet sich bis 1944 über oder unter Zeitungsartikeln, zuletzt in der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“. Peter Köpf, Berlin

           

          Mehr als eine Pipeline

          Zum Artikel „Mehr als eine Pipeline“ von Katharina Wagner (F.A.Z. vom 9. September): Der Artikel von Frau Wagner ist geradezu wohltuend. Er beschreibt die Interessenlage der Gasprom weitgehend zutreffend aus russischer Sicht. Ich darf als ehemaliger Vorstand der BASF unter anderem zuständig für Öl und Gas und als ehemaliger Vorsitzender des Aufsichtsrates der Wintershall AG einen Beitrag aus deutscher Sicht leisten. Die russische Seite hat über Jahre hinweg, auch in Zeiten des Kalten Krieges, sich als zuverlässiger Partner im Gasgeschäft bewährt. Das erste Mal, dass diese Zuverlässigkeit in Frage gestellt wurde, war die Zeit, als die Ukraine in großem Umfang für Deutschland und Westeuropa bestimmtes Gas aus dem System entwendete. Gasprom und wir konnten diese kritische Situation aber überbrücken, weil wir rechtzeitig große Speicherkapazitäten in Norddeutschland ausgebaut hatten. Gasprom und wir waren einig, dass eine solche Situation sich nicht wiederholen durfte. Das ist der Ursprung auf der einen Seite von Nord Stream 1 und auf der anderen Seite der Erwerb von Gaskonzessionen hinter dem Ural durch Wintershall. Gerhard Schröder hatte nichts mit dem Vorgang zu tun. Als immer deutlicher wurde, dass die deutsche Energiewende zu einer Bedrohung der Versorgungssicherheit in unserem Lande führen wird, kam es zu den Plänen für Nord Stream 2. Wir bei Wintershall wussten, wie andere Experten auch, dass nach Kernenergie- und Kohleausstieg Erzeugungsreserven benötigt werden, die nur durch das russische Gas sichergestellt sind. Deshalb ist Nord Stream 2 nicht nur für die Russen, sondern gerade auch für Deutschland von besonderer Bedeutung. Hier sollte noch angemerkt werden, dass wir nicht damit rechnen können, französischen Atomstrom zu importieren. BASF hat über Jahre erfolglos mit Frankreich über Stromlieferungen verhandelt, ergebnislos, die Franzosen befürchten ein Schwinden der Akzeptanz in der Bevölkerung, wenn andere Länder neben Frankreich von der eigenen Kernenergie profitieren. Wenn Nord Stream 2 nicht kommt, ist die Versorgungssicherheit in Deutschland in fünf bis zehn Jahren gefährdet. Das zeigen alle Insider, die wissen, dass nicht genügend Windräder oder Solaranlagen gebaut werden können, die zudem „Flatterstrom“ produzieren und nicht für Grundlaststrom geeignet sind. Andere Gasquellen gibt es nicht. Die Inlandserzeugung sinkt ständig, und auch die polnische Baltic Pipeline ist schon jetzt ein Flop, weil Norwegen die langfristige Belieferung Polens nicht darstellen kann. Den Ausbau der Nord Stream 2 zu blockieren würde das weitsichtig unternehmerische Verhalten von Gasprom, OMV und Wintershall zur Sicherung der deutschen Energieversorgung zunichte machen. Das wäre dann der Schlusspunkt der deutschen chaotischen Energiepolitik. Wenn man den Artikel Ihrer Korrespondentin genau liest, dann klingt eine andere Bedrohung für die deutsche Gasversorgung an: Die Ukraine hält ihre Gaspipelines seit Jahren nur mühsam instand. Ein Zusammenbruch dieses Systems würde Deutschland dann ins Mark treffen. Max Dietrich Kley, Heidelberg

           

          Vorwurf der Inkompetenz reicht nicht aus 

          Zum Artikel „Auf einmal hat Trump wieder Oberwasser“ (F.A.Z. vom 21. September): Es ist schon erstaunlich, wie deutsche Medien eine Art Teufelsbeschwörung in Sachen Donald Trump und seiner möglichen Wiederwahl betreiben. Dazu einige Anmerkungen eines Lesers, der ein Joe-Biden-Anhänger ist. Es mag noch so viele Skandale geben – der direkt vom Volk gewählte amerikanische Präsident kann, anders als ein deutscher Bundeskanzler beziehungsweise eine Bundeskanzlerin, nicht vom Parlament aus politischen Gründen abgesetzt werden. So reicht zum Beispiel der Vorwurf der Inkompetenz nicht aus, auf die sich alle bisherigen Bücher von Trump-Gegnern und -Kritikern stützen. Dem Präsidenten müssen Verstöße gegen Gesetze oder die Verfassung nachgewiesen werden (wohlgemerkt nachgewiesen, vorgeworfen reicht eben nicht aus), was bisher nicht gelang, auch nicht im letzten Amtsenthebungsverfahren gegen Trump Anfang dieses Jahres, jedenfalls sah das die letztlich entscheidende Mehrheit im Senat so. Es ist eine demokratisch gewählte Mehrheit. Anders war es ja beim Watergate-Skandal, der Nixon zum Rücktritt zwang. Ihm wurde vorgeworfen, eine kriminelle Tat (den Einbruch im Büro der Demokraten) gedeckt oder sogar angestiftet zu haben. Ich sehe auch im neuen Woodward-Buch nach den bisherigen englischsprachigen Veröffentlichungen dafür keine Hinweise. Viele hiesige Medien sitzen dem europäischen Aberglauben auf, dass die US-Wähler ihre Entscheidung davon abhängig machen, ob ein Kandidat ein „Idiot“ oder „Grundschüler“ ist. Nach Trumps eigener Auffassung sei das auch George W. Bush gewesen. Die amerikanische Verfassung sieht eben vor, dass die Wähler mit dem „Idioten“ leben müssen, den sie gewählt haben. Manchmal haben sie auch eine etwas glücklichere Hand. Wir Deutsche müssen da sowieso etwas leise sein. Wilfried Mommert, Berlin

           

          Wahrheit und Wahrhaftigkeit

          Zum Artikel „Wes Brot ich essen darf“ von Reinhard Bingener, Daniel Deckers und Thomas Jansen (F.A.Z. vom 23. September): Die Verfasser des Artikels nehmen ein Ende 2019 vom „Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen“ vorgelegtes Papier mit dem Titel „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ als theologische Begründung für die wechselseitige Teilnahme an den Feiern von Eucharistie und Abendmahl mit dem Blick auf den 3. Ökumenischen Kirchentag im Mai 2021 in Frankfurt. Sie verdrängen gleichzeitig die noch offenen Fragen, die sozusagen übersprungen werden sollen. Mehr als 50 Jahre ökumenischer Arbeit auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Aufgabenfeldern und Ämtern haben mir indes die Erfahrung gebracht, dass einzig profilierte Ehrlichkeit für einen wirklichen Fortschritt des ökumenischen Dialogs bedeutsam ist. In diesem Kontext gehört zum Zentrum der Kirche von Anfang an die Einsicht, dass die Einheit die Bedingung der Möglichkeit einer Eucharistiegemeinschaft ist. Das wurde zum Beispiel von Papst Johannes Paul II. in seiner fundamentalen Enzyklika „Ecclesia de eucharistia“ im Jahr 2003 nochmals vertieft: „Gerade weil die Einheit der Kirche . . . unter dem unabdingbaren Anspruch der vollen Gemeinschaft steht, die durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und des kirchlichen Leitungsamtes gesichert wird, ist es nicht möglich, die eucharistische Liturgie gemeinsam zu feiern, bevor diese Bande nicht völlig wiederhergestellt sind. . . . Der Weg zur vollen Einheit kann nicht anders beschritten werden als in der Wahrheit.“ (Nr. 44) Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind wesentliche ökumenische Motive. Das zu erinnern scheint mir heutzutage besonders wichtig zu sein. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass das Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“, beeinflusst vom protestantischen Einheitsbegriff einer „versöhnten Verschiedenheit“ gemäß der im Jahr 1973 beschlossenen „Leuenberger Konkordie“ , für die katholische Kirche akzeptabel sein kann. Bischof em. Heinz Josef Algermissen, Fulda

           

          Altes Lied mit neuer Wirkung

          Zu dem Artikel von Felix Ackermann „Drücken wir die Mauer, und sie wird fallen“ in der F.A.Z. vom 4. August: Die Schilderung der Bedeutung eines ursprünglich katalonischen Widerstandslieds gegen das Franco-Regime in Spanien beim Präsidentenwahlkampf in Weißrussland durch Felix Ackermann aus Minsk ruft nach einer Ergänzung: Das Lied „Der Pfahl“ von Lluis Llach aus dem Jahre 1968 erfuhr schon früh eine inhalts- und wortgetreue Übersetzung ins Deutsche und wurde zu einem der Kerne des Repertoires des Pirmasenser Sängerpaars Hein und Oss Kröher auf Burg Waldeck und anderswo. Nach Hein Kröher ist im vergangenen Jahr auch sein Zwillingsbruder Oss gestorben. Sie hätten sich sicher gefreut, wie ihr und Lluis Llachs altes Lied noch einmal Wirkung entfaltet hat. Dr. Jürgen Jekewitz, Dorweiler

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