Leserbriefe vom 24. Oktober 2023
Zentralbanken müssen verzichten
Gerald Braunberger gebührt Dank dafür, in seinem Artikel „Am Ende der Schuldenpolitik“ (F.A.Z. vom 16. Oktober) den Blick auf das besorgniserregende weltweite Schuldenniveau und die daraus erwachsenden Konsequenzen zu werfen. Es ist evident, dass die angehäuften Schuldenberge unter keinem noch so optimistischen Szenario jemals abgebaut werden könnten. Noch herrscht eine unausgesprochene Übereinkunft, dass es immer so weitergehen werde. Was aber, wenn diese Übereinkunft plötzlich, warum oder von wem auch immer, aufgekündigt wird? Dann kommt der größte aller schwarzen Schwäne angeschwommen. Was also tun, soll ein Kollaps des weltweiten Finanzsystems vermieden werden? Mein Vorschlag lautet: Die bei den Zentralbanken liegenden Staatsanleihen werden einfach ausgebucht. Die hinteren vier, fünf, sechs Stellen in der Bilanz werden gestrichen. Die Zentralbankbilanzen werden also gekürzt, und zwar nicht durch langsamen Abverkauf (dabei bleiben die Schulden ja bestehen), sondern durch Umschuldung durch Verzicht. Dies mag utopisch klingen, ist es aber nicht, wenn durch flankierende Maßnahmen dafür Sorge getragen wird, dass das generelle Vertrauen in den Wert von Geld nicht untergraben wird. Zu diesen Maßnahmen muss gehören, dass Staaten daran gehindert werden, mit dem munteren Schuldenmachen von vorne anzufangen. Darüber hinaus müssen private Gläubiger wie Fonds, Banken, Privatanleger und andere verschont bleiben, denn diese müssten echte massive Verluste hinnehmen, was wiederum die Finanzmärkte zum Kollabieren bringen könnte. Die Verluste bei den Zentralbanken entstünden dagegen nur auf dem Papier, abgesehen von der ausbleibenden Gewinnabführung an den jeweiligen Staat. Eine andere Lösung als diese Art der radikalen Umschuldung scheint schwer vorstellbar. Auch aus einem weiteren Grund: Angesichts der gigantischen finanziellen Lasten, die auf die meisten Gesellschaften zukommen (Transformation in Richtung CO2-Neutralität, steigende Militär- und Energieausgaben, überbordende Sozialsysteme, vor allem in vielen westlichen Ländern mit überalternden Bevölkerungen) werden die Ausgabenlasten noch steigen. Und damit auch die Schulden. Christoph Daub, Frankfurt am Main
