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: Leserbriefe vom 24. Februar 2021

  • Aktualisiert am

Behandelt wie Atommüll: Ein Sarg mit einem an Covid-19-Verstorbenen in Dülmen, Nordrhein-Westfalen Bild: dpa

Gedenken an Pandemieopfer +++ Joe Biden als Katholik +++ Lieferkettengesetz +++ Stiko-Vorsitzender Mertens im Interview +++ Poststrukturalismus +++ Bilanz fossiler Brennstoffe

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          Stiller Tod

          Im Leitartikel „Der einsame Corona-Tod“ (F.A.Z. vom 8. Februar) beklagt Thomas Holl: „Unser Land tut sich schwer im Umgang mit den Opfern der Pandemie.“ Nein, unser Land – und das heißt die Menschen hierzulande – verhalten sich in der Pandemie nicht anders als davor. Der Tod findet nämlich im öffentlichen Bewusstsein, das auf Jugend, Fitness und Vergnügen bis ins hohe Alter fixiert ist, seit Jahrzehnten nicht mehr statt. Gestorben wird in der Regel im Krankenhaus; der Verstorbene wird in die Katakomben desselben verfrachtet, noch bevor er erkaltet ist. Um alles andere kümmert sich der Bestatter. Im offenen Sarg aufgebahrt wird selten, die Angehörigen bekommen die Asche des Verstorbenen zur Beisetzung ausgehändigt, alles sauber und steril. Die wenigsten Menschen in Deutschland haben jemals einen Toten gesehen. Und kaum jemand wird daher wissen, dass jedes Jahr eine knappe Million Menschen in Deutschland versterben. Deshalb ist das Erschrecken groß, wenn man jenseits dieser Verdrängung mit der Corona-Todeszahl 61 000 konfrontiert wird. Immerhin. Aber die 330 000 an Herz- Kreislauf-Erkrankungen Verstorbenen und die 230 000 Krebstoten – um die häufigsten Todesursachen zu nennen – starben und sterben auch vor, während und nach „Corona“ einen stillen, unbeachteten, einen ebenfalls „einsamen“ Tod. Auch sie haben oft einen fürchterlichen Leidensweg hinter sich. Es steht außer Frage, dass man aller Toten öffentlich gedenken müsste, täte man es für die „an und mit“ Corona Verstorbenen. Tote erster und zweiter Klasse sollte es nicht geben. Dr. Marco Arndt, Bonn

           

          „Wojtylisierung“

          Zu „Glaubensbruder Joe Biden“ (F.A.Z. vom 27. Januar): Michael Hochgeschwender erwähnt mit keinem Wort die erfolgreiche jahrzehntelange „Wojtylisierung“ des nordamerikanischen Katholizismus durch die unerbittliche negative Selektion bei der Ernennung von mehr als vierhundertfünfzig Bischöfen nach dem „Lackmus-Test“ von Humanae Vitae – und zwar vor allem durch absolute „Proskribierung“ der Empfängnisplanung durch den polnischen Papst und seine hasenherzig schweigenden Nachfolger. Biden wird viel Arbeit haben, seinen Mitbürgern und vor allem seinen Glaubensbrüdern klarzumachen, dass der Pillen-Papst Wojtyla in Humanae Vitae einfach irrte und dass die Abtreibung für Biden persönlich prinzipiell nicht in Frage kommt. Und dass man aber diese ethische Maxime nicht um jeden Preis eins zu eins ins Strafgesetzbuch bringen muss. Dr. Franz Hein Aengenheister, Burgsteinfurt

           

          Der Schlüssel

          Zu „Wo die Verantwortung endet“ (F.A.Z. vom 13. Februar): Die Autoren der Gesetzentwürfe zur Lieferkette auf EU- und deutscher Ebene meinen es wahrscheinlich gut und setzen ein weiteres Bürokratiemonster in Gang, das der rohstoffarmen Wirtschaft in der EU weiter die Luft nimmt und außer Papier und Arbeit nichts, aber auch absolut nichts bringt. Ich bin sehr gespannt auf die politischen Verbiegungen, die dann im Zusammenhang mit ausreichenden Mengen von beispielsweise Kobalt gemacht werden müssen und die schon heute offenkundig werden im Umgang mit sogenannten „kritischen Rohstoffen“, nur um die verordnete Batterie-Elektromobilität wider jede Vernunft ans Laufen zu bringen. Ich bin vor vielen Jahren als Teilnehmer einer westlichen Delegation in Indien gewesen und habe dort eine Chrommine besucht. Links stand der Palast des Minenbesitzers, rechts, durch eine hohe Mauer getrennt, das tiefe Loch der Mine, in dem sich wie Ameisen Hunderte von Frauen bewegten. Ihre Arbeit bestand darin, in Bastkörben auf dem Kopf das Erz zu transportieren. Schon damals erhob sich Protest gegen diese Arbeitsbedingungen aus der Delegation, der aber sofort erstarb, als der Besitzer erklärte, er habe genug Kapital, um Förderbänder zu kaufen, aber dann hätten die Familien kein Einkommen mehr. Den ranghohen und mit teuren Experten besetzten Ministerien sollte eigentlich klar sein, was mit Beispielen gut zu belegen ist, dass der passende Schlüssel zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung die Beseitigung der Korruption ist. Die Instrumente dazu hätte man, aber sie werden sicherlich nicht von den Unternehmen gehalten. Michael Ihlenfeld, Krefeld

           

          Eine Welt voller Schreckensmeldungen

          Zum Leitartikel „Der einsame Corona-Tod“ (F.A.Z. vom 8. Februar): Thomas Holl beklagt zu Recht die allgemeine Teilnahmslosigkeit der Gesellschaft an den täglichen Corona-Toten und an der schier unvorstellbaren Anzahl der Corona-Toten insgesamt. Aber ist dies wirklich so verwunderlich in einer Medienwelt, die die Menschen tagtäglich „online“ mit furchtbaren Nachrichten und Schreckensmeldungen nicht nur zu Corona, sondern zu Unfällen, Verbrechen, Naturkatastrophen, Kriegen, wirtschaftlichen und politischen Skandalen und menschlichen Tragödien von überall her auf der Welt emotional erschüttert und unsere Gefühle von einer Ecke in die andere jagt. Macht man eine einfache Auszählung, sieht man, dass wohl mehr als 75 Prozent der Nachrichten in den Medien schlechte und bedrückende Nachrichten sind. Für Journalisten ist es sicherlich einfacher, die schlechten Dinge, die in der Welt passieren, zu finden und zu berichten, als die guten Dinge, die auch in dieser Welt passieren. Das fehlende Mitgefühl und die fehlende Trauer um die vielen einsam an einer Corona-Infektion sterbenden Menschen sind nicht zuletzt eine emotionale Abschirmung der Menschen und Folge der permanenten Bombardierung mit Horror-Nachrichten. Hier liegt die große Verantwortung der Medien zu einer ausgewogeneren Berichterstattung der Ereignisse in der Welt, aus der es dennoch sehr viele gute, wertvolle und schöne Dinge zu berichten gibt. Hans-Henning Quast, Hugelshofen, Schweiz

           

          Jederzeit Palliativbegleitung

          Zu „Der Tod lässt sich nicht berechnen“ (F.A.Z. vom 1. Februar): Zum Interview mit Thomas Mertens, dem Vorsitzenden der Impfkommission, möchte ich – jahrzehntelang als Krankenhausarzt in der Betreuung von Schwerkranken und auch Hochbetagten tätig gewesen – Folgendes kritisch anmerken: Auf die Aussage: „Auch der Todkranke hat einen Vorteil durch die Impfung“ antwortet Mertens: „Richtig. Einen kranken Menschen der Gefahr eines schrecklichen Erstickungstodes durch eine Lungenentzündung auszusetzen, das muss auch bedacht werden.“ Ein Todkranker oder multimorbider hochbetagter Patient hat bei der krankhaften Veränderung vieler Organe eine Konstellation, bei der geringe Belastungen zu einer Entgleisung der Körperfunktionen mit tödlichem Ausgang führen können. So kann auch eine Impfung, die das Immunsystem beansprucht und die bei Gesunden gut vertragen wird, hier bei Nebenwirkungen (Krankheitsgefühl, Fieber, intestinale Symptome, Abwehrschwäche) zu Komplikationen führen; nach Todesfällen in dieser Gruppe in Norwegen hat man daher dort eine Negativempfehlung für diese Patienten ausgesprochen. Eine Lungenentzündung führt bei schwerem Verlauf in der Regel zu einem Multiorganversagen im Koma; jederzeit ist zudem in unserem Gesundheitssystem eine bedarfsgerechte palliative Hilfe gewährleistet; ein „schrecklicher Erstickungstod“ ist glücklicherweise nicht zu erwarten – dieses sollte auch Angehörigen klar vermittelt werden. Dr. Guido Schmidt, Osterode

           

          Hinter die Moderne zurückgefallen

          Herzlichen Dank für den hellsichtigen Artikel „Disruptives Denken“ (F.A.Z. vom 17. Februar) des Leipziger Philosophiestudenten Nico Hoppe über die Fehlentwicklungen der poststrukturalistischen Theorie. Überblicksartikel dieser Art beweisen kritische Unabhängigkeit und profundes Literaturverständnis, die leider oft selbst bei auf Lebenszeit bestellten Gelehrten nicht erwartet werden können. Nico Hoppe stellt klar und eingängig den Grundwiderspruch des Dekonstruktivismus heraus: „... die Dekonstruktion konstruiert sich niemals selbst“. Mit dem Überbordwerfen der Aufklärung gerät die Philosophie ins Trudeln, weil sie Inkonsistenzen nicht mehr auflösen kann. Damit ist etwa das Lebenswerk von Judith Butler bereits umschrieben. Geradezu tragisch ist, dass sich der postmoderne Universitätsbetrieb nicht nur von der Aufklärung, sondern gerade von der Idee der „herrschaftsfreien Diskurse“ rapide entfernt. Da fügte es sich wunderbar, dass Nico Hoppes Artikel von der Redaktion gleich neben dem Bericht „Kulturkampf an den Grandes Écoles“ von Kevin Hanschke über die verstrickten Machtstrukturen der französischen Universitätslandschaft und deren (keineswegs auf den sexuellen Bereich beschränkten) Verstrickungen gerückt wurde. Derartiges lässt sich natürlich auch von amerikanischen, britischen und auch deutschen Universitäten berichten, man denke nur an die rekurrierenden Skandale an der Berliner Humboldt-Universität. Die „postmodernen Theorien“ haben sich gegen die Freiheit des wissenschaftlichen Denkens gewendet – sie sind, wie die Bezeichnung sagt, hinter die aufklärerische Moderne zurückgefallen. Friedrich Wolf, Essen

           

          Klimaschädliche Stromgewinnung

          Zu „Fällt Gesundheit vom Himmel?“ (F.A.Z. vom 15. Februar): Joachim Müller-Jung weist auf besonders schädliche Feinstaubemissionen durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas hin. Laut Emissionsbilanz des Umweltbundesamtes wird bei dem Heizen mit Erdgas kein Staub freigesetzt, während die Verfeuerung von Holz die weitaus meisten zusätzlichen Staubemissionen verursacht. Bei 15 Millionen Holzheizern in Deutschland ist das ein wesentlicher Beitrag zur Luftverschmutzung, der nicht unbeachtet bleiben darf. Gegen die These von Müller-Jung, Kohleverfeuerung sei die klima- und gesundheitsschädlichste Form der Stromgewinnung, spricht, dass die Verbrennung von Holz wegen seines vergleichsweise geringen Energiegehalts mehr CO2 erzeugt als das Verfeuern von Kohle. Außerdem entstehen bei der thermischen Nutzung von Holz erheblich klimaschädlicheres Methan und Lachgas. Überdies hat das Helmholtz-Zentrum in München im Rahmen eines Forschungsprojekts festgestellt, dass mit der Verfeuerung von Holz gesundheitsschädliche Mengen kanzerogener polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe, von Terpenen, Formaldehyd, Ruß und Ultrafeinstaub in die Umgebungsluft entweichen. Der Brennstoff Holz verursacht nach den Erkenntnissen des Umweltbundesamtes deutlich mehr luftverschmutzende Emissionen als Erdgas oder Erdöl. Gleichwohl fördert die Bundesregierung mit Steuergeldern den Einsatz von Energieholz. Reinhard Wetzel, Hachenburg

           

          Überfälliges Lieferkettengesetz

          Zu „Wo die Verantwortung endet“ in der F.A.Z. vom 13. Februar: Es ist paradox, dass Vertreter der Wirtschaft zu Recht auf das korrekte Verhalten eines großen Teils der deutschen Unternehmen hinweisen und gleichzeitig das Lieferkettengesetz ablehnen, dessen Ziel unter anderem ist, die Unternehmen, die Sozialstandards einhalten, vor unfairer Konkurrenz zu schützen, indem es diese unter anderem von öffentlichen Aufträgen ausschließt. Zu dem Hinweis, dass Unternehmen durch das Gesetz von Investitionen abgehalten werden, kann man nur sagen, dass kein Land Unternehmen braucht, die nur dann investieren, wenn sie Sozialstandards nicht einhalten müssen, davon gibt es schon genug. Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf Kinderarbeit und Lohndumping beruht, tragen auch nicht zu Entwicklung bei. Davon profitieren nur die Investoren, einige leitende Angestellte und vor allem korrupte Politiker. Langfristige Entwicklung ist nur möglich, wenn zumindest die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation eingehalten werden und ein Arbeiter so viel verdient, dass er nicht nur überleben, sondern seine Kinder zur Schule schicken und Schuhe und vielleicht ein Fahrrad oder ein Radio anschaffen, sein Haus renovieren und Gesundheitsversorgung bezahlen kann. Dann wird die lokale Wirtschaft wachsen, ganz ohne Entwicklungshilfe, erst dann werden die Flüchtlingsströme gestoppt und Verteilungskämpfe aufhören. Und dann werden auch auf angemessene Löhne und soziale Standards achtende deutsche Unternehmen wieder eine Chance haben, ihre Produkte in den Ländern des Südens zu fairen Bedingungen zu produzieren und den riesigen Markt in Afrika zu erschließen. Das Lieferkettengesetz ist überfällig und könnte auch noch stringenter ausfallen – auch zum Schutz fairer deutscher Unternehmen. Das Wachstum der deutschen Wirtschaft hängt nicht von Kindern in indischen Steinbrüchen oder ausgebeuteten Arbeiterinnen in Bangladesch ab und namhafte Vertreter der Wirtschaft sind gut beraten, sich nicht hinter die schwarzen Schafe zu stellen, sondern sich um die Umsetzung des Gesetzes zu bemühen, auch wenn das mit Bürokratie verbunden ist. Anne Sturm, Herne

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