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: Leserbriefe vom 21. Dezember 2020

  • Aktualisiert am

Moderne Frauen: Hungrig auf Erfolg und eine selbsterarbeitete Gleichberechtigung Bild: dpa

Frauen in Spitzenpositionen +++ Ideenkrise des Liberalismus +++ Ausstellung im Museum Folkwang +++ ZDF als Genderfunk

          5 Min.

          Mehr Frauen in Spitzenpositionen

          Zum Leitartikel „Ein Signal für die Quote“ von Sven Astheimer in der F.A.Z. vom 26. November: Frauen führen anders und entscheiden anders, oft basierend auf einer anderen Lebenserfahrung, die viele Vorstände bereichern könnte. Deshalb brauchen Unternehmen und andere Organisationen mehr Frauen in Spitzenpositionen. Es geht eben nicht nur darum, eine unrechtmäßige Diskriminierung abzustellen, wenn sich die Koalition in Berlin jetzt auf eine gesetzliche Quote geeinigt hat. Nein, vielleicht müssen die deutschen Unternehmen nur zu ihrem Glück gezwungen werden.
          Bei Personalentscheidungen für das Top-Management ist eine Entscheidung ausschließlich aufgrund fachlicher Eignung gar nicht mehr möglich. Es werden Menschen gesucht, die Mitarbeiter motivieren, Änderungen gestalten, Entscheidungen unter großen Unsicherheiten treffen können und eine Führungsmannschaft mit neuen Perspektiven ergänzen. Gefunden werden oft Menschen, die dran sind, gut passen, Stallgeruch haben, denen man den nächsten Schritt zutraut, weil sie ähnlich denken. Und da es meistens Männer sind, die suchen, werden auch Männer am schnellsten gefunden. Es fehlt am Mut, bewusst Vielfalt in die Entscheidungsebenen zu holen. Entscheidungsfindung wird durch Vielfalt der Meinungen und Einschätzungen ja nicht leichter, sondern schwerer, aber eben meistens auch besser. Gerade in Zeiten, die große Veränderungen und Anpassungen erfordern, hilft Vielfalt im Denken, um zu den besten Entscheidungen zu kommen. Beispiele von Fehlentwicklungen und falschen Managemententscheidungen in großen Unternehmen gibt es viele. Vielleicht hätten einige aber verhindert werden können, wenn auf den Entscheidungsebenen in größerer Vielfalt um den besten Weg gerungen worden wäre. Eine gesetzlich vorgeschriebene Quote mag nicht der eleganteste Weg sein, um genügend Frauen in Spitzenpositionen zu bringen. Aber es ist höchste Zeit, dass sich die Unternehmen mit mehr Mut zu einer größeren Vielfalt einer Welt stellen, die immer komplexere Fragen stellt. Und vergessen wir nicht: Die internationale Konkurrenz ist uns weit voraus. Christoph Schlichter, Hamburg

           

          Liberale und Demokraten

          Zu Christoph Möllers „Die Ideenkrise des Liberalismus“ (F.A.Z. vom 14. Dezember): Der scharfsinnige Essay von Christoph Möllers bedarf, was die Geschichte des deutschen Liberalismus angeht, in zwei Punkten der Korrektur. Erstens: Das Auseinanderfallen des liberalen Lagers in einen rechten und einen linken Flügel hat sich nicht erst nach der gescheiterten Revolution von 1848 vollzogen, sondern, zumindest in den industriell am weitesten entwickelten Gegenden Deutschlands, bereits im Vormärz. Den Liberalen im engeren Sinn, den Repräsentanten großer Teile des gebildeten und besitzenden Bürgertums, standen die Demokraten gegenüber, die sich als Sprecher vor allem des „einfachen Volkes“ fühlten. Ein besonders markantes Unterscheidungsmerkmal bildete die Wahlrechtsfrage: Die Demokraten forderten das allgemeine gleiche Männerwahlrecht, die Liberalen bevorzugten meist ein sozial abgestuftes, besitzfreundliches Wahlrecht.
          Zweitens: Die von dem „Pressezaren“ Alfred Hugenberg geführte, zutiefst illiberale Deutschnationale Volkspartei, die einen wesentlichen Anteil an der Machtübertragung an Hitler hatte, eine tragende Säule seines ersten Kabinetts bildete und ihm bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 erst zu einer Mehrheit im Reichstag verhalf, war nicht die Erbin der Nationalliberalen, sondern der beiden konservativen Parteien sowie der Antisemitenparteien des Kaiserreichs. Die Nachfolge der Nationalliberalen Partei trat in der Weimarer Republik Gustav Stresemanns Deutsche Volkspartei an. Nach dem frühen Tod des Parteivorsitzenden und langjährigen Außenministers im Oktober 1929 rückte die DVP immer weiter nach rechts. An Hitlers „Regierung der nationalen Konzentration“, die am 30. Januar 1933 ihr Amt antrat, war sie aber nicht beteiligt. Professor Heinrich August Winkler, Berlin

           

          Entlohnung und Verdienst

          Im Artikel „Die Ideenkrise des Liberalismus“ in der F.A.Z. vom 14. Dezember spricht Christoph Möllers in der fünften Spalte über den extremen Unterschied an materiellem Verdienst in Unternehmen. Am Schluss des Absatzes sagt er in Bezug auf die Bezeichnung von Besserverdienenden als Leistungsträger: „Solche Formulierungen schließen aber nicht vom Verdienst auf die Entlohnung, sondern von der Entlohnung auf den Verdienst, Wert wird einfach mit Preis gleichgesetzt.“ Das ist eine sehr zutreffende Bemerkung. Nur hat sie ein sprachliches Problem. Möllers meint in diesem Satz nicht die maskuline Form von Verdienst (durch Arbeit erworbenes Geld, Einkommen), sondern die Neutrumsversion „das Verdienst“ (Anerkennung verdienende Tat, Leistung), denn sonst wären ja Entlohnung und Verdienst identisch. Es muss also heißen: „nicht vom Verdienst auf die Entlohnung, sondern von der Entlohnung auf das Verdienst“. Das mag nur wie ein sprachlich minimaler Unterschied aussehen, ist aber für das Verständnis des Satzes von erheblicher Bedeutung. Professor Dr. Jens Malte Fischer, München

           

          Von Monet bis Picasso

          Zum Artikel „Meine liebste Ausstellung – List und Lust der ökonomischen Vernunft“ (F.A.Z. vom 20. November): Die Erinnerung von Andreas Platthaus an die großartige Ausstellung „Monet bis Picasso – Morosow und Schtschukin. Die russischen Sammler“ hat dieses einmalige Ereignis aus dem Jahr 1993 noch einmal zu Recht ins Gedächtnis gerufen. Mit über 572 000 Besuchern war diese Ausstellung seinerzeit nämlich die bestbesuchte Gemäldepräsentation in einem deutschen Museum. Freilich war sie nicht mit „Geschäftsinteressen im sich entwickelnden russischen Raubtierkapitalismus“ des Sponsors Ruhrgas AG verbunden, wie der seinerzeit aus Tübingen angereiste Autor meint. Geschäftlicher Hintergrund war die Befestigung einer schon bestehenden dauerhaften Geschäftsbeziehung.
          Dieser wichtige deutsche Energieversorger bezog verlässlich Gas aus der Sowjetunion und aus Russland seit damals bereits 20 Jahren. Und darauf wurde in dem kleinen Prospekt für die Ausstellung ganz am Ende auch hingewiesen. Der Unterstützung durch dieses Unternehmen verdankte das Museum Folkwang im Jahr 1990 auch die ebenfalls großartige Ausstellung „Vincent van Gogh und die Moderne“. Auch hier spielte nicht nur für die Ruhrgas die Sicherstellung der Gasversorgung der Bundesrepublik Deutschland, damals freilich aus Richtung Westen, nämlich aus den Niederlanden, im Hintergrund eine Rolle.
          Denn bei der Ausstellungseröffnung durch Prinz Claus der Niederlande am 10. August 1990 sprachen vor Dr. Költzsch, dem Direktor des Museums Folkwang, der damalige Minister für Außenhandel des Königreichs der Niederlande und der damalige Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft. So führten Gasgeschäfte zu Kunstgenuss. Für mich blieb diese Ausstellungseröffnung auch aus einem anderen Grund ein besonderes Erlebnis. Denn nachdem die Teilnehmer zu den Bussen gerufen worden waren, die sie zum gemeinsamen Mittagessen brachten, konnte ich mir zusammen mit der damaligen Leiterin des Bonner Kunstmuseums Katharina Schmidt die kostbaren Exponate in den blitzschnell leergefegten Räumen wie in einem privaten Wohnzimmer noch in aller Ruhe betrachten.
          Bernhard Wimmer, Bonn

           

          Eine Entscheidung zur Genauigkeit

          Zu „Das ZDF als Genderfunk“ (F.A.Z. vom 7. Dezember): Der Leserbrief von Professor Thomas Finkenauer ist von zwar höflicher, aber unübersehbarer Arroganz durchdrungen. Das wiederholte „hicks“ ist nur ein Beispiel. Dass sich Frauen beim hochsprachlich angewandten generischen Maskulin mehrheitlich ausgeschlossen fühlen, weiß man aufgrund zahlreicher wissenschaftlicher Studien. Der Journalismus steht bei der Frage des „Wer“ vor der Entscheidung zur Genauigkeit. Nur weil der Verfasser sich moralisch gegängelt fühlt, soll die bislang praktizierte generische Minimallösung der Hochsprache dauerhaft fortgesetzt werden? Anders ist es richtig! Birgit Heid, Landau

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