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: Leserbriefe vom 2. Juli 2021

  • Aktualisiert am

Ziel vieler Besucher, nun auch des Kardinals aus Stockholm und des Bischofs von Rotterdam: Dr Dom zu Kölle Bild: dpa

Kölner Erzdiözese +++ Ausstellung zur Documenta +++ Medienpolitik im Bundestagswahlkampf +++ Milliarden von der EU

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          Der Lebenswirklichkeit anpassen

          Zu dem Leserbrief von Johannes Prinz Lobkowicz „Der Mittelpunkt ist Jesus Christus“ (F.A.Z. vom 25. Juni): Der Briefverfasser hat recht, dass die Kirche auf der Heilsbotschaft Jesu Christi fußt, deren Mittelpunkt er ist und bleibt, das Alpha und Omega. Der heutige Klerus in der apostolischen Nachfolge ist lediglich in einer menschlichen Stellvertreterrolle mit dem Missionsauftrag, den jeweiligen Zeitgenossen die erlösende Nachricht der Frohen Botschaft weiterzusagen; dazu benötigt man unter anderem deren uneingeschränktes Vertrauen und eine unbeschädigte Glaubwürdigkeit. Wenn man aber vergangenen theologischen Zeitgeist früherer Jahrhunderte fortlaufend konserviert (wie monarchischen Absolutismus, die Diskriminierung und Ungleichbehandlung von Frauen in Leitungsfunktionen sowie von sexuell anders Orientierten, Geheimniskrämerei, Vertuschung und andauernde Reform-Verweigerung), darf man sich nicht wundern, wenn dies heutzutage als völlig wirklichkeitsfern wahrgenommen wird und den Blick auf die Kernbotschaft verstellt. Es geht engagierten kirchenkritischen Reformkräften nicht darum, mit momentan modernem Zeitgeist die für jedermann verständliche Botschaft Jesu Christi zu verwässern. Nein, es geht derzeit grundlegend darum, den absolut verstaubten klerikalen Zeitgeist der Vergangenheit im Sinne eines Aggiornamento zu überwinden, endlich aufzugeben und unseren heutigen sowie künftigen Lebenswirklichkeiten anzupassen. Genau das wurde uns von Jesus seinerzeit eindrucksvoll vorgelebt und zeitlos gültig übermittelt. Carl Kau, Bremen

           

          Moderne Kunst für die Deutschen

          Zu „Als die Kunst politisch wurde“ (F.A.Z. vom 18. Juni): In seiner Besprechung der Ausstellung „Documenta. Politik und Kunst“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin berichtet Andreas Kilb, zur Auswahl der Künstler der Documenta 1 von 1955 habe die Kuratorin Julia Voss die These aufgestellt: „Wiedereingliederung der deutschen Kunst in die Moderne durch systematisches Vertuschen der deutschen – und eigenen – Schuld“. Diese Wiedergabe trifft so nicht zu. Die Documenta 1 wollte nicht die deutsche Kunst in die Moderne wiedereingliedern. Sie wollte vielmehr die moderne Kunst dokumentieren, die den Deutschen während der Zeit des Nationalsozialismus nicht zugänglich war. Es ging also nicht um moderne deutsche Kunst, sondern um moderne Kunst für die Deutschen. Die These von Frau Voss geht dabei dahin, dass bei der Documenta 1 von den Nazis verfolgte und umgebrachte jüdische Künstler, die zunächst sogar auf Vorauswahllisten gestanden hatten, bewusst nicht gezeigt wurden, nämlich konkret die jüdischen Maler Otto Freundlich und Rudolf Levy. Der Name Freundlich wird von Kilb nicht erwähnt. Zu Levy meint er, die Suggestion, Levy sei aussortiert worden, um den Holocaust auszublenden, stehe „ästhetisch auf schwachen Füßen“. Mit anderen Worten, Levy war für die Ausstellung von 1955 nicht gut genug. Das ist fürwahr eine kühne These gegenüber dem mit Hans Purrmann und Oskar Moll bedeutendsten deutschen Matisse-Schüler, der in deutschen und ausländischen Museen bis hin zu den Uffizien in Florenz vertreten ist. Kilb fährt fort, die Documenta 1 hätte politische Gründe gebraucht, um Levys Bilder zu zeigen. Soll das etwa eine Anspielung sein, dass Hans Purrmannn, der als „entarteter Künstler“ emigriert war und mit Levy auf derselben Vorauswahlliste stand, für die Ausstellung deshalb zum Zuge kam, weil er, wie allseits bekannt, mit Bundespräsident Theodor Heuss befreundet war, dem Schirmherrn der Documenta 1?

          Wie Raphael Gross, der Direktor des DHM, in der FAS vom 13. Juni ausgeführt hat, wusste Werner Haftmann, der künstlerische Kopf der Documenta 1, von Levy, denn Haftmann hatte im Krieg in Florenz wiederholt das Kunsthistorische Institut besucht, das sich in dem Haus befand, in dem Levy wohnte und malte, hatte sich 1946 erkundigt, was aus Rudolf Levy geworden war, und – das kann angefügt werden – hatte wenige Jahre später die Witwe Genia Levy in ihrer Wohnung besucht. Deshalb hätte es eigentlich für Haftmann naheliegen müssen, Levy auszustellen. Aber: Haftmann hatte nach 1945 in vielen Publikationen, wie Kilb erwähnt, Emil Nolde künstlerisch-ästhetisch hochgeschrieben und unter Verschweigen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit zur Symbolfigur der inneren Emigration stilisiert – der künstlerisch-ästhetische Rang des nichtjüdischen Künstlers sollte seine braune Vergangenheit vergessen machen. Auf der anderen Seite schrieb derselbe Haftmann in seinem Buch „Malerei im 20. Jahrhundert“ aus dem Jahre 1954, „nicht ein einziger der deutschen modernen Maler war Jude“ – jüdischen Malern wird damit der künstlerisch-ästhetische Rang total abgesprochen. Muss man, was Kilb nicht tut, beides nicht zusammen sehen? Sind diese beiden künstlerisch-ästhetischen Kanonisierungen nicht zwei Seiten derselben Medaille nationalsozialistischen Denkens eines Mannes, der sehr früh nicht nur der NSDAP beigetreten war, sondern auch der SA? Liegt es vor dem Hintergrund des vorstehenden Zitats nicht nahe, dass Haftmann seine leitende künstlerische Position bei der Vorbereitung der Documenta 1 dazu benutzte, um den Worten in seinem Buch bei der Ausstellung Taten folgen zu lassen? Zudem: Jüdische Künstler zu zeigen, die von den Nazis umgebracht worden waren, hätte diesen dunkelsten Aspekt der Judenverfolgung ebenfalls ausgestellt. Und Rudolf Levy auszustellen, der in Florenz im Exil gelebt hatte, bis er von den NS-Häschern gefasst und kurz danach ums Leben gebracht worden war, hätte für Haftmann erst recht gefährlich werden können, weil er, schon damals bekannt, ebenfalls zeitweise in Florenz gelebt und Kenntnis von Levy gehabt hatte. Mehr noch, Haftmann hatte sich, was die jetzige Ausstellung zeigt, an Greueltaten gegen Partisanen beteiligt und war nach dem Krieg in Italien als Kriegsverbrecher gesucht worden. Was die Ausstellung in Berlin zutage gefördert hat, ist wohl kein historischer Beweis, aber recht plausibel. Die Documenta 1 war ersichtlich nicht der Neuanfang nach dem Ende des NS-Staates, als der sie bisher angesehen worden ist. Professor Dr. Hans-Jürgen Hellwig, Frankfurt am Main

           

          Nicht ehrlich

          In dem Text „Zwei Lager“ fasst Torsten J. Gerpott die medienpolitischen Aussagen der Parteien zur Bundestagswahl sehr lesenswert zusammen (F.A.Z. vom 26. Juni). Ergänzen ließe sich, zu welchem Thema die Parteien keine Aussage treffen: Wie geht es mit der terrestrischen Verbreitung des Rundfunks weiter? Zwar nutzen nur noch wenige die Hausantenne zum Empfang der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Aber dieser Verbreitungsweg ist der kostengünstigste wie klimafreundlichste und ermöglicht dem Staat eine sichere Nutzung in Katastrophenfällen, da Mobilfunknetze ausfallen und Satelliten von fremden Staaten abgeschaltet werden können. Doch der bislang dafür genutzte Frequenzbereich könnte an den Mobilfunk versteigert werden. Das wäre eine gefährliche Entwicklung auch für die anderen Nutzer des Bereichs: die Radioastronomie, den Wetterdienst und die drahtlosen Mikrofone als Teil der Veranstaltungsbranche. Die Grünen haben sich in den letzten Jahren für den Erhalt dieser Nutzungen ausgesprochen. Im Wahlprogramm liest man davon nichts mehr. Womöglich sind gewisse Versteigerungserlöse bereits für den nächsten Haushalt verplant? Für Veranstalter und Künstler hieße das dann aber abermals „Alarmstufe Rot“, ebenso wie für alle, die Fernsehen schauen wollen, ohne Kabelgebühren zahlen zu müssen. Hier drohen Gebührenerhöhungen für Millionen von Haushalten, über die momentan noch keine Partei ehrlich spricht. Dirk Borchardt, Berlin

           

          Schuldenunion

          Zu „Die Zeichen stehen auf Schuldenunion“ (F.A.Z. vom 24. Juni): Die Dreistigkeit, mit der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in den europäischen Ländern Geld verteilt, das sie nicht hat, ist schon enorm. Was Werner Mussler „unfreundlich formuliert“ nennt, ist ja bereits Fakt, wir haben die Schuldenunion. Und viele finden das gut, offenbar auch unsere Bundesregierung, und die nächste wird das nicht anders sehen. Es war schon immer leicht, Wohltaten zu verteilen, wenn diejenigen, die belastet werden, anonym sind. Dabei war Deutschland einst das Land in der EU, das sich für finanzpolitische Stabilität eingesetzt hat. Allerdings hat sich früh erwiesen, dass das Pochen auf Fiskalregeln unbeliebt ist. Und die Kommission hat sich auch nie ernsthaft bemüht, Regelverstöße zu ahnden, nach dem Motto: Ein Land, das in „finanzieller Not“ ist, kann man doch nicht auch noch bestrafen. Für die Stabilität in der Währungsunion brauchten wir nicht einmal Fiskalregeln. Es reichte aus, die Gesetze der Marktwirtschaft anzuwenden. War das nicht mal ein elementarer Grundsatz in der EU? Dann gäbe es keine Haftung für andere Staaten, und im Falle einer Überschuldung drohte ein Staatsbankrott und griffe gegebenenfalls ein Insolvenzmechanismus. Aus heutiger Sicht ist diese Vorstellung allerdings utopisch, marktwirtschaftliche Prinzipien sind in Europa tabu. Übrigens: Was machen wir in der nächsten Krise? Professor Dr. Joachim Scheide, Kronshagen

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          Die Senioren des Dresdner Kanusportvereins haben ihre Leidenschaft über die Zeitenwende gerettet – über Politik reden sie lieber nicht, denn da fliegen schnell die Fetzen.
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          Das Leben ist ein ewiger Kampf, ob um Olympiagold gekämpft wird oder gegen den inneren Schweinehund. Robert Habeck kämpft sogar im durchnässten Outfit.

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