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: Leserbriefe vom 2. Juli 2020

  • Aktualisiert am

Schweineleben: Tiere im Stall des Landwirts und Schweinezüchters Hubertus Berges Bild: Daniel Pilar

Metzgereischließungen +++ Bildungskatastrophe wegen Corona? +++ mehr Christus wagen +++ Erika Manns Einfluss +++ Erinnerung an Claus Biederstaedt +++ Jonas Kaufmanns „Otello“ +++ George Orwells Dystopie

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          In 35 Jahren keine Metzgerei mehr

          Zu Ihren Berichten über die Fleischindustrie und den Niedergang des Fleischerhandwerks: Ende 2014 habe ich nach 50 Berufsjahren, davon 33 Jahre mit Sechstagewoche in Selbständigkeit, meine Fleischerei im Sauerland geschlossen. Bis zum letzten Tag haben wir in unserem Schlachthaus Schweine, Rinder, Bullen und Lämmer geschlachtet. Die Ursache der Schließung hatte drei Gründe: Ich hatte keinen Nachfolger aus der eigenen Familie, es gibt nur noch wenige Menschen, die den Beruf des Fleischers noch erlernen, und der wirtschaftliche Druck ist so groß, dass es sich nicht mehr lohnt. Bis vor circa 50 Jahren hatte jede Fleischerei ein eigenes Schlachthaus, oder aber die Betriebe in den Städten konnten im stadteigenen Schlachthof schlachten. Es war selbstverständlich, die Schlachttiere aus der unmittelbaren Nähe, sprich von Landwirten im Dorf oder aus der Umgebung, zu bekommen. Kurze Wege für die Schlachttiere waren in jeder Beziehung unproblematisch und von großem Vorteil. Ein weitsichtig denkender Kollege hat einmal gesagt: „Iss das Fleisch von Tieren dort, wo es geboren, gemästet, geschlachtet, verarbeitet und verkauft wird.“
          Mit der Entstehung von Supermärkten und Discountern wurden Versandschlachtereien zur Regel. Gleichzeitig schlossen immer mehr Städte und Gemeinden ihre Schlachthöfe, da sie häufig Zuschussbetriebe waren. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten „so hochgeschaukelt“, dass die Arbeit in Versandschlachtereien zu drei viertel von ausländischen, ungelernten Arbeitskräften gemacht wird. Lange Arbeitszeiten, nicht zeitgemäße Unterbringung und niedriger Lohn sorgen dafür, dass ein niedriger Preis für das geschlachtete Tier zustande kommt. So gaben viele Betriebe das eigene Schlachthaus auf und kauften Schlachttierkörper. Heute, etwa 50 Jahre nach diesem Schnitt, schlachten im Kreis Olpe noch fünf Handwerksbetriebe, zudem der private Schlachthof in Olpe und Berleburg Tiere zum Teil für die Fleischereien des Kreises.

           

          Jeden Tag stirbt eine Fleischerei in Deutschland

          In Deutschland gab es vor 50 Jahren noch 32 000 Fleischereien, geblieben sind noch ungefähr 13 000. Da jeden Tag statistisch eine Fleischerei „stirbt“, können wir davon ausgehen, dass es in 35 Jahren in Deutschland keine klassische Fleischerei oder Metzgerei mehr gibt. Man kann sich dann nur noch im Supermarkt verpackte Wurst und Fleisch kaufen, von dem keiner weiß, wo es genau herkommt und wie es gemästet und verarbeitet wurde. Warum hat man uns Fleischern nicht wie den Landwirten und vor allem dem Kohlebergbau über Jahrzehnte den Rücken gestärkt? In jedem Dorf gäbe es noch eine Fleischerei! Das Erzeugergebiet Kreis Olpe ist mittlerweile zu einem „Notstandsgebiet“ geworden. Landwirte aus unserem Kreis müssen ihre Schlachttiere, vor allem Schweine, teilweise über 100 Kilometer fahren, damit sie geschlachtet werden. Die Fleischbeschaugebühr, die der Kreis Olpe festlegt, liegt bis zu zehnmal höher als bei einem der großen Versandschlachthöfe. Die Begründung: „Wir müssen kostendeckend arbeiten.“ Die neue verschärfte EU-Zulassungsverordnung für Schlachtstätten hat ebenfalls dazu beigetragen, dass weitere Betriebe ihren Schlachtbetrieb eingestellt haben. Wie können nur die gleichen Verordnungen für Handwerksbetriebe und EU-Schlachtstätten gelten? Bei der Behandlung von Schlachttieren wird mit zweierlei Maß gemessen. Beim Betäubungsvorgang steht ein Mitarbeiter des Veterinäramtes mit der Stoppuhr bereit und misst die Zeit zwischen Betäuben und Blutentzug. Aber wenn bei Lebendtransporten in Ländern außerhalb der EU Tiere durch ultralange Transporte ohne die entsprechende Versorgung gequält werden, schaut man weg. Der Platz für ein Mastschwein ist klar reglementiert, so dass es gerade zum Fressen aufstehen und sich anschließend wieder hinlegen kann. In den riesengroßen Mastbetrieben für Rinder, Bullen, Kühe und Kälber sehen viele der Tiere kein Tageslicht mehr. Ist das artgerechte Haltung? Es gibt Mastbetriebe mit bis zu 30 000 Schweinen. Das sind und waren nicht die Lieferanten von Fleischereien. Der deutsche Staatsbürger gibt von dem, was er verdient, in der EU das wenigste für Lebensmittel aus, etwa zehn bis zwölf Prozent. Entsprechend ist sein Kaufverhalten nach der Devise: Ich kaufe viel und werfe dann viel weg. Da lobe ich mir unsere französischen Nachbarn: Sie legen sehr viel Wert auf gutes Essen, essen aber auch weniger Fleisch und Wurst – und genießen. Dafür sind die Lebensmittel dort teurer als bei uns. Ulrich Rauchheld, Lennestadt

           

          Keine große Bildungskatastrophe

          Zu „Unabsehbare Schäden“ von Olaf Köller (F.A.Z. vom 25. Juni): Auf äußerst dramatische Weise beschreibt der Beitrag die vom Autor im Bildungsbereich erkannten Auswirkungen von Corona. Die schon in der Überschrift festgestellten „unabsehbaren Schäden“ für die „Generation der Bildungsverlierer“, die die Corona-Krise angeblich verursacht habe, erscheinen mir trotz der wissenschaftlichen Studien, auf die Bezug genommen wird, übertrieben.
          Sicherlich hat der über mehrere Monate währende fehlende Präsenzbetrieb zu Lernrückständen bei Schülern geführt, und auch der Aussage, dass längere Beschulungspausen die Chancengleichheit im Bildungswesen negativ beeinflussen, ist zuzustimmen. Daraus jedoch langfristige negative Auswirkungen einer bislang nur wenige Monate dauernden Beeinträchtigung des Schulbetriebes abzuleiten, erscheint mir ebenfalls übertrieben. Auch den in diesem Zusammenhang zur Unterstützung der These von der Corona-bedingten „Generation der Bildungsverlierer“ herangezogenen Vergleich mit den Kurzschuljahren der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts kann ich so nicht nachvollziehen. Als Vertreter des Geburtsjahrgangs 1957 kam ich in der dritten und vierten Klasse meiner Grundschulzeit in den „Genuss“ zweier Kurzschuljahre. Die These, dass sich diese Kurzschuljahre auch noch 45 Jahre später mit „nachweislich geringeren mathematischen Kompetenzen als Vergleichsschüler“ negativ bemerkbar machen würden, finde ich weder bei mir noch bei meinen mir bekannten AltersgenossInnen bestätigt. Die einzige Auswirkung meiner Kurzschuljahre war eine positive: Ich konnte meine Abiturprüfung schon mit 18 Jahren bestehen und war damit jünger als diejenigen, die nicht in den „Genuss“ der Kurzschuljahre gekommen waren. Die Erfahrung, dass längere Beschulungspausen sich negativ auswirken können, musste ich jedoch leider auch selbst machen. Als „Kind des Kalten Krieges“ wurde ich unmittelbar nach meiner Schulzeit für 15 Monate zum Grundwehrdienst bei der Bundeswehr eingezogen. Diese im Vergleich zu den Corona-bedingten Unterrichtsausfällen deutlich längere Unterbrechung meiner Bildungsbiographie mit Tätigkeiten, deren intellektuelle Anforderungen überwiegend gegen null tendierten, hat mir beim Wiedereinstieg nach dem Wehrdienst Schwierigkeiten bereitet. In der Anfangsphase meines sich an den Wehrdienst anschließenden Studiums musste ich teilweise das Lernen erst wieder neu lernen. Auch in meiner späteren Erwerbsbiographie hat der Wehrdienst Spuren hinterlassen. Dadurch, dass meine Erwerbstätigkeit als akademisch gebildeter Berufstätiger 15 Monate kürzer war, als sie es ohne Wehrdienst gewesen wäre, ergab sich ein entsprechend niedrigeres Lebensarbeitseinkommen. Im Gegensatz zur heutigen Corona-Berichterstattung waren die Schwierigkeiten, die der Wehrdienst für die Betroffenen mit sich brachte, damals kaum ein Thema in der öffentlichen Diskussion. Die Corona-Krise hat im Bildungsbereich sicherlich negative Auswirkungen gehabt, die sich teilweise wohl auch noch in der Zukunft auswirken werden. Sie deswegen zur großen Bildungskatastrophe mit langfristig dramatischen Folgen hochzustilisieren erscheint aber unangemessen. Manfred Eberlein, Rüsselsheim

           

          Frage für die souveränen Mitgliedstaaten

          Zu „Weber für neues Gericht“ (F.A.Z. vom 29. Mai), zu der Kontroverse um das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur EZB: Würde man den verfassten Organen der Europäischen Union und somit auch dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) die Kompetenz zugestehen, verbindlich darüber zu entscheiden, ob eines dieser Organe – also auch der EuGH – mit einer bestimmten Handlung innerhalb der ihm nach den Europäischen Verträgen übertragenen Kompetenz gehandelt hat oder nicht, hätte man die Kompetenz zu ebendieser Handlung bereits vorausgesetzt. Daher greift der von Manfred Weber, MdEP, vorgeschlagene Kompetenzgerichtshof noch zu kurz. Denn ein solcher Kompetenzgerichtshof wäre ebenfalls ein verfasstes Organ der Europäischen Union. Die Frage muss vielmehr auf der Ebene der für die EU maßgeblichen verfassungsgebenden Gewalt, gleichsam eine Ebene höher, entschieden werden: Das sind die souveränen Mitgliedstaaten, die dann in neue Vertragsverhandlungen eintreten müssten, in denen nichts bereits vorentschieden ist und in denen es um das Grundverhältnis zueinander geht. Es könnte die Mühe wert sein, darüber nachzudenken, wie ein solches Verfahren auszugestalten, insbesondere einzuleiten wäre. Dr. Frank Hennecke, Ludwigshafen

           

          Mehr Christus?

          „So viele Kirchenaustritte wie noch nie“ verkündet die F.A.Z. am 27. Juni und zitiert den EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm, die evangelische Kirche werde angesichts der hohen Zahl an Kirchenaustritten „nicht tatenlos bleiben“. Ich bin gespannt, welche Taten dem angekündigten „selbstkritischen Blick auf gewachsene Formate und Strukturen“ folgen werden. Wird die Kirche den Kurs der letzten Jahrzehnte fortsetzen, Pfarrstellen und Gottesdienste reduzieren, sich damit weiter aus der Fläche zurückziehen? Oder darf man womöglich träumen von einer Rückbesinnung auf das Wesentliche, mithin weniger Politik, „Klima“ und „Genderkompetenzzentren“, dafür mehr Seelsorge durch Pfarrer vor Ort, mehr Bibel, mehr Christus? Claus Michael Schmidt, Dillenburg

           

          Problematisch

          Zu „Hier führte sie das Wort" (F.A.Z. vom 27. Juni): Dieser Artikel hat mir bisher unbekannte Einzelheiten aus dem Leben von Erika Mann vermittelt. Ob allerdings ihr Einfluss entscheidend dafür war, dass Thomas und Katia Mann nach Europa zurückkehrten (wie im Artikel behauptet), mögen Berufene beurteilen. Sich dabei auf das Urteil des im Jahr 1952 erst zwölfjährigen Frido Mann zu verlassen erscheint mir problematisch. Friedo Mann ist übrigens nicht (wie im Artikel behauptet) der Großneffe Erika Manns, sondern als Sohn ihres Bruders Michael ihr Neffe.Michael Kakuschke, Göttingen

           

          Vorleser

          Zu Ihrem Artikel „Die Jagd nach der nächsten Trophäe?" von Jürgen Kesting (F.A.Z. vom 12. Juni): Schon beim abendlichen Vorauslesen der kommenden F.A.Z-Ausgabe war ich von Ihrem Artikel so begeistert, dass ich mit 73 Jahren wieder einmal nicht einschlafen konnte. Verheiratet mit einer Opernsängerin, deren Studium ich Schritt für Schritt begleitete und die mir allein Lebenskraft für meinen Beruf gab, hat Ihr Artikel mit seiner einmaligen analytischen Brillanz ein europäisches Kulturerbe formuliert, das kaum noch in dieser Form weitergetragen wird.
          Sie brachten schreibend Noten zum Singen, ich hörte den für mich unerträglichen "subglottischen Ton" Kaufmanns, den ich jetzt auch gesangstechnisch verstanden habe, eigentlich hörte ich den ganzen "Otello" - zumal ich meiner Frau mit Ihrem Essay einen der schönsten Frühstücks-Vorlesemorgen bereitet habe. Vielen Dank. Udo Gundel, Reutlingen

           

          Wieder aktuell

          Zu „Einer kam durch" (F.A.Z. vom 23. Juni): Was Edo Reents zum Tode des Schauspielers Claus Biederstaedt geschrieben und die F.A.Z. leider veröffentlicht hat, ist absoluter Unsinn. Weder hat Biederstaedt über seine Kriegserlebnisse "eisern geschwiegen", sondern mir exklusiv für mein Buch "Ich dachte, das sei mein Ende" ausführlich und detailreich darüber erzählt. Seine Mutter brachte sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auch nicht um, weil sie dachte, ihr Sohn sei gefallen, sondern weil sie auf der Flucht von den Russen eingekesselt worden war und den Selbstmord einer Vergewaltigung vorzog. Mein Buch ist vor fünf Jahren erschienen und gerade jetzt wieder aktuell. Gudrun Gloth, Berlin

           

          1984 lässt grüßen

          Zu „Humorlos" (F.A.Z. vom 13. Juni): Der Artikel von Michael Hanfeld zeigt deutlich die Parallelen zu George Orwells Dystopie "1984" auf. Die Vergangenheit soll ausradiert, soll vergessen werden. Die Menschen leben unter ständiger Kontrolle. Selbst Gedanken können schon Verbrechen sein. In Orwells "1984" ist es das Ministerium für Wahrheit, welches die Auslöschung der Geschichte und deren Neuschreibung im Sinne der Parteilinie betreibt.
          In unserer Welt sind es die selbsternannten Sittenwächter und Moralprediger, die sich zu Hütern von Werten und Normen der Gesellschaft aufschwingen. Und natürlich nur zu deren Besten. Sollte man Vergangenes nicht besser umschreiben, wenn es nicht zu unserem aktuellen Wertekanon passt? Was bedeutet uns noch die Vergangenheit, was die Wahrheit und vor allem was die Freiheit und insbesondere die der Gedanken? George Orwell lässt grüßen. Cornelia Knöpfel, Sinzig

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