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: Leserbriefe vom 16. Oktober 2020

  • Aktualisiert am

Auf der Junkerskuppe bei Bad Sooden-Allendorf hat die Natur den ehemaligen Grenzstreifen weitgehend wiedererobert. Bild: Helmut Fricke

Der Nutzen des Waldes +++ Corona-Infektionszahlen +++ Schillerrede +++ Anne Weber +++ Sprechkultur +++ Neuverschuldung

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          Waldbau ist Umweltschutz

          Herzlichen Dank für den umfassenden und so ausgewogenen Leitartikel von Reinhard Bingener über den Nutzen des Waldes (F.A.Z. vom 13. Oktober). Beim Wald wird nur über Kalamitäten wie zum Beispiel Sturm, Brand oder Dürre geschrieben. Dabei ist es viel bedeutsamer, über die vielfältigen Funktionen des Waldes zu informieren. Der Artikel stellt den Spannungsbogen dar, in dem sich der Wald befindet. Dies nicht nur seitdem Carl von Carlowitz den Begriff der Nachhaltigkeit der Holznutzung vor mehr als 300 Jahren aus ökonomischen Gründen prägte. Heute wird Nachhaltigkeit fast nur noch im Zusammenhang mit Ökologie verwendet. Dem Autor ist es bestens gelungen, alle Funktionen des Waldes und alle Ansprüche der Gesellschaft an ihn prägnant darzustellen. Hoffentlich lesen viele Politiker und Ökonomen diesen Artikel. Ein Waldbauer ist schon immer gewohnt, langfristig und in Generationen zu denken. Einen Baum, den ich heute pflanze, erntet frühestens einer meiner Urenkel. Es geht also nicht von heute auf morgen, ein wohl sortiertes Warenlager, das allen Ansprüchen gerecht wird, aufzubauen. Die Ansprüche wandeln sich mit der Zeit: Die Wiederaufforstungen nach dem 2. Weltkrieg mit schnellwüchsiger Fichte nach den Reparationshieben zur Linderung der Holznot werden heute als Monokulturen gebrandmarkt und man wird sich nur langsam darüber klar, dass der sich selbst überlassene Naturwald ohne Holznutzung schädlich für die CO2-Bilanz ist. „Waldbau ist Umweltschutz“ war der Slogan der privaten Waldbesitzer in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Dies gilt auch heute noch! Rudolf Bonse, Kirchbarkau

           

          Auf effektive Kontrolle verzichtet

          Zu „Am Wendepunkt“ von Heike Schmoll (F.A.Z. vom 12. Oktober): Um die Rückverfolgung der Corona-Infektionen zu ermöglichen, werden Vorschriften erlassen, deren Einhaltung und Durchsetzung praktisch nirgendwo kontrolliert werden. Verstöße gegen die Vorschriften bleiben folgenlos, weil anonyme Täter keine Spuren hinterlassen. Das weiß jedes Kind. Darum machen sich unsere Politiker selbst zum Gespött, indem sie es unterlassen, wirksame Kontrollen einzuführen. Eine zu Ende gedachte Prozedur der Verfolgung möglicher Virenträger kann auf die letzten beiden Schritte nicht verzichten. Wer als Gast einer Bar, Gaststätte oder anderer öffentlicher Begegnungsstätte sich auf den Schutz seiner persönlichen Daten beruft, kann nicht zur Preisgabe gezwungen werden, jedoch am anonymen Zutritt. Das Hausrecht erlaubt diese Form der Eingangskontrolle, ohne als Diskriminierung zu gelten. Der Verzicht auf eine effektive Kontrolle durch zivile Ordnungskräfte und entsprechende Strafverfolgung begründet vermutlich einen erheblichen Teil der Unzufriedenheit mit unseren Politikern. Eine angemessen betriebene Rückverfolgbarkeit jedes Einzelfalls hätte ein allgemeines Beherbergungsverbot überflüssig gemacht. Wolfgang Trübger, Gießelrade

           

          „Was Eisen nicht heilt, heilt Feuer“

          Zu „Drosten hält Schillerrede“ von Jürgen Kaube (F.A.Z. vom 14. Oktober): Besten Dank für den Hinweis auf die Schillerrede von Christian Drosten. Jürgen Kaube wundert sich zu Recht, dass das Marbacher Literaturarchiv Drosten für die diesjährige Schillerrede ausgewählt hat. Kaube sieht als einzigen Bezugspunkt zwischen Schiller und der Medizin dessen kurze Zeit als Regimentsarzt in Stuttgart. Andererseits ist der erste Satz des ersten dichterischen Werks Schillers (eben aus dieser Zeit) „Die Räuber“ (noch vor der Vorrede) ein Zitat eines medizinischen Klassikers, nämlich Hippokrates.: „Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, quae ferrum non sanat, ignis sanat.“ („Was Medikamente nicht heilen, heilt das Messer, was Eisen nicht heilt, heilt Feuer“). Dazu ließe sich in Zeiten der Pandemie einiges sagen. Könnte es sein, dass die Marbacher sich doch mehr gedacht haben, als von der aktuellen Prominenz eines gegenwärtig vielgefragten Wissenschaftlers zu profitieren? Zumal wenn man bedenkt, dass gerade auf Drosten in der letzten Zeit zutrifft, was Schiller in der Vorrede zu den „Räubern“ in freilich anderem Kontext schreibt: „Er muss sich in alltäglichen Assembleen von den sogenannten witzigen Köpfen mißhandeln und ins Lächerliche ziehen lassen.“ In jedem Falle ist Kaube völlig zuzustimmen: Auf Drostens Rede darf man aus mehrerer Gründen gespannt sein. Professor em. Dr. Alois Hahn, Ralingen

           

          Voller Geist und Musikalität

          Zu „Annette aus der Bronx“ (F.A.Z. vom 14. Oktober): Der Verfasser des Artikels schreibt, die Verleihung des Buchpreises an Anne Weber für ihr Versepos „Annette, ein Heldinnenepos“ feiere die Renaissance des Versepos. Es folgen, dem besseren Verständnis dienend, ein literaturgeschichtlicher Exkurs – Beispiele vom 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart (Hartmann von Aue, Dante, Torquato Tasso, Karl Immermann) – sowie entsprechende analytische Anmerkungen. Einen Beweis dafür, dass Anne Webers „Annette“ nicht „völlig aus der Zeit gefallen“, „kein Exponent einer seit Jahrzehnten beerdigten Gattung“ ist, sieht Tilman Spreckelsen in der seit der Jahrtausendwende zu beobachtenden Häufung von Beispielen für „einen neuen, produktiven Umgang“ mit dieser literarischen Form. In diesem Zusammenhang erwähnt er Aras Örens aus dem Türkischen übersetzten Versroman „Berliner Trilogie“, lyrische Passagen in dem Roman „Allein das Meer“ von Amos Oz, Christoph Ransmayrs Versroman „Der Fliegende Berg“ und Beispiele der zeitgenössischen Jugendliteratur. Wo aber bleibt die Erwähnung des Dichters Durs Grünbein und seines Erzählgedichts „Vom Schnee oder Descartes in Deutschland“, einem sprachlichen Kunstwerk voller Geist und Musikalität, dessen Vorabdruck ich in dieser Zeitung im Jahr 2003 mit großem Genuss gelesen habe? Judith Dürr-Steinhart, Wiehl

           

          Dann isch ohwa

          Leser Dr. Wüstemeyer beklagt in seiner Zuschrift vom 12. Oktober völlig zu Recht einen dramatischen Niedergang der Sprechkultur. Dies können alle täglich in den Sprechmedien verfolgen, wo sich das Wort „Diskussion“ (als würde es nicht mit „ss“, sondern mit „s“ geschrieben) fast nur noch auf „Fusion“ reimt und nicht auf „Mission“. Wer in die Politik geht, mag den Zungenschlag der Herkunftsregion kultivieren („dann isch ohwa“), wer aber das Sprechen zum Beruf gemacht hat, sollte sich, wie auch sonst im Berufsleben, abverlangen, hohen Ansprüchen zu genügen. Das gilt übrigens auch für scheinbar hochdeutsch Sprechende mit norddeutschem Hintergrund, bei denen man sehr oft „Erde“ als „Ärde“, „Werte“ als „Wärte“ und so weiter, dafür aber „Ort“ als „Ohrt“, „wird“ als „wihrt“ hört. In den Rundfunkanstalten gibt es offenbar kein effizientes Training der Hochlautung (mehr). Doch auch an den Universitäten führt die Orthoepie ein Schattendasein, was den eingangs erwähnten Kulturverlust zur Folge hat: Das „richtige Sprechen“ teilt zunehmend das Schicksal des „richtigen Schreibens“ und driftet Richtung Beliebigkeit. Professor Dr. Michael Job, Baden-Baden

           

          Sonntagspredigt

          Zum „Standpunkt: Die künftige Tragfähigkeit des Haushalts ist nicht gefährdet – Nach aktuellem Stand kann die Regelgrenze für die Neuverschuldung von 2022 an wieder eingehalten werden.“ von Werner Gatzer (F.A.Z. vom 25. September): Diese Selbstbeweihräucherung durch den Staatssekretär im BMF gehört nicht in den Wirtschaftsteil der F.A.Z. Sie eignet sich eher als Sonntagspredigt für regierungstreue Pastoren, um die braven Schafe des Volkes einzulullen. Nicht ein einziges Wort zur Einnahmenseite, zur Steuerpolitik und zur Überschreitung der Maastricht-Verschuldungsgrenze. Kein Wort zur – offenbar – Selbstverständlichkeit, dass die Staatsschulden keine Zinsen kosten, sondern Erträge einbringen. Kein Wort zu der notwendigen Rentensubvention aus der Staatskasse. Kein Wort zu den nicht im Haushalt stehenden Pensionslasten, die mit den aktuellen Lohnverhandlungen um dreistellige Milliarden steigen werden. Derzeit geht die Jugend nur für die Verbesserung des Klimas auf die Straße. Wann wird sie erkennen, dass auch die Finanzpolitik ihre Zukunft massiv aufs Spiel setzt? Erhard Lempenau, Stuttgart

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          „Streitbar, klug und künstlerisch anspruchsvoll“ nannte Siv Bublitz, Verlegerische Geschäftsführerin bei S. Fischer, noch ihren jüngsten Roman: Monika Maron, aufgenommen im März 2009 in Mainz.

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