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: Leserbriefe vom 15. Juli 2021

  • Aktualisiert am

Wie man auf sich selbst reinfällt: Jim Morrison 1967, als er mit den Doors durchbrechen wollte zur anderen Seite Bild: Pressephoto / courtesy Schirmer-Mosel Verlag

50. Todestag von Jim Morrison +++ Fernbahntunnel in Frankfurt am Main +++ Erzbistum Köln +++ Benin-Bronzen

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          Musik ist Trumpf

          Zu „Ein unheiliger amerikanischer Prediger“ von Edo Reents (F.A.Z. vom 3. Juli): Vorweg: Ich erfreue mich seit vielen Jahren an jedem Beitrag von Edo Reents – vor allem zur Rockmusik –, den ich an meine zahlreichen, immer noch ,,rockenden“ Freude zum anschließenden Fachsimpeln weiterreiche. Aber bei Jim Morrison schoss er doch etwas über das eigentliche Ziel hinaus: Was bei den kurzlebigen, einzigartigen Doors doch einzig zählt, ist deren musikalische und textliche Seite. Mag ihr Sänger privatim – vielleicht durch Ruhm, Geld und Drogen – auch immer problematischer geworden sein. Aber was soll’s? Dazu Folgendes: Mein schönstes Erlebnis mit einem Doors Song trug sich immer Sommer 1975 in den spanischen Pyrenäen mit drei gleichgesinnten Freunden zu. Dort übernachteten wir eines Abends in unserem alten VW-Bus in völliger Einsamkeit. Absolut prohibido! Plötzlich fing es mit leichtem Regen an zu gewittern, und wir lauschten andächtig (von Cassette!),,Riders on the Storm“ – quasi Doors live – und ließen den spanischen Rotwein fließen. Bis heute unvergessen. Was kann man von guter Rockmusik mehr verlangen? Matthias Teipel, Krefeld

           

          Déjà-vu in Frankfurt am Main

          Zum Leitartikel von Manfred Köhler „Kein Stuttgart 21 am Main“ (F.A.Z. vom 10. Juli): Auch ohne Experte für die Eisenbahnanbindung von Großstädten zu sein, kann man sich über die Pläne der Bahn und die sie hofierenden Lokalpolitiker nur wundern: Anstatt die zurzeit offenbar reichlichen Mittel im Frankfurter Untergrund zu vergraben, sollte man vielleicht erst mal überprüfen, ob die Konzepte überhaupt noch stimmen und dazu geeignet sind, kurzfristig den Bahnverkehr nachhaltig zu stützen! Zunächst einmal wird die mit Abstand teuerste und aufwendigste Trassenplanung, nämlich als Tunnel quer durch die Stadt, gewählt. Damit werden die Bauzeiten bis Jenseits der laufenden Planungen (Klimaziele?) verlängert und eventuell später notwendige Erweiterungen verteuert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Wer traut sich denn, einen kilometerlangen Tunnel nach zwanzig Jahren Bauzeit gleich wieder zu erweitern? Auch das Konzept hinterlässt bei mir Fragezeichen: Braucht man den neuen Frankfurter Hauptbahnhof als Umsteigeplatz oder als Terminal für den Ziel- und Quellverkehr? Um die erforderlichen Gleisanlagen nicht hypertroph wuchern zu lassen, wäre in beiden Fällen eine Entzerrung notwendig.

          Unsere Urgroßväter haben es uns doch vorgemacht, Großstädte wie Paris oder Berlin wurden von einem Kranz von Bahnhöfen umgeben, die jeweils die Hauptstrecken mit damals Tausenden von Reisenden bedienten und die untereinander mit leistungsfähigem ÖPSV (S-Bahn, Metro und so weiter) ringförmig verbunden waren. Das funktionierte schon in Zeiten vor Erfindung des Rollkoffers sehr gut und hielt die Innenstädte weitgehend frei vom Fernverkehr, ähnlich wie heutzutage die Autobahnringe. Solche Anschlüsse können in ausreichender Entfernung vom Stadtzentrum platzsparend und für die Reisenden übersichtlich realisiert werden, bei Bedarf können sie auch angepasst werden, und, Hand aufs Herz, auch mit Rollkoffer ist das Umsteigen im Galopp von Gleis 1 nach Gleis 23a kein Zuckerschlecken! Dem Fass wird der Boden dann allerdings mit der Forderung ausgeschlagen, solche Pläne mit einer weitreichenden Planungsvereinfachung zu verbinden, damit die Frankfurter Innenstadt ohne Widerspruch der wirklich Betroffenen mit kilometerlangen Baugruben auf Jahre hinaus unpassierbar gemacht wird. Die Ladenbesitzer wird’s nicht freuen! Haben die Frankfurter ihre Lektion mit dem sich ins Umland fressenden Flughafen noch nicht gelernt? Warum sollte ich mich über die Einstellung von Kurzstreckenflügen aufregen, wenn die Rollzeiten auf den Flughäfen länger dauern als der ganze Flug? Warum brauche ich einen leistungsfähigen Schienenanschluss, wenn die Umsteigerei im Bahnhof in einen Mittelstreckenlauf ausartet? Vielleicht erleben wir ja noch mal den Tag, an dem das Verkehrsministerium mit profunden Fachleuten besetzt wird? Dr. Hartwig Müller, Neukirchen-Vluyn

           

          Hirte und Funktionär

          Zum Artikel „Gibt es noch eine Zukunft mit Woelki?“ (F.A.Z. vom 22. Juni): Mich ärgert, wenn 72 im Namen von 1,9 Millionen Katholiken im Erzbistum Köln sprechen, von denen sie niemand gewählt hat. Es sei beschämend, schreibt ein evangelischer Christ in einem Leserbrief (Kölner Stadtanzeiger vom 8. Juni), wie Christen gegen Erzbischof Woelki vorgehen. Schon allein die Unterstellung, er sei nicht mehr glaubwürdig, sei schon eine grobe Verletzung der Menschenwürde. Das ist echt Ökumene. In Düsseldorf entscheiden sich Eltern und Firmlinge für den Kardinal. Wenn Kardinal Woelki im Kölner Dom predigt, sind alle Steh- und Sitzplätze besetzt. Ich selbst habe den kräftigen Applaus nach seinen Predigten zu Pfingsten und am Fronleichnamstag gehört. Am Nordausgang des Doms verabschiedet der Kardinal freundlich, ja herzlich alle, die es wollen. Jeder kann mit ihm sprechen. Vor dem Dom standen Pfingsten verbissen drei Plakatträger: „Wir wollen einen Hirten, keinen Kirchenfunktionär“. Wer ist da Hirte, und wer ist da Funktionär? Christa Polzer, Köln

           

          Kulturpolitik im Ton der Dienstanweisung

          In seinem am 29. Juni abgedruckten Brief „Ein imaginäres Museum Grütterianum“ zum Leitartikel von Patrick Bahners über die Benin-Bronzen vom 19. Juni malt sich Leser Professor Dr. Johannes Nollé ein „Museum Grütterianum“ aus, das mit Leerstellen restituierter Kunst moralisch glänzen würde. Aus der Perspektive eines Freischaffenden wäre hinzuzufügen, dass sich diese Gesinnungstüchtigkeit lange aufgebaut hat. Die bedeutendste kulturpolitische Leistung der alten Bundesrepublik, das Künstler-Sozialversicherungsgesetz (KSVG), stellte sich 1983 in einer kleinen Broschüre den zukünftigen Nutznießern vor. Der Ton war höflich, verlegen und von respektvoller Distanz geprägt. Man wolle sich seitens des Gesetzgebers weder in Kunst einmischen, noch maße man sich an, zu entscheiden, ob jemand Künstler sei oder nicht. So hieß es damals. Vierzig Jahre nach dieser vorsichtigen Kontaktaufnahme steht die Politik breitbeinig in der kulturellen Domäne. Sie hält es heute für ihr gutes Recht, Kunst und Kultur aller Sparten gesellschaftliche Aufgaben anzudienen. Zum „Erproben von Zukünften“ (Kulturstiftung des Bundes) sollen Kreative an die Kultur-Terminals des Staates andocken. Dort sind die Innovationen schon vorgezeichnet, ein ganzer Katalog politischer Zweckbindungen (Kunst gegen . . . / Kunst für . . . liegt vor und erweitert sich ständig. Die XXL-Veröffentlichungen der Kulturstiftung des Bundes dokumentieren eine sich von Jahr zu Jahr steigernde Ambition, jeden kulturellen Impuls politisch einzuhegen. Eine Diskursanalyse dieser Texte wäre aufschlussreich – es ließe sich in ihnen der staatsfinanzierte Aufbau der „richtigen“ Denkungsart sowie eines politisch lenkbaren Kulturgeschehens in Deutschland über zwanzig Jahre im Detail nachverfolgen.

          Das ministerielle Begradigen, Formatieren und Strukturieren wirkt sich negativ auf die Spielfreude, Neugier und geistige Beweglichkeit aus. Unsere Nachbarn beschämen uns in mancher Hinsicht: Wir bewundern Polens lebendige Musik- und Filmszene, Frankreichs spielerischen Umgang mit KI in den Künsten, die unerreichte Pop-Kompetenz in England, die Verbindung von Industrie und gutem Geschmack in Italien – um nur einige Beispiele zu nennen. Hierzulande fordert die Politik von der Kultur „mehr Weltoffenheit“ im Ton einer Dienstanweisung. Ich denke an Rainer Werner Fassbinder, Maria Lassnig, Martin Kippenberger und frage mich, ob solche Künstler jemals durch einen der Beiräte zur Kenntnis genommen würden, die in schicken Besprechungszimmern den kulturellen Konsens von heute betreuen. Es fehlen jene Fremdkörper, Störenfriede, Verrückte, ohne die wir die Normalität nicht ertragen könnten. Allein die Ausnahmen sind in der Kunst systemrelevant. Eine Kulturpolitik der moralisch Gleichgesinnten, die aus staatlicher Zentralperspektive betrieben wird, steht nicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Ulysses Belz, Isen

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