https://www.faz.net/-gpf-a6k35

: Leserbriefe vom 15. Dezember 2020

  • Aktualisiert am

Die Leopoldina empfiehlt eine längere Schulschließung. Bild: dpa

Infektionstreiber Schule? +++ Humboldt Forum im Berliner Schloss +++ Erhöhung des Rundfunkbeitrags +++ Wirecard +++ Krimi-Seite

          5 Min.

          Schulen sind keine Infektionstreiber

          Zu „Kein Plan“ von Jürgen Kaube im Feuilleton der F.A.Z. vom 11. Dezember: Warum Yvonne Gebauer die Schulen in Nordrhein-Westfalen nicht schließen will, ist einfach beantwortet: Sie hat, anders als Jürgen Kaube vermutet, einen Plan. Nach den von den Gesundheitsämtern gemeldeten Zahlen vom 22. November waren von den knapp 40 000 Infektionen, die im Land Nordrhein-Westfalen bei den unter 20-Jährigen bis dahin registriert wurden, nur weniger als 350 auf Ansteckungen in den Schulen zurückzuführen. Daraus lässt sich unschwer ablesen, dass die Kinder zwar infiziert in der Schule ankommen, die Weitergabe des Virus dort aber die absolute Ausnahme ist. Die Schulen haben sich damit nicht als die Infektionstreiber erwiesen, als die man diese anfangs angesehen hat. Die Zahlen aus Schweden hatten dies im Übrigen schon sehr früh vermuten lassen – die Infektionszahlen der Schulkinder in Stockholm lagen bei weiter geöffneten Schulen trotz wesentlich höherer Infektionsquote in der Gesamtbevölkerung erheblich unter dem Niveau vergleichbarer deutscher Städte, in denen die Schulen geschlossen waren. Frau Gebauer handelt schlicht verantwortungsvoll, wenn sie die marginalen Verringerungen der Ansteckungsrisiken durch die Schließung der Schulen geringer gewichtet als den Schaden in ihrer Entwicklung, den unsere Kinder durch die Schließungen erleiden. Jede Maßnahme im Kampf gegen die Infektion muss hinsichtlich Nutzen und Kosten abgewogen werden. Schulschließungen sind monetär billige, gesellschaftlich aber sehr teure Maßnahmen. Um diesen Preis zu rechtfertigen, müsste der Nutzen viel größer sein, als er offenbar ist. In der Bekämpfung von Corona wird ohnehin viel zu wenig auf die Analyse der echten Infektionstreiber geachtet und stattdessen mit ungezielten und nicht begründeten Pauschalmaßnahmen gearbeitet. Die Akzeptanz der Beschränkungen wäre dabei um ein Vielfaches höher, würde deren Nutzen besser erkennbar.
          Professor Dr. Christian Kesseler, Euskirchen

           

          Das verheißt nichts Gutes

          Zu „Kein Plan“(F.A.Z. vom 11. Dezember): Jürgen Kaube hat recht: Die Kultuspolitik wollte die Schulen unbedingt offen halten, hatte aber keinen Plan, was hierfür politisch hätte sichergestellt werden müssen. Wertvolle Zeit wurde verschlafen, wie allein ein Blick auf Baden-Württemberg zeigt: Erst Ende Oktober kam ein Lüftungskonzept, kurz vor den Weihnachtsferien FFP2-Schutzmasken. Bis dahin hatte man die Fürsorgepflicht für Lehrkräfte völlig vergessen. Schon im Frühsommer hätte man die Schulen administrativ entlasten sollen, damit diese anspruchsvolle Modelle für Hybridunterricht hätten entwickeln können. Verordnungen aus dem Kultusministerium kommen nur scheibchenweise und ohne Planungsvorlauf. Der chaotische Weihnachtsferienerlass war dann nur noch die Krönung einer planlosen Kultuspolitik. Krisen machen Fehlentwicklungen schmerzlich deutlich: Und so zeigt sich in diesen Tagen, wie sehr in der Politik mittlerweile der Betreuungs- den Bildungsauftrag an Schulen dominiert. Für die geistige Leistungsfähigkeit des Landes verheißt dies nichts Gutes, zumal wir viel intellektuelles Potential brauchen werden, um nach dieser wirtschaftlichen Krise, deren Ende noch keineswegs absehbar ist, wieder auf die Beine zu kommen.
          Dr. Axel Bernd Kunze, Waiblingen

           

          Sekundäre Interessen

          Zu „Kein Plan“ (F.A.Z. vom 11. Dezember): In zwanzig Jahren im aktiven Schuldienst habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Bildung in der Schule vor allem dann thematisiert wird, wenn man damit sekundäre Interessen durchsetzen kann (Ökonomie, Betreuung). Ginge es wirklich um Bildung und um gleiche Bildungschancen für alle, hätte man etwa die Ergebnisse der Pisa-Studien längst einmal ernsthaft zur Kenntnis genommen und daraus Schlüsse gezogen. Ich fürchte, dass „gebildete Personen“ in den Kultusministerien eher hinderlich wären, weil sie die Funktionalisierung von Bildung durchschauten und vielleicht Skrupel bekämen, wenn sie sich so verhielten, wie sie es gegenwärtig oftmals tun. Christian Nagel, Lünen

           

          Bürgerengagement

          Zum Artikel „Das Schloss macht auf“ im Feuilleton der F.A.Z. vom 12. Dezember: Andreas Kilb schreibt zur Eröffnung des Humboldt Forums im Berliner Schloss, „dass der Bau . . . den Steuerzahler fast 650 Millionen Euro kostet“. Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet die „bürgerliche“ Frankfurter Allgemeine Zeitung damit das phänomenale bürgerschaftliche Engagement auch ihrer Leser unterschlägt, die von dieser Summe immerhin 105 Millionen Euro für den Wiederaufbau der barocken Schlossfassaden gespendet haben. Bernhard Wolter, Leiter Presse und Öffentlichkeitsarbeit Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Berlin

           

          Die freie Wahl der Medien

          Zu Michael Hanfelds Beitrag „Wofür acht Milliarden?“ in der F.A.Z. vom 9. Dezember: Wer liest, dass es bei der geplanten Erhöhung des Rundfunkbeitrags nur um 86 Cent je Haushalt geht, kann auf dem ersten Blick die Aufregung nicht nachvollziehen. Wahr ist jedoch, geplant ist eine Erhöhung der Einnahmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens auf über acht Milliarden Euro. Wahr ist, geplant sind zusätzliche Einnahmen in Höhe von rund 500 Millionen Euro jährlich. Das hört sich ganz anders an.
          Die Einnahmen der Humboldt-Universität zu Berlin betragen in diesem Haushaltsjahr rund 400 Millionen Euro. Die Universität hat 416 Professuren, 35 000 Studierende, jede Menge Forschungsinstitute und interdisziplinäre Zentren sowie eine wunderbare Bibliothek. Mit acht Milliarden Euro ließen sich zwanzig solcher Universitäten finanzieren, mit 8 000 intelligenten und fleißigen Professoren. Was folgt aus einem solchen keineswegs holprigen Vergleich? Es ist politisch unverzeihlich, wie viel Geld bei den Öffentlich-Rechtlichen verbraten wird.
          Kann man sich im Blick hierauf auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts berufen? Mitnichten. Die erste Fernseh-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts stammt aus dem Jahr 1961; die folgenden Entscheidungen stammen aus den 80er Jahren. Inzwischen haben sich aber die technischen Voraussetzungen und die Medienwirklichkeit grundlegend verändert. Artikel 5 Grundgesetz garantiert nicht nur die Pressefreiheit für die Medien. Garantiert wird auch für jeden Bürger ein „Grundrecht auf mediale Selbstbestimmung“, nämlich ein Grundrecht auf freie Wahl des Bürgers im Blick auf die Medien, über die er sich informieren will. Damit verträgt sich kein Zwangsbeitrag, keine Zwangsfinanzierung und schon gar nicht eine unangemessene Erhöhung. Professor Dr. Dr. h. c. Uwe H. Schneider, Darmstadt

           

           

          Bodenlose Frechheit

          Zu „Wirecard: Bilanzprüfer verweigern ihre Aussage vor dem Untersuchungsausschuss“ (F.A.Z. vom 24. November): Welche bodenlose Frechheit, dass die Bilanzprüfer eine Aussage vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss verweigern. Das muss sofort mit Auftragsentzug durch die öffentliche Hand geahndet werden. Indes: Es sind die Abgeordneten, die die Gesetze machen. Unter anderem auch solche, dass der Wirtschaftsprüfer einer strengen Verschwiegenheitspflicht unterliegt. Dieses Gesetz ist so unglücklich formuliert, dass selbst die bundesdeutschen Gerichte nicht wissen, wer wen wann in welchem Umfang von der Verschwiegenheitspflicht entbinden muss. Quer durch die Bundesrepublik geht schon seit Jahrzehnten ein bunter Strauß von divergierenden Urteilen. Beruft sich der aussagewillige Wirtschaftsprüfer auf das eine Gericht, bedroht ihn für das gleiche Verhalten das andere Gericht mit Strafe.
          Wollte man wirklich aus dem Wirecard-Skandal etwas lernen, dann sollte auch die Frage nach dem Umfang der Verschwiegenheitspflicht auf den Prüfstand gestellt werden. Aber das ist schwierig. Da geht das Mittel der öffentlichkeitswirksam inszenierten Empörung leichter von der Hand. Ehrenfried Kuss, Flensburg

           

          Fabelhafte Krimis

          Ihre Krimi-Seite vom 7. Dezember 2020 ist einfach fabelhaft, sowohl grafisch wie auch inhaltlich. Das beste Statement zum Niveau der Ware Kriminalroman und umwerfend komisch. Danke! Dr. Lore Brüggemann, Berlin

          Topmeldungen

          Schlag gegen die `ndrangheta : Die Mafia am Bodensee

          Mit Razzien in mehreren europäischen Ländern ist die Polizei gegen einen Clan der `ndrangheta vorgegangen. Einige der Beschuldigten sind seit Jahrzehnten in Deutschland aktiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.