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: Leserbriefe vom 13. Januar 2021

  • Aktualisiert am

Katholische Kirche (Symbolbild) Bild: dpa

Enzyklika Humanae vitae +++ Gendersprache +++ Kinderarmut +++ Architektenhonorare

          5 Min.

          Das Recht auf Leben

          In seiner Zuschrift „Verhütung und Abtreibung“ in der F.A.Z. vom 4. Januar behauptet Leser Dr. Andreas Kuhlmann, Papst Johannes Paul II. habe in der Enzyklika „Evangelium Vitae“ einen inneren Zusammenhang zwischen Verhütung und Abtreibung gesehen, weil beide Handlungen derselben Mentalität entsprängen. Beide hätten das Ziel, das Zeugen beziehungsweise Eintreten von Kindern in diese Welt zu verhindern. Diese Darstellung gibt die durchaus differenziert argumentierenden Aussagen der Enzyklika verkürzt und im Ergebnis sinnverzerrend wieder. Zwar lehnt die Enzyklika die Empfängnisverhütung entschieden ab. Allerdings lässt sie keinen Zweifel daran, dass Verhütung und Abtreibung „ihrer Natur und moralischen Bedeutung“ nach völlig unterschiedliche Dinge sind. Denn Letztere zerstört das Leben eines Menschen und stellt damit eine direkte Verletzung des Tötungsverbots dar. Die Enzyklika behauptet keineswegs einen prinzipiellen Zusammenhang zwischen Verhütung und Abtreibung. Vielmehr stellt sie fest, dass ein solcher Zusammenhang „sehr oft“ bestehe – und zwar insbesondere dort, wo die „Praxis der Empfängnisverhütung“ auf Verfahren beruhe, die tatsächlich keine Empfängnisverhütung, sondern in Wirklichkeit „als Abtreibungsmittel im allerersten Entwicklungsstadium des neuen menschlichen Lebens wirken“. Wie aus den Ausführungen hervorgeht, die die 1995 veröffentlichte Enzyklika in diesem Zusammenhang macht, beziehen sich die zitierten Aussagen insbesondere auf Verhütungsmittel, die nicht die Befruchtung der Eizelle und mithin die Entstehung eines menschlichen Individuums verhindern, sondern die Einnistung (Nidation) einer befruchteten Eizelle in der Gebärmutter. Ebenso wird in der Enzyklika in diesem Kontext „die Anwendung chemischer Präparate“ angesprochen. Damit sind vermutlich Ovulationshemmer gemeint, die auch eine nidationshemmende Wirkung haben, sowie die seit Mitte der 80er Jahre aufkommende „Pille danach“ und die Abtreibungspille RU 486, die die Vernichtung eines Embryos beziehungsweise eines Fötus noch lange nach der Nidation bewirkt. Die Aussage der Enzyklika, dass „der enge Zusammenhang, der mentalitätsmäßig zwischen der Praxis der Empfängnisverhütung und jener der Abtreibung besteht“, immer mehr zutage trete, bezieht sich ausdrücklich insbesondere auf bestimmte Verfahren und Präparate.

          Als gläubiger katholischer Christ, Ehemann und Familienvater kann ich mich nur wundern, wie Leser Dr. Kuhlmann darauf kommt, es sei „unleugbar“, dass die künstliche Verhütung sich sowohl auf die Beziehung der (Ehe-)Partner als auch auf die Beziehung der Eltern zum eigenen Kind negativ ausgewirkt habe. Was berechtigt ihn dazu, sich zu dem pauschalen Verdikt zu versteigen, dass die Empfängnisverhütung ein „tödliches Gift für jede Art personaler Beziehung“ sei und ein „christliches Leben . . . unmöglich“ mache? Im Übrigen erweist Leser Dr. Kuhlmann zentralen gesellschaftlichen Anliegen der katholischen Kirche, wie zum Beispiel dem Schutz ungeborener Kinder, einen Bärendienst. Seine Einlassungen sind geeignet, den Eindruck zu vermitteln, dass nicht nur die Position der katholischen Kirche zur Empfängnisverhütung, sondern auch die kirchliche Position zur Abtreibung eine konfessionsspezifische Eigenlehre darstelle. Bei Letzterer geht es jedoch – anders als bei der Sexuallehre – nicht nur um Fragen des katholischen Glaubens, „sondern um grundlegende Werte der Gesellschaft als solcher“ (Kardinal Döpfner). Dazu gehört die Überzeugung, dass dem Menschen ein Recht auf Leben schon allein kraft seiner physischen Existenz eignet und dass dieses Recht jeder menschlichen Verfügungsgewalt entzogen ist. Wer sich mit Aussicht auf Erfolg für einen gesellschaftlichen Konsens zu diesem Grundwert engagieren will, der muss andere davon überzeugen, dass er damit nicht ethische Auffassungen von gesellschaftlichen Teilgruppen vertritt, sondern Grundwerte, die – unabhängig von religiös begründeten Überzeugungen – für jede menschenwürdige Gesellschaft eine unabdingbare Voraussetzung darstellen. Dr. Michael Gante, Euskirchen

           

          Der Unfug des Neusprechs

          Herzlichen Dank für den Beitrag von Peter Eisenberg in der F.A.Z. vom 8. Januar zum Thema sprachliches Gendern. Er hat aus wissenschaftlicher Sicht dargestellt, warum das Gendern Unsinn ist. Allerdings steht zu befürchten, dass seine guten Argumente nichts ändern werden. Denn die Genderisten denken nicht wissenschaftlich, sondern postmodern. Sie fragen nicht, was ist, sondern wissen bereits. Sie vergleichen auch nicht die deutsche Sprache mit Sprachen, die keine Genusformen haben, wie zum Beispiel das Türkische. Sonst müssten sie einräumen, dass es zwar keine grammatischen Geschlechter in dieser Sprache gibt, dennoch weniger Recht für Frauen und Homosexuelle. Sie berufen sich vielmehr auf einen radikalen Subjektivismus. Dieser erlaubt ihnen, ohne sachliche Argumente sprachliche Regeln einzufordern, die eigentlich jenseits von irgendwelchen Ansprüchen sind, einfach weil sie sich bei einer Ablehnung ihres Anspruchs gekränkt fühlen würden. Dennoch begrüße ich es sehr, dass Sie immer wieder Artikel bringen, die den Unfug des Neusprechs aufzeigen. Denn auch wenn Sie damit die Genderisten nicht überzeugen, weil diese ihren Glauben gegen rationale Argumente imprägniert haben, so ist es doch ein Trost, dass zumindest die F.A.Z. noch der Wissenschaft und dem Argument verpflichtet ist. Dieser Trost ist umso wichtiger, als dass staatliche Stellen, Universitäten und andere Redaktionen den Unsinn mitmachen. Anders gesagt: Wenn Sie nicht wären, man müsste an dieser Welt irre werden. Christian Kümpel, Stahnsdorf

           

          Hinterhof des westlichen Wohlstands

          Der glänzende Artikel von Philipp Krohn „Am seidenen Faden“, F.A.Z. vom 31. Dezember, beschreibt mit der Kinderarmut den typischsten aller Hinterhöfe des wirtschaftlichen Wohlstands und sein systemimmanentes allgegenwärtiges Streben danach exemplarisch. In diesem Hinterhof lädt der Staat bestenfalls sein organisiertes schlechtes Gewissen ab, indem wieder mal Kindergeld erhöht wird. Wo die Gesellschaft schon weiter ist und Initiativen entstanden sind, um Infrastruktur für Kinder (nicht für Eltern!) zu entwickeln, da ist ein vom Autor so fein beschriebener und sehr empfindlicher seidener Faden, der wirklich nur vereinzelt zu entdecken ist. Infrastruktur zur Beseitigung von Kinderarmut ist eine Mammutaufgabe, die einzelne vorbildliche Initiativen, wie etwa die im Artikel beschriebenen, nicht allein lösen können. Es kann nicht ernsthaft eine Lösung sein, dass arme Erwachsene in ihrer Ausweglosigkeit ihre Kinder in eine Privatschule schicken, um ihnen nicht ihre eigene Armut mit allen Konsequenzen zu vererben. Eckart Brandt-Pollmann, Hanau

           

          Solide Verhandlungsgrundlage

          Zu „Freiere Architektenhonorare“ von Friedrich-Karl Scholtissek in der F.A.Z. vom 31. Dezember: Die neue Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) 2021 ist grundsätzlich zu begrüßen! Denn: Das Architektenhonorar ist das Entgelt für das Leistungsversprechen des Architekten, vereinbart mit dem Bauherrn zwecks Errichtung oder Umbau eines Bauwerkes. Honorargrundlage ist seit 1977 die HOAI, seinerzeitiger Verfasser Professor Dr. Karlheinz Pfarr, TU Berlin. Bis 2020 war die HOAI eine strenge Preisvorschrift. Von 2021 an kann nun aufgrund eines EuGH-Urteils der Preis für Architekten- und sonstige Planungsleistungen in vernünftigen Grenzen frei ausgehandelt werden. Richtschnur bleibt jedoch nach wie vor die HOAI als Orientierungsgröße für die maßgeblichen Honorarparameter. Insofern haben alle Beteiligten eine vernünftige Verhandlungsgrundlage, wird nichtruinöser Wettbewerb legal möglich. Alles Weitere muss und kann angesichts der Ziele und Bedingungen des jeweiligen Projektes zwischen Architekt und Bauherr vereinbart werden. Dies setzt Verhandlungs- und Sachkompetenz auf beiden Seiten voraus, welche aber nicht immer vorliegt: Sowohl der „nichtprofessionelle Bauherr“ als auch mancher Architekt sind überfordert. Insofern ist Beratungsbedarf gegeben, ihn sich zu beschaffen ist Obliegenheit der jeweiligen Vertragspartei. Kompetenzdefizite und Wettbewerbskalküle können per se nicht durch Verordnung kompensiert werden. In der Praxis kommt es daher darauf an, dass: der Architekt den unkundigen Bauherrn nicht über den Tisch zieht. Dem Bauherrn sei die neudeutsche Kaufmannsweisheit zugerufen: If you pay peanuts, you’ll get apes! Mit anderen Worten: Die neue Honorarordnung ist eine solide Verhandlungsgrundlage für oftmals schwierige Planerverträge. Dr. Ludwig Will, Berlin

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