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: Leserbriefe vom 12. Juli 2021

  • Aktualisiert am

Warschau in Trümmern: Bilder aus dem Album von Kurt Riemer Bild: Ackermann

Dekolonisierungs-Debatte +++ Plagiatsfall Giffey +++ 50. Todestag von Jim Morrison +++ Reform der Öffentlich-Rechtlichen

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          Kein Kollektivverdacht

          Felix Ackermann hat in seinem Artikel „Die Leichen im Familienalbum“ (F.A.Z. vom 15. Juni) bedenkenswerte Vorschläge gemacht, wie man mit privaten Soldatenbildern aus dem Krieg im Osten umgehen sollte. Wenn die Fotos über reine Personenaufnahmen hinaus örtliche Hintergründe der Kriegsgeschichte enthielten, seien sie auch für Museen der damals eroberten Länder von Interesse. Weit überzogen ist allerdings seine Interpretation von Familienalben als „kolonialen Zeugnissen“, in denen der „verbrecherische Charakter der Feldzüge“ im Osten als „Vernichtungskrieg“ gespeichert sei. An den privaten Soldaten- und Kriegsaufnahmen könne man erkennen, „dass der Überfall auf Polen und auf die Sowjetunion die folgenden Massenverbrechen erst ermöglichte“, da diese „nicht von ,den Nazis‘, sondern von gewöhnlichen Deutschen durchgeführt“ worden seien. Die Behauptungen stellen die historischen Tatsachen auf den Kopf, wenn die Kriegsverbrechen im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion sowie die Massenverbrechen hinter der Front an Juden und slawischen Zivilisten allein mit den Gemeindeutschen in Verbindung gebracht werden und die Nazis ausdrücklich von ihrer Verantwortung für die Durchführung ausgenommen werden. Die Schuldverschiebung bei den Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs von der NS-Führung auf alle gewöhnlichen Deutschen wird schon seit längerem in Schulbüchern vermittelt. In einem Geschichtsbuch eines renommierten Verlages wird in den zweiseitigen Ausführungen über den Vernichtungskrieg im Osten 18 Mal das Adjektiv „deutsch“ gebraucht – zum Beispiel „deutscher Krieg“, „deutsche Truppen“, „deutsche Lager“ et cetera. Ausgeblendet werden Hitlers rassistisch motivierte Vernichtungsbefehle, die Massenverbrechen von Himmlers SS-Totenkopfverbänden hinter der Front, Görings Ausbeutungsplan zum Verhungern von 30 Millionen slawischen Zivilisten, die Säuberungsbefehle von willfährigen Generalen und die Anordnung der Wehrmachtsführung, gefangene Soldaten durch Arbeit und Essensentzug umzubringen. Auch manche Politiker und Medien marginalisieren die ursächliche Täterschaft von Nazis und Wehrmachtsführung für den Vernichtungskrieg, um die Hauptverantwortung für die 27 Millionen Kriegsopfer der Sowjetunion, davon 14 Millionen Zivilisten, den deutschen Soldaten oder gar allen Deutschen aufzubürden. „Der Krieg der Deutschen“, titelte ein Magazin 2009 zum Kriegsbeginn 1939, „als ein Volk die Welt überfiel“. Vor dem Kollektivverdacht gegenüber der Soldaten- und Kriegsgeneration hatte schon 1985 der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der selbst Soldat an der Ostfront war, gewarnt. Hubert Hecker, Dornburg

           

          Der Großvater als Vorbild

          Zu „Die Leichen im Familienalbum“ (F.A.Z vom 15. Juni): Vorweg: Die Ereignisse am Waterberg 1904 waren ein Beispiel für brutale, menschenverachtende Handlungsweisen ebenso wie die Schaffung des Warschauer Gettos und die Niederschlagung des Aufstandes 1944. Ich bin froh, in einer Gesellschaft zu leben, die dies so bewertet und hoffentlich Wiederholungen zu verhindern weiß. Die generelle Empfehlung des Autors, sich mit der eigenen Familiengeschichte und den Fotonachlässen zu beschäftigen und diese gegebenenfalls archivarisch oder museal zu sichern, halte ich für sinnvoll und sinnstiftend. Als Beispiel führe ich hier meinen Urgroßvater an, der im heutigen Namibia bereits vor dem Aufstand am Bau einer Eisenbahnlinie als Katasterbeamter beteiligt war. Damit hat er aus heutiger Sicht einen indirekten und direkten Beitrag zur Ausbeutung des Landes geleistet. Als die Gewalt in der damaligen Kolonie immer weiter zunahm, wurde er als Reservist in den Militärstand gezogen. War er an der Niederschlagung des Aufstandes beteiligt? Auf jeden Fall mittelbar, vielleicht direkt – es ist weder aus irgendwelchen Akten noch aus seinen Fotoerinnerungen oder eigenen Aufzeichnungen ersichtlich. Bereits kurz nach der Niederschlagung ist er krankheitsbedingt wieder nach Deutschland zurückgekehrt und wurde als Zivilbeamter auch Stadtrat, Rendant der Kirchengemeinde, Ehrenvorsitzender des Sportvereins et cetera. Seine späteren, im Ersten Weltkrieg erlangten Militärauszeichnungen hat er sich jedoch durch treuen Dienst und Rettung anderer und nicht durch die Tötung anderer Menschen verdient. Vielleicht sollten wir mit unseren Altvorderen etwas gnädiger sein. Mir war mein Urgroßvater mit seinem gesellschaftlichem Engagement und seiner Unternehmungslust ein Vorbild, und seine Geschichte ist mir eine Mahnung, mich in den Dienst der richtigen Sache zu stellen. Was mich neben der urteilenden Tonalität an dem Artikel stört, sind etliche historische Ungenauigkeiten – so wird vom Afrikakorps gesprochen, was es in der Kaiserzeit nicht gab, oder von Wehrmachtsoldaten im Zusammenhang mit der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwest. Ansgar Hoffmann, Euskirchen

           

          Quellen überprüfen

          Herzlichen Dank für den Artikel „Gipfelsturm ohne Sicherheitsnetz“ (F.A.Z. vom 16. Juni). Auf einen derartigen Artikel habe ich als regelmäßiger Leser der F.A.Z. seit Monaten gewartet. Seit damals bekannt wurde, dass „VroniPlag“ in der Doktorarbeit 119 Plagiate gefunden habe, habe ich im privaten Kreis immer wieder gesagt, dass man bei einer derart großen Zahl von Plagiaten die Doktormutter gleich mit rauswerfen müsste. Wenn die Doktormutter die Plagiate – warum auch immer – schon nicht selbst erkannt hat, hätten es doch wenigstens die wissenschaftlichen Assistenten des Lehrstuhls merken müssen, von denen mindestens einer oder zwei die Arbeit vor der Professorin gründlich und fachkundig geprüft haben werden. Haben die auch keine Quellen überprüft, oder hatten die von dem Themenbereich der Arbeit überhaupt keine Ahnung? Für mich ist der ganze Vorgang nach wie vor nicht nachzuvollziehen. Dr. Wolfgang Herrmann, Essen

           

          Jim Morrisons Stimme

          Edo Reents nennt den sich zum 50. Mal jährenden Todestag von Jim Morrison einen „unehrenhaften Tag“(F.A.Z. vom 4. Juli). Er hebt dabei auf die Drogen- und Sexsüchte des nun wohl doch nicht zu Ehrenden ab, als ob nicht schon Ian Dury vor Jahrzehnten emblematisch auf „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll“ hingewiesen hätte. Reents gleicht den Autoren, die in der Bewertung von Friedrich Nietzsches Philosophie auf seine – es muss natürlich Lues sein – Erkrankung hinweisen oder in der Bewertung der Filme von Roman Polanski auf dessen Neigung zu jungen Mädchen. Als Referenz zieht er ausgerechnet den durchaus schlechten Film „The Doors“ von Oliver Stone heran, an dem John Densmore und Robby Krieger leider mitwirkten. Morrisons engster Freund in der Band, Ray Manzarek, hielt den Film für völlig verfehlt. Das Beste an diesem Film sind, na was wohl, die Musik und der Gesang von Morrison. The Doors gehörten zu den „fabulous four“ – neben Hendrix, Joplin und Cream. Ihre Musik wird auch heute gern gehört, auch wenn den Texten Morrisons manch deutscher Tiefsinn, den Edo Reents zu vermissen scheint, abgehen mag. Jim Morrison hatte eine rufende, ja zuweilen predigende Stimme, was Reents wiederum nicht gefällt – mir umso mehr. In einem populären Jugendtreff in Bielefeld, den ich Ende der achtziger Jahren oft besuchte, wurde zum Schluss um vier Uhr morgens immer „When the Music’s Over“ aus dem Album „Absolutely Live“ gespielt. Wir warteten auf dieses grandiose Stück. Die letzte Stimme gehörte Jim Morrison. Hartmut Peltz, Bad Essen

           

          Redaktionen zusammenlegen?

          Zu dem Vorschlag, entweder die ARD oder das ZDF aufzulösen (Leser Herbert Unger, F.A.Z. vom 21. Juni), erinnere ich mich als einer der ZDF-Redakteure „der ersten Stunde“ an 1965, wie wir damals den Aufbau unseres Auslandskorrespondentennetzes planten und umsetzten. Damals erreichten uns Vorschläge (nach meiner Erinnerung aus Nordrhein-Westfalen), wir könnten uns doch einfach in das Netz der ARD-Auslandskorrespondenten „einklinken“und auf diese Weise Geld und Mitarbeiter sparen. Unsere Antwort: Vielleicht sollte man diesen bemerkenswerten Vorschlag einmal ausprobieren und danach die Auslandsredaktionen von F.A.Z., Süddeutscher Zeitung und Welt rund um den Globus zusammenlegen – worauf die Diskussion jäh abbrach. Professor Dr. Gerhard Dambmann, ZDF-Ostasien-Korrespondent, Mainz

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