https://www.faz.net/-gpf-a9gln

: Leserbriefe vom 11. März 2021

  • Aktualisiert am

Das russische Verlegeschiff Akademik Cherskiy Bild: Reuters

Pipeline Nord Stream 2 für Deutschland +++ Orwellsche Zustände +++ Frauendiskriminierung +++ Modebloggerin Janice Deul und die Übersetzer(in)

          5 Min.

          Brzezinski für Deutschland anwenden

          In der F.A.Z. wurde eine sehr fundier­te Diskus­si­on über die Pipe­line Nord Stream 2 geführt. Aller­dings fehlt meiner Meinung nach ein wich­ti­ger Aspekt. Obwohl in der Außen­po­li­tik stän­dig von Werten gespro­chen wird, gilt für die Vertre­ter der realis­ti­schen Schule der inter­na­tio­na­len Poli­tik das Prin­zip des „Strugg­le for power after power“. Zbigniew Brze­zinski (gebür­ti­ger Pole, Natio­na­ler Sicher­heits­be­ra­ter des ameri­ka­ni­schen Präsi­den­ten Jimmy Carter, Wahl­kampf­be­ra­ter von Lyndon B. John­son) war – in Konkur­renz zu Henry Kissin­ger – ein sehr einfluss­rei­cher ameri­ka­ni­scher Vertre­ter der realis­ti­schen Schule der inter­na­tio­na­len Poli­tik. Seit und mit Brze­zinski haben die Verei­nig­ten Staa­ten eine Posi­ti­on zu Deutsch­land und zu Russ­land vertre­ten (und durch­ge­setzt), die sich wie folgt beschrei­ben lässt: Deutsch­land darf nie mit Russ­land zusam­men­ge­hen, nie sich mit Russ­land verbün­den. Die Verei­nig­ten Staa­ten hätten nie einer Verei­ni­gung Deutsch­lands zuge­stimmt, wenn Kohl den Austritt Deutsch­lands aus der Nato zuge­si­chert hätte – sei es aus innen­po­li­ti­schen Grün­den, und/oder sei es, dass Gorbat­schow den Austritt gefor­dert hätte. Selbst wenn eine linke Bundes­re­gie­rung (demnächst) den Abzug der ameri­ka­ni­schen Trup­pen von deut­schem Boden fordern würde, die Verei­nig­ten Staa­ten würden dem nicht Folge leis­ten. Für die Verei­nig­ten Staa­ten sind ihre Solda­ten auf deut­schem Boden weit wich­ti­ger als Nord Stream 2. Nun ist das Veto von Brze­zinski und in seinem Gefol­ge das der Verei­nig­ten Staa­ten für den rich­ti­gen Außen­po­li­ti­ker der Hinweis, was aus deut­scher Sicht gesche­hen müsste – nämlich Zusam­men­ar­beit mit Russ­land. Russ­land ist für Deutsch­land aus histo­ri­schen, sozia­len, wirt­schaft­li­chen, sicher­heits­po­li­ti­schen Grün­den eigent­lich einer der natür­li­chen Part­ner Deutsch­lands in Europa. Aber dafür brauch­te es heute Poli­ti­ker­per­sön­lich­kei­ten wie Brandt, Bahr, Schrö­der, Strauß, wie Bert­hold Beitz, wie Bismarck zum Beispiel. Russ­land ist für uns kein Feind­staat. Laut Genscher sind wir von Freun­den umge­ben, wir haben keiner­lei Gebiets­an­sprü­che gegen­über unse­ren euro­päi­schen Nach­barn. Blei­ben wir in der Nato, kann even­tu­ell ein Marsch­be­fehl für die Bundes­wehr vom ameri­ka­ni­schen Ober­be­fehls­ha­ber eintref­fen – aber wohin dann? In die balti­schen Staa­ten, in den Balkan, nach Russ­land, durch Polen, die Ukrai­ne? Schrö­der hat meiner Meinung nach recht, wenn er sagt: Europa hat mit Russ­land als Part­ner mehr Chan­cen. Auch im Konflikt zwischen den Verei­nig­ten Staa­ten und China und auch – muss man hinzu­fü­gen – mehr Chan­cen für den Frie­den in Europa. Es geht nicht um Putin-Verste­hen, sondern um Außen­po­li­tik, um inter­na­tio­na­le Poli­tik. Es geht um für Deutsch­land rich­tig ange­wand­ten Zbigniew Brze­zinski. Manfred Bunte, Erkrath

          Zunehmend an Orwell erinnert

          Ausdrücklich danke ich der Redaktion für die ausgewogene Behandlung der „Identitätspolitik“ in Ihrer Zeitung! Ich finde es nämlich gar nicht leicht, in der aufgeheizten Atmosphäre einen kühlen Kopf zu bewahren. Ausgangspunkt für das Thema ist doch wohl die Gleichberechtigung unterschiedlicher Gruppen der Gesellschaft, Frauen, Männer, unterschiedliche Hautfarben, sexuelle Orientierung und so weiter. Allen Menschen muss die gleiche Würde entgegengebracht werden, ich glaube, da sind sich viele einig. Die dogmatische Identitätspolitik und Cancel Culture sind völlig kontraproduktiv für die Erreichung dieses Ziels. Die Liste von Verboten und Geboten, die der Normalbürger nicht mehr versteht, wird immer länger, zum Beispiel Übersetzungsverbot von Texten schwarzer Autorinnen durch Weiße (Gilt das auch umgekehrt?), Verbannung unerwünschter Gedichte aus dem öffentlichen Raum, Änderung von Straßennamen und – besonders unerträglich – der Ausschluss von abweichenden wissenschaftlichen Meinungen an Universitäten. Eine pluralistische demokratische Gesellschaft lebt gerade von der Diskussion unterschiedlicher Standpunkte und der dadurch möglichen Annäherung. Die strenge Identitätspolitik erreicht genau das Gegenteil, weil sie die produktive Auseinandersetzung ablehnt. Sie ist gefährlich, weil sie Lagerbildung Vorschub leistet, während die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft Ausgleich erfordert. Und sie ist auch unmenschlich, denn kaum jemand wird sich in jeder Lebenssituation so „korrekt“ verhalten können, wie die selbsternannten „Identitäts-Wächter“ dies verlangen. Ich fühle mich zunehmend an Orwell und an die chinesische Gesinnungsdiktatur erinnert. Das wäre alles nicht ganz so schlimm, wenn der Streit eine Intellektuellen-Übung bliebe. Unerklärlich und unverzeihlich ist jedoch, dass sich jetzt auch die Vorsitzende der SPD für eine kompromisslose Identitätspolitik stark- macht und höchst peinlich fremdschämt (F.A.Z. vom 4. März). Der Artikel von Wolfgang Thierse in der F.A.Z. vom 22. Februar ist der beste, den ich zu diesem Thema gelesen habe. Die SPD will eine Volkspartei sein und verkündet dennoch Positionen, die nicht mehrheitsfähig sind. Die Quittung wird vom Wähler kommen. Die SPD-Führung treibt mit ihrem unüberlegten Gebaren, das kaum jemand verstehen kann, die Bürger in die Arme der Rechtspopulisten. Dr. Friedrich Curtius, München

          Gendergerechte Frauendiskriminierung

          Zum Leser­brief „Die Spra­che gehört ihren Spre­chern“ (F.A.Z. vom 4. März) und die voran­ge­gan­ge­nen Debat­ten über korrek­te Spra­che: Der Sprach­ge­brauch mancher öffent­lich-recht­li­cher Medien folgt nicht dem „stän­dig sich voll­zie­hen­de(n) Wandel der Spra­che“, sondern setzt ideo­lo­gi­sche Vorga­ben um, die nicht notwen­di­ger­wei­se von der Reali­tät unter­legt sind. So berich­te­te der Deutsch­land­funk vor einem Monat ange­sichts des dama­li­gen Kälte­ein­bruchs in seinen Nach­rich­ten zu den teil­wei­se kata­stro­pha­len Verhält­nis­sen im Stra­ßen­ver­kehr, dass für diese von manchen die „Last­wa­gen­fah­rer und Last­wa­gen­fah­re­rin­nen“ verant­wort­lich gemacht wurden. Zitiert wurde dann eine weite­re Stimme, die „Last­wa­gen­fah­rer und Last­wa­gen­fah­re­rin­nen“ insbe­son­de­re aus Bela­rus, der Ukrai­ne und Kasach­stan als Verur­sa­cher benann­te, da der latei­ni­schen Schrift und des Deut­schen nicht mäch­tig (und somit ohne Zugang zu sach­ge­rech­ten Infor­ma­tio­nen). Dahin­ge­stellt blei­ben kann, ob das eine tref­fen­de respek­ti­ve zurei­chen­de Erklä­rung war; jeden­falls warf sie ein Schlag­licht auf die Beschäf­ti­gung gering quali­fi­zier­ter Kräfte zum Billig­lohn. Erstaun­lich war in den Nach­rich­ten einmal mehr der Sprach­ge­brauch des Senders. „Last­wa­gen­fah­re­rin­nen“ gibt es in Deutsch­land nicht sehr viele (und diese waren damals gewiss nicht alle auf der betrof­fe­nen Auto­bahn unter­wegs). Sehr über­schau­bar dürfte auch die Zahl der „Last­wa­gen­fah­re­rin­nen“ in den genann­ten osteu­ro­päi­schen Staa­ten sein, wohl erst recht, was den Einsatz im Fern­ver­kehr angeht. Im Sprach­ge­brauch des Senders werden also Frauen, obwohl im konkre­ten Fall gar nicht oder kaum in Erschei­nung tretend, einfach in Mithaf­tung genom­men. Früher nannte man das üble Nach­re­de oder Pauschal­ver­dacht. Heute ist diese Art von Frau­en­dis­kri­mi­nie­rung nicht bloß eine Stil­blü­te, sondern Ergeb­nis vorgeb­lich geschlech­ter­ge­rech­ter Spra­che. Dr. Volker Weyel, Bonn

          Manipulationswille und Ideologie

          Zu dem Beitrag „Die unsichtbaren Dritten“ in der F.A.Z. vom 8. März: Die Anmerkungen von Tobias Döring, der sich hier weniger als Literatur-Professor zeigt denn als äußerst sensibler „Übersetzer-Versteher“, sind so umfassend, abdeckend und, ja, auch fair – dort, wo er theoretisch vertretbare Argumente zugunsten der Position von Janice Deul diskutiert –, dass ihnen im Grunde nichts hinzuzufügen ist. Dennoch darf ich fragen, mit welcher Autorität Janice Deul ihre Forderung begründet. Beim Übersetzen rangiert sie offenbar nicht gerade unter den Fachleuten. Und: Aus welcher Ecke kommt ihr Applaus/„Shitstorm“? Sollte es auch unter schwarzen Aktivistinnen Rassismus und Populismus geben? Der Übersetzer darf aufgrund des Wesens seiner Arbeit nicht den Schlamm von dem einen Ufer sichtbar an seinen Füßen tragen, und er ist an „seinem“ Ufer niemals festgenagelt, während er übersetzt: „entweder an das andere Ufer oder von dort zurück an sein Ufer“. Wir wissen dank Walter Benjamin um den enormen Anteil des Übersetzers an der Lebendigwerdung des Originals, und wir lesen bei Umberto Eco („Dire quasi la stessa cosa“), dass es für gelungenes Übersetzen wichtigere Kriterien gibt als absurde ideologisch-identitäre Gespinste der Mode-Bloggerin Janice Deul. Was würde diese den Kritikern und Theoretikern erwidern, die tatsächlich etwas vom Übersetzen verstehen? Dies ist für sie womöglich aber gar nicht relevant – Tobias Döring ist allzu zurückhaltend, wenn er Manipulationswillen und Ideologie nur leicht andeutet. Bitte nichts von alledem in unserer Berufswelt! Jürgen Stähle, Stuttgart

          Topmeldungen

          Beim Grillfest der SPD in Rostock: Ministerpräsidentin Schwesig

          Schwesig im Wahlkampf : Als stünde sie allein im Ring

          Beflügelt durch die Beliebtheit der Ministerpräsidentin steht der SPD in Mecklenburg-Vorpommern ein historischer Sieg bevor. Wie ist das Manuela Schwesig gelungen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.