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: Leserbriefe vom 3. Juli 2020

  • Aktualisiert am

Vor Corona: Eröffnungsgottesdienst der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im September 2016 in Fulda Bild: dpa

Austrittswelle aus der Kirche +++ Schriftstellerin Ulla Hahn +++ Mord an Siegfried Buback +++ Corona-Aufbaufonds der EU

          5 Min.

          Noch einmal in der Bibel nachlesen

          So viele Kirchenaustritte wie noch nie, Daniel Deckers hat mit seinem Kommentar „Irrelevante Kirche?“ (F.A.Z. vom 27. Juni) völlig recht: Wird die Kirche den Christen gleichgültig, ist sie irrelevant geworden?
          Und hier fällt mein Blick auf die beiden Stellungnahmen der Kirchenführer auf der Titelseite der F.A.Z. vom 27. Juni („So viele Kirchenaustritte wie noch nie“). Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, sagt für die katholische Kirche: „... lade jeden, der gegangen ist oder gehen will, ein, mit uns zu sprechen“. Heißt, der Mensch, der Gläubige, der Christ muss zur Kirche kommen, nicht die Kirche zum Menschen.
          Und der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm spricht für die evangelische Kirche „vom selbstkritischen Blick auf gewachsene Formate und Strukturen“. Heißt in Bezug auf die Strukturen, eine nach außen gerichtete Selbstbeschäftigung, und das schlimme Wort von den Formaten erinnert an einen Fernsehintendanten, der sich die rückläufigen Zuschauerzahlen einer guten politischen Sendung ansieht und sich überlegt, ob er stattdessen vielleicht besser eine Unterhaltungs- und Quizsendung anbieten soll.
          Beide Herren sollten noch einmal in der Bibel nachlesen, wie Petrus und Paulus in den frühen ersten Jahren des Christentums die Gemeinden aufgebaut, gestützt und erhalten haben, vor 2000 Jahren!
          Übungsweise können beide Kirchen im kommenden Jahr vorab erfahren, was es heißt, wenn die coronabedingten Kirchensteuerausfälle eintreten. Dann kann man den selbstkritischen Blick auf gewachsene Formate und Strukturen richten und darauf warten, dass ausgetretene Kirchenmitglieder zum Gespräch zur Kirche kommen. Helmut Klein, Wuppertal-Langerfeld



          Wörter sind schlicht Werkzeuge

          Zu „Wort wird Handlung“ von Ulla Hahn (F.A.Z. vom 30. Juni): Mit jedem ihrer behutsam formulierten und zugleich engagierten Sätze hat Ulla Hahn recht. Für jeden dieser Sätze zum derzeit ausufernden Missbrauch der Sprache muss man ihr danken. Dennoch möchte ich ihre Darstellung um einen Aspekt ergänzen, der mir bei ihr zu kurz gekommen scheint, um die gegenwärtigen Probleme zu beleuchten.
          Ulla Hahn führt zahlreiche treffende Beispiele aus der Geschichte und Gegenwart an, bei denen Sprache gezielt und häufig bösartig zu Diffamierung, Vertuschung, Verharmlosung missbraucht wird. Gegenwärtig aber haben wir meines Erachtens zusätzlich die Problemlage, dass Wörter und Sprachmuster mit den besten Absichten und im besten Glauben, damit einen Beitrag gegen Diskriminierungen aller Art zu leisten, tabuisiert, indiziert oder verändert werden. Vom Eskimo über Rasse, Volk bis zum Zigeuner werden Dutzenden Wörtern magische schädliche Kräfte angedichtet. Umgekehrt sollen dann andere Wörter wundersame Heilkräfte entfalten, zum Beispiel mit Hilfe eines Gendersternchens.
          Dahinter steckt die Vorstellung, dass es so etwas wie „Unwörter“ gäbe. Diese Vorstellung wird dadurch genährt, dass jährlich sehr publikumswirksam ein „Unwort“ des Jahres verkündet wird. „Gurpe“ wäre tatsächlich ein Un-Wort, weil es niemand – bisher – sinnvoll verwenden kann. Aber das Wort „alternativlos“ (Unwort 2010) ist kein Unwort, es kann nur falsch angewandt werden, wenn es eben eine realistische Alternative gibt. Auch eine „Lügenpresse“ (2014) gibt es und gab es zweifellos. Aber man muss den Begriff gezielt und treffend einsetzen. Das ist bekanntlich schwierig. So wie es leicht danebengehen kann, jemanden einen Dummkopf zu nennen. Wenn man damit falsch liegt, hilft es aber wenig, das Wort „Dummkopf“ und überhaupt alle beleidigenden Begriffe aus dem Wortschatz streichen zu wollen. Damit ist dem Geschmähten und der deutschen Sprache wenig geholfen.
          Dieses grundsätzliche Problem haben offenbar frühzeitig die Schwulen im Lande erkannt, als es um ihre Gleichberechtigung und Nicht-Diskriminierung ging. Nicht das vormalige Schimpfwort „schwul“ musste dafür durch „homosexuell“ ersetzt werden, wie es viele Gutmeinende praktizierten, sondern die Denkungsart sich ändern, „schwul“ also seine negative Konnotation verlieren.
          Oder anders gesagt: Wörter sind schlicht Werkzeuge. Wenn jemand den Hammer schwingt, kann er damit eine Hütte bauen oder jemanden erschlagen. Es liegt aber nicht in der Natur des Hammers, sondern des Menschen, ob das Werkzeug moralisch angemessen verwendet wird. So auch im Falle eines Worts. Was passiert, wenn man den Wort-Hammer gegen Menschen einsetzt, dafür hat Ulla Hahn zahlreiche treffende Beispiele angeführt. Rudolf Wedekind, Hamburg



          Die Ausblendung der RAF-Opfer

          Die Rezension von Rüdiger Soldt zu Michael und Elisabeth Bubacks Buch „Der General muss weg!“ (F.A.Z. vom 23. Juni) bedarf der Richtigstellung und Ergänzung. So trifft nicht zu, dass Michael Buback von dem am 6. Juli 2012 verkündeten Urteil erhoffte, die 1989 begnadigte RAF-Terroristin Verena Becker werde zu einer weiteren langjährigen Haftstrafe verurteilt. Richtig ist, dass er in seinem ausführlichen Plädoyer keine Bestrafung für sie forderte. Die Begründung hierfür steht im Buch. Falsch ist auch Soldts Darstellung, im Buch seien Bubacks Recherchen und das Prozessgeschehen noch einmal zusammengefasst: Das erste Buch, „Der zweite Tod meines Vaters“, wurde veröffentlicht, bevor der im zweiten Buch geschilderte Prozess begann. Über diesen Prozess und den Werdegang von Siegfried Buback kann man sich nur im neuen Buch genauer informieren. Die Feststellung Soldts, private Ermittlungen seien etwas grundsätzlich anderes als die Beweisaufnahme in einem Strafverfahren, verdeckt die Tatsache, dass es den Ermittlern und der Justiz in Jahrzehnten nicht gelungen ist, die Täterschaft beim Karlsruher Attentat zu klären. Aus diesem Grund haben sich die Opferangehörigen, nachdem sie im Jahre 2007 auf Mängel bei den Ermittlungen hingewiesen worden waren, mit dem Verbrechen befasst.
          Hierbei ergab sich, dass bei dem Attentat, dem der Generalbundesanwalt und seine Begleiter Wolfgang Göbel und Georg Wurster zum Opfer fielen, zwar insgesamt drei Personen wegen Mittäterschaft zu lebenslänglich verurteilt wurden, von denen aber keine an der Begehung des Attentats beteiligt, also am Tatort war. Die wirklichen Täter wurden für diese Morde nicht verurteilt. Soldt hat es versäumt, auf die geradezu absurde Prozesskonstellation hinzuweisen, bei der Verena Becker, die geheime Informantin des Verfassungsschutzes war und somit zweifellos von staatlicher Seite geschützt wurde, 2010 von einer anderen staatlichen Stelle, der Bundesanwaltschaft, als Karlsruher Mittäterin angeklagt wurde. Ein solcher Prozess bietet kaum Chancen auf Klärung und ist quälend für die Angehörigen.
          Falsch ist Soldts Behauptung, nur Verena Becker hätte Klarheit in den Prozess bringen können, denn mehrere der als Zeugen geladenen ehemaligen Terroristen und in jedem Falle alle Tatbeteiligten hätten Auskunft geben können. Auch verwirrt Soldts Aussage zu den unterschiedlichen Wahrheiten: Die juristische, im rechtskräftigen Urteil dargelegte Wahrheit besitzt zwar Gültigkeit. Sie ist aber dennoch fehlerbehaftet und somit falsch, wenn sie von der tatsächlichen Wahrheit abweicht. Das von Rüdiger Soldt erwähnte Zitat, der Preis für die anhaltende Mythisierung und Ikonisierung der Täter sei die Ausblendung der Opfer der RAF gewesen, bewahrheitet sich leider auch in seiner Rezension, in der sich keine positive Bewertung der sorgfältigen Arbeit der Bubacks findet, sondern recht schonungslos mit den Angehörigen eines Opfers der RAF umgegangen wird. Professor Michael Buback, Göttingen

          Die Pferde wollen nicht saufen

          Zu „Wer braucht das Geld wirklich?“ von Hendrik Kafsack (F.A.Z. vom 22. Juni): Mit einer enormen Geldschöpfung im Volumen von 750 Milliarden Euro versucht Europa in einer konzertierten Aktion die wirtschaftlichen Schäden der Corona-Krise zu überwinden.
          Dabei dürfen die vielen Milliarden nicht in falsche Kanäle fließen. Vielmehr muss das zur Verfügung gestellte Geld primär für zukunftsweisende Investitionen von der Wirtschaft, also den einzelnen Unternehmen, in Form von Krediten oder auch Zuschüssen abgerufen werden. Dies dürfte ohne entschiedene Kontrolle bei der Geldvergabe kaum gelingen. Was aber, wenn trotz allem die handelnden Wirtschafts- und Finanzpolitiker, wie einst im Jahre 1971 der deutsche Wirtschaftsminister und -professor Karl Schiller, ernüchtert feststellen: „Die Pferde wollen nicht saufen.“? Dr. Hans Christian Hummel, Hannover

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