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: Leserbriefe vom 23. Juni 2020

  • Aktualisiert am

Der einsame Roland Ries auf einer Gedenkveranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai. Der Bürgermeister von Straßburg hat bei solchen Gelegenheiten den Bürgermeister aus Kehl an seiner Seite. Doch der konnte nicht kommen: Die Grenze war gesperrt. Bild: Imago

Zweisprachigkeit fördern im Elsass und in Baden-Württemberg +++ An der deutschen Grenze in Corona-Zeiten +++ Edo Reents’ Diskursfalle +++ klare Worte von Marlene Grunert zum Lübcke-Mord +++ Lessings Nathan im Chat +++ Modellrechnungen in der Corona-Krise

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          Verschwinden des Elsässerditsch

          Zum Bericht von Michaela Wiegel „An den Grenzen des Staates“ (F.A.Z. vom 20. Juni). Als Liebhaber von Frankreich und besonders des Elsass, selbstverständlich für einen echten Badener, bin ich begeistert, wie die Autorin elegant auf die schwierige Problematik der Elsässer in Bezug auf deren zentrale Pariser Regierung eingegangen ist. Solche Darstellungen sind sehr wichtig für die weitere Gestaltung unserer freundschaftlichen Beziehungen zu Frankreich. Die Autorin weist zum Schluss auch auf die Entwicklung zur Gebietskörperschaft Elsass für mehr Selbständigkeit der beiden Departements offenbar unter Führung der agilen Chefin des Departementsrates, Madame Brigitte Klinkert, hin. Dazu möchte ich ergänzen, dass es eine weitere Aktivität gibt: Eine Organisation zur Förderung der Zweisprachigkeit im Elsass, die unter Pierre Klein unter anderem eine erfolgreiche Unterschriftensammlung auch bei uns durchgeführt hat zur Unterstützung des Vorschlags, dass sowohl Frankreich als auch Deutschland beziehungsweise Baden-Württemberg sich bereit erklären, jeweils 1 Million Euro zur Verfügung zu stellen. Es soll erreicht werden, dass im Elsass die deutsche und in Baden die französische Sprache intensiv gefördert wird. Denn auch im Elsass haben verantwortliche Vertreter der Bildung längst erkannt, dass das weitgehende Verschwinden des Elsässerditsch einen großen kulturellen Verlust bedeutet. Man kann nur hoffen, dass dieses sicher mehrere Generationen betreffende Vorhaben zu einem Erfolg führt. Dr. Johannes Schumacher, Essen

           

          Einreise immer möglich

          Zum Artikel „Nicht mehr getrennt. Nach drei Monaten ist die Rheinbrücke zwischen Straßburg und Kehl wieder offen. Durch das Virus kamen bei Franzosen und Deutschen längst überwunden geglaubte Ängste wieder hoch“ von Michaela Wiegel (F.A.Z. vom 16. Juni): Die in diesem Artikel kolportierte Geschichte einer Elsässerin, die nicht zur Beerdigung ihrer in Deutschland verstorbenen Tante kommen konnte, weil die Bundespolizei sie an der Grenze zurückwies, ist wenig glaubhaft. Eine elsässische Zeitung hat diese Mär von der angeblich hartherzigen Bundespolizei verbreitet und den wachsenden Unmut der Elsässer über die Sperrung der deutschen Grenze sicherlich nicht beruhigt. Wer an der Grenze einen triftigen Grund nachwies, konnte problemlos nach Deutschland einreisen; ich brauchte der Bundespolizei lediglich meinen französischen Pass und einen Nachweis zum triftigen Grund vorlegen (dabei handelte es sich nicht um die „Grenzöffner“ wie Arbeit oder ärztliche Behandlung in Deutschland) und konnte dann immer einreisen. Nur einmal wurde ich von der Bundespolizei an der Grenze zurückgewiesen, erhielt auf meine Nachfrage vom Polizisten die Telefonnummer der Bundespolizeizentrale und konnte dann doch noch über die Grenze, da die vorgesetzte Dienststelle meiner telefonischen Beschwerde stattgab. Fazit: Mit einem belegbaren triftigen Grund war die Einreise von Frankreich nach Deutschland immer gewährleistet. Glen Ritter-Coulais, Wissembourg, Frankreich 

           

          Die Dinge beim Namen nennen

          Zum Artikel „Diskursfalle“ von Edo Reents (F.A.Z. vom 16. Juni): Artikel 3 Absatz 1 Grundgesetz verbietet, Menschen aufgrund bestimmter im Einzelnen aufgeführter Gründe wie Geschlecht, Herkunft und so weiter zu diskriminieren. Je mehr verbotene Diskriminierungsgründe die Vorschrift aufführt, desto umfassender ist der Schutz vor unerwünschter Benachteiligung. Deshalb würde die Streichung des Begriffes „Rasse“ den Diskriminierungsschutz nicht stärken, sondern schwächen. Es liegt in der Natur eines gesetzlichen Verbotes, dass es die Dinge beim Namen nennen muss, gegen die es sich richtet. Das bedeutet gerade nicht, dass sich der Gesetzgeber das verbotene Verhalten oder eine ihm zugrundeliegende Denkweise zu eigen macht. Im Falle der „Rasse“ könnte das noch deutlicher zum Ausdruck gebracht werden, indem dieser Begriff in Anführungszeichen gesetzt würde. Diese Änderung würde das Diskriminierungsverbot bestehen und seinen historischen Hintergrund erkennbar lassen. Zugleich würde sie die innere Distanz zu dem damaligen Sprachgebrauch deutlich machen. Auch hätte diese Anpassung im Gegensatz zu anderen Vorschlägen den Vorteil, den Eingriff in den Verfassungstext auf ein Minimum zu beschränken und seine sprachliche Prägnanz unangetastet zu lassen. Dr. Marian Klepper, Düsseldorf 

           

          Trotz Vorstrafen

          Danke für den Leitartikel von Marlene Grunert „Die größte Gefahr“ (F.A.Z. vom 16. Mai): Als langjährige Leserin der F.A.Z. habe ich mich sehr über die klaren Worte im Leitartikel von Frau Grunert zum Prozessauftakt gegen den Mörder von Walter Lübcke gefreut: Sie stellt klar, dass schon lange die größte Gefahr für unsere Demokratie von rechts ausgeht, schon seit dem Anschlag auf das Oktoberfest, erst recht seit den NSU-Morden und den Terrortaten von Hanau und Halle. Zu lange hat die Justiz vordringlich die linke Szene beobachtet und die Gefahr von rechts verharmlost. Der Verdacht drängt sich auf, dass es innerhalb des hessischen Verfassungsschutzes Sympathisanten mit Rechtsextremisten gibt: Wie sonst konnte es geschehen, dass ein Markus H. trotz einschlägiger Vorstrafen so schnell wieder einen Waffenschein erhielt? Dr. Katharina Féaux de Lacroix, Köln 

           

          25 Sekunden

          Zum Interview von Christian Füller „Die Revolution des Lernens hat begonnen“ mit Ada Pellert, Rektorin der Fernuniversität Hagen (F.A.Z. vom 9. Juni): Die angesichts des Themas und der ernsthaft daran arbeitenden Personen rücksichtslosen Behauptungen geben sich nicht mit weniger zufrieden als dem Anspruch, man habe ausgerechnet im Chaos der Corona-Krisenzeit den Gral des schulischen Lernens entdeckt. Was an der Chat-Behandlung von Lessings „Nathan“ gutes (oder „tiefes“) Lernen sein soll, bleibt unerfindlich, und dass sie sich dabei begnügen möchte mit einem „Promille“ des Zeitaufwands, den Schüler täglich ihrem Smartphone widmen, mahnt doch im mindesten an, dass Frau Pellert vorher einmal hätte rechnen sollen: Setzt man sieben Stunden für das Handy an, bleiben für das Lernen 25 Sekunden pro Tag. In der Zeit hat selbst der schnellste Lehrer noch kein Input-Video kopiert! Michael Bengel, StD i. R., Köln

           

          Die Grenzen von Modellrechnungen

          Zu „Risikogesellschaft“ (F.A.Z. vom 6. Juni): Auch in dem Artikel „Risikogesellschaft“ beweist Sibylle Anderl ihre außergewöhnliche Fähigkeit, mathematische Sachverhalte und ihre Auswirkungen in der Corona-Krise kritisch zu erkennen und verständlich zu vermitteln. Insbesondere weist sie auf die Möglichkeiten, besonders aber auf die Grenzen von Modellrechnungen hin. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass diese zwar die Vergangenheit oft gut abbilden, zukünftige Entwicklungen aber in der Medizin kaum je praxistauglich vorhersagen konnten. Meistens mussten deren Autoren erkennen, dass dies insbesondere für sehr komplexe Modelle gilt – auch wenn sie in hochrangigen (methodisch orientierten) Zeitschriften publiziert wurden. So sollte man wohl auch bei den Prognosen der öffentlich sehr aktiven Vertreter des Göttinger Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation und des Braunschweiger HelmholtzZentrums für Epidemiologie sehr skeptisch sein. Erfolgreicher war und ist aber, grundlegende mathematisch-statistische Sachverhalte zu erwägen. Dazu gehört an erster Stelle die von Frau Anderl bereits in früheren Artikeln erwähnte „Bayes-Formel“. Diese zeigt (praxiserprobt) etwa den begrenzten „positiven Vorhersagewert“ vieler Screeningtests in Populationen mit niedriger Betroffenheit („Prävalenz“), so eines Antikörpertests bei geringer Durchseuchung. Damit wird auch bestätigt, dass alle Vorhaben von der jeweiligen Realität sequentiell abhängen sollten. Das geht aber nur durch umfangreiche repräsentative Testserien, wie sie etwa Heike Schmoll für die zunehmend öffnenden Schulen in ihrem Kommentar gefordert hat. Es bleibt zu hoffen, dass dies endlich durchgeführt und koordiniert wird, am besten durch die bisher kaum erkennbare Deutsche Forschungsgemeinschaft. Professor em. Dr. rer. nat. Dr. Clemens F. Hess, Göttingen, ehemaliger Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie der Universitätsmedizin Göttingen

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