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Andreas Ross (anr.)

Briefbomben in Amerika : Abart der Politik

Amerikas Präsident Donald Trump am Mittwoch bei einem Auftritt in Mosinee im Bundesstaat Wisconsin Bild: Reuters

Trump geht ständig zu weit. Wer das glaubwürdig anprangern will, sollte sich jeder Übertreibung enthalten. Ein Kommentar.

          Das ging zu schnell: So wenig zunächst darüber bekanntgeworden ist, wer hinter der Briefbombenserie in Amerika steckt, so rasch hatten viele Kommentatoren Donald Trump als den eigentlichen Schuldigen ausgemacht. Auf dem breiten Spektrum vom gefährlichen Spinner bis zum heimtückischen Terroristen haben sich in Amerika aber auch schon zu den Zeiten viele Figuren getummelt, in denen Trump selbst einer Hillary Clinton mal einen Scheck ausstellte. Wer reihenweise Briefbomben verschickt, ist für dieses Verbrechen selbst verantwortlich, und nicht derjenige, der ihn zu seiner schwarzen Liste inspiriert hat – und sei das der Präsident.

          Es ist bedauerlich, dass viele Kritiker hier wieder einmal zu weit gehen. Denn Trump geht ständig zu weit, und wer das glaubwürdig anprangern will, sollte sich jeder Übertreibung enthalten. Schon 2016 hatte Trump im Wahlkampf scheinbar spielerisch seine Anhänger auf Kundgebungen aufgefordert, protestierende Störer zu schlagen. In ähnlich scherzhaftem Ton belobigte er erst vor wenigen Tagen einen republikanischen Abgeordneten dafür, voriges Jahr einen Reporter niedergeschlagen zu haben, denn damit habe er seine Wahlchancen verbessert. Seit kurzem tituliert Trump die Demokraten als „Mob“ – ein Begriff, der einem eher für Trump-Anhänger in den Sinn kommt, wenn die sich auf Kundgebungen mit Parolen wie „Sperrt sie ein!“ oder „Baut die Mauer!“ in einen Rausch skandieren.

          Alle Empfänger der Briefbomben standen hoch auf Trumps verbaler Abschussliste. Manche von ihnen hatten ihrerseits den Bogen überspannt, als sie Trump angingen. Direkt anzulasten ist dem Präsidenten nicht der Briefbombenterror, den er immerhin in klaren Worten verurteilte, sondern die augenzwinkernde Scheinheiligkeit, mit der er die Maske des Versöhners sofort wieder abstreifte. Trumps Aufforderung an alle Politiker, Widersacher nicht als „moralisch gestört“ abzutun, ist aus seinem Munde zynisch. Und so sehr manche Medien in der Konkurrenz um die schrillste Trump-Schelte jedes Maß verloren haben, so sehr hat doch Trump mit seiner Klage über die „Volksfeinde“ der Presse den fatalen Ton gesetzt. Diese Abart der Politik haben fast 63 Millionen Amerikaner vor zwei Jahren ins Weiße Haus gewählt. Wenig spricht dafür, dass sich viele von ihnen bei der kommenden Kongresswahl davon distanzieren.

          An neun prominente Kritiker Trumps waren in den vergangenen Tagen Briefbomben adressiert:

          Robert de Niro, Schauspieler und Regisseur

          Barack Obama, früherer Präsident der Vereinigten Staaten

          Hillary Clinton, frühere Außenministerin

          Joe Biden, früherer Vizepräsident

          Eric Holder, früherer Justizminister

          John Brennan, früherer CIA-Direktor

          Debbie Wasserman Schultz, Kongressabgeordnete der Demokraten für Florida

          Maxine Waters, Kongressabgeordnete der Demokraten für Kalifornien

          George Soros, Milliardär

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

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