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Der Brexit ist vollbracht : Die Suche nach den verlorenen Muskeln

So schön kann Abschied sein: Zwei Frauen feiern bei einer Brexit-Party im Woolston Social Club in Warrington im Nordwesten Englands. Bild: AFP

Der Premierminister gibt sich versöhnlich. In der Stunde des Brexits verstehe er die Bangen wie die Hoffnungsvollen, sagt Boris Johnson. Das Triumphgeheul überlässt er Nigel Farage.

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          Nun sind die Briten draußen, und auch wenn keine Fanfaren geblasen wurden, war es für viele ein emotionaler Moment. Boris Johnson erwähnte in seiner Videobotschaft, die eine Stunde vor dem Austrittsmoment von Downing Street freigegeben wurde, beide Lager: jenes, das an den Austritt aus der EU „Hoffnung“ knüpfe, und jenes, bei dem der Brexit ein „Gefühl von Angst und Verlust“ hervorrufe. Er verstehe alle diese Gefühle, sagte Johnson und rief dazu auf, nun zusammenzufinden. Man habe sich alle Werkzeuge aus der EU zurückgeholt, um mit ihnen „das Potential dieser brillanten Nation zu entfalten“. 

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Johnson betonte, dass der Brexit die „richtige und demokratische Entscheidung“ war. Die EU habe sich in den vergangenen Jahrzehnten in eine Richtung entwickelt, „die nicht mehr zu Britannien passte“. Dies hätten die Wähler zweimal, im Referendum von 2016 und bei den Wahlen im vergangenen Dezember, zu verstehen gegeben. Nun werde man mit der „Kraft unabhängigen Denkens und Handelns“ seine neuen Möglichkeiten ausschöpfen. „Wir werden Muskeln wiederentdecken, die wir jahrzehntelang nicht benutzt haben“, sagte er. Für die Zukunft wünsche er sich eine „neue Ära der Zusammenarbeit zwischen der EU und einem energiegeladenen Britannien“. Das Königreich werde beides sein: eine große europäische Macht und global in seinem Anspruch und Ehrgeiz. 

          Während die Anhänger Nigel Farages vor dem Westminster Palace die „Befreiung“ von der Europäischen Union feierten und den „Sieg des Volkes über das Establishment“, begingen traurige EU-Freunde im ganzen Land den Abschied mit Kerzen in der Hand. Johnson übte sich dagegen in der Rolle des Vermittlers, ohne Triumphgesten aber auch ohne Bedauern – ganz im Sinne seines erklärten Ziels, die „Wunden zu heilen“, die dreieinhalb Jahre Dauerdebatte aufgerissen haben.  

          Bye-bye, Britain! Großbritannien verlässt dreieinhalb Jahre nach dem Referendum die EU. Bilderstrecke

          In diesem Sinne hatte er den ganzen letzten Tag der Mitgliedschaft inszeniert. Er reiste mit seinen Ministern ins nordenglische Sunderland, in jenen Wahlkreis, der sich in der Referendumsnacht als erster für den Brexit ausgesprochen hatte. Dort sprach er mit Menschen, besuchte Unternehmen und hielt schließlich eine Kabinettsitzung ab. Am Abend hatte er zu einem Empfang in die Downing Street eingeladen, auf dem kein Champagner floss, sondern englischer Schaumwein. Der genießt in London allerdings den Ruf, locker mit den Produkten aus Frankreich mithalten zu können.

          Die Schlacht ist geschlagen, und auch den Verlierern war an diesem Freitag nicht mehr zum Austeilen zumute. Die Remainers im Parlament nahmen am Austrittstag die nächsten elf Monate in den Blick, in denen die Regierung ein Freihandelsabkommen mit Brüssel verhandeln will. Sie hoffen, dass der Eintritt in die wahre Welt des Brexits, der erst nach dem Ende der „Übergangsphase“ beginnt, möglichst schmerzfrei vonstatten geht. Der innenpolitische Kampf bis Ende des Jahres wird entlang der Frage verlaufen: Wie nah bleibt das Königreich an den Regeln der Europäischen Union

          Manches spricht dafür, dass der Konflikt um die künftigen Beziehungen weniger aufgeladen und leidenschaftlich geführt wird als der um den Austritt. Die Grundsatzfrage ist geklärt, und die streitmüde Nation möchte sich endlich wieder anderen Themen zuwenden. Eine Ausnahme sind die schottischen Nationalisten, die den Brexit instrumentalisieren, um ihr nächstes Unabhängigkeitsreferendum auf den Weg zu bringen. Aber bis dahin wird es dauern. 

          Der Weg aus der Europäischen Union war lang. Zwanzig Bilder zeigen die wichtigsten Stationen der Briten auf ihrem Brexit-Kurs, der nicht immer gradlinig verlief. Bilderstrecke

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