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Kommentar : Selbst ist die Bank

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Die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union kommen nicht voran. Am Montag sollen sie in die dritte Runde gehen.

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          Die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union kommen nicht voran. Am Montag sollen sie in die dritte Runde gehen. Die ersten beiden brachten keine nennenswerten Ergebnisse. Vielleicht dachten sich die britischen Unterhändler deshalb, dass sie nicht unbedingt gleich zum Wochenanfang in Brüssel erscheinen müssten. Am Freitagmittag konnten sie jedenfalls noch nicht sagen, ob sie schon am Montag in Belgien verhandeln würden. Schließlich einigte man sich auf einen Verhandlungsstart am Montagabend.

          Warum nicht gleich morgens? Am Montag ist im Vereinigten Königreich „Bank Holiday“, das letzte vor Weihnachten. Fast alle Briten haben ein dreitägiges Wochenende. Wieso also arbeiten, da es eh keine Resultate gibt?

          Wenn die Banken auf der Insel geschlossen bleiben, hat alles andere auch zu und jeder frei. Was zugleich die Zustände in der britischen Wirtschaft insgesamt gut beschreibt. Ruht die Finanzbranche, gilt das fürs ganze Land. Der Finanzplatz London ist und bleibt der Motor britischen Wohlstands. Die britischen Banken ihrerseits scheinen ihrer Regierung nicht mehr zuzutrauen, einen erträglichen Brexit auszuhandeln. Sie nehmen die Dinge jedenfalls jetzt selbst in die Hand. Vergangene Woche wurde bekannt, dass Britanniens Geldinstitute an einem unabhängigen Plan für ihren Zugang zum Europäischen Finanzmarkt feilen. Die City arbeitet offenbar an einem Vorschlag für einen Handelspakt. Der soll Banken, Fonds und Versicherungen auch nach dem Austritt der Briten aus der Union die Geschäfte mit den verbleibenden 27 Ländern erleichtern. Die Finanzinstitute sollen auf dem Kontinent wie bisher ohne zusätzliche Kosten handeln können. Außerdem bringen immer mehr von ihnen Arbeitsplätze nach Dublin, Paris und Frankfurt in Sicherheit.

          Abwanderung der EU-Bürger

          Ihre Initiative zeigt schon Wirkung. Zwar können die Banken keine völkerrechtlichen Verträge unabhängig von ihrer Regierung aushandeln. Aber ihre Vorschläge üben anscheinend Druck auf Premierministerin Theresa May aus. Am Freitag erklärte Außenminister Boris Johnson, dass sein Land den finanziellen Verpflichtungen gegenüber der Europäischen Union selbstverständlich nachkommen werde. „Wir sind gesetzestreue Leute, die ihre Rechnungen bezahlen.“ Vor einigen Wochen hatte er auf die Geldforderungen noch ganz anders reagiert. Großbritannien würde „darauf pfeifen“, hatte er damals sinngemäß gesagt.

          Sollte es erst einmal Einigkeit bei der Scheidungssumme geben, lägen Gesprächen über die zukünftigen Handelsbeziehungen zwischen dem Königreich und der Union nur noch zwei große Brocken im Weg: die problematische Grenze in Irland, die Großbritannien unbedingt offen halten will, um Gewalt zwischen Protestanten und Katholiken zu verhindern. Und die Frage der Zukunft der EU-Bürger in London und anderswo.

          In der irischen Sache gibt es noch keine nennenswerten Fortschritte, da Downing Street das dortige Grenzregime mit Angelegenheiten der Zollunion verknüpfen will, was die Europäer sich nicht bieten lassen. Doch die EU-Bürger in Großbritannien beginnen, wie die Banken, Fakten zu schaffen – mit den Füßen. Immer mehr von ihnen verlassen das Eiland. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Zahl der EU-Bürger, die dem Vereinigten Königreich im Laufe des Jahres den Rücken gekehrt haben, um 33.000 auf 122.000 gestiegen ist.

          Am Freitagabend entschieden sich die britischen Unterhändler dann doch, am Montag in Brüssel zu erscheinen. Besser ein „Bank Holiday“ verpasst, als gar keine Banken mehr.

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