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Breivik-Prozess : Auf den schmalen Pfaden des Rechts

Der von Breivik gefälschte Polizeiausweis Bild: REUTERS

Die Akteure im Osloer Breivik-Prozess haben ihre Linien gefunden. Dabei teilen Breiviks Anwälte ihr Ziel, den Angeklagten als straffähig darzustellen, ausgerechnet mit den Vertretern der Nebenklage.

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          Nun also Utøya. Fünf freie Tage hatte sich das Amtsgericht in Oslo nach den beiden ersten Wochen der Verhandlung gegen Anders Behring Breivik verordnet. Eine Atempause. Am Donnerstag begann dann mit den Aussagen von Augenzeugen und kriminaltechnischen Fachleuten zum Massenmord, den der damals 32 Jahre alte Breivik am 22. Juli des vergangenen Jahres auf der Insel Utøya begangen hat, ein neuer Abschnitt in dem Prozess; zugleich erreichten die geschilderten Details ein neues Niveau der Grausamkeit.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass Breivik viele seiner meist minderjährigen Opfer den Erkenntnissen der Kriminalpolizei zufolge erschossen hat, als diese sich in der Cafeteria der Insel oder auf dem „Liebespfad“ genannten Uferweg schon in Panik oder als Zeichen ihrer Wehrlosigkeit auf den Boden gelegt und in die Ecken der Zimmer gekauert hatten, setzte nicht nur den Hinterbliebenen im Gerichtssaal 250 zu. An der Strategie der Verhandlungsparteien hingegen werden diese Erkenntnisse wohl nichts mehr ändern. Mussten sie sich anfangs noch ihre Rollen in einem Fall definieren, der nicht nur in der norwegischen Rechtsgeschichte ohne Präzedens ist, haben sie inzwischen offenbar ihre Linien gefunden.

          Pannen der Polizei

          Der Angeklagte selbst folgte auch am Donnerstag äußerlich ungerührt den Zeugenaussagen. Schon in der vergangenen Woche aber hat er frühere Aussagen und Selbstinszenierungen versucht zu relativieren. Er habe sich sowohl in seinem mehr als 1500 Seiten umfassenden Pamphlet als auch in den Polizeiverhören direkt nach seiner Festnahme zu „pompös“ ausgedrückt, sagte Breivik. Die fiktiven Kostüme, Titel und Orden, mit denen er sich und seine angeblichen Unterstützer in seiner Aussage zunächst ausgestattet hatte, seien Teil einer fehlgeschlagenen Strategie gewesen. Er habe übertrieben, um Anhänger zu gewinnen. „Es klingt doch besser, von einem Treffen mit angesehenen Militärexperten zu sprechen, als von vier verschwitzten Männern in einer Kellerwohnung.“ Dass ihn die Abweichungen von der Realität unglaubwürdig machen würden, habe er nicht bedacht.

          Wer eine eigene Fehleinschätzung erkennt, ist zurechnungsfähig - auf diese viele Laien überzeugende Gleichung zielt Breivik offensichtlich ab. Denn die Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Anstalt - die ihm bevorsteht, falls er als psychotisch und damit nicht straffähig eingestuft wird - wäre für ihn nach seiner eigenen Aussage der schlimmstmögliche Ausgang der Verhandlung. Breiviks Verteidiger Geir Lippestad, dank Glatze stets markant, als Wirtschaftsanwalt in Strafsachen aber recht unerfahren, unterstützt seinen Mandanten nur durch vereinzelte Nachfragen - etwa um seine Fähigkeit zur Haushaltsführung zu illustrieren. Vor dem Prozess hatten Lippestad und die drei ihn in dem Prozess unterstützenden Kollegen aus seiner Kanzlei noch erwogen, stärker auf die Bedeutung der Computerspiele und Actionfilme einzugehen, denen sich Breivik in den Jahren vor dem Anschlag gewidmet hat. „Aber diese Strategie haben wir aufgegeben“, gesteht Lippestad ein. Auch die lange Liste der Pannen, die der Polizei vor der Festnahme Breiviks unterlaufen sind, lässt er außen vor.

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