https://www.faz.net/-gpf-aa7pk

Regierungskrise : Brasilianische Tragödie

Unmaskiert: Bolsonaro im Januar Bild: AP

Von wegen Land der Hoffnung: Das Corona-Management von Bolsonaro ist lebensgefährlich. Brasilien hat Besseres verdient.

          1 Min.

          Erst treten zahlreiche Minister zurück oder werden entlassen – uns es sind nicht die aus der zweiten Reihe –, und dann tritt auch die komplette Führung der brasilianischen Streitkräfte zurück, weil Präsident Bolsonaro sie sich unterwerfen wollte. Ein beispielloser Vorgang in doppelter Hinsicht. Die Regierungskrise ist damit so groß, dass sie auch Bolsonaro nicht kleinreden kann.

          Tatsächlich ist sie so groß wie noch keine zuvor seit seinem Amtsantritt vor gut zwei Jahren. Nimmt man noch die tödliche Wucht hinzu, mit der Brasilien vom Coronavirus und dessen Mutanten getroffen wird, so wird man von einer nationale Krise, wenn nicht so gar von einer Tragödie sprechen.

          Das Gesundheitssystem steht vor dem vollständigen Zusammenbruch; Brasilien hat nach den Vereinigten Staaten, absolut gesehen, die höchste Zahl an Todesfällen. Am Dienstag wurde ein neuer, trauriger Rekord registriert: 3780 Menschen starben an Covid-19. Insgesamt fielen mehr als 314.000 Brasilianer der Seuche zum Opfer. Die Bilder von schlimmen Zustände in den Krankenhäusern und von verzweifelten Angehörige von Infizierten gingen um die Welt. Mittlerweile sagen Fachleute, Brasilien stelle eine Bedrohung für die „globale Volksgesundheit“ da. Von wegen Land der Hoffnung.

          Die Herrschaft von Populisten ist gefährlich

          Bolsonaro, der rechtspopulistische Präsident, ist daran nicht unschuldig. In vielem imitierte er sein Vorbild und seinen Helden Donald Trump: Er ignorierte und spielte die Gefahr des Virus viele Monate herunter; eigentlich bis heute. In der Abwägung zwischen Eindämmung der Seuche und Offenhalten der Wirtschaft optierte er nie für den Gesundheitsschutz. Vielmehr brüstete er sich mit seiner Widerstandsfähigkeit.

          Das Krisenmanagement seiner Regierung verdient diesen Namen nicht. Impfstoffe wurden nicht oder in vollkommen unzureichendem Maße geordert. Bolsonaro ist ein Leugner und ein Dilettant im höchsten Staatsamt, so wie man das auch aus anderen Länder kennt. Populisten fallen nicht als Problemlöser auf, ihre Herrschaft ist gefährlich – und kostet Menschenleben.

          Die Bevölkerung scheint auf Distanz zu gehen. Die Popularität des Präsidenten sinkt. Brasilien hat Besseres verdient. Bolsonaro bildet erst einmal die Regierung um. Welche Sündenböcke wird er diesmal den Leuten anbieten?

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

          Weitere Themen

          „Es gibt keine Ausreden mehr" Video-Seite öffnen

          Klimaaktivistin Luisa Neubauer : „Es gibt keine Ausreden mehr"

          Nur wenige Tage vor der Bundestagswahl plant die Klimabewegung Fridays for Future bundesweit in hunderten Städten Protestaktionen. Im AFPTV-Interview betont Klimaaktivistin Luisa Neubauer die Bedeutung der Wahl.

          Topmeldungen

          SPD-Dynastie: Familie Siebel im „stadtbauraum“, einer Veranstaltungsstätte  am früheren Kohleschacht Oberschuir in Gelsenkirchen.

          Politische Prägung : Wählen wie die Eltern

          Welcher Partei wir bei einer Wahl unsere Stimme geben, hängt auch mit der Prägung durch das Elternhaus zusammen. Oder gerade nicht? Drei Ortsbesuche.
          Im Fernsehen, wie hier beim letzten Triell, traten die Kandidaten mit offenem Visier an. Im Netz wird aus dem Hinterhalt geschossen.

          Hetze im Internet : Der schmutzige Wahlkampf

          Sie finden der Kampf ums Kanzleramt zwischen Baerbock, Laschet und Scholz sei eine müde Sache, langweilig und gebremst? Die Kampagnen im Netz zeigen etwas anderes.
          Das Kohlekraftwerk Mehrum, daneben Windräder

          Energie : Preisrekorde gefährden Green Deal

          Strom und Gas sind so teuer wie lange nicht. Für die EU-Kommission kommt das zur Unzeit – und einige Länder haben schon Notfallpläne verabschiedet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.