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Brand in Ludwigshafen : „Ein neues Solingen?"

Das ausgebrannte Wohnhaus in Ludwigshafen: War es Brandstiftung? Bild: picture-alliance/ dpa

Fünf türkische Todesopfer forderte ein Anschlag von Neonazis 1993 in Nordrhein-Westfalen. Dieses Drama hat sich in Ludwigshafen wiederholt - das glauben zumindest viele türkische Zeitungen. Und spekulieren über ein rechtsradikales Attentat.

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          Einige gossen umgehend neues Öl ins Feuer. Das Massenblatt „Hürriyet“ fragte in einer Zwischenüberschrift auf der Titelseite: „Ist das etwa ein neues Solingen?“ Das Bild von der Fassade des brennenden Hauses füllt mehr als die Hälfte der Titelseite, und im Innern des Blatts widmete „Hürriyet“ dem Unglück nochmals eine ganze Seite.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Auch jede andere Zeitung stellte am Dienstag eine Verbindung zu jenem Anschlag her, bei dem 1993 fünf Türken von Neonazis getötet worden waren.

          Die Vorlage dazu hatte wohl der türkische Botschafter in Berlin, Irtemçelik, gegeben, dessen Ablösung bevorsteht und der sich noch einmal profiliert. Er hatte der Deutschland-Ausgabe von „Hürriyet“ gesagt, es käme ihm „seltsam“ vor, dass deutsche Politiker keinen Hinweis zu einem fremdenfeindlichen Hintergrund sähen, bevor die Brandursache technisch untersucht sei.

          Schließt einen fremdenfeindlichen Hintergrund nicht aus: Irtemçelik

          Ermittler aus der Türkei eingeflogen

          In Ankara forderten die türkischen Politiker eine rückhaltlose Aufklärung des Brands. Staatspräsident Gül rief die deutschen Behörden schon deshalb zu einer „minutiösen“ Aufklärung auf, weil es in der Vergangenheit ja ausländerfeindliche Anschläge gegeben habe. Ministerpräsident Erdogan kündigte an, der für die Auslandstürken zuständige Staatsminister Yazicioglu werde noch am Dienstagabend nach Deutschland reisen.

          Begleitet werde er von Fachleuten der Polizei, die an den Ermittlungen beteiligt würden. Erdogan selbst will während seines Deutschland-Besuchs, der am Donnerstag beginnt, ebenfalls Ludwigshafen besuchen. „Wir wollen kein neues Solingen“, sagte Erdogan im türkischen Parlament vor seiner AKP-Fraktion.

          Gründliche Untersuchungen gefordert

          Der Fall müsse in allen Dimensionen aufgeklärt werden. Der türkische Außenminister Babacan hatte dem deutschen Innenminister Schäuble in Ankara ein Ersuchen seines Ministeriums überreicht, das „die Untersuchung aller Möglichkeiten“ fordert.

          Oppositionsführer Baykal von der Republikanischen Volkspartei (CHP) sagte, die Aussage des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Beck, es gebe keinen Hinweis auf eine fremdenfeindliche Tat, ermutige ihn. Er hoffe, die Ermittlungen bestätigten dies.

          Türkische Zeitungen glauben an Brandstiftung

          Die Zeitung „Zaman“ titelte indes: „Zweifelhafter Brand in Deutschland mit neun getöteten Türken, darunter fünf Kinder“. Wie andere Zeitungen stellt sie Brandstiftung als eine sehr wahrscheinliche Ursache des Feuers dar, da eine Neonazigruppe ein Lokal im Erdgeschoss des Hauses gemietet hatte.

          Breiten Raum nehmen in den Berichten auch die Aussagen von zwei Mädchen ein, die gesagt haben sollen, sie hätten vor dem Ausbruch des Brands vor dem Eingang des Hauses einen deutsch sprechenden Mann beobachtet, der brennende Gegenstände in einen Kinderwagen geworfen habe.

          Feuerwehr kritisiert, Polizei gelobt

          Keine guten Noten erteilte die Zeitung „Hürriyet“ der Feuerwehr von Ludwigshafen. Spät sei sie eingetroffen, wurde bemängelt, und obwohl sie nur fünf Minuten entfernt vom Unglücksgebäude stationiert sei, habe sie 20 Minuten bis zum Eintreffen gebraucht. Als mangelhaft bewertete sie deren Ausrüstung. „Die Polizisten aber arbeiteten übermenschlich“ und hätten unter Einsatz ihres Lebens Menschen gerettet, lobte die Zeitung.

          Die türkischen Medien verfolgen traditionell das Schicksal ihrer Landsleute im Ausland sehr aufmerksam. Dabei gelten sie weiter als Türken, selbst wenn sie eine andere Staatsbürgerschaft angenommen haben sollten.

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