https://www.faz.net/-gpf-9ouuc

Amerikareise : Bouffier wirbt in New York für Finanzplatz Frankfurt

Im Handelssaal der New Yorker Börse: Volker Bouffier will amerikanische Banker von Frankfurt überzeugen. Bild: dapd

Vorbereitung auf den Brexit: Hessens Ministerpräsident Bouffier will amerikanische Banken von Frankfurt als würdigen Nachfolger von London überzeugen.

          Schon fünfmal hat Lutz Raettig den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (beide CDU) auf einer Delegationsreise begleitet. Die großen Finanzplätze der Welt waren ihr Ziel: Schanghai, Hongkong, London. Am Sonntag brach eine fünfzigköpfige Delegation mit Politikern, Unternehmern und Wissenschaftlern zum zweiten Mal in wenigen Jahren nach New York auf.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Der sechsundsiebzigjährige Investmentbanker Raettig hat dort viele Jahre lang gelebt und gearbeitet, bevor er zur Morgan Stanley Bank AG nach Frankfurt kam. In beiden Städten würden besondere Standards gelten, sagt er. Der Anspruch, hohe Leistungen zu erbringen, sei eine wichtige Gemeinsamkeit. Aber Raettig sieht auch Unterschiede. In New York würden die Begriffe „Mut“ und „umsetzen“ häufiger benutzt. „Die Innovationskraft ist größer.“ Wer in diesen Tagen durch Manhattan streift, findet aber zumindest kleine Gegenbeispiele. So stehen überall City-Bikes herum. Aber die elektrischen Roller haben es noch nicht bis in den Big Apple geschafft. Dafür treten die ökonomischen Zusammenhänge gerade momentan überdeutlich zutage. Die Entscheidung der Deutschen Bank, weltweit 18 000 Stellen zu streichen, erreichte die Delegation nach ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten.

          Chancen für Frankfurt

          New Yorker Mitarbeiter müssten nun für die Fehler bezahlen, die das Management in Frankfurt gemacht habe, klagt die Generalsekretärin der SPD, Nancy Faeser. Bouffier erinnert an einen Zweck seiner Reise. Er treffe Vertreter von sieben Banken. „Mit Boris Johnson könnte ein ungeregelter Brexit sehr herb werden“, schätzt der Unionspolitiker. Daraus könnten sich Chancen für Frankfurt ergeben. Die Annahme, dass die Mitarbeiter amerikanischer Banken von London nach Deutschland zögen, sei aber nicht realistisch. Wahrscheinlicher sei es, dass sie aus Amerika kämen. „Dafür will ich hier werben.“ Eine solche Bewegung könne den Verlust von Arbeitsplätzen im Frankfurter Bankenviertel jedenfalls teilweise ausgleichen.

          An die Taunusanlage fühlt sich erinnert, wer durch den Madison Square Park spaziert. Viel Grün am Fuße hoher Türme. Von den Rooftop-Bars aus fühlt man sich ihnen noch näher. Aber die Long Island Summer Lounge an der Kaiserhofstraße muss den Vergleich nicht scheuen. Auch der Blick auf die Skyline von Brooklyn lohnt sich. Er bietet sich vom Platz der Vereinten Nationen aus.

          Dicke Bretter

          Seit Anfang des Jahres hat Deutschland einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat, im April führte es sogar den Vorsitz. Als Botschafter Berlins hat sich Christoph Heusgen hier rasch einen Namen gemacht. Der vierundsechzigjährige Spitzenbeamte verbrachte sechs Jahre in Brüssel und mehr als das Doppelte als außenpolitischer Berater der Bundeskanzlerin, bevor er UN-Botschafter wurde.

          Im Saal des Sicherheitsrates brach er mit einer alten Tradition. Die Vorhänge, die den prächtigen Blick über den Hudson auf die Hochhäuser verdeckten, ließ er während seines Vorsitzes kurzerhand öffnen – um mehr Transparenz zu schaffen, wie es hieß. Dass die Vorhänge inzwischen wieder geschlossen sind, zeigt, wie dick die Bretter sind, die es hier zu bohren gilt.

          Daraus macht Heusgen im Gespräch mit der hessischen Delegation kein Hehl. „Unsere russischen Freunde mögen es gar nicht, sich an internationales Recht zu halten“, stellt er fest. Aber auch Mächte wie China und die Vereinigten Staaten missachteten geltendes Völkerrecht, indem sie gegen UN-Resolutionen verstießen. Der Rheinländer neigt nicht zur Schönfärberei. „Wir bemühen uns darum, die Uno relevant zu halten“, sagt er.

          Zukunft der Städte

          Er sitzt am Kopf des Tisches in der Bibliothek des Deutschen Hauses. Dass der Bestand an Büchern in dem Raum sehr überschaubar ist, wird durch die wache Präsenz des Gastgebers kompensiert. Ganz in seiner Nähe hat Bouffier Platz genommen. Er berichtet stolz, dass er vor vier Jahren als Präsident des Bundesrates vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen vier Minuten habe reden dürfen – und zeigt auf seinem Smartphone ein Foto vom 5. September 2015. Natürlich sei man jetzt nicht aus Hessen angereist, um in New York die Welt zu erklären, sagt Bouffier. Dazu ist Heusgen, der einfließen lässt, wie lange er den Ministerpräsidenten schon kennt, auch selbst in der Lage. Mühelos beantwortet er sogar die schwierige Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Bundesland Hessen und der Weltpolitik.

          Die Luftbrücke zwischen Wiesbaden und Berlin sowie den wichtigen Standort der amerikanischen Armee in der Landeshauptstadt erwähnt er beiläufig. Wichtiger ist ihm „Habitat“, das Programm der Vereinten Nationen „für menschliche Siedlungen“, in dem es um die Zukunft der Städte gehe. „Was in New York abstrakt formuliert wird, kann nur in Riesenmetropolen wie Frankfurt umgesetzt werden“, so Heusgen.

          Er ist ein unaufgeregter, furchtloser Diplomat. Wenn man etwas in die Tiefe gehe, treffe man angesichts der gegenwärtigen Konstellation momentan im State Department „viele unglückliche Kollegen“, berichtet er. Wer an der richtigen Längsseite des Tisches in der Bibliothek des Deutschen Hauses sitzt, kann über den East River nach Brooklyn schauen. Dort haben Künstler eine große Uhr mit roter digitaler Anzeige installiert. An ihr lässt sich ablesen, wie viel Zeit noch vergeht, bis die Amtszeit des amerikanischen Präsidenten endet. Gestern waren es noch 560 Tage und 12 Stunden. Die Uhr lässt nicht nur Zahlen aufleuchten, sie zeigt auch, dass die Innovationskraft der New Yorker tatsächlich ungebrochen ist.

          Weitere Themen

          Scholz lässt seine Pläne offen Video-Seite öffnen

          Bewerbung auf SPD-Vorsitz : Scholz lässt seine Pläne offen

          „Ganz klar ist, wir müssen in Deutschland vorankommen mit unserem Land. Wir müssen dafür sorgen, dass der Zusammenhalt besser wird“, sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz nach Bekanntwerden seiner Kandidatur für die SPD-Spitze.

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          In einem Gedenkgottesdienst nehmen Angehörige, Freunde und Nachbarn Abschied von dem achtjährigen Jungen

          Nach Frankfurter Gewaltat : Abschied von getötetem Achtjährigen

          Nach der grausamen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof haben Angehörige, Freunde und Nachbarn in einem Gedenkgottesdienst Abschied von dem getöteten Jungen genommen. Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier war anwesend.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.