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U2-Sänger Bono : Europa ist eine Idee, die zum Gefühl werden muss

  • -Aktualisiert am

Ein radikaler Akt? Das Schwenken einer EU-Flagge in Berlin. Bild: dpa

Das Wort Patriotismus wurde uns von Nationalisten und Extremisten gestohlen. Wirkliche Patrioten streben nach Einheit oberhalb von Homogenität. Können wir mit Herzblut in diese Auseinandersetzung gehen? Ein Gastbeitrag.

          Mir wird immer gesagt, dass eine Rockband dann besonders gut ist, wenn sie gewisse Regeln bricht: wenn sie an die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks stößt, wenn sie schockiert, überrascht. Nun, U2, die Rockband, in der ich bin, spielt diese Woche zum Auftakt ihrer Tour in Berlin. Und wir hatten gerade eine unserer provokativeren Ideen: Während der Show werden wir eine große, leuchtend blaue EU-Flagge schwenken.

          Ich vermute, das Schwenken einer EU-Flagge wird vom Publikum eines Rockkonzerts eher als nervig und langweilig empfunden oder wird als kitschiger Verweis auf den Eurovision Songcontest verstanden. Doch für manche von uns ist es zu einem radikalen Akt geworden. Europa, das lange Zeit nicht mehr als ein gleichgültiges Gähnen hervorgerufen hat, entfacht heute regelrechte Schrei-Wettkämpfe am Küchentisch. Europa ist die Bühne für den Konflikt mächtiger und emotionaler Kräfte, dessen Ausgang unsere Zukunft bestimmen wird. Ich spreche von unserer Zukunft, weil es unbestreitbar ist, dass wir alle im selben Boot sitzen – auf stürmischer See, aufgewühlt durch extremes Wetter und extremistische Politik.

          Europa ist dieser Tage schwer zu vermitteln in Europa

          Europa ist dieser Tage schwer zu vermitteln in Europa, obwohl es in der Geschichte der Menschheit nie eine bessere Zeit oder einen besseren Ort gegeben hat, um auf die Welt zu kommen, als Europa während der vergangenen 50 Jahre. Auch wenn wir stärker daran arbeiten müssen, den Wohlstand besser zu verteilen, sind Europäer und Europäerinnen besser ausgebildet und besser vor Missbrauch durch große Unternehmen geschützt, sie führen ein besseres, längeres, gesünderes und in jedem Fall ein glücklicheres Leben als die Menschen in jeder anderen Region der Welt. Ja, glücklicher. Solche Dinge werden gemessen.

          Im Namen der Liebe: Bono beim Auftritt mit U2 am 16. Mai in Inglewood, Kalifornien

          Irland ist ein Ort mit einer besonderen Bindung zu Europa und seiner Idee. Vielleicht, weil Irland ein kleiner Felsen inmitten eines großen Meeres ist, begierig, Teil von etwas Größerem zu sein (denn die meisten Dinge sind größer als wir selbst). Zu Europa zu gehören hat uns in die Lage versetzt, eine bessere und selbstbewusstere Version von uns zu werden. Unter Freunden stehen wir alle ein bisschen aufrechter. Und je näher der Norden und der Süden Irlands Europa kamen, desto näher kamen auch wir uns. Die Nähe hat die Grenze überschritten und Barrieren überwunden.

          Aus schmerzhaften historischen Gründen nehmen wir Souveränität nicht auf die leichte Schulter. Wenn die Definition von Souveränität ist, dass ein Land die Macht hat, sich selbst zu regieren, dann hat Irland erkannt, dass uns die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Nationen eine größere Macht gegeben hat, als wir alleine jemals hätten ausüben können, und mehr Gewalt über unser eigenes Schicksal.

          Als Europäer empfinde ich Stolz, wenn ich daran zurückdenke, wie die Deutschen verängstigte syrische Geflüchtete willkommen geheißen haben (noch stolzer wäre ich gewesen, hätten sich mehr Länder dazu bereit erklärt), ich bin stolz auf Europas Kampf gegen die extreme Armut und den Klimawandel, und ja, besonders stolz auf das Karfreitagsabkommen und darauf, wie sich andere europäische Länder in dem Grenzstreit hinter Irland gestellt haben, der nun durch den Brexit wiederbelebt wurde. Ich fühle mich privilegiert, dass ich den längsten von Frieden und Wohlstand geprägten Zeitraum auf dem europäischen Kontinent miterleben durfte.

          Ein spektakulärer Vertrauensverlust

          Doch diese Errungenschaften sind in Gefahr, weil der Respekt für Vielfalt, die Voraussetzung für das gesamte europäische System, infrage gestellt wird. Mein Landsmann John Hume sagte: „Es geht bei jedem Konflikt um Unterschiede; Unterschiede in der Rasse, der Religion, oder der Nationalität. Die europäischen Visionäre haben entschieden, dass Diversität keine Gefahr ist ... Diversität ist die Grundlage der Menschheit und sollte respektiert, zelebriert und sogar kultiviert werden.“

          Wir erleben gerade wie der Glaube an diese Idee auf spektakuläre Weise verloren geht. Befeuert durch die Ungleichheit der Globalisierung und das Versagen, die Migrationskrise zu managen, sagen Nationalisten, Diversität sei eine Gefahr. Sucht Zuflucht in Gleichheit, sagen sie uns; treibt die Unterschiede aus. Ihre Vision für die Zukunft sieht für mich stark nach der Vergangenheit aus: Identitätspolitik, Missstand, Gewalt. Nationalismus gefährdet die Chancengleichheit.

          Die Generation, die den Weltkrieg ertragen musste, hat den tödlichen Tribut erfahren, den diese Geisteshaltung gefordert hat. Sie haben einen Weg aus den Trümmern gefunden, über Betonmauern und Stacheldraht, um den Eisernen Vorhang zurückzuziehen, der auf Stalins Staffelei skizziert war, und sie haben die Vorstellung abgelehnt, dass wir uns nur über unsere Unterschiede definieren. Sie haben verstanden, dass Nullsummendenken ein Selbstmordpakt war.

          Die Nationalisten haben das Wort „Patriotismus“ gestohlen

          Ich liebe unsere Unterschiede: unsere Dialekte, unsere Traditionen, unsere Besonderheiten, „die Grundlage der Menschheit“, wie Hume sagte. Ich glaube, sie bieten Raum für das, was Churchill einen „erweiterten Patriotismus“ nannte: mehrere Zugehörigkeiten, sich überlagernde Identitäten, irisch und europäisch zu sein, deutsch und europäisch – nicht Entweder-Oder. Das Wort Patriotismus wurde uns von Nationalisten und Extremisten gestohlen, die Uniformität fordern. Doch wirkliche Patrioten streben nach Einheit oberhalb von Homogenität. Dies wieder zu bekräftigen, ist für mich das eigentliche Projekt Europa.

          Können wir mit Herzblut in diese Auseinandersetzung gehen? Es mag nichts romantisch sein an einem „Projekt“ und nichts sexy an Bürokratie, aber wie schon die große Simone Veil sagte: „Europa ist die große Idee des 21. Jahrhunderts.“ Seine Werte und Ansprüche machen Europa zu so viel mehr als einer geographischen Verortung. Sie sind der Kern unserer Menschlichkeit und davon, wie wir sein wollen. Diese Idee von Europa verdient, dass Lieder darüber geschrieben und leuchtend-blaue Flaggen dafür geschwenkt werden. Um in diesen schwierigen Zeiten zu bestehen, muss Europa von einem Gedanken zu einem Gefühl werden.

          Der Autor ist Leadsänger von U2 und Mitbegründer der entwicklungspolitischen Organisation ONE.

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