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Bonn – Berlin – Bannas

Von GÜNTER BANNAS
Im „Grünen Gedächtnis“: Günter Bannas sieht im Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin seine alten Notizen und Unterlagen über die Grünen durch, die hier archiviert sind. Foto: Daniel Pilar

20.03.2018 · Unser Korrespondent hat vier Jahrzehnte lang die deutsche Politik verfolgt. Jetzt geht er in den Ruhestand. Und blickt zurück auf Szenen eines Journalistenlebens.

Kalt ist es, bitterkalt. Eine Novembernacht in Berlin, draußen vor der Tür. „Lungerjournalismus“ wird das genannt, was besonders abwertend ist: nichts zu tun wissen und sich irgendwo untätig aufhalten. Wer will, kann sich „im Keller von Baden-Württemberg“, der Landesvertretung, aufwärmen. Bis Dienststellenleiter Andreas Schulze auftaucht und ruft, die FDP-Delegation ziehe sich die Mäntel an. Es ist fünf vor zwölf. Christian Lindner sagt den Satz des Monats: „Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“ Das Lungern beim Sondieren hat sich gelohnt. Knapp acht Wochen später, Willy-BrandtHaus, wieder fünf vor zwölf, wieder draußen, wieder kalt. Wenn sich jemand von drinnen blicken lässt, stürmen die Leute auf ihn zu. Magere Kost. Nur Hinweise, es werde wohl noch ein paar Stunden dauern. Die Prognose ist natürlich falsch, solche Beratungen enden immer um vier Uhr morgens. Kaffee gibt es und Früchtetee. Zigaretten werden knapp, die Akkus sind langsam leer, es wird gelindnert: „Es ist besser, nicht zu gehen, als zu früh zu gehen.“ Das Lungern lohnt sich nicht. Irgendwann am Vormittag eine ganz normale Pressekonferenz (Merkel, Schulz, Seehofer). Es bleibt das Erlebnis einer durchgemachten Nacht. Erzählt wurden Geschichten von früher und von ganz früher.

„Es ist besser...“: Immerhin ließ Christian Lindner die Journalisten nicht die ganze Nacht warten. Foto: Matthias Lüdecke

Einst in Bonn, rund 35 Jahre ist es her, gab es ein Lokal, das hieß „Provinz“ und lag schräg gegenüber dem Bundeskanzleramt. Die „Provinz“ war das Stammlokal von Rot-Grün und sonstigen aufstrebenden Kräften. Heike Stollenwerk hieß die Chefin. Sie konnte mit harter Hand regieren. Willkommen waren Sozialdemokraten (damals noch links und jung) und Grüne aus dem Freundeskreis, der „Gang“, von Joschka Fischer, der das große Wort führte. Außer natürlich, wenn Gerhard Schröder von der SPD kam. Die Legende will es, dass er von der „Provinz“ aus hinüber zum Zaun des Kanzleramtes ging, daran rüttelte und rief:


„Ich will hier rein!“
Gerhard Schröder

Gemeinsam mit Fischer und Otto Schily schrieb er auf einen Bierdeckel: Bundeskanzler Schröder, Außenminister Fischer, Innenminister Schily. Fünfzehn Jahre später kam es so. Die „Provinz“ gab es da nicht mehr, mit der Begründung, dass dort ein Neubau errichtet werden sollte. Dazu freilich kam es nie.


Fans des Trabrennsports: Thomas Ebermann (links) und Rainer Trampert (hier 2008) waren die Grünen irgendwann zu rechts. Foto: imago stock&people

Es waren die Zeiten der Grünen, als deren sogenannter linker Flügel noch richtig links war und von den Realos noch „fundamentalistisch“ genannt wurde. Gespalten war auch er – in die ökologischen „Fundis“ aus Frankfurt um Jutta Ditfurth und die „Ökosozialisten“ aus Hamburg. Deren Anführer hießen Rainer Trampert und Thomas Ebermann. Sie entstammten dem KB, also dem „Kommunistischen Bund“, was nicht mit dem KBW („Kommunistischer Bund Westdeutschland“) und dessen Abspaltung BWK („Bund Westdeutscher Kommunisten“) zu verwechseln war. Dort hatten sie das politische Handwerk gelernt. Auch bei den Grünen waren sie die Wortführer – Trampert war Parteivorsitzender, Ebermann stand eine Zeitlang der Bundestagsfraktion vor. Die beiden gaben vor, ein klares Feindbild zu haben, weshalb sie die Frankfurter Allgemeine Zeitung lasen:


„Wir müssen wissen, was der Klassenfeind denkt.“
Rainer Trampert und Thomas Ebermann

Die einfachen KB-Mitglieder hingegen begnügten sich mit der „Frankfurter Rundschau“, die damals der SPD nahestand. Das erzählten die beiden ein wenig hochmütig, was wiederum zu ihrer – wie man heute sagen würde – Kommunikationsstrategie gehörte, sich bekannt und ein wenig beliebt zu machen. Doch siehe da: Die beiden bestätigten, was die Realos boshafterweise erzählt hatten, wonach Trampert und Ebermann in der Pferdezucht aktiv waren. Wie das? Links sein und zugleich dem Kapital verbunden? Ihre Aufklärung: Nicht im Galoppsport seien sie engagiert, sondern im Trabrennsport. „Der Trabrennsport ist der Pferdesport der Arbeiterklasse“, sagten sie. Besuch in Hamburg. Ein Pferd wechselte für 1000 Mark den Besitzer, bar auf die Hand natürlich. Ende der achtziger Jahre waren die Grünen den beiden zu rechts, und sie verließen die Partei.

Er stach gerne heraus: Joschka Fischer mit Hubert Kleinert (links) und Milan Horáček (rechts) 1984 in Lich Foto: Barbara Klemm

Jahrelang stritten einst Parteien, Parlamente und Gerichte über die Volkszählung, als der Datenschutz noch etwas galt. Und das sogar zu Zeiten des rheinischen Frohsinns, der dem Regierungssitz in Bonn nahe war. Anruf also am Morgen von Weiberfastnacht bei Wighard Härdtl, dem forschen Sprecher und Intimus von Friedrich Zimmermann, dem ebenso forschen Bundesinnenminister von der CSU, dem wiederum nichts ferner lag als Grüne und Sozialdemokraten. Härdtl aber erklärte lang und breit, Zimmermann wolle die Volkszählung von der Zustimmung der SPD abhängig machen. Ohne sie gehe es nicht, und so weiter und so fort. Weil das Thema damals die Gemüter bewegte, wurde die Sache zum Aufmacher in der F.A.Z. Die in Frankfurt ansässigen Nachrichtenagenturen, die abends von 18 Uhr an die Zeitung am Hauptbahnhof zu kaufen pflegten, griffen die Nachricht auf und wollten nachfragen. Das Problem nur: Die zwei stellvertretenden Pressereferenten des Bundesinnenministeriums waren nicht eingeweiht. Ihr Chef war, wie natürlich auch der Reporter, im Karneval verschwunden. Noch tags darauf mussten die beiden die Auskunft geben, die Sache werde schon stimmen, sie könnten sie aber nicht bestätigen. Mobiltelefone gab es nicht, das Internet war noch nicht erfunden – geschweige denn das Smartphone.


Grünen-Abgeordnete Gert Bastian, Roland Vogt, Petra Kelly und Gaby Potthast 1983 in Ost-Berlin Foto: dpa

Roland Vogt war einer der Ur-Grünen. Er gehörte zu jenen, die sich aus Protest gegen Atom und Raketen gerne irgendwo anketteten und sich von Polizisten wegschleppen ließen. Gewaltfrei natürlich. Irgendwann legte er in den Pressehäusern am Bonner Tulpenfeld, wo die Mehrzahl der Journalisten untergebracht war, eine ziemlich großsprecherische Pressemitteilung der Grünen aus: welche Kasernen der Bundeswehr wann und wo im Protest gegen Rüstungswahn und Atomraketen von Demonstranten „blockiert“ werden sollten – was in der Sache meist nach dem Einsatz von Wasserwerfern beendet war. Tage später Schlagzeile einer Sonntagszeitung: Grüne wollen Bundeswehr lahmlegen. Quelle: Sicherheitsbehörden. Hieß: Bundesamt für Verfassungsschutz. Dessen Quelle: die Pressemitteilung von Roland Vogt.


Schön ist es, wenn man einen Chef hat, der sich nicht für Fußball interessiert. Im Sommer 1986 überraschte Claus Gennrich, damals Leiter des Bonner F.A.Z.-Büros, mit der Frage, ob ich Lust und Zeit hätte, mit Helmut Kohl (und anderen) zum Endspiel der Fußballweltmeisterschaft nach Mexiko zu fliegen. Deutschland gegen Argentinien. Eduard Ackermann, Kohls treuester Medien-Knappe, war einverstanden. Stars von ehedem waren auch dabei: Torwart Sepp Maier, die Stimmungskanone im Flugzeug, Wolfgang Overath, der Mittelfeldspieler aus Köln, und Helmut Schön, deren Weltmeister-Trainer von 1974. Wegen der Ausgewogenheit hatte Kohl auch den – in der CDU unbeliebten – FDP-Mann Gerhart Baum, den Sozialdemokraten Hans-Jürgen Wischnewski (laut Kohl „einer der letzten ordentlichen Sozialdemokraten“) und Arbeitsminister Norbert Blüm (den „Maradona von Rüsselsheim“) mitgenommen. Kritiker fanden damals, der Bundeskanzler hätte die Reise selbst zahlen müssen. Womöglich wäre auch Richard von Weizsäcker, damals Bundespräsident, gerne mit zum Spiel gereist. Kohl („der Kanzler bestimmt die Richtlinien“) bremste ihn aus: Nur 15 Minuten nach dem 2:0-Sieg gegen Frankreich im Halbfinale hatte das Kanzleramt die Deutsche Botschaft in Mexiko in Kenntnis von Kohls Besuch gesetzt. Dummerweise gewann Argentinien das Endspiel mit 3:2. Eine Premiere gab es aber: Erstmals wurden die Fußballspieler von einem Kanzler und dessen Entourage in ihrer Umkleidekabine heimgesucht. Zum Trost gab es Sekt.

Bundeskanzler Helmut Kohl 1986 beim WM-Finale Argentinien–Deutschland in Mexiko Foto: Picture Alliance

Grünen-Parteitag Mitte der Achtziger in Hagen. Stadthalle. Am Aufgang zum Plenarsaal drei Mülltonnen – eine für Papier, eine für Plastik, eine dritte für den Rest. Erste Begegnung mit dem Phänomen, für das später das Wort Mülltrennung erfunden wurde. Frage an den städtischen Bediensteten: Was ist das denn? Antwort: Nachher schütten wir eh alles wieder zusammen.

Bundesversammlung der Grünen in Hagen im November 1982 Foto: Barbara Klemm

Gerhard Schröder wusste schon immer, wohin er wollte und wie das gehen sollte. Erste Begegnung also, als Schröder als Chef der Jusos noch links schien (obwohl ihn die ganz linken den „rechten Schröder“ nannten). Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete er als „die Prawda der Bourgeoisie“, was sein Gegenüber wohl als Kompliment verstehen sollte, weil die Prawda (so der Name des Zentralorgans der KPdSU) Einfluss habe und außerdem auf Deutsch ja Wahrheit heiße. Und viel lieber als mit den älteren Reportern spreche er mit den jüngeren, weil die ihn schließlich bei seinem Aufstieg begleiten würden. Er kannte sich halt aus. Da drüben wolle er hin, erzählte er dem Staunenden im Bonner Bundestagsrestaurant gestenreich und wies mit dem Finger nach da drüben, wo das Bundeskanzleramt mit Kohls Büro lag. Bald stellte sich heraus, dass er das vielen Reportern erzählte. Jeweils ganz vertraulich natürlich. Deshalb hielten die damals Jüngeren das Ganze zum Teil für realistisch. Ältere Sozialdemokraten ziehen sie dafür der Naivität. Niemals, meinten sie, werde es so kommen.


Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist „die Prawda der Bourgeoisie“.
Gerhard Schröder, Chef der Jusos, 1978

Erste Begegnung mit Rita Süssmuth, kurz nachdem sie 1985 das Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit übernommen hatte. Ob sie etwas anbieten könne? Kaffee? Nein, danke. Tee? Nein, danke. Sonst etwas? Einen Aschenbecher. Ihre Mitarbeiter bekamen rote Köpfe und verdrehten die Augen. Süssmuth blieb souverän. „Bringen Sie Herrn Bannas einen Aschenbecher.“ Höflicherweise nutzte er das nicht über Gebühr aus. Es war die erste Begegnung mit der Nichtraucherlobby. Schon ein paar Jahre später, 1991, eine Schlagzeile über Angela Merkel: „Die Jüngste in Kohls Kabinett raucht noch in der Öffentlichkeit.“ Noch! Viele weitere Jahre war Rauchen im Bonner und später im Berliner Politikmilieu erlaubt und nicht geächtet – in Ministerien, in den Räumen des Bundestags und besonders gerne im Regierungsflugzeug bei Auslandsreisen des Bundeskanzlers. Schröder vorn mit Zigarre. Hinten die „Kanzlernachlatscher“ (um einen Begriff Kurt Kisters von der „Süddeutschen Zeitung“ zu verwenden) mit Zigaretten. Doch die Front bröckelte. Vor einer Reise Schröders durch sieben Staaten der Golfregion in sieben Tagen hieß es, alle Flüge seien Nichtraucherflüge. Natürlich sollte es nicht Schröder gewesen sein, der schuld war. „Wir haben uns internationalen Standards angepasst“, sagte Sigrid Krampitz, seine Büroleiterin. Schrittweise ging es weiter mit den Einschränkungen. Am 25. Mai 2007 der Durchbruch. Der Bundestag verabschiedete das Gesetz, nach dem in öffentlichen Gebäuden das Qualmen untersagt ist. Auch bekennende Raucher fügten sich. Entweder erschienen sie – wie der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) – nicht zur Abstimmung. Oder sie stimmten gegen die eigene Befindlichkeit. Wer gegen das Gesetz stimme, fragte Sitzungsleiter Hermann Otto Solms (FDP). Einer blieb standhaft und erhob sich: Laurenz Meyer von der CDU.


„Bringen Sie Herrn Bannas einen Aschenbecher.“
Rita Süssmuth

Es gilt das geschriebene Wort: Die Bannas-Notizen, hier aus dem Jahr 1988, bergen noch einige grüne Geheimnisse. Foto: Daniel Pilar

Heribert Hellenbroich war Sohn meines Musiklehrers am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Köln. Er wohnte in einem Haus voller Geigen und war beim Bundesamt für Verfassungsschutz. In Zeiten des Ost-West-Konflikts war er zuständig für Spionageabwehr. Später wurde er Präsident. Schließlich wechselte er 1985 als Präsident zum Bundesnachrichtendienst (BND) nach Pullach. Problem: Wenig später verschwand ein Verfassungsschutz-Mann (Hansjoachim Tiedge) nach Ost-Berlin. Zwei „Schuldige“ wurden als Verantwortliche ausgemacht: Hellenbroich und Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann von der CSU. Später eine Erzählung beim Schulfest: Hellenbroich, ein CDU-Mann, wurde zu Kohl gebeten. Zwei Möglichkeiten habe er, sagte ihm der Kanzler: Rauswurf Zimmermanns aus dem Kabinett oder halt Entlassung Hellenbroichs. Der Beamte musste gehen.


Ein Erlebnis besonderer Art: bei Auslandsreisen von Kanzlern oder Kanzlerin an Abendessen mit Königen und Präsidenten teilzunehmen. In Kiew wurde Wodka gereicht, was nicht schlimm war, weil Erfahrene dazu geraten hatten, nicht noch Wein oder auch nur Bier zu trinken. In Damaskus waren ringsum im Speisesaal, der einer Messehalle glich, Überwachungskameras angebracht, was wohl dazu führte, dass die einheimischen Gäste sämtliche Englisch- und Französischkenntnisse vergessen hatten (außer als es um Äußerlichkeiten einer Dolmetscherin ging). In Sanaa, also der Hauptstadt Jemens, sprach der Tischnachbar von einem „glücklichen Abend“. Er war ein wichtiger Mann: Chef des Generalstabs des kürzlich erschossenen Präsidenten Ali Abdullah Saleh. Als eine der Vorspeisen gab es den Shrimpscocktail (mit Mayonnaise und Mandarinenscheiben), der hierzulande in Supermärkten verkauft wird. Zwei große Kelche für acht Personen, eine kleine Portion für den Gast aus Deutschland, den Rest vertilgte der General ohne Umschweife direkt aus den Kelchen. Oder mittags in Dschidda – Angela Merkel und Begleitung beim König Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud. Wie man so sagt: Die Tische bogen sich. Gebratener Hammel, Schüsseln und Näpfe. Gäste und Ehrengäste wurden bedient. Kaum dass sich König und Kanzlerin erhoben hatten – die Tafel mithin auch für alle anderen aufgehoben war – stürmten junge Soldaten und Wachleute den Saal und setzten sich an die Tische. Ihnen gehörten die Reste. Mit oder gerne auch ohne Besteck.

Nur immer im Tross der Kanzlerin bleiben: Angela Merkel 2017 mit Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud, dem saudischen König. Foto: AGENCY HANDOUT/REX/Shutterstock

Hintergrundgespräch bei Helmut Kohl. Kleiner Kreis, runder Tisch im Bonner Kanzlerbungalow. Kohls Weinglas war immer voll, nachgefüllt und verdünnt mit Wasser. Als der erste seiner Gäste schwächelte, machte der Kanzler Scherze zu Lasten Dritter.


Ein lauer Sommerabend 1995, Fest der Landesvertretung von Bremen in Bonn. Ein regional einflussreicher Sozialdemokrat zog mich zur Seite. Das Ende Rudolf Scharpings an der Parteispitze sei gekommen. Es sei bloß noch die Frage, wer Scharping das sagen solle. Anträge von Untergliederungen der SPD würden für den Parteitag vorbereitet, die Scharpings Position schwächen würden. Eine „Nacht der langen Messer“ kündigte er an – für den Abend der damals bevorstehenden Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. „Johannes Rau ist verzweifelt“, sagte einer der SPD-Strippenzieher am Telefon. Rau, zu jener Zeit Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen und stellvertretender SPD-Vorsitzender, war wichtig für Scharping, er war seine Stütze gewesen. „In Parteiführung und Bundestagsfraktion immer mehr Zweifel an Scharpings Fähigkeiten“ hieß die Schlagzeile über dem Bericht. Zwei Wochen später trat Günter Verheugen vom Amt des SPD-Bundesgeschäftsführers (heute: Generalsekretär) zurück. Scharping habe ihm vorgeworfen, die Quelle des Berichts gewesen zu sein. (Weshalb hier noch einmal versichert wird: Er war es nicht.) Wenige Wochen später war Scharping gestürzt, gefallen, abgewählt. Oskar Lafontaine wurde SPD-Vorsitzender. In Mannheim war es um Scharping geschehen.


„Johannes Rau ist verzweifelt.“
Ein SPD-Strippenzieher, 1995

Da hatten sich die Grünen in ihren Frühzeiten was Feines ausgedacht: Verbannung von Journalisten der „Bild“-Zeitung vom Parteitag. Die Betroffene: Doris Köpf, die spätere Frau Gerhard Schröders. Motto der Kollegen: Wenn Doris geht, dann gehen wir auch. Doris durfte bleiben.


Als Hans Eichel aus Kassel Bundesfinanzminister war, schmückte er sein Dienstzimmer mit Sparschweinen. Große, kleine, bunte. Peer Steinbrück, sein Nachfolger, brachte eine Sammlung Nashörner mit. Große, kleine, bunte, alte. Als Steinbrück vor seiner Zeit als SPD-Kanzlerkandidat nur über ein kleines Abgeordnetenbüro verfügte, kam die wahre Leidenschaft des Hamburgers zum Ausdruck: Schiffsmodelle. Das berühmteste aller amerikanischen Kriegsschiffe, die „USS Constitution" aus dem 18. Jahrhundert, war das Schmuckstück. Kartonmodelle baute er auch, als Jugendlicher die Kriegsschiffe „Scharnhorst“ und „Gneisenau“. Sie erlitten ein bitteres Schicksal. „Die alten Kriegsschiffe aus Karton habe ich mit in die Badewanne genommen und habe sie mit kleinen Silvesterknallern hochgehen lassen.“ Es ist ein Satz aus dem interessantesten aller Interviews. Der Fragesteller teilt die Leidenschaft. Die Modelle seiner Jugend hatte er im Ofen verbrannt.

Mit der „USS Constitution 1797“: Peer Steinbrück in seinem Bundestags-Büro Foto: Matthias Lüdecke

Sogenannte Journalistenkreise gab es in Bonn und gibt es in Berlin. Sie trugen und tragen illustre Namen: Gelbe Karte, Wespennest-Kreis, Fact-Finder, Wohnzimmer-Kreis, Adler-Kreis, Lila Karte, Ruderclub, U-30. Das Prinzip: Ein Gast erzählt, vergleichsweise vertraulich, über die wichtigen Dinge aus der Politik. Oder auch die weniger wichtigen. Einen Zirkel besonderer Art gab es in Berlin: den Kassel-Kreis, erfunden von Klaus Becker, dem Chef des „Extra Tip“ von Kassel. Aufnahmebedingung: nordhessische Vergangenheit, sei es durch Geburt, sei es beruflich. Aushängeschilder: neben Hans Eichel war das die Ministerin Brigitte Zypries, mit der ich angeblich gemeinsam im Kindergarten am Tannenwäldchen war. Auch der Schauspieler Otto Sander gehörte dazu, weil er in Kassel einmal ein Engagement hatte, der Kulturmanager Klaus Siebenhaar, auch Leute von Wintershall. Plaudereien über Kassel, die Vergangenheit, gemeinsame Bekannte. Ein Lufthansa-Vorstand war ebenfalls dabei. Er organisierte einen Abend im Ausbildungszentrum seines Unternehmens. Probe an einem Airbus-Simulator. Starten: vergleichsweise einfach. Fliegen: ganz einfach. Landung? Plötzlich gingen sämtliche Leuchten an den Armaturen aus. Frage an den Ausbilder: Was nun? „Jetzt sind wir alle tot.“


Ein Donnerstag im März 1999. Die Skier waren schon auf dem Dachträger des Autos. Bloß eine Veranstaltung noch: 18 Uhr, Vorstellung eines Buchs über den „Dritten Weg“ von Peter Mandelson in der niedersächsischen Landesvertretung in Bonn (Im Anschluss Diskussion und Gespräche. Buffet“). Das war relevant, weil Mandelson ein Vertrauter von Tony Blair war – und Tony Blair wiederum ein Gesinnungsgenosse von Gerhard Schröder. Kurz davor die Meldung: Oskar Lafontaine, Bundesfinanzminister und SPD-Chef, tritt von allen Ämtern zurück. Da gerieten einige Termine durcheinander.


Nichts ist schlimmer bei Auslandsreisen mit Kanzlern und Präsidenten, als den Dienstwagen oder Bus für die begleitenden Journalisten zu verpassen. Wir haben schon leibhaftige Staatssekretäre mit hochrotem Kopf rennen sehen – im feinen Anzug mit Krawatte in der Hitze Arabiens oder bei den Vereinten Nationen in New York. Das Prinzip: Sitzt der Kanzler/die Kanzlerin im Dienstwagen, setzt sich die Kolonne mit dem Begleittross in Bewegung. Dann gibt es kein Halten mehr. Junge Dolmetscher und erfahrene Kollegen wirkten wie Ertrinkende, wenn sie am Straßenrand zurückgelassen wurden. Ein Albtraum. Sarajewo 2016, Merkels letzte Station einer Balkan-Reise. Ganz hinten in der Autokolonne hielt der Journalisten-Bus. Zum Telefonieren stieg ich aus. Das Schließen der Türen schien mir noch unverfänglich, wegen der Klimaanlage oder so. Als der Bus langsam abfuhr, dachte ich, um die Ecke werde ein Parkplatz gesucht. Als er weg war, stieg der Puls: alleingelassen in Sarajewo. Schlimme Ausssichten: Rückflug mit Linie über Wien, eine teure Sache für wen auch immer. Erster Anruf bei einem Kollegen im Bus. Fehlanzeige. Zweiter Anruf. Wo steckt ihr? Gegenfrage: Wo steckst du? Irgendwie ging die Sache dann doch gut. Nico Fried, der Retter, machte in der „Süddeutschen Zeitung“ eine schöne Glosse daraus:


„Wo ist Bannas?“
Nico Fried (Süddeutsche Zeitung)

Günter Bannas, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Berlin, im Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung Foto: Daniel Pilar

Weiberfastnacht 2012, kurz vor Mitternacht bei „Ingo Fertig“ an der Bonner Straße in Köln. Die Staatsanwaltschaft in Hannover, raunte ein Frohsinnsgenosse, leite Ermittlungen gegen Christian Wulff ein, den Bundespräsidenten. Ernüchterung, augenblicklich. Sein Rücktritt: absehbar. Frühmorgens Anruf des Frankfurter Kollegen Jasper von Altenbockum: „Was machen wir nun?“ Ich: „WIR machen gar nichts. Bin in Köln.“ Dann doch Abbruch der schönen Zeit, Rückreise nach Berlin. Die tollen Tage jener Jahre waren eine Gefahrenzone. 2011, Plagiatsaffäre 1: Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg, Ernennung von Thomas de Maizière zu seinem Nachfolger als Verteidigungsminister. „Ich habe ihn immer geschätzt und werde das weiter tun“, sagte Merkel über Guttenberg. 2013, Plagiatsaffäre 2: Rücktritt von Bildungsministerin Annette Schavan. Merkel sagte, sie habe den Rücktritt „sehr schweren Herzens“ angenommen. Dem Frohsinn tat es, dieses Mal, keinen Abbruch.


Auf beinahe altmodische Weise hatten zwei junge Leute einen Antrittsbesuch erbeten. Guido Westerwelle, 1983 nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Jungen Liberalen. 1. Erläuterung des Programms. 2. Kurzfassung des Programms. 3. Verdichtete Kurzfassung. Zwölf Jahre später, 1995, Andrea Nahles, nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden der Jungsozialisten. Messdienerin sei sie gewesen und auch ein Trekki, Anhängerin der Kultserie „Star Trek“. Mit Niels Annen, der heute zu den wichtigen Außenpolitikern der SPD gehört, hatte es eine besondere Bewandtnis. Irrtümlich erschien er, nach seiner Wahl zum Juso-Chef, in einem Text von mir als „Frau Annen“. Daraufhin schickte er eine launige E-Mail. Inhalt: Wenn er eine Frau wäre, wäre manches leichter für ihn. Das war 2001.


Gründungsversammlung eines überparteilichen Zusammenschlusses von Abgeordneten des Bundestages mit maßgeblichen Beamten. „Koalition Rut Wiess“, heißt der Club, Anhänger des 1. FC Köln. „Wer FC-Anhänger ist, muss leidensfähig sein“, sagte der Vorsitzende. Michael Brand heißt er, CDU-Abgeordneter aus Fulda. Katarina Barley, die zur Bundesministerin aufstieg, rief: „Ich bin die einzige Rote hier.“ Omid Nouripour von den Grünen und vom Klub „BundesAdler“(für Eintracht Frankfurt) gratulierte. Ausnahmsweise war der Reporter nicht bloß Beobachter, sondern teilnehmender Beobachter. Im Herbst 2015 war das, FC-Freund Martin Schulz war da noch nicht im Bundestag. Die CDU/CSU-Polit-Prominenz (Schäuble, Kauder, Stoiber, ein wenig auch Merkel) steht Bayern München nahe. Nur Theo Waigel steht zu 1860 München, schon weil er Stoiber nicht leiden kann.


„Ich bin die einzige Rote hier.“
Katarina Barley

Gewöhnlich sind Kanzlerreisen auf die Minute geplant. Landung um 22.15 Uhr heißt 22.15 Uhr und nicht etwa 22.35 Uhr. Eine Ausnahme: Merkels Tour an die amerikanische Westküste. Los Angeles, San Francisco, Arnold Schwarzenegger, Beverly Hills, Heidi Klum, Thomas Gottschalk. Für Freitag, den 16. April 2010, um 15.30 Uhr war die Landung in Berlin-Tegel annonciert. Ganz und gar anders sollte es kommen. In Island war der Vulkan Eyjafjallajökull ausgebrochen. Eine Aschewolke legte sich über Europa. Nicht in Berlin, sondern (vielleicht) in München, Nürnberg oder Mailand sei eine Landung noch möglich, hieß es bei Abflug. Vielleicht auch in Rom, hieß es bei der Zwischenlandung zwecks Kerosin-Aufnahme in Kanada. Als die Sonne aufging, war klar: Lissabon. Ein lauer Abend folgte. Niemand wusste so recht, wohin. „Wir bleiben beisammen“, versprach Merkel. Wider Erwarten ging es nach Rom. Sodann in einer Autokolonne hoch nach Bozen. Merkel vorne in einem Dienstwagen, den Michael Steiner, deutscher Botschafter in Rom und vormaliger Schröder-Berater, vom Fuhrpark des Vatikans überlassen bekam. Hinten in der Kolonne die Journalisten in einem Bus, einer ziemlichen Schrottmühle, weil in jenen Tagen die Busse in ganz Europa knapp geworden waren. Reifenpanne auf der Autobahn nach Norden. Die BKA-Sicherheitsleute bestanden darauf, Merkel dürfe nicht am Standstreifen der Autostrada stehen bleiben. Ulrich Wilhelm, damals Sprecher Merkels und heute Intendant des Bayerischen Rundfunks, hatte den Leuten hinten mitzuteilen, Merkels „Keiner wird zurückgelassen“ sei nicht aufrechtzuerhalten. Dem AP-Reporter Stefan Lange gelang es, die eingerosteten Muttern an den Rädern zu lösen. Das Bus-Unternehmen musste versprechen, irgendwo bei Florenz einen Bus zu organisieren, der in Deutschland TÜV-tauglich war. Tief in der Nacht zum Sonntag Ankunft in Bozen. Sonntagnachmittag dann doch in Berlin, 48 Stunden später als geplant. Merkel schien es genossen zu haben: zwei Tage ohne die Mühen einer Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden. In Nordrhein-Westfalen musste sie einen Wahlkampftermin mit dem Parteifreund Jürgen Rüttgers absagen. Rüttgers verlor die Landtagswahl.

Der isländische Vulkan Eyjafjallajökull bei seinem Ausbruch im Jahre 2010 Foto: dpa

Gespräche im kleinen oder größeren Kreis. Christian Wulff: Kekse, gern mit Grünem Tee. Gerhard Schröder: Rotwein vom französischen Präsidenten. Angela Merkel: Eintopf mit Kaffee (optional). Oskar Lafontaine: Menü vom Sterne-koch. Was es im Kanzleramt auch mal gab: Schoko-Riegel mit abgelaufenem MHD.


Luxus pur in Abu Dhabi. Gold und Edelsteine und Prunk im „Emirates Palace“. Wenige Wochen vor der offiziellen Eröffnung war Schröders Delegation dort untergebracht. Die Gäste bekamen knappe Erklärungen, wie die Technik in den Zimmern, nein: Sälen, zu bedienen sei. Mit einer Tastatur für Fernsehen, Internet, Vorhänge, Beleuchtung von Schlaf-, Vor- und Baderaum. Beim Frühstück wurde stückweise gebeichtet, schrittweise rückte man mit der Wahrheit raus. Niemand war zurecht gekommen. Übernachtung bei Festbeleuchtung war die Regel. Als Jahre später Merkel nebst Delegation dort nächtigte, gab es eine neue Technik. Das Gold aber war geblieben.


Gespräch mit Franz Müntefering über die Kunst der freien Rede. Mit einem seitenlangen Manuskript begann die Planung. Verkürzung dann auf eine Din-A-4-Seite. Verdichtung auf eine Karteikarte. Am Ende blieb der Ruf: „Glückauf!“ Die Genossen jubelten.


Das Bundeshaus in Bonn Foto: dpa

Die Zeiten ändern sich. Ganz früher: Bonn, Bundeshaus. Es gab Hausausweise für Journalisten, die jeweils für eine Legislaturperiode galten. In Wirklichkeit aber reichte die Gesichtskontrolle. Im Laufe der Jahre wurde es strenger, zumal in Berlin. Der Sicherheit wegen: Ausweiskontrolle, so wie das bei Abgeordneten oder Bediensteten des Bundestages war. Voriges Jahr dann eine Aktion, die das Berliner Journalisten-Milieu als gegen sich gerichtet ansah: Kontrolle speziell von Journalisten wie in Flughäfen – Mantel aus, Sakko aus, Hosentaschen leer. Niemand wollte Verantwortung übernehmen. Die Mitglieder des Ältestenrates, Abgeordnete also, sagten, die Beamten der Verwaltung seien schuld. Die wehrten sich und sagten, die Parlamentarier seien es gewesen. Norbert Lammert, damals Bundestagspräsident und Hausherr, gehört dem Parlament nicht mehr an.


Empfang zum Abschied Gerhard Schröders als Bundeskanzler im Berliner Willy-Brandt-Haus. „Auf Wiedersehen“ – „Muss nicht sein.“ Von nun an sei er Privatier.


Ein Rätsel, Zitate aus einem alten Block: Die CDU muss eine neue Rolle lernen. Die Partei hat den Kontakt zur Gesellschaft verloren. Die CDU muss wieder zuhören können. Sie hat an Spannkraft verloren. Es darf keine Denkverbote geben. Die Parteizentrale hat im Bundeskanzleramt an Einfluss verloren. Kleine Hilfe: Das war im November 1998. Lösung, siehe oben, Kapitel Rauchen, das mit Rita Süssmuth beginnt: 1991 war Angela Merkel die Jüngste in Kohls Kabinett, sieben Jahre später Generalsekretärin.


Zu guter Letzt ein Treffen zweier Generationen: Angela Merkel und Sebastian Kurz. „Der Bundeskanzler Österreichs ist jung; das ist nicht zu bestreiten“, stellt die Bundeskanzlerin fest. Und Merkel sagt noch:


„Irgendwann bemerkt man an sich selbst, dass man mit jedem Tag ein bisschen mehr in Richtung des Älteren hinüberrutscht. Das gehört einfach zum Leben dazu.“
Bundeskanzlerin Angela Merkel

Günter Bannas sieht im Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin seine alten Notizen und Unterlagen über die Grünen durch. Foto: Daniel Pilar

F.A.Z.-Magazin, FAZ.NET-Multimedia

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 20.03.2018 14:15 Uhr