https://www.faz.net/-gpf-9oj6q

Nach Festnahme in Italien : Kapitänin Rackete verteidigt Einfahrt in Hafen

  • Aktualisiert am

Kapitänin Carola Rackete wird von der italienischen Polizei von Bord ihres Schiffes geführt. Bild: Reuters

Eine deutsche Kapitänin bringt 40 Migranten unerlaubt nach Italien. Ist sie kriminell oder beispiellos menschlich? Der Rettungseinsatz von Sea-Watch polarisiert. Und ein Spendenaufruf der Fernsehmoderatoren Böhmermann und Heufer-Umlauf findet große Resonanz.

          4 Min.

          Die deutsche Kapitänin des Rettungsschiffs „Sea-Watch 3“ hat sich nach ihrer Festnahme in Italien erstmals öffentlich verteidigt. „Die Situation war hoffnungslos. Und mein Ziel war es lediglich, erschöpfte und verzweifelte Menschen an Land zu bringen“, sagte die 31 Jahre alte Carola Rackete über ihre Anwälte der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“. „Ich hatte Angst“, sagte die Kapitänin. Sie habe Suizide befürchtet. Rackete hatte das Schiff mit 40 Migranten in der Nacht zum Samstag unerlaubt in den Hafen von Lampedusa gesteuert und war festgenommen worden. Ihr drohen eine Geldstrafe, mehrere Anklagen und im schlimmsten Fall Haft. ​Bei der Ankunft auf Lampedusa war die bei Kiel geborene und in Niedersachsen aufgewachsene Rackete festgenommen worden und steht unter Hausarrest. Am Montag wird ihre Vernehmung und eine mögliche Bestätigung des Haftbefehls erwartet.

          In Deutschland sorgte die Festnahme für Kritik. Der italienische Innenminister Matteo Salvini erhob dagegen schwerste Vorwürfe gegen Rackete. In Vergessenheit geriet dabei fast, dass die Migranten nach mehr als zwei Wochen auf dem Mittelmeer an Land gehen konnten.

          Nach 17 Tagen auf See lagen die Nerven bei der Crew und den Geretteten blank: Die Odyssee der „Sea-Watch 3“ hatte am 12. Juni begonnen, als die Seenotretter der deutschen Hilfsorganisation vor Libyen 53 Bootsflüchtlinge an Bord nahmen. Wenige Stunden zuvor hatte das Kabinett in Rom sich auf eine drastische Verschärfung der Regeln für die Helfer verständigt. Ein umstrittenes Sicherheitsdekret stellt das unerlaubte Einfahren privater Schiffe in Italiens Gewässer unter eine satte Geldstrafe.

          Sea-Watch ließ sich nicht davon abhalten und fuhr mit den Geretteten in Richtung Italien. Nach tagelangem Warten an der Seegrenze sah sich die Kapitänin Mitte vergangener Woche gezwungen, die „Sea-Watch 3“ auf Lampedusa zuzusteuern. Dann traf die 31-Jährige eine weitere folgenschwere Entscheidung, obwohl sich eine Lösung für die Migranten abzeichnete: Deutschland und andere EU-Staaten hatten sich bereiterklärt, die Schutzsuchenden aufzunehmen. Rackete fuhr das Schiff in den Hafen - und stieß dabei auch noch mit einem Boot der Finanzpolizei zusammen. „Das war ein Fehler“, gestand Rackete ein.

          Für Innenminister Salvini von der rechtsnationalistischen Lega Nord ist die Aktion der Beweis, dass die Seenotretter „Kriminelle“ seien. „Sie haben die Maske abgelegt: Das sind Verbrecher“, sagte Salvini - und ging so weit, Sea-Watch vorzuwerfen, den Tod der italienischen Ordnungskräfte riskiert zu haben. „Es ist schön, dass sie sagen, wir retten Leben, (dabei) haben sie fast Menschen getötet, die ihre Arbeit gemacht haben.“

          Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) schaltete sich am Samstag via Twitter ein: „Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden. Es ist an der italienischen Justiz, die Vorwürfe schnell zu klären.“ Menschenleben zu retten, sei eine humanitäre Verpflichtung.

          Welle der Solidarität aus Deutschland

          Aus Deutschland erreichte die Kapitänin eine Welle der Solidarität. Die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf riefen zu Spenden für die Seenotretter auf. „Mit den Ereignissen der letzten Tage hat diese unmenschliche, kaltblütige und skrupellose Politik einen neuen Tiefpunkt erreicht“, sagte Böhmermann.

          In einem gut fünfminütigen auf Youtube in der Nacht zu Sonntag geposteten Video kritisierten sie die Ereignisse auf der italienischen Insel Lampedusa. Nach wenigen Stunden waren bereits Spenden in Höhe von mehr als 140.000 Euro eingegangen. Am Sonntagvormittag waren es schon rund 300.000 Euro.

          Böhmermann sagte: „Mit den Ereignissen der letzten Tagen hat diese unmenschliche, kaltblütige und skrupellose Politik einen neuen Tiefpunkt erreicht.“ Sie betonten in einer gemeinsamen Erklärung: „Wer Menschenleben rettet, ist kein Verbrecher.“ Wie die meisten könnten auch sie nicht persönlich vor Ort im Mittelmeer helfen. „Darum möchten wir spenden und gemeinsam mit Euch Geld sammeln.“

          Weitere Themen

          Aufbruchstimmung passé Video-Seite öffnen

          Tunesien in politischer Krise : Aufbruchstimmung passé

          Das Musterland des Arabischen Frühlings befindet sich in einer kritischen Lage. Viele Tunesier erleben ihre Situation heute sogar schlechter als während der autoritären Herrschaft bis 2011. Die Krise gilt jedoch als hausgemacht.

          Krankenhausgesellschaft kritisiert RKI

          „Für mich unbegreiflich“ : Krankenhausgesellschaft kritisiert RKI

          Im Streit um eine mögliche Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz als Hauptrichtwert in der Corona-Politik bemängelt die Deutsche Krankenhausgesellschaft das Verhalten des RKI. Es könne nicht sein, dass das Institut auf allen Daten sitze, aber keine neuen Vorschläge mache.

          Topmeldungen

          Schulklasse in Bayern

          „Für mich unbegreiflich“ : Krankenhausgesellschaft kritisiert RKI

          Im Streit um eine mögliche Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz als Hauptrichtwert in der Corona-Politik bemängelt die Deutsche Krankenhausgesellschaft das Verhalten des RKI. Es könne nicht sein, dass das Institut auf allen Daten sitze, aber keine neuen Vorschläge mache.
          Einsatz in Kirli: Feuerwehrleute versuchen ein Feuer in der türkischen Provinz Antalya unter Kontrolle zu bringen.

          Brände in Türkei und Italien : Heftige Feuer im Mittelmeerraum

          In der Türkei und in Italien brennen die Wälder. Schuld sind womöglich Brandstifter. Eine seit Anfang der Woche andauernde Hitzewelle in Griechenland geht indes auf ihren Höhepunkt zu – mit Temperaturen von bis zu 45 Grad.
          Markus Söder im Landtag, im Vordergrund Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) am Rednerpult

          Testpflicht und Impfregime : Söders Sorgen

          Die Testpflicht ist das Eingeständnis von Bund und Ländern, dass ihre Strategie nicht aufgegangen ist. Die Impfmüdigkeit ist zu groß. Der Grund: Eigensinn und Politiker wie Hubert Aiwanger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.