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BND-Vermittler : Kein deutscher „Mr. Hamas“

  • -Aktualisiert am

Endlich frei: Gilad Schalit am Dienstag Bild: AFP

Die komplexe Entscheidungsstruktur innerhalb der Hamas und die ägyptische Revolution brachten ihn um den Erfolg seiner Früchte: Der BND-Vermittler Gerhard Conrad bleibt „Mr. Hizbullah“.

          Die ägyptische Revolution bedeutete den Anfang vom Ende der deutschen Vermittlungsbemühungen. Mitte Januar 2011 noch hatte Gerhard Conrad einen Kompromiss ausgearbeitet, dem offenbar auch die Hardliner vom militärischen Flügel der Hamas zustimmen wollten. Doch als der Leiter des Leitungsstabes des Bundesnachrichtendienstes (BND) den Entwurf den Führungskadern der Islamisten in Kairo vorlegen wollte, verhinderten die Unruhen in Ägypten deren sichere Ausreise aus dem Gazastreifen.

          Der Sturz Mubaraks Anfang Februar leitete eine neue Phase in den langen Verhandlungen um die Freilassung Gilad Schalits ein: Der mit der Hamas auf Kriegsfuß stehende ägyptische Geheimdienstchef Omar Suleiman wurde im Frühjahr abgelöst von Murad Muwafi. Weder Suleimans Versuche, die palästinensischen Islamisten zu einer Einigung mit der Fatah zu bewegen noch seine Kompromissvorschläge in Sachen Schalit stießen in Gaza auf Zustimmung. Mit der Absetzung Suleimans, der das Gefangenendossier bereits kurz nach dessen Entführung im Juni 2006 übernommen hatte, entspannte sich das ägyptische Verhältnis auch zu Hamas-Militärchef Ahmed Dschabari, der Conrad in der Vergangenheit immer wieder angegriffen hatte.+

          Dschabaris Gegenspieler, der Hamas-Verhandlungsführer Mahmud al Zahar, hingegen hatte den deutschen Vermittler im Oktober 2009 als „respektablen und ehrlichen Mann“ gelobt. Die „Arabellion“ sorgte dafür, dass Dschabari die Oberhand gewann – und Conrad mit Verweis auf dessen proisraelische Haltung an den Rand gedrängt wurde. Er überzeugte Muwafi und dessen Stellvertreter Mohammed Ibrahim davon, auf die deutsche Unterstützung zu verzichten.

          Der 1954 geborene Islamwissenschaftler war drei Jahre nach der Entführung Schalits auf israelisches Bitten in die Verhandlungen einbezogen worden, allerdings im Rahmen der ägyptischen Verhandlungsbemühungen, sozusagen als „Subunternehmer“ Kairos. Conrads Rolle beim Austausch der Leichname zwei 2006 getöteter israelischen Soldaten gegen vier Hizbullah-Kämpfer und einen libanesischen Milizionär 2008 hatten ihm in Jerusalem hohes Ansehen verschafft. Schon 1996 und 2004 hatte der BND zwischen Israel und der Parteimiliz Hassan Nasrallahs vermittelt, Conrad war seinerzeit BND-Präsident August Hanning unterstellt; dessen Nachfolger Ernst Uhrlau war als Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt ebenfalls an den Vermittlungen beteiligt. Im Sommer 2009 wandte sich Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu deshalb direkt an Bundeskanzlerin Angela Merkel, um den in Sicherheitskreisen als „Mr. Hizbullah“ bezeichneten früheren Leiter der BND-Residenz in Damaskus für den Schalit-Deal zu gewinnen.

          Auch wenn Conrad in der letzten Phase der Verhandlungen nicht mehr aktiv beteiligt war, basiert der am Dienstag durchgeführte Austausch im Kern auf seinem bereits Ende 2009 vorgelegten Kompromissvorschlag. „Gemeinsam mit dem damaligen israelischen Verhandlungsführer Hagai Haddas und Zahar präsentierte Conrad einen unterschriftsreifen Vertrag“, sagt Ronen Bergman, Geheimdienstfachmann der israelischen Tageszeitung „Jediot Ahronot“ und Autor eines Buchs über den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad.

          Israels Präsident Schimon Peres dankte Conrad am Dienstag für seinen Einsatz. Ohne seine „professionelle, kluge und ausdauernde Weise“ Verhandlungen zu führen, wäre Schalit nie freigekommen, sagte er in Jerusalem. Dass die letzte Phase des Verhandlungsmarathons ohne deutsche Beteiligung ablief, wirft ein Schlaglicht auf die veränderten Rahmenbedinungen im Nahen Osten: Konnte Conrad beim Austausch von 2008 noch auf die in anderthalb Jahrzehnten aufgebauten Beziehungen zu Nasrallah und anderen Hizbullah-Führungskadern aufbauen, machte die neue Struktur der Hamas eine Entscheidungsfindung weitaus schwieriger. Differenzen zwischen der Hamas-Exilführung um Politbürochef Khaled Meschaal in Damaskus und der militärischen Führung in Gaza verhinderten so auch, dass aus „Mr. Hizbullah“ nun „Mr. Hamas“ werden konnte.

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