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Bischof Tebartz-van Elst : Lehrstück Limburg

Der Limburger Bischof Tebartz van-Elst Bild: dpa

Im Bistum Limburg zeigt sich, wie leicht es ist, selbst strengste Vorschriften über die Vermögensverwaltung zu unterlaufen, indem Kontrollinstanzen eliminiert oder gefügig gemacht werden. Die organisierte Unverantwortlichkeit muss ein Ende haben. Ein Kommentar.

          Was ist das? Eine weitere Schlacht in einem Kirchenkampf, in dem sich seit den Tagen des II. Vatikanischen Konzils vorwärtsdrängende und beharrende Kräfte unversöhnlich gegenüberstehen – und in dem die einen in Gestalt des Limburger Bischof Tebartz-van Elst endlich wieder ein Opfer und die anderen einen neuen Märtyrer gefunden haben? Oder nur ein geschickt inszenierter Rachefeldzug von Geistlichen, die bei der Wahl des Nachfolgers des Limburger Bischofs Kamphaus leer ausgegangen waren – und die Kostenexplosion beim Bau des neuen Bischofshauses zum Anlass nehmen, um einen unbequemen Bischof aus dem Amt zu drängen? Oder aber eine Verteidigung des Rechts und der Moral in der Kirche gegen ihre Verächter – allen voran gegen einen Bischof, der den Anforderungen an die Amts- und Lebensführung von Jahr zu Jahr weniger standhielt?

          Man braucht kein Prophet zu sein, um zu ahnen, dass der Streit der Deutungen sich auch dann nicht legen wird, sollte Papst Franziskus selbst einen Amtsverzicht des Bischofs von Limburg erwirken. In Österreich halten sich bis heute Kräfte, die zu dem Wiener Kardinal Groer und seinem St. Pöltener Adlatus Krenn auch dann noch aufschauten, als diese längst wegen schwerer sittlicher Verfehlungen aus dem Amt entfernt worden waren.

          Maßlose Selbstbezüglichkeit

          Tebartz’ Verfehlungen im Amt reichen von manifesten Lügen gegenüber engsten Mitarbeitern über maßlose Selbstbezüglichkeit im Umgang mit anderen Personen und bei der Inanspruchnahme von Kirchenvermögen bis hin zu – so sieht es jedenfalls die Hamburger Staatsanwaltschaft – öffentlichen Falschaussagen an Eides statt. Das wiegt so schwer, dass auch die Glaubwürdigkeit des Papstes beschädigt würde, ließe er den Limburger Bischof gewähren. Denn worauf sonst sollte sich der Kanon 401 Paragraph 2 des Kirchenrechtes beziehen, in dem es heißt, dass ein Bischof dem Papst seinen Amtsverzicht anzubieten habe, sollte er „aus einem gesundheitlichen oder einem anderen schwerwiegenden Grund“ nicht mehr in der Lage sein, seine Amtsgeschäfte wahrzunehmen?

          Als Giovanni Kardinal Lajolo sich Anfang September auf Geheiß des Papstes ein vorurteilsfreies Bild von den Zuständen rings um den Limburger Domberg machte, war man in Rom noch voller Hoffnung, dass der Bischof verlorenes Vertrauen wiedergewinnen könne. Doch schon Lajolos Gespräche drehten sich weniger um Gefühle und sonstige Befindlichkeiten und noch weniger um Moral. Die gemeinsame Erklärung, die er dem Bischof zum Abschied abrang, verlangte von ihm nur eins: Die Verfassung und das Recht zu achten, das in der Kirche von Limburg kein anderes ist als das in jeder anderen Ortskirche auch. Erst kommt das Recht, dann die Moral.

          Sicher sind vor dem Recht in der Kirche nicht alle gleich. Der Papst ist in seinem Handeln de jure so frei, dass er an keine kirchlichen Gesetze gebunden ist. Doch was dem Papst billig ist, ist einem Bischof nicht recht, erst recht nicht im Umgang mit Kirchenvermögen. Freilich zeigt sich an dem Fall Limburg in exemplarischer Weise, wie leicht es ist, selbst die strengsten Vorschriften über die Vermögensverwaltung zu unterlaufen, indem alle Kontrollinstanzen entweder eliminiert oder gefügig gemacht werden.

          Der Papst ist zumeist weit weg

          Dass es in weltlichen Unternehmen mitunter nicht besser zugeht, kann nicht als Entschuldigung dienen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die erste Lehre, die aus dem Fall Limburg zu ziehen wäre, besteht in der vollständigen Offenlegung aller kirchlichen Haushalte und ihrer Kontrolle durch Gremien, deren Mitglieder nichts mehr fürchten müssen als den Verlust ihres guten Rufes.

          Einige wenige Bistümer in Deutschland sind auf diesem Weg gut vorangekommen. Das Bistum Hildesheim etwa bilanziert längst nach den Vorschriften des Handelsgesetzbuchs für große Kapitalgesellschaften und veröffentlicht einen geprüften Geschäftsbericht. Andere wie das Erzbistum München sind im Begriff, die Grundsätze guter Unternehmensführung (corporate governance) zu übernehmen.

          Das Bischofshaus auf dem Areal der alten Vikarie gegenüber dem Limburger Dom

          Nicht gelöst wäre aber damit das Problem der Führung (governance) in der Kirche als solcher. Denn zwischen einem Bischof und Gott ist niemand außer dem Papst, und der ist zumeist weit weg. Die zweite Lehre aus dem Fall Limburg lautet, dass es dringend einer theologischen Reflexion und einer entsprechenden kirchenrechtlichen Normierung des Umstands bedarf, dass ein Bischof bei Missachtung des Rechts oder Verstößen gegen den Geist der Gesetze allein durch Rom in die Schranken gewiesen werden kann – wenn überhaupt. Die Zeiten müssen endlich ein Ende haben, in denen „kollegiale Solidarität“ (Robert Zollitsch, Vorsitzender der Bischofskonferenz) mit organisierter Unverantwortlichkeit und kollektivem Nicht-Wissen-Wollen gleichgesetzt werden muss.

          Papst Franziskus hat dieses Problem längst erkannt. Er dringt auf eine Änderung der Kirchenverfassung hin zu mehr kollegialer Verantwortung von der Ortskirche über die Bischofskonferenzen bis zur Leitung der Weltkirche. Der Fall Limburg könnte dabei als Lehrstück dienen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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