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Biopolitik : Lob und Tadel für Ethikrat-Entscheidung

  • Aktualisiert am

Gentechnische Untersuchungen bleiben umstritten Bild:

Die Entscheidung des Nationalen Ethikrats für eine begrenzte Zulassung gentechnischer Untersuchungen bei künstlicher Befruchtung spaltet die Gesellschaft.

          3 Min.

          Der Nationale Ethikrat spricht sich mehrheitlich für eine begrenzte Zulassung gentechnischer Untersuchungen bei künstlicher Befruchtung aus. Das spaltet Befürworter und Gegner der Entscheidung - auch im Ethikrat.

          Diese Präimplantationsdiagnostik (PID) sollte bei Paaren möglich sein, deren Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit an einer Erbkrankheit leiden werden, hieß es in dem am Donnerstag in Berlin vorgelegten Papier. Dies gelte auch, wenn die Embryos genetisch bedingt voraussichtlich nicht lebensfähig sind. Voraussetzung für den Test sei eine umfassende Beratung.

          Mit einer Mehrheit von 15 der 25 Mitglieder unterstützte der Ethikrat seine am Donnerstag in Berlin veröffentlichten Stellungnahme für die Zulassung der PID, fordert aber auch enge gesetzliche Grenzen. Die endgültige Entscheidung muss der Bundestag treffen.

          Elf Wochen alter Embryo

          Lob und Tadel

          Die Bundesministerinnen Edelgard Bulmahn, Ulla Schmidt und Renate Schmidt haben die Stellungnahme des Ethikrates begrüßt und als "abgewogen" bezeichnet. Die Thematik der PID für Deutschland sei "differenziert aufgearbeitet". "Gerade mit Rücksicht auf die betroffenen Frauen halten wir die Möglichkeit einer PID unter strengen Beschränkungen und Voraussetzungen für vertretbar."

          Die Grünen-Fraktion hat die Aufweichung des Verbots von Gentests bei der künstlichen Befruchtung abgelehnt. Der Bundestag sollte nicht der Empfehlung des Ethikrats folgen, die PID unter bestimmten Bedingungen künftig zuzulassen, sagte die Grünen-Fraktionsvorsitzende Karin Göring-Eckardt am Donnerstag: „Ich glaube, dass wir damit sehr schnell auf dem Weg der menschlichen Selektion sind.“

          Mit heftiger Kritik haben die bayerische Staatsregierung und CSU auf das Votum des Ethikrats reagiert. Die Diskussion über die PID rühre an die Grundlagen menschlicher Ethik, sagte Gesundheitsminister Eberhard Sinner (CSU) am Donnerstag in München. Zwangsläufig sei mit der PID die Selektion kranken und behinderten Lebens verbunden. Alois Glück, der Chef der CSU-Landtagsfraktion, sprach von einem „schlechten Signal zum ungünstigen Zeitpunkt“.

          Vogel warnt vor „Menschenzüchtung“

          Der Ethikrat-Vorsitzende Spiros Simitis hatte zuvor eine "Bewertung von Argumenten" angekündigt. „Es gibt niemanden im Ethikrat, der der Meinung ist, die PID sei ein Verfahren, das man einfach so akzeptieren und umsetzen könnte“, sagte er. Es gebe zunächst nur die eine Meinung: Wenn es überhaupt zur Einführung der PID kommen sollte, müsse es klar sein, dass solche Verfahren nicht dazu benutzt werden dürfen, Kinder nach eigenen Vorstellungen zu planen. Ratsmitglied Hans-Jochen Vogel (SPD) lehnte diese Form der Diagnostik ab und warnte vor einer „Menschenzüchtung“.

          Simitis betonte, dass das Gremium nicht die Aufgabe habe zu sagen, „dies ist die einzige Möglichkeit, und auf die muss man sich konzentrieren, und eine andere kann und darf es nicht geben.“ Der Soziologe Wolfgang van den Daele vom Wissenschaftszentrum Berlin, der auch im Ethikrat sitzt, wollte "zwei verschiedene Positionen ausgewogen darstellen“.

          Ein Schritt in die Warenwelt

          Zum ablehnenden Minderheitsvotum erläuterte der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel, die „Verwerfung“ von Embryonen sei mit der Menschenwürde aus Artikel 1 des Grundgesetzes nicht vereinbar. Vogel wies darauf hin, dass durch die Zulassung der PID die künstliche Befruchtung auch für Paare zugänglich würde, die auf normalem Wege ein Kind zeugen könnten: „Das ist ein weiterer Schritt, der Übergang von Zeugung zur Erzeugung, Produktion, Produktionskontrolle. Ein Schritt in die Warenwelt.“

          Auch dürfe der Abbruch einer Schwangerschaft nicht mit einer Selektion nach einer PID verglichen werden. Der Schwangerschaftsabbruch geschehe unter bestimmten Umständen mit Rücksicht auf das Lebensinteresse der Frau. Als diskriminierend für Behinderte nannte der SPD-Politiker die Formulierung einer Liste von Krankheiten, bei deren Diagnose die PID erlaubt werden könnte. „Wenn ein Behinderter in einer Liste liest, dass die Krankheit, unter der er leidet, vom Staat rechtens als Grund für seine Nicht-Geburt gesehen wird, dann ist das schon für den Betreffenden eine schwere Beeinträchtigung seines Lebensgefühls“, betonte Vogel.

          Das „kleinere Übel“

          Ratsmitglied Christiane Woopen sagte zum Mehrheitsvotum, Risikopaare vor die Alternative zu stellen, entweder keine Kinder zu bekommen oder immer wieder schwanger zu werden und den Fötus dann abzutreiben, wäre eine zu große Einschränkung der Fortpflanzungsfreiheit. Die Kölner Medizinprofessorin bezeichnete es daher als das „kleinere Übel“, Embryonen mit schweren Gendefekten nach der PID zu „verwerfen“.

          Der Theologe Richard Schröder, der zu den Befürwortern zählt, verwies darauf, dass mit Hilfe der PID größere Erfolge bei der künstlichen Befruchtung erzielt werden könnten. Die Züchtung von „Designerbabys“ sei aber nicht möglich, da nur genetische Störungen, nicht aber Eigenschaften wie Intelligenz oder Schönheit durch PID diagnostizierbar seien. Daher hielte er es für wünschenswert, „wenn statt der Scheinprobleme die wirklichen diskutiert würden“.

          Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte im Mai vergangenen Jahres den Nationalen Ethikrat als Forum des Dialogs über ethische Fragen ins Leben gerufen.

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