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Biometrie : "Ausweis der Zukunft" lässt auf sich warten

  • -Aktualisiert am

Die Zukunft? Ausweis mit Barcode für elektronischen Fingerabdruck Bild: dpa

Der Fingerabdruck staatlich registriert? Im Bundesinnenministerium wiegelt man ab. So bald wird es mit dem elektronischen High-Tech-Pass wohl nichts werden.

          Bleibt der „Ausweis der Zukunft“ eine Vision? Um den Plan von Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), biometrische Daten in deutsche Ausweispapiere aufzunehmen, ist es still geworden.

          Noch zur Jahreswende hatte der Innenminister eine heftige Diskussion ausgelöst, als er im Rahmen des zweiten Anti-Terror-Gesetzes der Bundesregierung ankündigte, er wolle deutsche Ausweispapiere um den so genannten elektronischen Fingerabdruck oder andere Sicherheitsmerkmale erweitern. Doch wer danach fragt, was aus den hochfliegenden Plänen geworden ist, trifft auf Schweigen. Das Bundesinnenministerium wiegelt ab, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik weiß von keinen konkreten Plänen und das Bundeskriminalamt hält sich für nicht zuständig.

          "Zu komplex für schnelles Handeln"

          „Wir haben wohl den Fehler gemacht, den Eindruck zu erwecken, dass da etwas unmittelbar vor der Tür steht“, sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, im Gespräch mit FAZ.NET. Wiefelspütz kündigte an, dass jedenfalls in dieser Legislaturperiode nichts mehr daraus werden könne, Fingerabdrücke, Gesichtsscans oder Irisaufnahmen auf Ausweisen zu speichern. Auch zweifele er daran, dass im kommenden Jahr schon ein Gesetz zur Umsetzung der Pläne verabschiedet werden könne, sagte Wiefelspütz. Ältere Angaben des Innenministeriums, die Prüfung der Umstände werde voraussichtlich einige Monate dauern, scheinen zu kurz gegriffen.

          Das liegt unter anderem an der Komplexität der Materie. Viele verschiedene Faktoren sind zu beachten: Die künftigen Speichermerkmale müssen eindeutig und sicher sein. So verspricht ein deutscher Hersteller von Sicherheitssystemen, mit der Auswertung von Gesichtsdaten könne ein höherer Standard erreicht werden als bei Fingerabdrücken - zumal die Gesichtsmaße schon als Foto auf dem Ausweis gespeichert seien und nicht erst wie ein Fingerabdruck erhoben werden müssten. Dem widerspricht allerdings die Analyse eines französischen Unternehmens, das neben der Irisablesung nur im Fingerabdruck ein effizientes Identifikationsmittel sieht. Diese Technik sei im Gegensatz zur Gesichtsvermessung schon weit verbreitet und erprobt. Unabhängige Vergleiche der einzelnen Methoden gibt es noch nicht.

          Kosten völlig ungeklärt

          Geprüft werden muss auch, wie aufwändig die Erfassung der Daten von rund 82 Millionen Einwohnern ist und was die Einführung kosten würde. Dazu gibt es nicht einmal grobe Schätzungen. Müssten die Ausweise aller Bürger neu ausgegeben werden, könnte das aber leicht Kosten in Milliardenhöhe verursachen. Auch wie ein zukünftiges deutsches System mit denen anderer Mitgliedsstaaten der Europäischen Union abgestimmt werden kann, ist noch völlig unklar. Mindestens unter den „Schengen-Staaten“ müsste ein solches System vereinheitlicht werden.

          Angesichts dieser Lage mag sich niemand auf ein konkretes Vorgehen festlegen. Wiefelspütz erwartet, dass nun zunächst die Hersteller von unterschiedlichsten Sicherheitssystemen zu einem Workshop des Ministeriums eingeladen werden. Danach könne man eine Auswahl interessanter Projekte treffen. Geht alles den gewohnten Weg, wird anschließend das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik die einzelnen Methoden auf ihre Umsetzbarkeit hin prüfen.

          Zentrale Datei für Deutschland unwahrscheinlich

          Solche Prüfungsverfahren werden auch von unabhängigen Instituten unternommen, unter anderem vom Frauenhofer-Institut für graphische Datenverarbeitung in Darmstadt. Dort vermutet man, dass eine Erfassung des Fingerabdrucks wahrscheinlicher ist die Gesichtserkennung. Die sei wegen der ständig wechselnder Lichtverhältnisse schwer vorzunehmen, zumal bei einer nächtlichen Personenkontrolle durch die Polizei im Straßenverkehr oder an einem Grenzübergang.

          Schließlich bleibt die Frage des Datenschutzes. Wiefelspütz sieht darin allerdings kein allzu großes Problem. „Die biometrischen Daten, die auf jedem Ausweis gespeichert sind, wie Haarfarbe, Größe, Bild, liegen ohnehin schon beim zuständigen Passamt. Dort könnten auch Fingerabdrücke gespeichert werden.“ Auch im Frauenhoferinstitut hält man die Sorge von Politikern aus den Reihen von Bündnis 90/Die Grünen für unnötig, bald schon könnten die Fingerabdrücke aller Deutschen in einer großen zentralen Datei gespeichert werden. Eine solche Datei wäre nämlich mit den gegenwärtigen technischen Möglichkeiten nur sehr schwer zu warten. Zudem könnte die Datei kaum vor unrechtmäßigen Zugriffen geschützt werden - sie verböte sich deshalb von vorne herein.

          Ohnehin wolle niemand die bestehenden Strukturen ändern, sagt Wiefelspütz. Mit der Erfassung der biometrischen Daten wolle man lediglich gewährleisten, dass die Behörden zweifelsfrei feststellen könnten, ob eine Person wirklich die ist, für die sie sich ausgibt. Zudem solle die Identität von Unbekannten geprüft werden. „Mit Terrorismusbekämpfung hat das nicht unbedingt etwas zu tun.“ Und deshalb könne man sich auch die nötige Zeit lassen.

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