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Biloxi, Mississippi : „Wir haben uns mit dem Gartenschlauch aneinandergebunden“

Biloxi: Trümmer, wohin das Auge blickt Bild: REUTERS

Bei Katastrophen und Herausforderungen, lautet eine dieser Tage in Amerika an allen Ecken und Enden zu hörende Sentenz, bringen wir unsere besten Seiten zum Vorschein. Aber manchmal eben auch die schlechtesten. Eine Reportage über die Zerstörungskraft der Natur und die Gewalt der Menschen. Von F.A.Z.-Korrespondent Matthias Rüb aus Biloxi.

          9 Min.

          Plötzlich bricht, unerwartet und überraschend, Beifall aus. Obwohl die Stimmung bis zuletzt ziemlich gereizt war. Aber als dann endlich, nach tagelangem Warten in der schwülen Spätsommerhitze des amerikanischen Südens, ohne Strom und ohne Wasser und auch ohne Telefonverbindung, die ersten Kartons mit Wasserflaschen, die ersten Beutel mit Eiswürfeln, die ersten Essensrationen von den Laderampen der Lastwagen ausgegeben werden, bricht Beifall aus. So war es bei der Verteilstelle am Milner Stadion an der 12. Straße in Gulfport, aber auch, so erzählt man, beim „Stein Mart“ an der Ecke Beauvoir und Pass Road in Biloxi.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Drei Tage hat es gedauert, bis nach den Verheerungen des Hurrikans „Katrina“ die ersten Hilfslieferungen in nennenswerter Menge die faktisch von der Außenwelt abgeschnittenen Menschen am Küstenstreifen von Mississippi erreichten. In New Orleans wuchs am Donnerstag und Freitag der Unmut der vom Wasser Eingeschlossenen vernehmlich, weil sich viele von der Regierung im Stich gelassen fühlten. An der Golfküste von Mississippi blieb der Protest eher ein Grummeln. Sind drei bis vier Tage viel oder wenig Zeit für eine Supermacht, die sich auf der Welt eine Menge zutraut und noch mehr Verantwortung tragen muß, um der von einer beispiellosen Naturkatastrophe heimgesuchten eigenen Bevölkerung zu Hilfe zu kommen? Die Meinungen der Wartenden, die zu Fuß, mit Handkarren, Fahrrädern und Autos zu der Verteilstelle am Milner Stadion gekommen sind, gehen weit auseinander. Es sind vor allem Schwarze, die in dem bescheidenen Wohnviertel am Hafen mit den kleinen flachen Häusern wohnen und sich jetzt am Milner Stadion mit dem Nötigsten versorgen. „Drei Tage ohne Wasser und Essen sind eine lange Zeit, Mann, bei dieser Hitze“, sagt einer, der sich mit den Aufrufen der Behörden zur Geduld nicht so einfach abfinden will. Andere beschwichtigen ihn: „Wir stehen das hier alles gemeinsam durch“, sagt eine Frau neben ihm.

          Der Wiederaufbau ist vielerorts ein Neuaufbau

          Das wird von den Menschen an der Golfküste von Louisiana über Mississippi bis nach Alabama und Florida noch manche gemeinsame Anstrengung und viel Geduld fordern. Ein Streifen in einer Breite von bis zu einigen hundert Metern ist dort, wo der Hurrikan „Katrina“ mit den höchsten Windgeschwindigkeiten und vor allem einer Strumflutwelle von bis zu sieben Metern Höhe am Montag auf die Küste prallte, fast vollständig zerstört. Die etwa 100 Kilometer lange Küste von Mississippi ist am stärksten betroffen, aber auch der Westen Louisianas und der Osten Alabamas haben erhebliche Schäden erlitten. Der Wiederaufbau, der an vielen Stellen ein Neuaufbau sein muß, wird Monate, mancherorts Jahre dauern.

          Rettungskräfte suchen Straßenzug um Straßenzug, Haus um Haus nach Überlebenden ab
          Rettungskräfte suchen Straßenzug um Straßenzug, Haus um Haus nach Überlebenden ab : Bild: dpa/dpaweb

          Selbst wenn sich der Blick allmählich an die Verwüstungen gewöhnt, es bleibt ein gespenstisches Szenario. Vielerorts liegt der Geruch von Gas in der Luft, das aus geborstenen Leitungen entweicht. In der Nähe umgestürzter Strommasten glaubt man noch immer das Surren des Stroms zu vernehmen, obwohl das Elektrizitätsnetz doch seit nunmehr fünf Tagen im Bundesstaat Mississippi fast komplett ausgefallen ist. Vom Hafen von Gulfport, wo vor kurzem noch die Ladungen von Containerschiffen voller Obst aus der Karibik und aus Lateinamerika gelöscht und andere Schiffe mit Geflügel- und Fischexporten beladen wurden, ist ein Trümmerfeld übriggeblieben. Man hört keine Singvögel zwitschern, selbst das Gekreisch der Möwen ist verstummt, denn sie sind aus dem Himmel über Gulfport und Biloxi verschwunden. Der Sturm und das Hochwasser haben die Bäume an der Küste und auch im Hinterland fast vollständig entlaubt, und wenn hier und da doch einige Blätter an den Zweigen geblieben sind, haben sie in einer Art Zeitrafferherbst eine unansehnliche, irgendwie unheilvolle Färbung schmutzigen Brauns angenommen.

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