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Bildergalerie : Sechzig Jahre danach

Am. 6. Juni 1944 landeten die Alliierten in der Normandie. Bild: AP

Mit großem Aufwand wird der Landung der Alliierten in der Normandie vor sechzig Jahren gedacht. Was bedeutet der Kampf für ein freies demokratisches Europa heute?

          In diesen Tagen kehrt die Geschichte zurück in inszenierter, erinnerungspolitisch-populärer und doch in biographisch ergreifender Form. Mit großem Aufwand wird der Landung der Alliierten in der Normandie vor sechzig Jahren gedacht - einer der größten militärischen Operationen, für die es, nicht allein aus Sicht der Sieger, üblich geworden ist, sie als Beginn der Befreiung Europas von der Herrschaft der Nationalsozialisten zu würdigen, und die elf Monate später mit der Kapitulation Deutschlands endete.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          In den Jahrzehnten danach fanden Sieger und Besiegte in der atlantischen Gemeinschaft zusammen und zueinander: auf Grund einer Geistesverwandtschaft und auch, wenn nicht sogar in erster Linie als Antwort auf eine neue Bedrohung, die der Sowjetunion, sowie als Ergebnis staatsmännischer Klugheit. Es wurde eine gute Zeit für diese Gemeinschaft, die in dem geopolitischen, und über das Geopolitische hinausweisenden, für jedermann verständlichen Begriff des Westens Kraft erhielt. Sie schweißte nach innen zusammen und wirkte nach außen anziehend.

          Ist der Westen noch zu retten?

          An den Schauplätzen von damals werden Zeremonien und Gedenkreden an die Anfänge erinnern. Es wird allerdings ein Erinnern sein, welches mehr als nur ein Hauch von Nostalgie durchweht, weil es mit der Ahnung verbunden ist, das etwas zu Ende geht oder schon gegangen ist. Denn heute, just im Moment des großen Versöhnungspathos, wird die Frage gestellt, ob der Westen noch zu retten sei, ob der Vorrat an gemeinsamen Interessen, Zielen und Werten von Amerikanern und Europäern noch so groß ist, daß sie auch im 21. Jahrhundert eine leistungsstarke, solidarische Verbindung bilden können.

          Am. 6. Juni 1944 landeten die Alliierten in der Normandie. Bilderstrecke

          Es sind nicht nur Pessimisten, welche nach der Zerrüttungserfahrung des Irak-Konflikts eine Spaltung des Westens, gar seine Auflösung als politisch handlungsfähige Entität zu sehen glauben. An der Einsicht, daß trotz der wirtschaftlichen Verflechtung die Differenzen zwischen Amerika auf der einen und einer Mehrheit der Europäer auf der anderen Seite immer schwerer zu überbrücken sind und sich bei fast jedem Thema von außen- und weltpolitischer Bedeutung bemerkbar machen, kommen auch Traditionalisten („Atlantiker“) nicht vorbei.

          Verbreiteter Antiamerikanismus

          Diesseits des Atlantiks - aber nicht nur hier - hat es sich eingebürgert, die „Schuld“ an diesem Auseinanderdriften zu personalisieren. Dem amerikanischen Präsidenten Bush schlägt eine Feindseligkeit entgegen, die die Ablehnung weit übertrifft, auf die einst Reagan traf. Diese fast physisch zu nennende Abneigung, die zugleich Züge von Selbstgefälligkeit hat, ist verbreitet, schichten- und länderübergreifend; sie befeuert einen Antiamerikanismus, der sich heute überall zu Wort meldet und der für die Vereinigten Staaten langsam zum Problem wird.

          Wegen seiner politisch-kulturellen Herkunft, seiner ebenso einfachen wie religiös-messianistisch grundierten Rhetorik, seines Stils und - möglicherweise erst danach - wegen seiner Politik ist Bush der „unangenehmste“ Präsident, den sich manche Europäer vorstellen können. Er ist ihr neues Feindbild geworden. Das festzustellen heißt nicht, ein Urteil auszusprechen.

          Ein neues Feindbild

          In der Personalisierung des Auseinandertreibens liegt ein Grund für die Giftigkeit, die Gehässigkeit und die Häme, die in das atlantische Verhältnis eingedrungen sind - so, wie Wasser in ein leckgeschlagenes Schiff eindringt. Aber diese Fixierung auf Personen - und damit auf die Hoffnung, nach einem Personalwechsel werde wenn nicht alles wieder gut, so doch vieles besser - verschleiert mehr, als sie zu erklären hilft.

          Denn das Grunddatum der atlantischen Krise ist nicht der 20. Januar 2001, an dem Bush sein Amt antrat; die Wurzeln der politischen Entfremdung - und letztlich auch der Beteiligungsmuster am Irak-Konflikt - reichen weiter zurück, bis zum 9. November 1989, als die Mauer stürzte. Damals, und erst recht durch die Implosion der Sowjetunion, wurden Amerika und Europa eines Feindbildes beraubt, das sie disziplinierte und in eine gemeinsame Strategie einfügen ließ. Danach, nach dem Ende des Kalten Kriegs, bogen die beiden Partner auf verschiedene Entwicklungsbahnen ein.

          Zusammenprall nach dem „11. September“

          Diese Verschiedenheit wurde verstärkt durch das zweite entscheidende Datum, den „11. September“. Die Terroranschläge in Amerika und das verbreitet ungute Gefühl der Europäer angesichts der politischen und militärischen Reaktion der Regierung Bush mündeten letztlich in eine Konfrontation. Europäer haben sich auch früher über amerikanischen Unilateralismus beschwert, Amerikaner sich an der europäischen Mischung aus Selbstüberschätzung und Leistungsunwilligkeit gestoßen.

          Aber erst nach dem „11. September“ wurden die innerwestlichen Gegensätze im politisch-kulturellen Stil und in der politisch-strategischen Substanz - als Folge aus der ungleichen Verteilung von Machtmitteln - unübersehbar. In der Irak-Krise prallten sie zusammen. Es wird großer Anstrengungen bedürfen, damit sich beide von diesem Zusammenprall erholen.

          Gegenseitige Idealisierung

          Es kann gut sein, daß der Kalte Krieg für den Westen eine Zeit der gegenseitigen Idealisierung war; Amerikaner und Europäer nahmen einander als vertraut wahr und übersahen die (großen) Unterschiede, die es auch damals gab. Heute fallen den meisten Leuten beim Blick über den Atlantik fast nur noch Unterschiede auf und kaum Gemeinsamkeiten. Das ist, wegen der politischen Konsequenzen, ein irritierender Befund.

          Vermutlich müssen sich beide Seiten, Amerikaner und die in der Europäischen Union organisierten Europäer, darauf einstellen, daß atlantische Rivalität und Wettbewerb im Fach der weltpolitischen Ordnungsentwürfe künftig nicht mehr die Ausnahme bleiben werden. Aber selbst, wenn es so kommen sollte: Es bleibt unbestreitbar richtig, daß sie am meisten als Partner ausrichten können. Unter den Bedingungen der Gegenwart und in Anerkennung des Wandels, der sich vollzogen hat, kann diese Partnerschaft nur funktionieren, wenn beide Seiten in sie investieren und wenn sie ihnen nützt. Wenn nicht, dann erlöscht der Westen.

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