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Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

Bewohner des dicht besiedelten Viertels Hillbrow in Johannesburg, Südafrika Bild: dpa

Leben bis zum Ende des Jahrhunderts elf Milliarden Menschen auf der Erde? Vor allem in Afrika steigt die Zahl. Was bedeutet das für den Kontinent und seinen Nachbarn Europa – auch im Hinblick auf das Coronavirus?

          5 Min.

          Bald hat jeder von uns 7,8 Milliarden Mitbewohner auf der Erde: In jeder Sekunde werden vier Menschen geboren, während zwei sterben. In einem Jahr kommen mehr als 60 Millionen Menschen dazu. Ende dieses Jahrhunderts könnten bis zu 11 Milliarden den Planeten bewohnen. Erst dann sagen Demographen einen Rückgang der Weltbevölkerung voraus. Der 11. Juli ist Weltbevölkerungstag. Seit 1989, als die Marke von fünf Milliarden Menschen erreicht wurde, wird an diesem Tag auf die Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung aufmerksam gemacht.

          Martin Franke
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Damit eine Gesellschaft ohne Migration auf einem konstanten Niveau gehalten werden kann, muss jede Frau rein rechnerisch 2,1 Kinder zur Welt bringen. Diese Zahl wird in Europa heutzutage in keinem Land mehr erreicht – in Deutschland gibt es pro Frau durchschnittlich 1,57 Geburten, in Frankreich 1,92, in Italien gerade einmal 1,34. Weltweites Schlusslicht bildet Südkorea mit 1,11 Geburten pro Frau. Ohne Zuwanderung würde Deutschland freilich seit 1970 schrumpfen.

          Welche Folgen hat das Coronavirus?

          In den meisten Ländern Afrikas hingegen sieht der Trend (noch länger) umgekehrt aus. 1,3 Milliarden Menschen leben dort, bis 2050 könnten es doppelt so viele sein, 2100 mehr als 4 Milliarden. Der Anteil von Afrika an der Weltbevölkerung wird von heute 14 Prozent auf 22 Prozent im Jahr 2050 steigen, schätzen die Vereinten Nationen. Auch danach wird der Anteil voraussichtlich weiter zunehmen. Vor allem Nigeria, Kongo, Äthiopien und Tansania werden dazu beitragen (zusammen mit Indien und Pakistan). „Diese Fälle resultieren aus einer Kombination von einer vergleichsweise großen Bevölkerung und hoher Fertilität, die geringer zurückgegangen ist, als in anderen Staaten“, sagt Frank Swiaczny, Chef der UN-Abteilung für Bevölkerungsfragen (Population Division).

          Megacity Seoul: In Südkorea schrumpft schon jetzt die Bevölkerung.
          Megacity Seoul: In Südkorea schrumpft schon jetzt die Bevölkerung. : Bild: EPA

          Der Mannheimer Geograf, der in New York lebt, arbeitet mit seinem Team an den Zahlen von morgen und erstellt komplexe Modelle aus zig Daten, um möglichst präzise Schätzungen über Bevölkerungen abzugeben. Die größte Fertilität in Afrika werde derzeit in Staaten erreicht, die unter Bürgerkriegen litten und gegen das „Erbe eines niedrigen Entwicklungsstands“ kämpften: Niger, Somalia, Mali, Tschad, Burundi. Andere Länder wie Kenia, Ruanda, Ghana und die Elfenbeinküste haben heute schon mittlere Werte erreicht. Das liege laut Swiaczny unter anderen an einer „relativ günstigen Wirtschaftsentwicklung, Investitionen in menschliche Entwicklung, hohe Verstädterung und gute Regierungsführung“. Religionszugehörigkeit untersucht die UN-Abteilung hingegen nicht. Swiaczny sagt, dass Religion im globalen Vergleich „keine relevante Variable“ sei. „Länder mit überwiegender muslimischer Bevölkerung wie Iran oder Bangladesch haben eine niedrige Fertilität.“ Bangladesch liegt mittlerweile bei 2,05 Geburten pro Frau, Iran bei 2,15.

          Die Auswirkungen des Coronavirus seien für das Team rund um Swiaczny nur schwierig abzuschätzen: Einerseits könnten sich Veränderungen naturgemäß erst von Herbst an zeigen, wenn Kinder geboren würden; andererseits ist die Datenlage für viele Länder in Afrika auch schon vor der Pandemie schlecht gewesen. Für zahlreiche Staaten gibt es keine Bevölkerungsregister, Volkszählungen finden in vielen Fällen nur selten statt. Swiaczny sagt: „Nach unseren Berechnungen wird Covid-19 nur einen geringen langfristigen Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung haben, ähnlich anderer Pandemien in der Vergangenheit.“ Hinzu kommt, dass die im Vergleich zu Europa und Nordamerika weniger mobile und jüngere Bevölkerung – etwa 60 Prozent der Menschen in Afrika sind unter 25 Jahre alt – vermutlich weniger anfällig für Covid-19 ist als ältere Gesellschaften.

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